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12. September 2008

Bald fehlen 330 000 Akademiker in Deutschland:
Der Aderlaß geht weiter

Es ist seit Jahren kein Geheimnis mehr: Immer mehr Deutsche verlassen ihre Heimat auf Dauer, und die meisten sind hochqualifiziert. Die Sprengkraft dieses Themas ist von der Bundesregierung über viele Jahre nachhaltig ignoriert worden. Zumindest das Bundeswirtschaftsministerium konnte sich nun aber durchringen, den deutschen Aderlaß einmal wissenschaftlich untersuchen zu lassen. Beauftragt wurde das Berliner Prognos-Institut, das 1400 Deutsche befragte, die bereits längere Zeit im Ausland leben. Die Ergebnisse der kürzlich fertiggestellten Studie sind zwar nicht sonderlich spektakulär, haben aber den unschätzbaren Vorteil, daß viele fundierte Vermutungen nun durch harte Fakten bestätigt werden.

So haben laut Statistik im Jahr 2006 rund 160 000 Deutsche ihren Lebensmittelpunkt ins Ausland verlagert. Das ist die höchste "offizielle" Ziffer seit 1954. Allerdings melden sich viele Auswanderer bei den Behörden nicht ab, so daß zum Beispiel das "manager magazin" bereits für das Jahr 2004 eher 250 000 deutsche Auswanderer für realistisch hielt. Wesentlich alarmierender jedoch: Von den in der Studie befragten Fortzüglern haben mehr als 83 Prozent einen Hochschulabschluß, 29 Prozent sind sogar mit einem Professor- oder Doktortitel ausgestattet. Über diese Größenordnung konnte bisher nur spekuliert werden.

Wird der Schwund an Hochqualifizierten nicht gestoppt, so fehlen nach Berechnungen der Bundesregierung schon in fünf Jahren 330 000 Akademiker, darunter 85 000 Ingenieure und 70 000 Naturwissenschaftler. Für eine Volkswirtschaft, deren Weltmarkt-Position sich im wesentlichen der Spitzentechnologie einiger ausgewählter Branchen verdankt, kommt diese Prognose einem Damoklesschwert gleich. Die Verluste können übrigens auch durch Einwanderung nicht ausgeglichen werden, meinte Walter Otremba, Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium, bei der Vorstellung der Studie.

Dies hat sich offenbar bis in die Nachbar-Ressorts noch nicht herumgesprochen, denn nahezu zeitgleich legten Innen- und Arbeitsministerium ein "Aktionsprogramm" vor, das den Zuzug "hochqualifizierter Ausländer" fördern soll. Der Plan sieht vor, die bisher bestehende Mindesteinkommensgrenze für ausländische Akademiker deutlich zu senken. Den Absolventen deutscher Schulen im Ausland soll eine besondere Förderung zuteil werden. "Ausländische Fachkräfte", die in Deutschland in einem ihrer Ausbildung entsprechenden Berufarbeiten, bekommen bereits nach zwei Jahren eine unbefristete Aufenthaltserlaubnis. Der gesamte Maßnahmenkatalog soll Anfang nächsten Jahres in Kraft treten.

Mit den Regelungen will die Große Koalition die "Rahmenbedingungen für Ausländer in Deutschland attraktiver gestalten". Auf die Idee, die Rahmenbedingungen für Deutsche in Deutschland attraktiver zu gestalten, kommt man nicht. Doch genau darum geht es den deutschen Auswanderern, wie die Ergebnisse der Prognos-Studie belegen.

Nicht nur bessere Karrierechancen und das höhere Einkommen im Ausland wirken wie ein Magnet, sondern insbesondere auch großzügigere Arbeits- und Forschungsbedingungen sowie eine höhere Lebensqualität im allgemeinen. Andererseits gehören die drückende Steuer- und Abgabenlast, die staatlichen Gängelungen und Regulierungen in fast allen Lebensbereichen sowie der Unwille zu einschneidenden Reformen in Deutschland zu den Faktoren, die die Auswanderungslust beflügeln. Es ist, wenn man so will, eine "Abstimmung mit den Füßen" - gegen die hierzulande herrschende Politik.


Quelle: Nation & Europa

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