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27. Januar
2006
Britisches
Folterzentrum für deutsche
Gefangene:
Der "Londoner
Käfig"
Kensington Palace Gardens ist die
teuerste Straße Londons. Botschafter wohnen dort,
Prinzen und Milliardäre wie der Sultan von Brunei. Nur
wenige der heutigen Bewohner dieses noblen Viertels im
Londoner Westen dürften allerdings wissen, was sich
zwischen Juli 1940 und September 1948 hinter den Mauern der
Hausnummern 6 bis 8 abgespielt hat. In jener Zeit befand
sich dort der berüchtigte "Londoner Käfig", wie
der Volksmund das Verhörzentrum für deutsche
Kriegsgefangene nannte.
Recherchen der Londoner Tageszeitung
"Guardian" im Nationalarchiv brachten jetzt Details dieses
bisher gut gehüteten schmutzigen Geheimnisses der
Briten an den Tag. Betreiber der Einrichtung, die von der
britischen Zeitung ungeniert "Folterzentrum" genannt wird,
war der MI19: jene Abteilung des Kriegsministeriums, die
dafür verantwortlich war, Kriegsgefangenen wichtige
Informationen zu entlocken. Insgesamt 3573 deutsche Soldaten
und Offiziere wurden in der Einrichtung "systematischer
Mißhandlung" ausgesetzt. Nach dem Krieg waren auch
Zivilisten unter den Opfern.
Kommandierender des "Käfigs"
war Oberstleutnant Alexander Scotland, der sich bereits im
Ersten Weltkrieg als sehr erfolgreich beim Verhör
deutscher Kriegsgefangener erwiesen hatte. Zu den Methoden,
die bei der Erpressung von Informationen oder
"Geständnissen" angewandt wurden, gehörten
Schläge und Tritte, Hunger, Schlafentzug,
Elektroschocks und die Drohung mit Exekution oder
"unnötigen Operationen". Gefangene mußten
teilweise 26 Stunden hintereinander strammstehen, andere
mußten neben einem glühend heißen Ofen
stehen und wurden danach mit eiskaltem Wasser
übergossen.
Entwürdigung gehörte
ebenfalls zum Programm. So erinnert sich der spätere
Psychiater Tony Whitehead, wie er als junger Soldat einen
Gefangenen im "Käfig" abzuliefern hatte und dabei mit
ansah, wie ein deutscher Marineoffizier in voller Uniform
auf Händen und Knien die Eingangshalle säubern
mußte - mit dem Fuß eines qualmenden und
grinsenden Wachpostens auf dem Rücken.
Wie aus den vom "Guardian"
gesichteten Akten hervorgeht, wurden auch einige der
deutschen Gefangenen hingerichtet, gegen die mit Ausnahme
ihrer "Geständnisse" die aus den Verhören im
"Käfig" stammten, keinerlei Beweise vorlagen. Nicht
geklärt werden konnte, ob die Methoden von Alexander
Scotland nur stillschweigend geduldet wurden oder ob er
einen klaren Auftrag seiner Vorgesetzten hatte. Bezeichnend
ist jedenfalls, daß Regierungsstellen 1950 eine
Veröffentlichung der Scotland-Memoiren verhinderten.
Erst sieben Jahre später konnte eine "gesäuberte"
Version erscheinen.
Der Geheimdienst MI5 kam bei einer
späteren Untersuchung zu dem Ergebnis, daß
Scotland "klarer Brüche" der Genfer Konvention schuldig
war und einige seiner Verhörmethoden internationalem
Recht widersprachen. Da wundert es nicht, daß das
britische Verteidigungsministerium auch heute noch Akten im
Zusammenhang mit dem Folterzentrum zurückhält.
Vielleicht geht aus diesen Papieren hervor, welche "geheime
Ausrüstung" Scotland in einem Memo an das
Kriegsministerium meinte, die unbedingt entfernt werden
müsse, bevor das Rote Kreuz die Gebäude
inspizieren dürfe.
Der "Guardian" schließt seinen
Bericht mit der Aussage eines deutschen Journalisten, der im
"Käfig" interniert war. Er sei zwei Jahre lang
Gefangener der Gestapo gewesen, klagte der 27jährige,
aber dort nicht ein einziges Mal so schlecht behandelt
worden wie von den Briten.
Quelle: Nation &
Europa
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