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Die Deutschen in der
Stunde des Zusammenbruchs 1945 Von Karlheiz Weißmann Am 4. Juni 1945 kommentierte die Times die deutsche Lage mit den Worten: "Deutschland befindet sich seit dem Tag des Sieges in Europa im Zustand eines Interregnums ..." An das "Interregnum" fühlten sich viele Deutsche nach der Kapitulation erinnert, an jene Zeit im Mittelalter, als das Fehlen aller staatlichen Autorität zum Zusammenbruch der öffentlichen Ordnung geführt hatte, begleitet von Mord, Vergewaltigung, Raub, Plünderung und Terror. Die wichtigste Ursache der "autoritätslosen, der schrecklichen Zeit" lag in der totalen Niederlage selbst. Für ihre Planungen waren die Alliierten davon ausgegangen, daß nach der Invasion der deutsche Widerstand im Westen relativ schnell zusammenbrechen werde. Dann sollte bei Besetzung des Reichsgebiets die Verwaltung unter Aufsicht der Sieger weiterarbeiten. Daß diese Absicht im Widerspruch zur Kriegführung gegen Zivilbevölkerung und Infrastruktur und auch im Widerspruch zu den Säuberungsplänen stand, scheint niemandem aufgefallen zu sein. Tatsächlich funktionierten die deutschen Stellen nur bis zum Zeitpunkt der Besetzung. In manchen Fällen bereitete man sich sogar auf die Machtübernahme der Alliierten vor. Aber in dem Augenblick, in dem die gegnerischen Truppen einrückten, brach die Administration zusammen. Amtsräume, Schulklassen und die Schalter von Post oder Bahn standen verwaist, die Kassen waren leergeräumt, wichtige Unterlagen der Behörden verschwunden. Soweit Parteifunktionäre staatliche Aufgaben erfüllt hatten, flohen sie, begingen Selbstmord, wurden von marodierenden Truppen getötet oder unmittelbar darauf festgenommen. Kleinere Chargen beließ man im einen Fall in ihrer Position, im anderen wurden auch sie abgesetzt. Neue Verantwortungsträger ernannten die Besatzer ad hoc. Widerspruch duldeten sie nicht. Das Verfahren war allerdings nur selten so radikal wie das russische. Der spätere Bundesminister Erich Lemmer berichtete, es sei eines Tages ein junger Leutnant der Sowjetarmee bei ihm erschienen, um ihm die Ernennung zum Bürgermeister von Klein-Machnow mitzuteilen, als er sich herauszureden suchte, zog der Offizier seine Pistole und erklärte ihm sachlich: "Du Bürgermeister - oder ... tott!" Wie schon in der letzten Phase der Okkupation, setzten sich die Plünderungen fort, was vor allem die Versorgung mit Lebensmitteln, Kleidung und Medikamenten erschwerte. Außerdem gab es weder Elektrizität noch Gas, die Benutzung der öffentlichen Verkehrsmittel war häufig durch kriegsbedingte Schäden unmöglich gemacht oder durch die Besatzer verboten. Selbst die Benutzung eines Fahrrads unterlag anfangs der Genehmigungspflicht. Wegen der vielen bombenzerstörten Wohnungen und Häuser lebte ein großer Teil der Bevölkerung in Bunkern, Kellern, Verschlägen oder anderen Provisorien. Etwa zehn Millionen Flüchtlinge oder Evakuierte drängten sich in den kleineren Städten und Dörfern, die relativ intakt geblieben waren; von den Einheimischen meist nur zähneknirschend geduldet. Dieser von Krieg und Nachkrieg gezeugte "fünfte Stand" bildete eines der größten sozialen Probleme bis in die Zeit nach der Gründung von Bundesrepublik und DDR. Nicht nur das Ausmaß der Zerstörung, auch die Versorgungsprobleme waren auf dem Land geringer. In der ersten Nachkriegszeit erhielt auf dem Papier jeder erwachsene Deutsche in der amerikanischen Zone 1330 Kalorien täglich, in der britischen 1050, in der französischen 900 und in der sowjetischen 1083; faktisch lag die Versorgung in den industriellen "Notbezirken" nur bei 700 bis 800 Kalorien. Angesichts der Tatsache, daß etwa 2200 Kalorien pro Tag auf die Dauer das Lebensminimum bilden, wird deutlich, daß ohne Zusatzversorgung die Existenz nicht gesichert werden konnte. Unter widrigen Umständen versuchten sich die Deutschen in Selbstversorgung, legten Gärten an, sammelten Bucheckern, Nüsse, Eicheln und Wiesenkräuter, brachen zu "Hamsterfahrten" aufs Land auf, wohl wissend, daß die Besatzungsmacht sogar Kartoffeln beschlagnahmte, die von den Bauern erworben worden waren oder die man geschenkt erhalten hatte. Unterernährung und mangelnde Hygiene forderten einen hohen Tribut: Tuberkulose und Typhus nahmen in einigen Regionen epidemische Ausmaße an, in Berlin starben im Juli 1945 etwa 90 Prozent der Neugeborenen