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10. Juli 2009

Die Deutschen in der Stunde des Zusammenbruchs 1945
4: Internierung

Von Karlheiz Weißmann

Der Begriff "Internierung" ist für sich genommen neutral. Als Internierung wird jede Maßnahme bezeichnet, mit der man bestimmte Menschengruppen von der Masse der Bevölkerung absondert. Es kann sich dabei um eine Quarantäne oder eine Art Sicherheitsverwahrung handeln, aber im allgemeinen geht es um die Internierung von Nichtstaatsbürgern oder Staatsbürgern, die im Verdacht der Illoyalität stehen. Regelmäßig werden feindliche Ausländer bei Beginn von Kriegshandlungen interniert, um die von ihnen ausgehende Gefahr zu bannen. Im 20. Jahrhundert - dem "Jahrhundert der Lager" - ist es allerdings üblich geworden, den Begriff Internierung auch verharmlosend auf Einrichtungen zu übertragen, die faktisch dieselbe Funktion wie Konzentrationslager erfüllen.

Das Standardwerk Lexikon der deutschen Geschichte 1945-1990 enthält zum Stichwort "Internierungslager" nur einen Verweis auf "Speziallager, sowjetische". Die Existenz von Internierungslagern in den westlichen Besatzungszonen findet sich mit keinem Wort erwähnt. Der Grund dafür ist ein politischer, aber nur selten wird zugegeben, "daß... die westdeutschen Historiker beklommen gewesen seien, problematische Bereiche 'ihrer' Besatzungsmacht aufzugreifen", weil man fürchtete, dem Rechtsradikalismus Nahrung zu geben oder der "Gefahr des Aufrechnens" zu erliegen.

Eine Folge dieser Beklemmung ist weitgehende Unklarheit über die Zustände in den Lagern der westlichen Alliierten, die soziale und altersmäßige Zusammensetzung der Internierten, das genaue Ausmaß ihrer Schuld oder Verantwortung. Vor allem aber fehlt jede exakte Angabe über die Zahl der Opfer, die die Haft forderte. In einer Gesamtstatistik der britischen Zone werden für den Zeitraum zwischen April 1946 und Dezember 1947 (frühere Daten nicht vorgelegt) 79 Tote und 12 Suizidfälle angegeben, aber allein für das britische Lager Staumühle in der Nähe von Paderborn, wo man etwa sieben- bis achttausend Personen interniert hatte, sind für die Jahre 1946/47 insgesamt 115 Tote nachgewiesen; dabei ist diese Zahl sicher zu niedrig angesetzt, weil Todkranke bis zum Sommer 1946 regelmäßig entlassen wurden, bevor sie starben; allein im Dezember 1945 handelte es sich um 110 Personen. Für die Dauer der Existenz von Staumühle - vom 24. Mai 1945 bis zum 15. Juli 1948 - rechnet man mit 173 Toten bei 22.000 bis 23.000 Internierten. Die Gesamtzahl der Internierten in der britischen Besatzungszone lag bei ungefähr 100.000 Personen. Wenn man die Daten von Staumühle zur Grundlage einer Schätzung macht, käme man auf etwa 800 Tote als absolute Untergrenze für den britischen Bereich und auf etwa 1500 Tote für die drei Westzonen.

