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31. Juli 2009

Europäische Urkatastrophe: Im August 1914 wurde die Krise zum Weltkrieg
Der Kaiser kannte nur noch Deutsche

Von Jürgen W. Gansel

Am Vorabend des Ersten Weltkrieges stand Europa im Zenit seiner politischen und wirtschaftlichen Macht und war das geistige Ausstrahlungszentrum der Welt. Sein Ausgang führte zu einer nachhaltigen Schwächung aller europäischen Nationen und zum Aufstieg der USA. Der Erste Weltkrieg ist deshalb vielfach als Urkatastrophe Europas bezeichnet worden.

Am 3. August 1914, einen Tag, bevor sein Land dem Deutschen Reich den Krieg erklärte, schwante dem englischen Außenminister Edward Grey Schauerliches: "In ganz Europa gehen die Lichter aus. Wir werden es nicht mehr erleben, daß sie wieder angezündet werden." Gerade England war an dem Weltenbrand aber alles andere als unschuldig. Seit der Jahrhundertwende sahen meinungsstarke englische Kreise in Deutschland einen politischen und wirtschaftlichen Konkurrenten und steuerten zielstrebig auf den großen Konflikt zu.

In der deutschen Öffentlichkeit gab es keine vergleichbare antienglische Stimmung. Auch der mit dem englischen Königshaus verwandte deutsche Kaiser suchte den Ausgleich mit dem Inselreich. Er wäre auch ein Narr gewesen, hätte er das von allen beneidete Aufblühen Deutschlands durch einen Krieg aufs Spiel gesetzt.

Doch sein eitles, prunksüchtiges Auftreten, seine Unsicherheit auf dem diplomatischen Parkett und unbedachte Äußerungen (Krügerdepesche 1896, die "Hunnenrede" von 1900 und die Daily-Telegraph-Affäre von 1908) sorgten regelmäßig für Irritationen. So wurde es den antideutschen "Falken" in London und Paris, die sich den zivilen Anstrich von Frack- und Zylinderträgern gaben, leicht gemacht, auf den meist uniformtragenden deutschen Kaiser als Säbelrassler zu zeigen.

Wer wirklich den Krieg wollte, zeigt ein Text von 1896, den der englische Publizist Peter Chalmers Mitchell - 18 Jahre vor Kriegsausbruch! - mit den Worten schloß: "Deutschland muß zerstört werden". In The Saturday Review schrieb er unter dem Titel "Eine biologische Betrachtung unserer Außenpolitik":

"Deutschland muß zerstört werden"

"Weil die Deutschen den Engländern so ähnlich sind im Wesen, im religiösen und wissenschaftlichen Denken, im Gefühlsleben und an Begabung, sind sie unsere vorbestimmten natürlichen Nebenbuhler. Überall auf der Welt, bei jedem Unternehmen, im Handel, in der Industrie, bei sämtlichen Anlagen in der Fremde stoßen Engländer und DeutscheKriegsbegeisterung aufeinander. Die Deutschen sind ein wachsendes Volk, ihre Wohnsitze liegen über ihre Reichsgrenzen hinaus. Deutschland muß neuen Raum gewinnen oder bei dem Versuch untergehen. Ein Wandel der Dinge ist in Deutschland nahe genug, und die Volksmacht Deutschland wird dasselbe Geschick in den eigenen Kolonien zeigen, wie es Deutsche, die in unsere Kolonien hineinfanden, dort bewiesen haben."

Aus seiner Analyse, die ganz dem Geist einer rabiaten Händlernation entspricht, zog der Engländer ein kaltblütiges Fazit: "Wäre morgen jeder Deutsche beseitigt, es gäbe kein englisches Geschäft, noch irgendein englisches Unternehmen, das nicht wüchse. Hier wird der erste große Artenkampf der Zukunft sichtbar. Hier sind zwei wachsende Nationen, die aufeinander drücken rund um die Erde. Eine von beiden muß das Feld räumen, eine von beiden wird das Feld räumen."

Der Schlußappell Peter Chalmers Mitchells: "Erstens, schweißt unsere Kolonien in einen Bund zusammen, eine geographische Aufspaltung der angelsächsischen Rasse gegeneinander muß verhindert werden. Zweitens, macht Euch fertig zum Kampf mit Deutschland, denn Germaniam esse delendam."

