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23. Juli 2010

Die Deutschen in der Stunde des Zusammenbruchs 1945
8: Siegermacht

Von Karlheiz Weißmann

Durch die "Berliner Erklärung" vom 5. Juni 1945 übernahmen die Alliierten formell die Souveränität. Dieser Schritt wurde damit begründet, daß es keine handlungsfähige deutsche Regierung mehr gebe. Allerdings hatten die Sieger selbst dafür gesorgt, daß dieser Zustand eintrat. Auf Drängen Stalins ließen die Westmächte die Regierung Dönitz fallen und ihre Mitglieder verhaften.

Großadmiral Dönitz, seit 1943 Oberbefehlshaber der Kriegsmarine, war von Hitler in der Funktion des Reichspräsidenten zu seinem Nachfolger ernannt worden. Auf Dönitz' Weisung hin wurde am 2. Mai in Mürwik bei Flensburg ein Kabinett aus Fachministern gebildet. Obwohl Hitler ihm die Erhaltung der Rassegesetzgebung und die Fortsetzung des Kampfes aufgetragen hatte, strebte Dönitz nur noch danach, den Krieg im Westen möglichst schnell zu beenden und so viele Soldaten und Zivilisten wie möglich aus dem Osten zu retten. Durch seine Hinhaltetaktik gelang es immerhin, 2,5 bis 3 Millionen Deutsche vor dem Zugriff der Roten Armee in Sicherheit zu bringen.

Daß Dönitz trotz des wiederholten Bekenntnisses zu Hitler nicht an eine Fortsetzung des NS-Regimes dachte, war daran zu erkennen, daß er Himmler und Ribbentrop die Aufnahme in das Kabinett verweigerte und die erste Erklärung der "Geschäftsführenden Reichsregierung" ausdrücklich feststellte: "Die Einheit von Staat und Partei besteht nicht mehr. Die Partei ist vom Schauplatz ihrer Wirksamkeit abgetreten." Man hatte außerdem mit der Untersuchung von Verbrechen in den Konzentrationslagern begonnen und plante Prozesse gegen die Verantwortlichen vor einem deutschen Gericht.

Die Tatsache, daß Amerikaner und Briten vierzehn Tage zögerten, die Regierung Dönitz abzusetzen, die sich günstiger Weise in ihrem Machtbereich befand, zeigt deutlich, in welchem Ausmaß die Entscheidungen nach der Kapitulation improvisiert wurden. Unmittelbar nach Besetzung des Reichsgebiets war eine vollständige Koordination nicht einmal in den jeweiligen Besatzungszonen möglich, und es entstanden dauernd neue Probleme aus der Verschiebung von Truppen. Erst am 4. Juli waren die alliierten Streitkräfte entsprechend den Grenzen der Besatzungszonen verteilt.

Auch zeitgenössische Beobachter erkannten, daß die Auslöschung der deutschen Souveränität ein "historisches Novum" war, weil die Sieger das eroberte Gebiet weder ganz noch teilweise annektieren wollten, aber auch nicht bereit waren, ihm den formellen Status einer Kolonie zuzuerkennen, obwohl die Besetzung dauerhaft sein würde. Der Berliner Erklärung gemäß wurde Deutschland nach dem Gebietsstand vom 31. Dezember 1937 - also vor dem "Anschluß" Österreichs und des Sudetenlandes - in vier Zonen aufgeteilt. Territoriale Abtretungen fanden ausdrücklich nicht statt. Weiter gliederte man Berlin in vier Sektoren, die wie die Zonen den Amerikanern, Briten, Franzosen und Russen zugewiesen wurden. Die höchste Gewalt übernahm der "Alliierte Kontrollrat", ein Gremium, in dem die Oberbefehlshaber der Siegermächte zusammentraten, die im Kontrollrat Beschlüsse einstimmig fassen sollten, soweit sie Deutschland als Ganzes betrafen.

Alle diese Maßnahmen entsprachen den Abmachungen der Anti-Hitler-Koalition während des Krieges. Nachdem keine Einigkeit über die dauernde Zerstückelung Deutschlands und die Abtrennung irgend welcher Gebietsteile erreicht worden war, hatte die European Advisory Commission (EAC) am 12. September 1944 beschlossen, das Reich in drei Besatzungszonen aufzuteilen: eine amerikanische, eine britische und eine sowjetische; am 14. November des Jahre ergänzte man diesen Beschluß dahingehend, daß Frankreich eine eigene Besatzungszone erhalten solle, die ihm aus Teilen der amerikanischen und der britischen Zone zugewiesen wurde. Die EAC regelte auch das Drei- beziehungsweise Viermächte-Kontrollsystem, das die Siegermächte durch die Berliner Erklärung etablierten.

