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19. April
2004
Alliierte Bomben auf
die Schweiz
Von Franz
Tobler
Zum 60. Mal jährte sich ein
Ereignis, das in der Zeitgeschichtsschreibung ungern
erwähnt wird, weil es kein gutes Licht auf die Sieger
wirft: Am 1. April 1944 bombardierte die US Air Force mit
rund 30 Flugzeugen die schweizerische Stadt Schaffhausen.
Dabei kamen 40 Zivilisten ums Leben, 60 Menschen wurden
teilweise schwer verletzt. Rund 400 Schaffhausener
Bürger verloren ihre Wohnungen. Der Sachschaden belief
sich nach Schätzung der Schweizer Behörden auf
35-40 Millionen Franken.
Die Amerikaner sprachen von einem
"Irrtum" und zahlten später eine
Teil-"Entschädigung", was die Toten allerdings auch
nicht wieder lebendig machte. Unabhängige Beobachter
werteten das alliierte Vorgehen als schlecht kaschierte
Einschüchterung eines neutralen Landes. Vor
Schaffhausen waren bereits andere Schweizer Städte, so
auch Basel und Zürich, von alliierten Maschinen
angegriffen worden. Aus dem offiziellen eidgenössischen
Flugabwehrbericht über die Jahre 1939 bis 1945 gehen
6501 Verletzungen des Schweizer Luftraums hervor, die
meisten davon in den Jahren 1944 und 1945. In fast allen
Fällen, so die Schweizer Ermittler, lag die Schuld bei
englischen und amerikanischen Fliegern. Die ersten Toten
hatte es am 12. Oktober 1941 in Buhwil bei Sulgen gegeben.
Mochte in dem einen oder anderen
Fall tatsächlich ein Irrtum zugrunde gelegen haben, so
fiel doch auf, daß sich die Zahl der "Irrtümer"
zu steigern begann, als der alliierte Sieg erkennbar
heranrückte. Zur gleichen Zeit nahm der politische
Druck auf die Schweiz zu, ihre Neutralität zu Lasten
Deutschlands zu lockern. Auch die Tatsache, daß die
Mehrheit der Schweizer zum deutschen Sprach- und Kulturraum
zählt, schien alliierten Piloten Grund genug, es bei
Bombenabwürfen im grenznahen Raum nicht allzu genau zu
nehmen. Außerdem fühlte man sich der Schweiz
militärisch weit überlegen. Gegenschläge
waren nicht zu erwarten.
Je länger der Krieg dauerte,
desto kleinlauter wurde die Schweizer Regierung
gegenüber den Alliierten. Zum Schluß fügte
man sich jeder Zumutung und ergriff selber Partei: Junge
Schweizer, die aus antikommunistischer Motivation auf
deutscher Seite als Freiwillige an der Ostfront
gekämpft hatten, wurden nach dem Krieg in ihrer Heimat
zu hohen Gefängnisstrafen verurteilt, während
Schweizer, die in die alliierten Streitkräfte
eingetreten waren, straffrei ausgingen.
Diese Ungleichbehandlung prägte
auch die Geschichtsschreibung. Da Schaffhausen nicht von
deutschen Maschinen bombardiert worden war, gerieten die 40
Toten rasch in Vergessenheit. Und die Alliierten wissen
seitdem, daß man nur von "Irrtum" zu sprechen braucht,
wenn man wieder einmal das Völkerrecht bricht.
Queller: Nation &
Europa
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