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Die Deutschen in der
Stunde des Zusammenbruchs 1945 Von Karlheiz Weißmann Am Neujahrstag 1945 hielt Hitler über den Rundfunk eine seiner letzten Ansprachen: "Wir sind zu allem entschlossen. Die Welt muß wissen, daß daher dieser Staat niemals kapitulieren wird, daß das heutige Deutsche Reich, wie alle großen Staaten der Vergangenheit, auf seinem Weg Rückschlägen ausgesetzt sein mag, daß es aber nie diesen Weg verlassen wird ... Millionen Deutsche aller Berufe und aller Lebensstände, Männer und Frauen, Knaben und Mädchen, bis herab zu Kindern haben zum Spaten und zur Schaufel gegriffen. Tausende von Volkssturm-Bataillonen sind entstanden und im Entstehen begriffen. Divisionen sind neu aufgestellt. Volks-Artillerie-Korps, Werfer- und Sturmgeschütz-Brigaden sowie Panzerverbände wurden aus dem Boden gestampft ... Mein Glauben an die Zukunft unseres Volkes ist unerschütterlich." Was Hitler hier vortrug, war eine Mischung aus Zweckoptimismus und Lüge. Lüge war der Satz vom unerschütterlichen Glauben an die Zukunft des deutschen Volkes. Tatsächlich hat Hitler in der letzten Kriegsphase nicht nur nichts getan, um weiteren Schaden von ihm abzuwenden, etwa durch das einzig sinnvolle Angebot der Kapitulation, er hat vielmehr selbst an der Vernichtung der Deutschen gearbeitet. Eine solche Tendenz, sich am eigenen Volk zu rächen, da es seinen hochgesteckten Erwartungen nicht genügte, war schon dem ausdrücklichen Verbot der Räumung von Grenzbezirken zu entnehmen, dann der Weisung, Städte zu "Festungen" zu erklären, auch wenn damit eine Dezimierung der Zivilbevölkerung zwangsläufig verbunden war. Schließlich erging am 19. März 1945 jener "Nero-Befehl", mit dem die Politik der verbrannten Erde auf das Reichsgebiet ausgedehnt wurde, um dem Gegner das Vorrücken zu erschweren. Die Einwände des Reichsrüstungsministers Speer, daß die Zerstörung von Straßen, Eisenbahnlinien, Kanälen, Wasser- und Energieversorgung eine Katastrophe für das Volk bedeuten werde, beantwortete Hitler lapidar: "Wenn der Krieg verlorengeht, wird auch das Volk verloren sein. Es ist nicht notwendig, auf die Grundlagen, die das deutsche Volk zu seinem primitivsten Weiterleben braucht, Rücksicht zu nehmen. Im Gegenteil sei es besser, selbst diese Dinge zu zerstören. Denn das Volk hat sich als das schwächere erwiesen, und dem stärkeren Ostvolk gehöre dann ausschließlich die Zukunft. Was nach diesem Kampf übrigbleibe, seien ohnehin nur die Minderwertigen, denn die Guten seien gefallen." Dem Zweckoptimismus darf man in dem erwähnten Text alles zurechnen, was über die unvermeidbaren Rückschläge beim Aufstieg zur Großmacht gesagt wird. Schon Hitlers Fixierung auf das Schicksal Friedrichs des Großen - vor allem das "Mirakel des Hauses Brandenburg" im Siebenjährigen Krieg - erklärt die Besessenheit, mit der er regelmäßig darauf zurückkam, es handele sich bei allen Niederlagen bloß um Verzögerungen auf dem Weg zum deutschen Sieg. Nur so läßt sich auch das Bild der totalen Mobilmachung in letzter Stunde verstehen, das er hier entwirft. Der wichtigste Träger dieser Mobilmachung sollte der mit Führererlaß vom 25. September 1944 aufgestellte "Volkssturm" sein, eine Mischung aus Landwehr und Parteiarmee. Seine Angehörigen - grundsätzlich alle bisher nicht eingezogenen Männer zwischen 16 und 60 Jahren - galten einerseits als Teil der Wehrmacht, andererseits waren für die Aufstellung die Gauleiter als Reichsverteidigungskommissare, für die militärische Leitung der Reichsführer SS Himmler, für die politische und organisatorische Führung der Leiter der Parteikanzlei und "Sekretär des Führers", Bormann, zuständig. Zweck des Volkssturms war die Verteidigung