Wenn der Alliierte Kontrollrat seine Arbeit erst am 30. August aufnahm, so lag das daran, daß die Potsdamer Konferenz mit einer Zusammenkunft der "Großen Drei" - des an die Stelle Roosevelts getretenen Truman, Churchills, der nach dem Wahlsieg der Labourparty von Attlee abgelöst wurde, und Stalins - den eigentlichen, formellen Abschluß des Krieges bilden sollte. Die Beratungen liefen über zwei Wochen hinweg, vom 17. Juli bis zum 2. August, und gestalteten sich wegen der unterschiedlichen Zielvorstellungen der Beteiligten schwierig.

Die Abmachungen, die schließlich getroffen wurden, sahen die Schaffung deutscher "Zentralverwaltungen" für Finanzen, Transport, Verkehr, Außenhandel und Industrie vor. Ansonsten blieb die Entscheidungsgewalt bei den Alliierten, die ihre Politik an den "vier Ds" ausrichteten: Denazifizierung, Deindustrialisierung, Demilitarisierung, Demokratisierung. Der Einfluß von Morgenthaus Ideen blieb auch hier spürbar, vor allem so weit es um die Demontage deutscher Produktionsstätten und die Festlegung ging, daß die Versorgung der deutschen Bevölkerung keinesfalls besser sein dürfe, als in irgend einem anderen europäischen Land.

Jede Besatzungsmacht mußte die Reparationen aus der eigenen Zone entnehmen, der UdSSR wurden darüber hinaus zehn Prozent der abgebauten Industrieanlagen aus dem Westen unentgeltlich und weitere fünfzehn Prozent gegen Naturalien beziehungsweise Rohstoffe zugestanden. Außerdem kamen Nordostpreußen mit Königsberg unter sowjetische, alle anderen Gebiete östlich von Oder und Neiße mit Danzig unter polnische "Verwaltung". Die Westalliierten erklärten, daß sie den dauernden Erwerb dieser Territorien durch die Sowjetunion und Polen bei einer Friedenskonferenz unterstützen würden. Sie billigten außerdem die Deportation der verbliebenen deutschen Bevölkerung aus Polen, der Tschechoslowakei und Ungarn, die "in ordnungsgemäßer und humaner Weise" vollzogen werden müsse.

Die Potsdamer Konferenz legte zwar fest, daß die Anti-Hitler-Koalition weiterbestehen sollte, aber faktisch waren die Interessen der beteiligten Mächte nicht mehr zur Deckung zu bringen. Bereits das Fehlen Frankreichs, das sich durch den Ausschluß von der Teilnahme brüskiert sah und dann im Kontrollrat eine Obstruktionspolitik betrieb, war ein gravierender Fehler. In der militärischen Führung Großbritanniens und der USA hatte sich außerdem seit Ende 1944 die Auffassung durchgesetzt, daß der Konflikt mit der Sowjetunion unausweichlich sei und man sich entsprechend vorbereiten müsse. Davon waren die Politiker nur allmählich zu überzeugen, aber nach der Niederlage des deutschen Feindes und angesichts der Probleme mit Stalin im Fernen Osten gewann die Vorstellung Einfluß, daß eine neue Weltordnung - gemeinsam bestimmt vom Direktorium der Siegermächte - kaum zu realisieren sei.

Die Annahme war durchaus realistisch, daß Stalin in der Besetzung Ost- und Mitteldeutschlands bloß einen entscheidenden Schritt sah, um seine Macht auf dem Kontinent auszudehnen. Entsprechend einem ganz zynischen Verständnis von Politik, gedachte er Übereinkünfte mit den Westmächten nur insoweit einzuhalten, als sie diesem Ziel dienten.