des amerikanischen Sektors. Die Tatsache, daß die Sieger keine Not litten, vielmehr üppig lebten und sogar Nahrungsmittel als Reparationsleistung ausführten, ließ den Verdacht wachsen, daß in Konsequenz des Morgenthauplans beabsichtigt werde, einen großen Teil des Volkes umkommen zu lassen; Martin Niemöller äußerte im Sommer 1946, die Deutschen seien "von der Oder bis an die Westgrenze des ehemaligen Reiches ein verhungerndes Volk... Es scheinen jetzt von unserem 80 Millionen Volk, von dem heute 60-62 Millionen übrigsein mögen, im Laufe der nächsten 1? Jahre 5 oder 10 oder 30 Mill. weiter sterben [zu] müssen. Jedenfalls ist es durchaus denkbar, daß von unserem großen Volk von vorgestern nur ein 20-25 Millionenvolk übrigbleibt." Wenn solche Schreckensvorstellungen umgingen, war das auch darauf zurückzuführen, daß die Besiegten lange Zeit von allen Nachrichten abgeschnitten blieben; die Radios zogen die Besatzer ein, es gab abgesehen von den Mitteilungsblättern der Sieger keine Zeitungen, dann erst nach und nach eine lizensierte Presse; das Telefonnetz wurde vorübergehend lahmgelegt und auch die Post hatte ihren Betrieb eingestellt. Aber das waren nur kleine Sorgen im Vergleich zu der Angst, die viele Deutsche angesichts der chaotischen Zustände empfanden. Zu den größten Unsicherheitsfaktoren der ersten Monate nach der Kapitulation gehörte die Freilassung von Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern. Es handelte sich um acht bis zehn Millionen Personen, die befreit worden waren und Gelegenheit erhielten, einem - manchmal verständlichen - Rachebedürfnis nachzugeben. Diese Displaced Persons (DPs) verfügten über Fahrzeuge und Benzin, teilweise auch über Waffen. Mit anfänglicher Deckung durch die Alliierten raubten und plünderten sie, immer wieder kam es dabei zu Körperverletzungen und Vergewaltigungen, nicht selten auch zu Morden. In einigen Fällen, etwa im westfälischen Herford, konnten sie eine Terrorherrschaft über eine ganze Region ausüben; Willy Brandt berichtete in seinen Lebenserinnerungen, daß vor dem Lübecker Parteibüro der SPD, das in der Nähe des Schwarzen Marktes lag, im Laufe eines Monats 31 Personen von DPs getötet worden seien. Allerdings wuchs der Widerwille der Alliierten; Julius Posener, der als deutscher Emigrant in der britischen Armee diente, notierte in seinem Tagebuch über die DPs: "Sie stahlen, brannten, vergewaltigten ungehindert, mordeten auch wohl zuweilen; aber das war vielleicht das Schlimmste nicht in den Augen der Engländer: Der Duft nach grünem Gras und frischer Scheiße, der aus dem Russenlager drang, das friedliche Nebeneinanderkacken von Bachur und Bachurah - nicht in der Latrine, versteht sich, sondern im Geschirrabwaschgraben -, ja vielleicht nichts als der weiche Gang, die wulstigen Mützen, die sturen Münder diskreditierten sie in den Augen von Tommy, besonders wenn deutsche Bauern die Folie abgaben." Bis zum Herbst 1945 hatte die Bedrohung der öffentlichen Sicherheit durch die DPs solche Formen angenommen, daß sich die Alliierten zum Eingreifen entschlossen und zum Teil sogar Todesurteile verhängten. Im Laufe des Jahres konnte etwa die Hälfte aus den Westzonen repatriiert werden. Aber noch 1949 befand sich fast eine halbe Million Displaced Persons auf dem Gebiet der Westzonen. In der Anfangszeit wurden die Schwarzen Märkte häufig von DPs beherrscht, die dort gestohlenes Gut veräußerten, aber auch ihre privilegierte Beziehung zu den neuen Herren ausnutzten, um zu kaufen oder zu verkaufen. Allerdings waren in der Mehrheit Deutsche als Händler und Kunden an diesen unsauberen, aber oft lebensnotwendigen Geschäften beteiligt. Die allgemeine Versorgungsnot und die Zwangsbewirtschaftung durch die Siegermächte hatten zum Kollaps des normalen Wirtschaftslebens geführt. Die offiziell weiter gültige "Reichsmark" wurde nur noch als Bezahlung für Waren von geringem Wert akzeptiert, sonst bildeten ausländische Zigaretten oder Kaffee die Verrechnungseinheiten. Die Preise schwankten von Ort zu Ort, von Zone zu Zone. Selbstverständlich haben sich gewerbsmäßige Hehler und Betrüger in besonderem Maß an den Schiebereien beteiligt, aber es gab auch ganze Gruppen der Bevölkerung, die durch die Beteiligung an Schwarzmarktgeschäften in das kriminelle Milieu gerieten und sich dann daraus nicht mehr zu lösen wußten; in der zeitgenössischen Kriminalsoziologie