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Oktober
2004
Ein Mahnmal, das
anderswo fehlt:
Lynchjustiz in
Rüsselsheim
Es war das, was man in den USA
"lynch law" nennt: Hausfrauen, Opel-Arbeiter und andere
Überlebende des alliierten Bombenterrors
verprügelten am 26. August 1944 in Rüsselsheim
eine Gruppe amerikanischer Flieger. Kurz vorher war die
Stadt bei einem britischen Luftangriff in Schutt und Asche
gelegt worden - mit zahlreichen Zivilopfern, darunter 177
ausländische Fremdarbeiter. Die acht US-Soldaten, die
zufällig durch Rüsselsheim kamen, befanden sich
gerade auf dem Weg in ein Gefangenenlager bei Oberursel.
Verzweifelte, weinende Frauen
riefen: "Schlagt sie tot!" Die Bewacher der Gefangenen sahen
sich rasch mit einer etwa hundertköpfigen
Menge hellauf empörter Bombenopfer konfrontiert und
konnten Angriffe auf die GI's nicht mehr ausreichend
abwehren. An einer Mauer brachen die Männer unter
Schlägen und zuletzt auch Schüssen zusammen.
Zwei von ihnen überlebten den
Spießrutenlauf und belasteten nach Kriegsende deutsche
Angeklagte: Im November 1945 vollstreckten die Amerikaner
fünf Todesurteile gegen Rüsselsheimer Bürger,
die an der Ausschreitung beteiligt gewesen seien. Fünf
weitere Personen erhielten lange Haftstrafen. Ob es wirklich
die "Richtigen" traf, ist bis heute umstritten, da der
Prozeß von Siegerwillkür geprägt war.
Ende August wurde nun in
Rüsselsheim ein Denkmal errichtet: Eine vier Meter
breite Klinkermauer erinnert an den Tatort. In die
Rückseite sind Porträts der GI's eingefräst,
an den Schmalseiten berichten Texttafeln auf deutsch und
englisch, daß an jener Stelle "am 26. August 1944 nach
einem britischen Luftangriff auf Rüsselsheim acht
amerikanische Flieger von einer aufgebrachten Menge gejagt
und gelyncht" wurden.
Der Text ist ein Kompromiß. Im
Ursprungsentwurf hatte die Denkmal-Initiatorin Dagmar
Eichhorn statt von einem Luftangriff von "nächtlichem
Bombenterror" gesprochen. Das erschien einigen Wächtern
politisch korrekter Ausdrucksweise nicht statthaft ("zu
alliiertenkritisch"). Immerhin ließ sich der
Zusammenhang von Ursache und Wirkung letztlich doch nicht
ganz leugnen. Bezahlt wurde das Denkmal teilweise aus
Spenden. 12 000 Euro legte die ohnehin schon
überschuldete Stadt drauf.
Die Medien nutzten die Einweihung
des Denkmals, um einmal mehr "deutsche Schuld" zu
zelebrieren. Ältere Rüsselsheimer, die den
alliierten Bombenterror überlebt haben, fragen sich
gleichwohl, ob bei dem Gedenken noch die Proportionen
stimmen. In der ganzen Stadt findet man kein Mahnmal mit den
Gesichtern und Namen der Bombenopfer. Daß das Lynchen
wehrloser Gefangener unter keinen Umständen zu
rechtfertigen ist, wird von niemandem in Abrede gestellt.
Doch wo, fragt man nicht nur in Rüsselsheim, findet man
Denkmäler für die zahllosen deutschen Soldaten,
die in alliierter Gefangenschaft geschunden, gelyncht und
ermordet wurden?
Es gibt historische Filme und Photos
genug, wie gefangene Deutsche etwa durch die Straßen
von Moskau und Paris getrieben und dabei vom Mob getreten,
geschlagen, gesteinigt werden. Aufrechnung? Nein. Jedes
Verbrechen steht für sich selber. Es wäre aber
überzeugender, ehrlicher, vor allem versöhnender,
wenn nicht nur der einen gedacht würde.
Quelle: Nation &
Europa
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