Der Streit um die Abschlußerklärung der Potsdamer Konferenz dauerte bis zum Zusammenbruch des Ostblocks an. Während die Sowjetunion regelmäßig von einem "Potsdamer Abkommen" sprach, hielt man sich im Westen an die Formel "Potsdamer Deklaration" oder ähnlich. Der Hauptgrund dafür war, daß das Fehlen eines Friedensvertrags das Provisorium des in Potsdam Vereinbarten zu einem Dauerzustand gemacht hatte, dessen allgemeine Anerkennung im Interesse Moskaus lag, während der Westen - und sei es nur, um "seine" Deutschen zu ködern - an der Auffassung festhielt, es gebe hier noch Fragen, die völkerrechtlich geklärt werden müßten, vor allem im Hinblick auf die Gebiete östlich von Oder und Neiße.

Die Konferenz von Potsdam hat wie schon die Konferenz von Jalta gezeigt, daß die Siegermächte außerstande waren, eine konstruktive Lösung für die deutschen und europäischen Probleme zu finden. Gustav Stolper, ein deutscher Emigrant, der 1933 vor den Nationalsozialisten geflohen war, urteilte 1948: "Jalta war das Werk von Dilettanten, die weder von Geschichtskenntnis noch von wirklicher internationaler Erfahrung belastet waren. Potsdam war ein Kunstgriff von Juristen, die glaubten, Weltprobleme könnten durch ein paar spitzfindige Formeln gelöst werden, die dann alle Beteiligten nach ihrem Gutdünken lesen und interpretieren könnten. "

Faktisch wurde die ganze weitere Entwicklung in Deutschland durch den Zerfall der Siegerkoalition bestimmt. Schon bei den Verhandlungen der alliierten Außenministerkonferenz im September 1945 zeigte sich, daß keine Einigkeit über das Deutschlandproblem zu erreichen war. Zu diesem Zeitpunkt hatte die Sowjetunion außerdem begonnen, in ihrer Zone vollendete Tatsachen zu schaffen. Während Amerikaner, Briten und Franzosen den Deutschen noch jede politische Betätigung verboten und lediglich ein gewisses Maß an administrativer Unterstützung der Besatzungsmacht duldeten, erlaubte die SMAD bereits am 10. Juni die Bildung "antifaschistischer Parteien". Obwohl Stalin den Eindruck zu vermeiden suchte, als ginge es ihm um die Sowjetisierung der Ostzone, dienten diese Parteien ohne Zweifel als Vehikel einer schleichenden Machtübernahme der Kommunisten.

Deren Kader - die "Gruppe Ulbricht" - war schon seit dem 2. Mai in Berlin tätig und arbeiteten mit Unterstützung der SMAD. Ihr Wunsch, außerdem Rückhalt in der Bevölkerung zu finden, blieb allerdings zum Scheitern verurteilt. Das lag weniger an dem ausgeprägten Antikommunismus der Deutschen, als vielmehr an den jüngsten Erfahrungen mit der Roten Armee. Deren Übergriffe wurden sogar deutschen Funktionären zu viel, aber ihre Proteste blieben ungehört.

Ein weiterer Faktor war die Erbitterung über die rabiate Demontagepraxis. Schon vor der Potsdamer Konferenz hatte die Sowjetunion mit dem Abbau nicht nur von Produktionsstätten, sondern auch mit dem Abtransport von Krankenhauseinrichtungen, Mobiliar oder Sanitäranlagen begonnen. Danach kam der systematische Abbau von Fabriken, kombiniert mit Zwangsablieferungen und Überführung von Industrieanlagen in den Besitz der UdSSR. Bis 1946 wurden 1225 Betriebe demontiert und damit das Industriepotential der SBZ auf 60 Prozent des Standes von 1936 gesenkt; in einigen Bereichen waren die Eingriffe noch schwerwiegender, so in der Eisenindustrie, wo nur noch 20 Prozent, in der Elektro-, der feinmechanischen und der optischen Industrie, wo nur noch 40 Prozent der Kapazitäten erhalten blieben. Bis 1953 wird der Gegenwert dieser Reparationen fast 16 Milliarden US-Dollar betragen, auf der Konferenz von Jalta hatte sich Stalin noch mit 10 Milliarden begnügen wollen.

Diese Maßnahmen führten wie die brutale Repression der deutschen Bevölkerung dazu, die weitergehenden Absichten der Sowjetunion zu konterkarieren. So scheiterte auch der Plan, nachdem die in Potsdam beschlossene Einführung von Zentralverwaltungen fehlgeschlagen war, eigene Stellen dieser Art zu schaffen und ihnen Modellcharakter für ein zukünftiges Deutschland zu verschaffen. Die betont "nationale" Linie der wiedergegründeten KPD blieb für die Bevölkerung ohne Anziehungskraft, weil kein Zweifel daran sein konnte, daß die "Russenpartei" die Interessen Stalins vertrat.