Allerdings spricht viel dafür, daß die Zustände in den britischen Lagern verglichen mit den amerikanischen und den französischen relativ milde waren, weshalb sich auch die Zahl der Mißhandlungen und Morde in Grenzen hielt. So ist im Fall des amerikanischen Lagers Ludwigsburg bekannt, daß man dort keine Totenbücher angelegt hat, aber auf den Friedhöfen von Ludwigsburg und Karlsruhe 140 tote Häftlinge beigesetzt wurden; insgesamt rechnet man mit etwa 300 Opfern, die an Unterernährung, Mißhandlung, Krankheit oder infolge willkürlicher Tötung starben. In dem Lager Heilbronn-Böckingen, das gleichzeitig bis zu 150.000 Kriegsgefangene und Internierte aufnehmen mußte, kamen zwischen 1945 und 1947 etwa 350 Menschen ums Leben, davon 283 zwischen Mai und Dezember 1945. In dem kleinen, nur sehr kurzfristig genutzten französischen Lager Hüfingen starben 1945/46 von 448 Internierten mindestens 13, vier weitere überlebten die Folgen der Haft nicht. Unter den Toten waren mindestens fünf Personen, die von den Wachmannschaften ermordet wurden. Ein Vorgang, der keine Ausnahme darstellte, es existiert eine Liste mit mehr als siebzig Mordopfern, die seltener in den größeren "Muster"-Lagern der französischen Besatzungsmacht, sondern in kleineren Internierungskellern oder -baracken inhaftiert gewesen waren. Nicht einbezogen in diese Daten sind auch diejenigen, die Selbstmord begingen; nach Behauptung des Verbandes ehemaliger Internierter im Südwesten Deutschlands handelte es sich um etwa 1/2 Prozent aller Festgesetzten, also bis zu 600 Personen.

Indizien für ein Massensterben wie in den sowjetischen gibt es in den westlichen Internierungslagern allerdings nicht. Weder finden sich entsprechende Hinweise in den Erinnerungen ehemaliger Häftlinge, noch deuten die Stichproben in eine solche Richtung. Wenn die Internierungslager - vor allem, aber nicht nur von ehemaligen Häftlingen - mit den nationalsozialistischen KZs verglichen wurden, so war das im Hinblick auf Vernichtungslager wie Auschwitz ohne Zweifel unangemessen. Auch der Rückgriff auf die Einrichtung früherer KZs (im Westen Dachau, Esterwegen und Neuengamme, im Osten Sachsenhausen, Fünfeichen und Buchenwald) hatte in erster Linie praktische Gründe; aus denselben Motiven nutzte man ehemalige Kasernen, Lager des Arbeitsdienstes oder Gefängnisse. Was die Zeitgenossen dazu brachte, summarisch von "neuen Konzentrationslagern" zu sprechen - oder doch, wenn das abgelehnt wurde, von "Eiterbeulen im Lande" - waren nicht nur die Tötungen, Übergriffe oder systematischen Mißhandlungen, sondern überhaupt das Verfahren, potentielle Gegner ohne Gerichtsverfahren festzusetzen und über lange Zeiträume festzuhalten. Wenn man die Ergebnisse des Entnazifizierungsverfahrens zu Grunde legte, konnten bestenfalls drei bis vier Prozent der Internierten, die teilweise bis zu drei Jahre inhaftiert gewesen waren, als schuldig gelten.

An genauen Untersuchungen über die Geschichte der Internierungslager in der amerikanischen, der britischen und der französischen Zone fehlt es bis heute völlig. Die Archive der ehemaligen Besatzungsmächte bleiben für die Forschung verschlossen. In vielen Fällen ist man auf "graue Literatur" angewiesen, vor allem die Erinnerungen Internierter, die manchmal in kleinen Verlagen erscheinen konnten, häufiger selbst gedruckt wurden oder sich bloß als Manuskripte in privaten Nachlässen erhalten haben.

Eine Ausnahme im Hinblick auf das allgemeine Schweigen über die westlichen Internierungslager bilden allerdings zwei literarische Werke: Ernst von Salomons Der Fragebogen (1951) und Hans Helmuth Kirsts Sagten Sie Gerechtigkeit, Captain? (1952). Beide Autoren kannten die Situation aus eigener Anschauung. Salomon war wegen seiner Beteiligung am Rathenaumord 1922 unmittelbar nach Kriegsende in Haft genommen worden, Kirst hatte man als ehemaligen Berufssoldaten interniert. Vor allem die Darstellung der Mißhandlungen und der Menschenverachtung gegenüber den Deutschen haben bei einem breiten Publikum Eindruck gemacht. Salomons Fragebogen wurde zu einem Bestseller der fünfziger Jahre und zu einem der am stärksten diskutierten Bücher der Nachkriegszeit überhaupt, während Kirsts Sagten Sie Gerechtigkeit, Captain? im Schatten seiner 08/15-Trilogie blieb; allerdings erlebte die Neuausgabe unter dem Titel Letzte Station Camp 7 (1966) bis 1981 noch einmal vierzehn Auflagen.