des Heimatbodens, aber seine einzige "effiziente Seite... blieb die bürokratische Organisation" Parallel zum Aufbau des Volkssturms hatte es Versuche gegeben, Vorbereitungen für einen Partisanenkrieg nach Besetzung des Reichsgebietes zu treffen. Seit dem Sommer 1944 war unter der Bezeichnung "Werwolf" zuerst mit der Schaffung einer entsprechenden militärischen Organisation begonnen worden. Die blieb allerdings in den Anfängen stecken, ebenso wie die politisch-revolutionäre Guerilla, deren Aufbau Propagandaminister Goebbels am 1. April 1945 ankündigte. Hitlers Nachfolger Dönitz wird den Werwolf noch vor der Kapitulation, am 5. Mai, verbieten lassen. Der Volkssturm war zu keiner Zeit in der Lage, die Verluste der Wehrmacht auszugleichen. Im Hinblick auf Ausbildung, Ausrüstung und Kampfstärke blieb dieses letzte Aufgebot dem Feind hoffnungslos unterlegen. Allerdings kämpften viele Volkssturmmänner im Osten mit dem Mut der Verzweiflung. Briten und Amerikaner fürchteten vor allem Einheiten, die aus Hitlerjugend bestanden, wegen deren rücksichtsloser Einsatzbereitschaft und gingen entsprechend brutal gegen sie vor. Aber im Westen gab es zum Schluß auch viele Fälle, in denen sich der Volkssturm angesichts der Überlegenheit des Feindes auflöste, bevor es zu Kampfhandlungen kam. Die militärische Lage Deutschlands war zu Beginn des Jahres 1945 schon aussichtslos, obwohl die Wehrmacht den Kampf nach wie vor mit großer Entschlossenheit führte. Aber die Versorgung mit wichtigen Gütern wie Treibstoff, Munition und Ersatzteilen, Medikamenten und Lebensmitteln, brach Stück für Stück zusammen. Eine Luftwaffe, die den Namen verdiente, gab es nicht mehr. Ungehindert konnten alliierte Verbände in das Reichsgebiet fliegen. Gegen die letzten Bombardierungen, denen neben Dresden (13./14. Februar, drei Angriffswellen) auch alle anderen Großstädte ausgesetzt waren, dazu kleinere Städte wie Pforzheim (23./24. Februar) und sogar Dörfer, gab es fast keine Abwehr. Allein in der Zeit zwischen Januar und April 1945 wurden sieben Millionen Deutsche durch das Bombardement obdachlos, bis dahin waren die Hälfte des Wohnraums, 20 Prozent der Fabrik- und 40 Prozent der Verkehrsanlagen zerstört. Das Land begann im Chaos zu versinken. Die Behörden waren kaum noch in der Lage, ihre Aufgaben zu erfüllen, Verkehrswege und Kommunikation wurden unbrauchbar. Mehrere Millionen Flüchtlinge drängten ins Innere des Reiches und belasteten die sowieso schon schwierige Versorgung. Die öffentliche Sicherheit wurde zunehmend gefährdet durch 15 Millionen Ausländer, die als Kriegsgefangene, Deportierte und Zwangsarbeiter alles vom deutschen Zusammenbruch erwarten durften. Die Situation in den Konzentrationslagern war besonders prekär. Himmlers Befehl, Lager vor anrückenden alliierten Truppen zu räumen, führte zu "Todesmärschen", bei denen schwache oder kranke Häftlinge getötet wurden oder an den Strapazen zu Grunde gingen. Ein Fünftel der Gefangenen des KZ Dachau, 6887 Personen, wurden noch am 26. April nach Süden geschickt; davon überlebte nur die Hälfte. In einigen Fällen waren sogar Listen erstellt worden, um namentlich bezeichnete Häftlinge zu liquidieren, Hitler selbst hatte verlangt, den größten Teil der KZ-Insassen zu ermorden. Zur Ausführung dieser Weisung kam es aber nicht mehr. Wenn die Haltung der Bevölkerung Ende 1944 noch gefestigt wirkte, so begann sich seit dem Januar 1945 immer stärker Resignation breit zu machen. Die Moral der kämpfenden Truppe nahm Schaden, aber vor allem die der Zivilisten. Es wurden Fälle von Plünderungen im Heimatgebiet durch deutsche Soldaten bekannt und in den großen Städten kam es zu orgiastischen Ausbrüchen, während gleichzeitig die Zahl der Selbstmorde