Die westlichen Alliierten verhielten sich im Hinblick auf die materielle Kriegsbeute kaum zurückhaltender als die Sowjets, auch wenn die Zahl der in ihren Zonen demontierten Unternehmen von ursprünglich 1740 bis 1950 auf 697 reduziert wurde. In jedem Fall spielten hier neben moralischen und militärischen auch wirtschaftliche Erwägungen eine Rolle, etwa die, einen unliebsamen Konkurrenten auszuschalten. Darunter fielen bei den Amerikanern zum Beispiel die großen Flugzeugwerke von Messerschmidt, Dornier, Junkers, Fieseler und Henschel. Die USA hatten diesen Schritt besonders gut vorbereitet, um sich in den Besitz nicht nur von Produktionsmitteln, sondern auch der entsprechenden Kenntnisse und des entsprechenden Personals zu bringen. Die schon während des Krieges vorbereitete Operation Paperclip diente nicht nur der Festsetzung deutscher Spezialisten, sondern auch der Beschlagnahmung deutscher Patente und Betriebsgeheimnisse. Zu den Demontagen im engeren Sinn kamen noch die Übergabe der deutschen Goldbestände, des Auslandsvermögens, der See- und Binnenschiffe hinzu. Der amerikanische Anteil an dieser Art Kriegsbeute entsprach einem Gegenwert von mindestens 10 Milliarden US-Dollar. Wahrscheinlich ist diese Summe aber zu niedrig angesetzt. Nach einer Berechnung des 1947 in Bremen eingesetzten "Ausschusses für Wirtschaftsforschung" hatte Deutschland bis zum Ende des Jahres mit 71,1 Milliarden US-Dollar die von den Alliierten geforderte Reparationssumme bereits dreifach übererfüllt. Eine Feststellung, die allerdings ohne Folgen blieb. Die wirtschaftliche Ausbeutung wurde weiter fortgesetzt.

Entgegen einer verbreiteten Vorstellung war die westliche Besatzungspolitik in dieser Anfangsphase von jeder Milde entfernt. Die erwähnte Direktive JCS 1067 wurde zwar wohlweislich erst am 17. Oktober 1945 veröffentlicht, behielt aber bis 1947 ihre Geltung; die Deutschen spürten täglich, was es bedeutete, zu den Besiegten zu gehörten. Bis zum Herbst waren die wichtigsten Vorgaben der amerikanischen, britischen und französischen Besatzungspolitik Fraternisierungsverbot und Elitenaustausch. Man richtete in den Zonen zwar schon seit dem Mai neue Länder ein, stützte sich aber im wesentlichen auf die Stadt- und Kreisebene der Verwaltung und suchte nach Ausschaltung der Belasteten pensionierte oder wegen ihrer politischen Haltung von den Nationalsozialisten entlassene Beamte an ihre Stelle zu setzen. Zu dem Zweck operierten die Amerikaner mit einer "Weißen Liste", auf der diejenigen Deutschen verzeichnet waren, die geeignet schienen, ein neues demokratisches Gemeinwesen aufzubauen, vor allem aber den Alliierten gegenüber loyal sein würden. Konrad Adenauer, der 1945 auf Grund der Weißen Liste von den Amerikanern zum Oberbürgermeister von Köln gemacht wurde, verlor seinen Posten durch die Engländer, in deren Zone die Stadt lag, weil er sich als unbotmäßig erwiesen hatte.

Die politische Kontrolle blieb in jedem Fall bei der Besatzungsmacht. Aber Briten und Franzosen nutzten ihre Erfahrung mit dem Prinzip der indirect rule - der "indirekten Herrschaft" aus ihren Überseegebieten. Dazu gehörte auch die konsequente Abschottung von den "Eingeborenen". Montgomery ließ sein Hauptquartier in Bad Oeynhausen mit Stacheldraht umgeben. Ein Muster, dem hohe Offiziere in anderen Teilen der britischen Zone folgten, die Villen beschlagnahmten und für sich und ihre nachkommende Familie eine Sonderwelt schufen, in der nicht nur eine bis dahin ungewohnte Schar von Dienstboten zur Verfügung stand, sondern sogar die Friseurkabinen für die Damen separiert waren und Zugabteile mit dem Schild versehen wurden For British Forces only. Der Bezug auf die Herrschaftspraxis in den Kolonien kam nicht von ungefähr. Victor Gollancz hat die Situation in Deutschland, das er unmittelbar nach dem Ende des Krieges besuchte, auf die lapidare Formel gebracht: "Es ist eine schlichte Tatsache, daß es heute in Deutschland zwei Welten gibt: die der Sieger und die der Besiegten."