Die Grundlage der Internierung durch die Westmächte bildete das SHAEF-Handbook for Germany, das seit dem Frühjahr 1944 erstellt und dann mehrfach ergänzt wurde, um die alliierten Maßnahmen nach der Besetzung Deutschlands festzulegen. Ausschlaggebend für die Internierung war die Angst vor einer breiten Widerstandsbewegung gegen die Okkupation, getragen von fanatisierten Nationalsozialisten. Deshalb verschärfte man die Bestimmungen für den sogenannten Automatic Arrest im April 1945 noch einmal, so daß alle Gestapo- und SD-Angehörigen, die Politischen Leiter der NSDAP bis hinab zum Ortsgruppenleiter, alle Führer und Unterführer von Allgemeiner und Waffen-SS sowie hohe Beamte interniert werden sollten. Neben den im Rahmen des Automatischen Arrests Verhafteten stellten diejenigen, die man als Sicherheitsbedrohung (Security Threat) ansah, darunter eine erhebliche Zahl von Jugendlichen, die zweitgrößte Gruppe, erst dann folgten die "Kriegsverbrecher" (War Criminals), die außerdem schon Mitte 1946 im ehemaligen Konzentrationslager Dachau zusammengezogen wurden, dem größten amerikanischen Internierungslager überhaupt.

Die Internierung begann unmittelbar nach dem Einmarsch der Alliierten ins Reichsgebiet, also seit dem Herbst 1944. Im Mai/Juni 1945 sollen allein von den Amerikanern täglich 4.200, im Juli sogar 6.500 Menschen festgesetzt worden sein. Bis Ende des Jahres hatten die US-Streitkräfte bereits 100.000 Personen interniert, im allgemeinen durch die Abwehr der US-Streitkräfte, das Counter Intelligence Corps (CIC). Dessen Brutalität und Willkür trug ihm auf deutscher Seite den Ruf einer "amerikanischen Gestapo" ein. Auch sonst zeichnete sich die amerikanische Internierungspraxis in der Anfangszeit durch große Härte aus.

Obwohl die britische Seite an der Erstellung des SHAEF-Handbuchs mitgewirkt hatte, neigte sie zu einer engeren Auslegung der Internierungsvorgaben. Infolgedessen betrug die Zahl der Internierten hier nur 90.000 Menschen, obwohl die britische Besatzungszone die bevölkerungsreichste war. Auch die Franzosen akzeptierten lediglich die allgemeinen Richtlinien, machten aber von Anfang an Vorbehalte gegenüber der damit verbundenen These einer deutschen Kollektivschuld geltend. Daraus auf eine besonders Milde in der Behandlung der Internierten zu schließen, wäre allerdings verfehlt. Man ging weniger systematisch vor und ließ in der Anfangszeit die Entstehung einer großen Zahl "wilder" Internierungslager zu. Die Internierung wurde von der französischen Besatzungsmacht ausschließlich als Teil der Sicherheitsmaßnahmen betrachtet. Bemerkenswert ist, daß über den Umfang der Internierung in der französischen Zone die Vorstellungen extrem weit auseinander gehen: Während heute oft eine Schätzung von 12.500 Personen genannt wird, die Ende 1945 in zwölf Lagern festgehalten worden sein sollen, sind die Betroffenen von etwa 120.000 ausgegangen, davon nur 50.000 Internierte in "regulären" Lagern.

Die Internierungslager unterstanden den alliierten Militärbehörden, die allerdings die Belastung der eigenen Kräfte möglichst zu vermindern trachteten. So wurde die Bewachung häufiger an Displaced Persons übergeben, vor allem Polen, die ihre Machtposition gegenüber den Besiegten in solcher Weise ausnutzten, daß die vorgesetzten Behörden sich gezwungen sahen, Abhilfe zu schaffen. Außerdem gab es in den Internierungslagern eine deutsche Selbstverwaltung, deren Leitung meistens ehemaligen Offizieren übertragen wurde. In mehreren Fällen gelang es auch KZ-Kapos erneut in wichtige Positionen aufzusteigen und aus ihren Erfahrungen in den Lagern des NS-Regimes Nutzen zu ziehen.