dramatisch wuchs. In Berlin stieg der Schwarzmarktpreis für einen vollständigen Satz falscher Papiere - Reisepaß, Wehrpaß, Arbeitsbuch, Z-Karte für den Volkssturm - auf 80.000 Reichsmark; vereinzelt wurden auch Judensterne erworben. Im letzten SD-Bericht über die Stimmung in der Bevölkerung, datiert auf den 5. April 1945, hieß es, man bereite sich allgemein vor auf eine "... der größten nationalen Katastrophen mit den schwersten Auswirkungen für jede Familie und jeden Einzelnen ... Die Bevölkerung wird mit dem, was sie hat, nicht mehr satt. Kartoffeln und Brot reichen nicht mehr aus... Zu allem Unglück kommt daher das Gespenst des Hungers... Das deutsche Volk, insbesondere der Arbeiter, der in diesem Krieg bis an die Grenze der physischen Leistungsfähigkeit geschuftet hat, haben Treue, Geduld und Opferbereitschaft in einem Umfang bewiesen, wie ihn kein anderes Volk kennt. Wenn Defaitismus so oberflächlich interpretiert wird, wie dies bisher meist geschehen ist, dann ist er seit der Offensive der Sowjets eine allgemeine Volkserscheinung ... Noch wehrt und sträubt sich jeder anzuerkennen, daß es aus sein soll. Bis in die letzten Tage hielt sich ein Rest an Wundergläubigkeit, die seit Mitte des vergangenen Jahres von einer geschickten Propaganda um die neuen Waffen zielbewußt genährt worden ist... Auch dieser Funke ist am Verlöschen ... Viele gewöhnen sich an den Gedanken, Schluß zu machen ... Selbstmorde aus echter Verzweiflung über die mit Sicherheit zu erwartende Katastrophe sind an der Tagesordnung... Nun werden die Fragen nach der Verantwortung und nach der Schuld um so schärfer herausgekehrt. Aus der tiefgehenden Enttäuschung, daß man falsch vertraut hat, ergibt sich bei den Volksgenossen ein Gefühl der Trauer, der Niedergeschlagenheit, der Bitterkeit und ein aufsteigender Zorn... Von einem wirklichen Haß gegen die Feinde kann keine Rede sein. Vor den Sowjets besteht eine ausgesprochene Furcht. Den Engländern und Amerikanern steht die Bevölkerung kritisch prüfend gegenüber." Das deutsche Heer befand sich nach dem Scheitern seiner letzten Offensive an der Ostfront im Juli 1943, der Landung der Westalliierten auf Sizilien im selben Monat und dann in der Normandie im Juni 1944 in der Defensive und mußte das besetzte Terrain nach und nach räumen. Zu Beginn des Jahres 1945 standen die Gegner Deutschlands an den Reichsgrenzen und holten zum vernichtenden Schlag ans. Am 8. Januar 1945 hatte Hitler die Ardennenoffensive - den letzten Gegenstoß im Westen - einstellen lassen, am 12. begann die sowjetische Armee ihren Angriff von Brückenköpfen an der Weichsel aus und zerschlug in vier Tagen die deutsche Frontlinie. Ende des Monats waren das oberschlesische Industriegebiet und Königsberg in sowjetischer Hand. Trotz der von Hitler immer wiederholten Forderung nach bedingungsloser Verteidigung erreichte die Rote Armee am 26. Februar bei Kolberg die Ostsee. Zu diesem Zeitpunkt dauerte auch die Offensive der Alliierten im Westen schon vierzehn Tage an. Im Lauf des Februars mußte die Wehrmacht das ganze linksrheinische Gebiet aufgeben, am 6. März ging Köln verloren, einen Tag später erreichte eine US-Panzerdivision die unzerstörte Eisenbahnbrücke bei Remagen. Am 1. April war die Einschließung des Ruhrgebietes vollendet, am 18. des Monats kapitulierte Generalfeldmarschall Model mit der Heeresgruppe B, die allein 25 Divisionen und 325.000 Mann umfaßte. Amerikanische Verbände stießen weiter über Hessen nach Thüringen vor, britische erreichten im Norden bis zum 19. April die Elbe, die mit den Sowjets als Demarkationslinie vereinbart worden war. Kurz darauf gelangten französische Verbände nach Stuttgart und an den Bodensee. Daß General Eisenhower als