18 Jahre nach diesen Worten einer eliminatorischen Deutschenfeindlichkeit brach der große Krieg aus. Am 28. Juni 1914 wurde der österreichische Thronfolger Franz Ferdinand samt Frau von einem serbischen Terroristen ermordet. Am 23. Juli stellte die Wiener Regierung an Serbien ein Ultimatum zur Verfolgung der Verschwörer, dem nicht in der gewünschten Form entsprochen wurde. Daraufhin erklärte Österreich Serbien den Krieg.

Rußland solidarisierte sich mit dem Balkanvolk und erklärte Österreich-Ungarn den Krieg; Deutschland solidarisierte sich nun mit Wien und sprach dem mobilmachenden Zarenreich und dem lauernden Frankreich die Kriegserklärung aus. Am 4. August erklärte wiederum Großbritannien Deutschland den Krieg.

Planmäßige Einkreisung Deutschlands

Wilhelm II. reagierte auf den Kriegsausbruch bestürzt: "Das läßt jetzt für mich keinen Zweifel mehr zu: England, Rußland und Frankreich haben sich verabredet, gegen uns den Vernichtungskrieg zu führen. Entweder wir sollen unseren Bündnisgenossen schnöde verraten und Rußland preisgeben und damit den Dreibund sprengen oder für unsere Bündnistreue von der Triple-Entente gemeinsam überfallen und bestraft werden, wobei ihrem Neid endlich Befriedigung wird, uns gemeinsam total zu ruinieren.

Das ist in nuce die wahre nackte Situation, die langsam und sicher durch Eduard VII. eingefädelt, fortgeführt, durch abgeleugnete Besprechung Englands mit Paris und Petersburg systematisch ausgebaut, schließlich durch Georg V. zum Abschluß gebracht und ins Werk gesetzt wird. Dabei wird uns die Dummheit und Ungeschicklichkeit unseres Verbündeten zum Fallstrick gemacht. Also ist die berühmte Einkreisung Deutschlands nun doch endlich zur vollsten Tatsache geworden, trotz aller Versuche unserer Politiker und Diplomaten, sie zu verhindern."

Diese Kaiserworte können nicht als Rechtfertigungsrhetorik eines Kriegstreibers abgetan werden, der nach Kriegsausbruch plötzlich Entschuldigungen sucht. Die Fakten - konkret die Bündniskonstellation nach der Nichtverlängerung des deutsch-russischen Rückversicherungsvertrages 1890 - belegen die These von der Einkreisung Deutschlands.

1892 kam es zur Militärkonvention zwischen Frankreich und Rußland, 1904 schlossen die bisherigen Kolonialgegner Großbritannien und Frankreich die "Entente cordiale", und 1907 einigten sich auch Großbritannien und Rußland auf einen Interessenausgleich. Nach den Bündnisschlüssen Frankreichs, Rußlands und Großbritanniens stand bereits im Jahr 1907 die Kriegskoalition gegen Deutschland (die Triple-Entente) - die Einkreisung des Reiches in der Mitte Europas war perfekt.

Absurder Vorwurf des "Militarismus"

So alt wie der Weltkrieg selber ist auch die Kriegsschuldfrage. Neben dem Blick auf die Bündnissysteme ist zu fragen: Gab es strategische Ziele der Beteiligten, die den Kriegseintritt bewirkten? Wie aggressiv oder friedfertig waren die kriegführenden Nationen vor 1914 und wie hoch ihre Rüstungsausgaben?

Alle drei Hauptgegner Deutschlands hatten lange vor Kriegsausbruch feste Ziele, zu deren Verwirklichung sie das Deutsche Reich niederwerfen mußten. Frankreich sann auf Rache für die Kriegsniederlage von 1870-71, wollte die Rückgewinnung Elsaß-Lothringens und die Besetzung des linken Rheinufers zur dauerhaften Schwächung des östlichenDie Väter Nachbarn. Großbritannien, das um die Jahrhundertwende von Deutschland im Welthandel überflügelt worden war, wollte den lästigen Wirtschaftskonkurrenten ausschalten.

Rußland wiederum hatte es auf die Zerschlagung des deutschen Verbündeten Österreich-Ungarn abgesehen, um sich auf dem Balkan gemäß der Ideologie des Panslawismus als Schutzmacht der dortigen Slawen etablieren zu können. Außerdem zielte das Zarenreich auf eine bessere geostrategische Ausgangslage für den Kampf gegen das Osmanische Reich um die Vorherrschaft im Schwarzen Meer und an den Meerengen.