wurde vor allem auf den hohen Anteil von Gymnasiasten und Studenten unter den Schwarzhändlern hingewiesen, die auch Diebstähle und Fälschungen zu verantworten hatten. Das war ein weiteres Indiz für die Auflösung der einmal scharf gezogenen Grenze zwischen Recht und Unrecht. Allerdings handelt es sich nur um einen Nebenaspekt im dramatischen Anstieg der Verbrechensrate seit Kriegsende. Die wichtigste Ursache dafür war das "Besiegtsein ... als ... kriminogenes Faktum". Die Niederlage hatte eine Zäsur gebildet. Alle bis dahin geltenden Normen schienen aufgehoben. Üblich wurde der Diebstahl, allerdings nicht immer nur die Bagatelle, etwa Mundraub, sondern häufig auch als schweres Delikt, verbunden mit Gewaltanwendung oder Tötung; gegenüber 6583 Fällen von einfachem Diebstahl 1937 lag die Zahl 1946 bei 74.597, gegenüber 5544 Fällen von schwerem Diebstahl 1937 lag die Zahl 1946 bei 32.771 Fällen. Steigerungen um fünfhundert bis sechshundert Prozent wurden auch sonst verzeichnet. Neben Diebstahl war Bigamie das häufigste Delikt überhaupt, auch die Aussetzung von Kindern nahm in erschreckendem Maß zu. Beides kann als Hinweis auf die Verwahrlosung betrachtet werden, die vor allem die Jugendlichen traf. Schon unter den Bedingungen des Krieges - Abwesenheit der Väter, Berufstätigkeit der Mütter, Kinderlandverschickung, Evakuierung, militärische Hilfsdienste der Älteren - war die soziale Kontrolle der Heranwachsenden allmählich verlorengegangen. Dann wurden die Familien zum Teil gewaltsam zerrissen oder blieben unvollständig durch die Gefangenschaft der Männer. Oft hatten sich die Ehegatten durch die lange Zeit der Trennung entfremdet; die Zahl der Scheidungen nahm rapide zu. Das alles mußte eine denkbar negative Wirkung auf Kinder und Jugendliche haben. In der Nachkriegszeit vagabundierten allein in der Britischen Zone 40.000 Jugendliche ohne Wohnsitz. davon 15.000 Mädchen, davon bis zu 80 Prozent geschlechtskrank. Bezeichnenderweise entstand die "Panther-Bande", die München jahrelang unsicher machte, aus Jugendlichen einer 1943 evakuierten Volksschule, die sich im Lager zusammenschlossen, als Flakhelfer den Gebrauch von Schußwaffen erlernten, nach dem Kriegsende zusammenblieben und auf eigene Faust ihr Leben organisierten, unter Führung ihres ehemaligen Primus amerikanische Versorgungsstellen überfielen und dabei auch vor Mord nicht zurückschreckten. Die deutschen Ordnungshüter waren keine ernstzunehmende Gefahr für die Täter. Die von den Alliierten aufgestellte Polizei durfte anfangs nicht einmal Waffen tragen und weder DPs noch Soldaten oder Zivilangestellte der Alliierten festnehmen. Die Motive der Deutschen, die sich den Alliierten zur Verfügung stellten, waren hier wie auch sonst sehr unterschiedlich. Es gab die, die aus Verantwortungsgefühl handelten, eine kleine Minderheit, die die zwölf Jahre des NS-Regimes überwintert hatte, und sich jetzt nicht nur bestätigt fühlte in dessen Einschätzung, sondern auch bereit war, beim Wiederaufbau des zerstörten Landes zu helfen. Es gab aber auch Kapitulationsgewinnler: zwielichtige Gestalten, die sich den Siegern andienten, um daraus Vorteil zu ziehen, angeblich politisch oder rassisch Verfolgte, kleinere und größere Kriminelle. Und dann war da noch die Menge derer, die sich immer mit den Mächtigen arrangiert, die Angeber, Spitzel und Denunzianten. Darunter viele, die in der Zeit des Nationalsozialismus genauso gehandelt hatten. "Die Deutschen sind devot", man merkt dieser Äußerung des amerikanischen Generals Patton die Überraschung an. Die Alliierten hatten nach der Schwere des Kampfes auf zähen Widerstand oder doch den Stolz eines "Herrenvolkes" gerechnet. Jetzt sah man sich nicht nur mit dem Elend der Geschlagenen konfrontiert, sondern auch mit deren bedingungsloser Unterwerfung. Man wird darüber nicht zu streng urteilen dürfen. Die "Zusammenbruchsgesellschaft" des Jahres 1945 war nicht nur das Ergebnis einer militärischen Katastrophe, sondern auch die Ursache für den immer weitergehenden Zerfall des sozialen Gefüges. Ein Prozeß, der bis in das Innerste reichte. Hans Habe, auch er ein deutscher Emigrant, der als amerikanischer Offizier nach Deutschland zurückkehrte, äußerte über den Eindruck, den er im Sommer 1945 hatte: "Totale Apathie" und "Vollkommene Gleichgültigkeit, Stumpfheit".
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