Bis 1946 waren die Internierungslager von der Außenwelt abgeschnitten, nur Geistliche hatten Zutritt, erst dann wurde Briefverkehr erlaubt und die Isolation der Gefangenen schrittweise aufgehoben. Allerdings empfanden viele das erzwungene Nichtstun und die Ungewißheit des weiteren Schicksals als sehr belastend. Im selben Jahr übergaben die Amerikaner die Aufsicht an deutsche Stellen, offenbar in der Annahme, daß von den Internierten keine unmittelbare Gefahr mehr ausgehe. Diejenigen, die nach dem Nürnberger Prozeß als Angehörige "verbrecherischer Organisationen" betrachtet wurden, blieben länger in Haft. Bis 1948 hatte man die größte Zahl der Internierten entlassen, eine kleinere war zu Zwangsarbeitsstrafen verurteilt worden und mußte diese im Anschluß an die Internierung verbüßen. Im Gegensatz zu den Amerikanern behielten Briten und Franzosen die Kontrolle über die Lager und versuchten diese auch als Instrument der Umerziehung zu nutzen. Angesichts der unter den Internierten weit verbreiteten Empfindung, unschuldig zu sein, ein kaum erfolgversprechender Plan. In der Kritik, die vor allem die Kirchen an der Internierung übten, wurde der Vorwurf laut, hier handele es sich um eine "Härtungshaft", die die Gefangenen in ihren Überzeugungen eher stärker als wankend mache.

Im Gegensatz zu den westlichen war die Existenz der östlichen Internierungslager niemals ganz vergessen, auch wenn über das Thema in der DDR nicht gesprochen werden durfte und in der Bundesrepublik seit den sechziger Jahren die Neigung bestand, zu schweigen oder zu beschönigen. Die Situation änderte sich dramatisch nach der Wende von 1989, und es schien so, als werde in den neuen Ländern eine Vergangenheitsbewältigung beginnen, die auch die Bedeutung der "Spezial-" oder "Spez-Lager" der sowjetischen Besatzungsmacht erfaßte. Diese Erwartung trog, obwohl es mittlerweile eine anerkannte Gedenkstättenarbeit gibt und eine breiter werdende Forschung, die vor allem in russischen Archiven aufsehenerregende Entdeckungen gemacht hat.

Dabei konnte eine Frage allerdings immer noch nicht zufriedenstellend beantwortet werden: Inwieweit war die Errichtung der Speziallager Fortsetzung der kommunistischen Herrschaftspraxis und inwieweit handelte die sowjetische Führung in der Annahme, gemeinsame Ziele der Alliierten zu verwirklichen. Es spricht zwar wenig dafür, daß Stalin die Abmachungen mit den USA, Großbritannien und Frankreich an diesem Punkt besonders interessierten, aber die Speziallager können auch nicht einfach als Erweiterung des Gulags betrachtet werden. Das erhellt schon daraus, daß die Weisungen vom 11. Januar beziehungsweise 22. Februar 1945, in denen der Aufbau und die Unterstellung unter die Befehlsgewalt der Frontbevollmächtigten des Geheimdienstes NKWD geregelt war, im Zusammenhang mit der Großoffensive der Roten Armee standen. Bis zum Mai waren dann bereits 28 Lager und Gefängnisse errichtet worden, um "feindliche Elemente" zu internieren. Sie lagen mit Ausnahme von zweien außerhalb des künftigen Territoriums der SBZ. Einen Monat später war die Hälfte in die Besatzungszone überführt, und bis zum September 1945 war die Reorganisation der Lager auf dem Gebiet der Besatzungszone abgeschlossen.