Oberbefehlshaber der Alliierten nicht an der Belagerung Berlins teilnehmen wollte, hatte auch damit zu tun, daß er eine "Alpenfestung" für möglich hielt, in der sich starke und ideologisch fanatisierte deutsche Verbände für einen großen Endkampf bereithielten. Über Nürnberg, Augsburg und München rückte die US-Armee deshalb auf Linz vor, das sie am 5. Mai erreichte. Zu diesem Zeitpunkt war die Reichshauptstadt schon seit zehn Tagen von der Roten Armee eingeschlossen. Mitte April hatte sie die Oderlinie überwunden, dann begann sehr zügig der Vormarsch von drei Fronten auf Berlin. Hitlers verzweifelte Hoffnung auf Entsatz erwies sich als Illusion. Er selbst war nicht bereit, die Reichshauptstadt zu verlassen. In dieser Situation hielt nur noch Goebbels die Hoffnung auf eine große Wende wach. Während Göring den Kampf seit langem verloren gegeben hatte und Himmler Kontakt zu den Westalliierten aufnahm, um die Möglichkeit eines Sonderfriedens zu erörtern, erwies er sich als der Paladin, dessen Treue nicht wankte. Noch beim Tod des amerikanischen Präsidenten Roosevelt am 12. April wollte er glauben, daß jetzt der Zusammenbruch der feindlichen Koalition unmittelbar bevorstehe. Auch als diese Erwartung trog, minderte das nicht den fanatischen Willen Goebbels', der mit der Verteidigung der Reichshauptstadt beauftragt war. Er verschärfte noch einmal die Strafmaßnahmen gegen jene, die sich dem Endkampf zu entziehen suchten. Die reguläre Militärgerichtsbarkeit war seit langem in Auflösung, jetzt drohte jedem der Strang oder die Erschießung, der auch nur in den Verdacht kam, sich dem letzten Aufgebot entziehen zu wollen. Vor seinem Selbstmord am 30. April ernannte Hitler Großadmiral Dönitz zum Reichspräsidenten und Goebbels zum Reichskanzler. Im Hinblick auf Goebbels war das aber nur ein formaler Akt ohne praktische Bedeutung. Dessen Wahnidee, an ältere "nationalbolschewistische" Vorstellungen dergestalt anzuknüpfen, daß er mit der Roten Armee einen Waffenstillstand vereinbarte, um später mit der Sowjetunion gegen den Westen gehen zu können, hatte keine Aussicht auf Verwirklichung. Am 1. Mai tötete Goebbels seine Frau und nahm sich im Anschluß das Leben, nachdem er vorher schon die Vergiftung seiner sechs Kinder angeordnet hatte. Der Kampf um Berlin, der wegen der Zähigkeit der Verteidiger 300.000 sowjetische Soldaten das Leben kostete - fünfzig Prozent derjenigen, die seit dem Beginn der Offensive gefallen waren - wurde noch einen Tag fortgesetzt, dann kapitulierte der Stadtkommandant General Weidling. Während über den Rundfunk gemeldet worden war, Hitler sei im Kampf gegen den Bolschewismus "gefallen", ließ Weidling am 2. Mai folgenden Befehl an seine Truppen ergehen: "Am 30. April 1945 hat der Führer Selbstmord begangen und damit alle, die ihm Treue geschworen hatten, im Stich gelassen. Getreu dem Befehl des Führers wart ihr, deutsche Soldaten, bereit, den Kampf um Berlin fortzusetzen, obwohl eure Munition zur Neige ging und die Gesamtlage den weiteren Widerstand sinnlos machte. Ich ordne die sofortige Einstellung jeglichen Widerstandes an. Jede Stunde, die ihr weiterkämpft, verlängert die entsetzlichen Leiden der Zivilbevölkerung Berlins und unserer Verwundeten." Die Gesamtkapitulation der Wehrmacht erfolgte erst am 7. beziehungsweise 9. Mai 1945. Die Doppelung war notwendig, weil Stalin die Unterzeichnung der Kapitulationsurkunde im Hauptquartier Eisenhowers in Reims nicht vorbehaltlos anerkennen wollte, sondern auf einer Wiederholung in seinem Machtbereich bestand. Deshalb wurde in der Unteroffiziersschule Berlin-Karlshorst die Kapitulation der Wehrmacht am 9. Mai 00.10 Uhr ein zweites Mal vollzogen.
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