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15. April 2005

"Die Hexen zu dem Brocken ziehn"
Zur Walpurgisnacht vereinigen sich Sonne und Erde zur Feier der Fruchtbarkeit

Von Ingmar Knop

Der April ist von jeher der Monat der launischen Wandelbarkeit. Die Kräfte des Winters und des Sommers haben bei der Frühjahrs-Tagundnachtgleiche im März ihre Rollen getauscht, Wärme und Licht haben nun die Oberhand gewonnen. Aus diesem Grunde ist der Monat April vor allem durch landwirtschaftliche Arbeit geprägt. Es ist die wichtige Zeit der Acker- und Gartenbestellung, weniger die des Feierns. Der Sieg des Sommers und die taumelnde Ohnmacht des Winters bilden aber den Hintergrund zweier schöner Bräuche, die den Monat April kalendarisch einrahmen.

Wer erinnert sich nicht, als Kind lauthals "April, April" gerufen zu haben, nachdem es geglückt war, Verwandten oder Freunden am 1. April einen Streich zu spielen? So sehr dieser Brauch, jemanden "in den April zu schicken", im deutschen Sprachraum verbreitet ist, so wenig ist sein Ursprung wirklich bestimmbar. In vielen alten Kulturen war der Monat April die Zeit ausgelassenen Treibens und Neckens. So wurden bei den Römern ganze Nächte orgiastisch gefeiert und mit Scherzen verbracht, um der Göttin Venus zu huldigen. Auch die Germanen kannten die Sitte, im Frühjahr mit Scherz und Schabernack der Lebensfreude zu huldigen. Fiel jemand auf einen April-Scherz herein, dann war ihm nicht nur der Spott der Gemeinschaft sicher, sondern ihm wurde auch das Symbol des verklungenen Winters zugeordnet. Denn ebenso wie der Sommer Anfang April endgültig dem Winter die Macht genommen hatte, so bewies auch der April-Narr seine Machtlosigkeit gegenüber dem ihm gespielten Streich.

Die neuzeitliche Sitte des Aprilscherzes geht möglicherweise auf die Einführung des Gregorianischen Kalenders 1582 zurück. Denn in diesem Jahr legte der französische König Karl IX. die Verschiebung des Neujahrstages vom 1. April auf den 1. Januar fest. Wer fortan das neue Jahr noch irrtümlich am 1. April beging, wurde als "April-Narr" verspottet. Mehr als zwei Jahrhunderte später kam sogar die schöngeistige Welt auf den April-Scherz: Mozarts Oper "Die Gärtnerin aus Liebe" und Goethes Verse in "jahraus, jahrein" zeugen von der Verbreitung des närrischen Brauches, der im alten Schlesien eine besondere Ausformung erfuhr - das "Hilpritschenfangen": Unbedarften jungen Menschen wurde erzählt, sie sollten sich mit einem großen Sack des Nachts auf den Acker stellen, um die "Hilpritschen" aufzufangen, die man ihnen zutreiben würde. Natürlich gab es keine Zutreiber und keine "Hilpritschen", doch merkten die Genarrten dies oft erst nach Stunden des bangen Wartens auf dem nächtlichen Feld. Der April-Scherz war gelungen.

Walpurgisnacht

Noch ausgelassener geht es alljährlich in der Nacht vom 30. April auf den 1. Mai zu, der sogenannten "Walpurgisnacht". Es ist die Nacht der Hexen und ihres Besenrittes auf den höchsten Gipfel des Harzes, den Brocken. Johann Wolfgang von Goethe, der selbst mehrmals den Brocken bestiegen hatte, beschrieb die Walpurgisnacht im "Faust" wie folgt: "Die Hexen zu dem Brocken ziehn. Die Stoppel ist gelb, die Saat ist grün. Dort sammelt sich der große Hauf, Herr Urian sitzt oben auf. So geht es über Stein und Stock, es furzt die Hexe, es stinkt der Bock." Mit dieser geradezu volkstümlichen Darstellung hat Goethe erheblich zur Popularität der Walpurgisfeiern beigetragen. Und dazu, daß sich mittlerweile mehr als 150.000 Menschen zu den jährlichen Walpurgisfeiern im Harz versammeln. Unter Einwirkung von Alkohol und lauter Musik geht es dort gewiß ebenso teuflisch, doch vermutlich weniger brauchtümlich zu als bei der Faustischen Feier auf dem Blocksberg.