Deutschland dagegen war eine blühende Industrienation, die keinen Rachefeldzug für einen verlorenen Krieg anstrebte (wie Frankreich), die keinen Wirtschaftskonkurrenten militärisch niederzuringen brauchte (wie Großbritannien) und die keine Ambitionen als Schutzmacht kleiner Völker hegte (wie Rußland).

Hilfreich für die Beantwortung der Kriegsschuldfrage ist auch die Untersuchung, wie viele Waffengänge vor dem Jahr 1914 auf das Konto der kriegführenden Nationen gingen. 1954 veröffentlichten die US-Professoren Sorokin und Wright eine Zusammenstellung: An den 287 Kriegen, die von 1800 bis 1940 geführt wurden, waren beteiligt: Großbritannien mit 28 Prozent, Frankreich 26, Spanien 23, Rußland 22, Österreich 19, Türkei 15, Polen 11, Schweden 9, Holland 8 und Deutschland 8 (inklusive Preußen).

Ein Blick auf die Friedensstärke der Armeen sowie Militärausgaben der Nationen vor 1914 "belastet" auch weit eher die Entente als die Mittelmächte, denen stets Annexionismus und Militarismus angedichtet wurden.

Unter Berücksichtigung der Bündnispolitik, der allgemeinen Zielsetzungen und der früheren Kriegspolitik ist festzuhalten: dem deutschen Kaiserreich wurde ein Krieg aufgezwungen, den es nicht wollte. Zu erinnern ist an einen Trinkspruch, den der russische Großfürst Nikolaj Nikolajewitsch 1912 auf einem Bankett anläßlich des Abschlusses der französischen Manöver ausbrachte: "Ich trinke auf unsere gemeinsamen Siege in der Zukunft! Auf Wiedersehen in Berlin, Messieurs!"

Bis zum 4. August 1914 hatten sich die europäischen Großmächte mit Kriegserklärungen überzogen. In allen Kriegsnationen feierten die Menschen den Krieg als erlösenden Einbruch des Heldischen in eine erstarrte Welt. Überall strömte die abenteuer- und opferbereite Jugend zu Waffen und Fahnen. Im Bewußtsein tiefer Schicksalsgemeinschaft riß der Krieg die Schranken von Parteien, Klassen und Konfessionen ein und schuf den Frontsozialismus.

Trunkene Stimmung von Rosen und Blut

Am 4. August rief Wilhelm II. einer großen Volksmenge in Berlin die berühmten Worte zu: "Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Deutsche!" In diesem national-solidarischen Geist stimmte im Reichstag selbst die SPD den Kriegskrediten zu und verkündete einen Burgfrieden. Der Arbeiterdichter Heinrich Lersch erklärte: "Deutschland muß leben, und wenn wir sterben müssen!" Die "Ideen von 1914" wurden den liberalistischen Unwerten von 1789 entgegengesetzt. In Deutschland begriff man den Krieg von Anfang an als Kampf der Werte und Lebensanschauungen: deutsche Kultur stand gegen westliche Zivilisation und "Helden gegen Händler" (Werner Sombart).

In seinem Buch "In Stahlgewittern" fing Ernst Jünger die Stimmung dieser Augusttage und die Erwartungen der blutjungen Kriegsfreiwilligen ein: "Wir hatten Hörsäle, Schulbänke und Werktische verlassen und waren in den kurzen Ausbildungswochen zu einem großen, begeisterten Körper zusammengeschmolzen. Aufgewachsen in einem Zeitalter der Sicherheit, fühlten wir alle die Sehnsucht nach dem Ungewöhnlichen, nach der großen Gefahr. Da hatte uns der Krieg gepackt wie ein Rausch. In einem Regen von Blumen waren wir ausgezogen, in einer trunkenen Stimmung von Rosen und Blut. Der Krieg mußte es uns ja bringen, das Große, Starke, Feierliche."

Unauslöschlich verbunden mit dem Opfergang deutscher Soldaten ist die Schlacht von Langemarck, die schon bald in mythische Sphären entrückt wurde. Nach ihrem durch Logenbruder Oberstleutnant Hentsch verursachten Scheitern an der Marne mußten die deutschen Truppen den Durchbruch zu den Kanalhäfen Frankreichs und Belgiens erzwingen, um den englischen Nachschub nach Frankreich zu stören. So stürmten im Oktober 1914 die großenteils studentischen Regimenter gegen die MG-Stellungen der englischen Berufsarmee. Das Ergebnis war ein unaussprechliches Blutbad. Die Blüte des deutschen Volkes sank tausendfach im flandrischen Herbstnebel dahin.