Unter der Bezeichnung Speziallager existierten neun Lager im engeren Sinne (Mühlberg, Buchenwald, Hohenschönhausen, Bautzen, Ketschendorf, Frankfurt a. d. 0., später an dessen Stelle Jamlitz bei Lieberose, Sachsenhausen, Torgau und Fünfeichen) sowie drei Gefängnisse (Strelitz, Lichtenberg, Frankfurt a. d. 0.). Diese Zahl wurde bis zum Frühjahr 1947 auf sechs, bis zum Herbst 1948 auf drei reduziert. Die letzten Speziallager - Sachsenhausen, Buchenwald und Bautzen -löste man im Frühjahr 1950 auf. In mehreren Fällen wurden die Anlagen zerstört, Massengräber immer unkenntlich gemacht. Die Entlassenen sahen sich in der DDR auch in "Freiheit" zahllosen Zurücksetzungen und Schikanen ausgeliefert.

Nach sowjetischen Angaben sollen in den Lagern 122.671 Deutsche inhaftiert gewesen sein, von denen 45.262 entlassen wurden, während man 6.680 in Kriegsgefangenenlager überstellte und 14.202 den DDR-Behörden auslieferte, 12.770 Personen wurden in die Sowjetunion deportiert. 42.889 Menschen kamen nach diesen Unterlagen in der Haft zu Tode, 756 wurden hingerichtet. Wahrscheinlich ist allerdings, daß die Zahl der Internierten anderthalb Mal so groß war und bei 189.000 lag und mit mehr als 60.000 Toten zu rechnen ist.

Wie in den Westzonen sollte auch in der SBZ die Internierung dem Ziel dienen, mögliche Gefährdungen der Besatzungsmacht auszuschließen und eine Abrechnung mit den Verantwortlichen des NS-Regimes vorzubereiten. Dabei spielte für die Sowjetunion von Anfang an das Ziel einer vollständigen sozialen Umwälzung eine wesentlich wichtigere Rolle als für die übrigen Besatzungsmächte. Entsprechend hatte die Internierung auch den Zweck, jene kalte Revolution zu unterstützen, die zur Beseitigung von Bürgertum und Adel führte, aber auch die SPD als Konkurrenz der KPD in der Arbeiterschaft ausschalten sollte. Es gibt eine Reihe sozialdemokratischer Funktionäre, die 1945 aus einem nationalsozialistischen KZ befreit, unmittelbar darauf in ein unter sowjetischer Regie stehendes eingeliefert wurden.

Bei einer großen Zahl der in der SBZ internierten hat sich der Eindruck verfestigt, daß die Verhaftungen ganz willkürlich erfolgten und vor allem der Vorwurf der "Werwolf"-Zugehörigkeit bei der Festsetzung von HJ-Mitgliedern nur als Vorwand gelten könne. Wieweit diese Wahrnehmung zutrifft, ist kaum noch festzustellen. Die Organe der Roten Armee und bald auch der von der Militäradministration aufgestellten deutschen Polizei waren von der ihr gestellten Aufgabe vollständig überfordert und kaum daran interessiert, wirklich Schuldige von Unschuldigen zu trennen. Die dem stalinistischen System eigene Tendenz zu Terror und Willkür hat dazu entscheidend beigetragen.

Wie in den westlichen gab es auch in den sowjetischen Internierungslagern Funktionshäftlinge, denen allerdings im Verhältnis zu den amerikanischen, britischen oder französischen Lagern sehr viel geringere Befugnisse eingeräumt wurden. Auch die Zulassung von kulturellen oder religiösen Tätigkeiten war deutlicher beschränkt. Andererseits verzichteten die Besatzungsbehörden darauf, die Speziallager für Zwecke der Umerziehung zu nutzen. Wahrscheinlich war ihnen die Aussichtslosigkeit des Unterfangens klar; ein ehemaliger Internierter des Lagers 2 urteilte: "Aus den Kriegsgefangenenlagern sind zum allgemeinen Erstaunen überzeugte Bolschewisten heimgekehrt. Aus Buchenwald sind nur erklärte Gegner des Bolschewismus wiedergekehrt."

