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5. März
2005
Gute und böse
Besatzer:
Geteilte
Polit-Moral
Von Jürgen Schwab
In Frankreich hat unlängst
wieder einmal eine Meinungsäußerung von
Jean-Marie Le Pen für Skandal gesorgt. Wie in
"freiheitlichen" Grundordnungen so üblich, befaßt
sich nun die Pariser Staatsanwaltschaft mit der Auffassung
des Präsidenten des Front National, die deutsche
Besatzungszeit von 1940 bis 1944 sei für die Franzosen
"nicht besonders unmenschlich gewesen" (n'a pas
été particulièrement inhumaine).
Natürlich habe es hier und da auch "Übergriffe"
(des bavures) gegeben, was aber in einem 550 00
Quadratkilometer großen Land "unvermeidlich"
(inévitable) sei, betonte Le Pen in einem Interview
der Wochenzeitung "Rivarol".
Bei der historischen Erinnerung und
rückblickenden Interpretation geschichtlicher
Ereignisse gibt es naturgemäß nicht nur eine
Perspektive. Opfer und Täter sehen die Geschehnisse oft
unterschiedlich, und die Grenzen zwischen beiden Gruppen
können fließend sein. Bei den Franzosen kommt -
wie bei vielen Deutschen - noch Selbsttäuschung hinzu:
Während man sich in Paris zum Mitsieger von 1945
verklärt, schwindelt man sich in Berlin auf die Seite
"befreiter" Nationen. In Wirklichkeit ging 1944 ein tiefer
Riß durch die französische Gesellschaft. Es gab
Befreite (Juden, Widerstandskämpfer), Besiegte
("Kollaborateure") und eine Mehrheit an Gleichgültigen
und Pragmatikern.
Loyalität wurde zum
Verhängnis
Den Franzosen wird heute durch
Politik und Medien der Blick auf die Relationen verstellt.
Schlimm genug, daß der deutschen Besatzungsmacht in
Frankreich von 1940 bis 1944 rund 20 000
Widerstandskämpfer zum Opfer fielen. Aber
man sollte auch nicht ganz vergessen, daß
französische "Befreier" nach Juni 1944 über 100
000 Landsleute umbrachten. Vor allem auch Frauen hatten zu
leiden, wurden kahlgeschoren durch die Straßen
gehetzt, vergewaltigt, geteert und gefedert. Ein
Bündnis von Kommunisten und Gaullisten sorgte für
ein einzigartiges Massaker unter den eigenen Landsleuten.
Von den durch alliierte Luftangriffe zerstörten
französischen Städten ganz zu schweigen. Insgesamt
wurden 900 000 Personen festgenommen, weil sie
gegenüber der Regierung unter Marschall Philippe Petain
loyal waren. 250 000 französische Bürger wurden
inhaftiert, 150 000 bekamen einen "ordentlichen"
Prozeß, und 110 000 wurden verurteilt. 50 000 Personen
verloren ihre Anstellung, ihr Einkommen, ihre Rente, ihre
ehrenhaft erlangten Auszeichnungen, ihre bürgerlichen
Rechte und ihr Vermögen.
Dies alles sind geschichtliche
Tatsachen, die heute noch in Frankreich als Tabu gelten. Der
Front National, der - wenn auch nicht ausschließlich -
in der Tradition des Marschall Petain steht, kennt
natürlich die Fakten. Es ist das Verdienst des
französischen Historikers Philippe Gautier, eine
objektive Bilanz der deutschen Besatzungszeit und der
darauffolgenden "Befreiung" geliefert zu haben. Das zuerst
1997 unter dem Titel "La Germanophobie" in Paris erschienene
Buch liegt seit 1999 beim Tübinger Grabert-Verlag in
deutscher Übersetzung vor.