Gollancz war auch zu verdanken, daß die westliche Öffentlichkeit darauf aufmerksam gemacht wurde, daß die von den Siegern übernommene Kontrolle Deutschlands eine gewisse Verantwortung für das Überleben der Deutschen mit sich brachte. Ein Aspekt, dem die Besatzer nicht nur im Hinblick auf die Gefangenen oder Internierten relativ wenig Aufmerksamkeit schenkten. Gollancz sprach von einer besonderen "Ethik des Hungers": "Wenn zu wählen ist zwischen Unannehmlichkeit für einen anderen und Leiden für einen Deutschen, muß der Deutsche leiden; wenn zu entscheiden ist zwischen Leiden für einen anderen und Tod für einen Deutschen, muß der Deutsche sterben." Bereits im Herbst 1945 bestand in den großen Städten eine akute Versorgungsknappheit im Hinblick auf Lebensmittel, und bei einer wachsenden Zahl von Kindern, Kranken und alten Menschen wurden Hungerödeme festgestellt. Er glaubte, daß man es vor allem mit Nachlässigkeit oder Gleichgültigkeit zu tun habe, während auf deutscher Seite durchaus erwogen wurde, daß eine "kollektive Hungerbestrafung" des ganzen Volkes vollzogen werden solle.

Gollancz hat sich nicht gescheut, die Alliierten darauf hinzuweisen, daß ihr Anspruch auf moralische Überlegenheit durch ihre Gleichgültigkeit gegenüber dem deutschen Schicksal widerlegt werde. Während die Sieger des Zweiten Weltkriegs in einem letzten Akt der Gemeinsamkeit über die Führung der Besiegten zu Gericht saßen und das Nürnberger Tribunal am 20. November seine Tätigkeit aufnahm, berichtete Gollancz über ein Gespräch mit deutschen Jugendlichen: "Sie vergleichen unsere Versprechungen mit unseren Taten: Die BBC erklärte uns, sagen sie, daß ihr kämt, um uns zu befreien, aber worauf ist alles hinausgelaufen? Ich entgegnete: Demokratie; und sie fragten, ob Demokratie Hungerrationen und das Fehlen des Lebensnotwendigen bedeute, oder das Verjagen der Menschen aus ihren Häusern oder die Sprengung von Schiffswerften, der Abriß von Fabriken und die Arbeitslosigkeit von Zehntausenden. Ich wagte eine Frage nach Nürnberg: und sie sagten - im allerbesten Fall - ja, sie waren schuldig, aber genauso wie die Alliierten: schaut auf die Vertriebenen, Kranken, Hungernden und Beraubten, nicht Tausende, sondern Millionen."

Es gibt zahllose Belege dafür, daß die Deutschen die Niederlage von 1945 ganz anders bewerteten als die Niederlage von 1918. Irgendein Zweifel an der Tatsächlichkeit dieser Niederlage war ausgeschlossen, "Dolchstoßlegenden" konnten kaum auf Gehör rechnen. Spätestens nachdem das Ausmaß der Verbrechen in den Konzentrationslagern bekannt wurde, brach der Rest an gutem Glauben zusammen, den es im Hinblick auf den eigenen Kampf noch gegeben hatte. Allerdings bedeutete das doch nicht, daß man die Maßnahmen der Alliierten summarisch gut hieß oder den Vorwurf einer Kollektivschuld akzeptierte. Die Gründe dafür waren verschiedene, aber ausschlaggebend blieb, daß den Besiegten die Realität ihrer Niederlage unwiderlegbar vor Augen stand.


Quelle: Karlheinz Weißmann (Hrsg.): DIE BESIEGTEN
Edition Antaios, Schnellroda 2005 (S. 279-286)
Weiterführend:
2. Weltkrieg - Die Folgen

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