Der Hauptunterschied zwischen den westlichen und den sowjetischen Internierungslagern lag in den Haftbedingungen selbst. Das betrifft nicht nur die Brutalität der Wachmannschaften und die zahllosen Schikanen, sondern auch die Versorgung. Dabei spielte nicht nur der Mangel an Nahrungsmitteln eine Rolle, sondern auch die ständige Bedrohung durch Epidemien wie Typhus, Tuberkulose und Ruhr in Folge mangelnder Hygiene. Während sich die Situation in den westlichen Lagern ab 1946 - trotz des Hungerwinters 1946/47 - allmählich entspannte, verschlimmerte sich die Situation für die Internierten im Osten bis 1947 kontinuierlich; in diesem Jahr lag die Sterblichkeit in Buchenwald beispielsweise bei fast 25 Prozent der Gefangenen.

Daß die Aushungerung nicht mit den allgemein schlechten Lebensverhältnissen in der SBZ gerechtfertigt werden kann, sondern eine "Form lautloser Vernichtung" war, steht außer Zweifel und hat schon bei den Zeitgenossen den Eindruck verstärkt, daß der Unterschied zwischen den sowjetischen Internierungslagern und den nationalsozialistischen KZs bestenfalls ein gradueller, aber kein prinzipieller war. Eugen Kogon, der mit seinem 1946 erschienenen Buch Der SS-Staat eine erste umfassende Darstellung des deutschen Lagersystems geschrieben hatte, die zudem von der Perspektive eines ehemaligen Häftlings bestimmt war, äußerte in der 1948 erschienenen Neuauflage: "Die Ähnlichkeit wurde für jedermann, der guten Willens war und der das gemeinsame Beste wollte, beängstigend."

Solche "Ähnlichkeit" war noch unverkennbarer im Fall jener Lager, die in den Ostprovinzen sowie den ostmittel- und osteuropäischen Staaten für Angehörige der deutschen Volksgruppe errichtet wurden. Sicherheitserwägungen waren in diesem Fall immer vorgeschoben. Faktisch ging es um die Befriedigung von Rachebedürfnissen, die Ausbeutung von Arbeitskraft oder die Vorbereitung des Abschubs, in sehr vielen Fällen aber auch um das Ziel der Ausrottung. Im Bericht eines englischen Diplomaten für das Foreign Office hieß es über das berüchtigte polnische Lager Lamsdorf: "Die Konzentrationslager sind nicht aufgehoben, sondern von den neuen Besitzern übernommen worden. Meistens werden sie von polnischer Miliz geleitet. In Swientochlowice (Oberschlesien) müssen Gefangene, die nicht verhungern oder zu Tode geprügelt werden, Nacht für Nacht bis zum Hals in kaltem Wasser stehen, bis sie sterben. In Breslau gibt es Keller, aus denen Tag und Nacht die Schreie der Opfer dringen."

Auch für diesen Zusammenhang fehlen präzise Zahlen. Immerhin ist bekannt, daß es auf polnischem und tschechischem Gebiet jeweils über 1.200 Lager gab, in denen Deutsche festgehalten wurden. Die Haftbedingungen waren barbarisch, Folterung und willkürliche Tötung an der Tagesordnung. In Auschwitz starben allein zwischen Mai und Mitte August 1945 1.000 Menschen im Lazarett, in Lamsdorf wurden zwischen August 1945 und Herbst 1946 von etwa 8.000 Deutschen 6.480 getötet, darunter 623 Kinder. In einem Lager des Kreises Mährisch-Ostrau gingen allein im Juli 1945 bis zu 350 Menschen an den Torturen zu Grunde. Die furchtbarsten Opfer erlitten aber die Donauschwaben in Jugoslawien. Von ihnen fielen etwa 55.000, das heißt 10 Prozent der Volksgruppe, den Lagern zum Opfer, die die Tito-Partisanen errichtet hatten.


Quelle: Karlheinz Weißmann (Hrsg.): DIE BESIEGTEN
Edition Antaios, Schnellroda 2005 (S. 151-160)
Weiterführend:
2. Weltkrieg - Die Folgen

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