Planmäßige Kriegsvorbereitungen

Der Dichter Hermann Thimmermann schilderte den Sturmangriff von Langemarck so: "Und ein Gesang löst sich aus der tödlichen, verfluchten Erde, aus Äckern und aus den Wiesen steigt es auf, das Lied, das Lied, das Lied! Offizier und Mann, Freiwillige und Landwehrleute - Deutschland, Deutschland über alles, über alles in der Welt. Und die Übriggebliebenen, die Unversehrten, denen bis jetzt noch nichts geschehen ist, klammern die erdverklebten Hände um ihr Gewehr, heben die Köpfe hoch, furchtlos, und singen die heiligen Worte. Manche haben Tränen der Wut und der namenlosen Erbitterung in den Augen, sie lassen die Tränen über die Wangen rinnen und singen.

Und wer unter ihnen nicht mehr imstande ist, sich zu bewegen, singt, die blassen Lippen dicht am Boden, in die Erde hinein - wenn es steht zu Schutz und Trutze. Und das Wunder geschieht, das unvorstellbare Wunder. Schon steht, inmitten des neuausbrechenden Vulkans von Eisenklumpen und Stahlregen, einer aufrecht, und jetzt noch einer und noch einer, ein Fünfter, ein Zehnter, da und dort, und noch mehr, manche ohne Helm, mit wehenden Haaren und freien Stirnen, manche mit blutenden Verbänden um die Hand, um den Arm, um den Kopf und jetzt ist es eine dünne, todesentschlossene Sturmreihe geworden - ein Offizier, dem der Rock in Fetzen gerissen ist, reißt sich den hemmenden Verband von der Schulter, stürzt vorwärts und mit ihm die anderen und mit allen das Lied, das Lied - brüderlich.

Es sind keine Menschen mehr, keine Kinder, Jünglinge und Männer mehr, die da ankommen, mehr schwankend und fallend als laufend, mit dem Sturmgesang auf den Lippen, Schritt um Schritt, unaufhaltsam, unhemmbar auf diesen gespenstischen, teuflischen, feuerspeienden Häuserrand zu, es sind unwirkliche Gestalten aus einer Sage, mit glühenden Gesichtern, mit brennenden Augen - zusammenhält. Und einen Augenblick scheint es, als ob Langemarck in eisigem Entsetzen den Atem anhalten würde vor diesem apokalyptischen Traum, der da angetaumelt kommt, dann aber bricht aus allen Ecken und Winkeln der Landschaft ein vertausendfachtes Geklirr, Gefauche, Geschmetter; ein brühheißes Gewölbe aus Schrapnellwolken, Erdfontänen, Eisenzacken und Flammenbögen kommt auf die Stürmenden herunter und bricht über ihnen zusammen. Das Lied stirbt. Es stirbt wie die, die es gesungen haben und die es noch auf den Lippen haben. Stimme auf Stimme verdunkelt sich, verröchelt, schweigt. Mund auf Mund klafft auseinander, Stirn um Stirn sinkt in den Boden."

Der Kaiser im Urlaub

Selbstopfer von dieser antiken Größe wären nicht vorstellbar gewesen ohne den Glauben der Soldaten, der gerechten Sache ihres von einer übermächtigen Feindkoalition bedrängten Vaterlandes zu dienen. Nicht anders empfand der Kaiser selbst, in dessen Memoiren es heißt:

"Zu derselben Zeit, als der Zar sein Sommerkriegsprogramm aussprach, beschäftigte ich mich in Korfu mit Ausgrabungen von Altertümern, dann reiste ich nach Wiesbaden und schließlich nach Norwegen. Ein Herrscher, der Krieg will und ihn vorbereitet, um seine Nachbarn zu überfallen, wozu es langer heimlicher Mobilmachungsvorbereitungen und Konzentrationen bedarf, der befindet sich nicht monatelang außer Landes und läßt nicht seinen Generalstabschef auf Sommerurlaub nach Karlsbad gehen. Die Feinde haben unterdessen planmäßig Vorbereitungen zum Überfall getroffen."

Die kaiserlichen Memoiren schließen mit den Worten: "Ich glaube an das deutsche Volk und an die Fortsetzung seiner friedlichen Mission auf der Welt, die durch einen furchtbaren Krieg unterbrochen wurde, den Deutschland nicht gewollt, also auch nicht verschuldet hat.


Quelle: Deutsche Stimme

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