Würde beruht auf
Ehrlichkeit
Grundsätzlich könnte man
anmerken: Nationen, die in Würde und Anstand leben
möchten, sollten bei staatlichen Anlässen
zuallererst ihrer eigenen Toten gedenken. Tut dies jeder,
wird aller Toten, egal welcher Nation, gedacht. Gerade
geschlagene Nationen beweisen Würde und Haltung, wenn
sie ihre eigene Niederlage eingestehen, anstatt sie
kniefällig und opportunistisch als "Befreiung"
fehlzudeuten. Die Franzosen sind 1944 immerhin von der
deutschen Besatzung befreit worden, die Deutschen aber haben
1945 eine Besatzung bekommen - das macht einen fundamentalen
Unterschied.
Was die Gegenwart betrifft, so zeugt
es nicht von Zivilcourage, den Besatzern vergangener Zeiten
gefahrlosen "Widerstand" entgegenzusetzen. Mutiger wäre
es, sich mit heutigen Besatzern auseinanderzusetzen, zum
Beispiel mit Demonstrationen vor amerikanischen Kasernen in
Kaiserslautern und Heidelberg. Von dort aus gehen Soldaten
und Waffen in den Irak, ein von fremden Truppen besetztes
Land, das um seine Unabhängigkeit kämpft. Im Irak
wiederholen die USA heute, was die alliierten Sieger des
Zweiten Weltkriegs den Deutschen als Verbrechen auslegten:
Repressalien gegen die Zivilbevölkerung, Verschleppung
und Folter von Widerstandskämpfern, Zerstörung
ganzer Stadtteile und Dörfer, Plünderung
einheimischer Ressourcen, bewaffnete Angriffe auf Frauen und
Kinder. Unlängst auf die zunehmenden
Partisanen-Aktivitäten im Irak angesprochen, entgegnete
US-Verteidigungsminister Rumsfeld mit zynischer
Zerknirschtheit, man habe beim Einmarsch leider zu wenige
irakische Kämpfer getötet.
Fremdherrschaft scheint statthaft zu
sein, wenn es sich nur um die "richtigen" Fremden handelt.
Und deren einheimische Helfershelfer gelten auch nur dann
als zu verachtende "Kollaborateure", wenn ihre Auftraggeber
den Krieg verlieren und sich zurückziehen müssen.
Möglicherweise schläft der irakische
"Ministerpräsident" Ijad Allawi nicht allzu gut bei dem
Gedanken an Vietnam 1975. Damals verließen die
Amerikaner, nachdem sie der Untergrundkämpfer nicht
mehr Herr wurden, geradezu panisch den Süden des Landes
und ließen ihre dortigen Verbündeten schutzlos
zurück. Die siegreichen Guerillas - heute würde
man sie "Terroristen" nennen - nahmen blutige Rache; die
Überlebenden flüchteten als "Boatpeople" aufs
offene Meer. Ein Teil von ihnen landete schließlich in
Deutschland.
Versteckte Komplizenschaft
Die deutsche Linke, die damals gegen
den amerikanischen Vietnamkrieg auf die Straßen ging,
will zwar heute aus wahltaktischen Gründen den USA
keine Bundeswehr direkt im Irak zur Verfügung stellen,
hilft aber finanziell und logistisch tatkräftig mit,
bildet vor allem "Sicherheitskräfte" gegen den
irakischen Widerstand aus. Das stört hierzulande
niemanden. Schon vor 1945 war es üblich, einen Teil der
Besatzungsarbeit von einheimischen Hilfskräften
erledigen zu lassen. Die sind billiger und kennen sich
besser aus. Allerdings betrachten Widerständler solche
Hilfskräfte in aller Regel als "Verräter" und
gehen gegen sie besonders brutal vor. Das war 1944 in
Frankreich so, und das ist heute im Irak nicht anders.
Derweil wartet der ehemalige
deutsche Besatzungsoffizier Erich Priebke, der vor gut
sechzig Jahren in Italien an einer partisanenfeindlichen
Repressalie beteiligt war, noch immer auf seine Freilassung.
Sein Pech besteht darin, daß nur die Besatzungspolitik
des Siegers von Völkerrechtsverstößen
freigesprochen wird. Aber auch von den "befreiten"
Nachkriegsdeutschen kann Priebke keine Hilfe
erwarten.
Quelle: Nation &
Europa
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