Ihrem inneren Wesen nach ist die Walpurgisnacht ein Fest der Fruchtbarkeit, das dem keltischen Beltane verwandt ist. Am Morgenhimmel ist jetzt kurz vor Sonnenaufgang das Siebengestirn der Plejaden zu sehen - ein unverkennbares Zeichen der Sommerwerdung. Zugleich wird die Vereinigung von Sonne und Erde gefeiert als eine kosmologische Metapher der irdischen Fruchtbarkeit. Zu diesem Zweck tauchen nach langem Rückzug vor den Unbilden des Winters plötzlich die vielfältigsten Erscheinungen auf: Zwerge und Wichtel, Feen und Elfen sind berufen, für die Fruchtbarkeit der Natur zu trommeln und zu lärmen. Sie ziehen in allen Gegenden Nordlands zu exponierten Stellen und verkünden, was die symbolische Vereinigung des Himmelsgottes Wotan mit der Erdgöttin Freya programmatisch vorgibt: Aus Vereinigung entsteht Leben - das ist die Botschaft von Walpurgis. Aus diesem Grunde ist die Walpurgisnacht immer auch der Zeitpunkt gewesen, heidnische Priesterinnen in ihr Amt einzuführen. Durch einen Liebesakt mit einem geweihten männlichen Priester wurde die Erhaltung der alten Religion gesichert.

Ein pikanter Anachronismus

In ihrem Vernichtungsfeldzug gegen das Heidentum hat die christliche Kirche der Volksgläubigkeit der Germanen schwere Wunden zugefügt. Doch es ist ihr nicht gelungen, sämtliche Sitten und Bräuche unserer Vorfahren vollends zu zerstören. So hat sie bekanntlich viele heidnische Feiertage einfach übernommen und mit ihr genehmen Inhalten überlagert. Auf diese Weise ist ausgerechnet eine christliche Heilige, nämlich die im 8. Jahrhundert lebende Benediktinerin Walpurga zur Namenspatronin der heidnischen Lustnacht des 30. April geworden. Ein Anachronismus, wie er pikanter kaum sein kann. Die christliche Kirche hat aber nicht nur ihre eigene Lehre zur Staatsdoktrin erhoben, sondern sie hat Unbelehrbare und "Ewiggestrige" mit allen Mitteln der Gewalt bekämpft - und als Hexen verbrannt. Denn seitdem im Jahre 1398 die Pariser Universität beschloß, daß es wahrhaftige Bündnisse zwischen Hexen und Teufeln gebe, wurden diejenigen Frauen, die im Geiste der Natur lebten, die der alten germanischen Religion huldigten, grausam verfolgt. Die christliche Kirche hat auf mehr als neun Millionen Fälle zurückzublicken, in denen sie die Todesstrafe gegen unschuldige Frauen verhängt und vollstreckt hat. Zugleich wurde der Begriff der Hexe mit dem Ruch des Bösen verbunden, und noch heute schaudert ein jedes Kind, dem von einer Hexe erzählt wird. Selbst der Hexenritt auf einem Besen scheint das Ergebnis kirchlicher Doktrin zu sein. Denn diesem Bild liegt die mißverstandene Fähigkeit heidnischer Priesterinnen zugrunde, ihren Geist vom Körper zu trennen und ihre äußere Hülle zu verlassen.

In der germanischen Tradition sind die Hexen aus den Walküren hervorgegangen. Diese wiederum sind noch Figuren aus matriarchalischer Zeit, als die Erde noch einer Göttin unterstand. Die Walküren waren begabte und auserwählte Frauen, von denen uns die "Edda" berichtet, daß sie ihren Gemahl unter dem Gesichtspunkt der Höherzüchtung selbst wählen durften. Dieses Herrenrecht der Gattenwahl mag wohl zum Begriff der "Walküre" geführt haben, denn "kyre" entspricht dem deutschen Wort "Herr".

Auf dem Lande war es zur Walpurgisnacht vielfach üblich, sich vor den umherziehenden Hexen mit Kreuzeszeichen zu schützen, die man an Haus, Stall und Hof anbrachte. Auch bestimmte Kräuterkombinationen oder die Buchstaben "CMB" (für die Heiligen Drei Könige Caspar, Melchior und Balthasar) versprachen sichere Abwehr des Geisterspuks. Unbedingt aber mußten alle Besen im Hause versteckt werden. Allzuleicht hätte sonst eine Hexe davon Gebrauch machen können. Auch das Feuer spielte an Walpurgis eine besondere Rolle. Natürlich wurde es zur Abwehr von Hexen und Teufeln entzündet. Doch ihm kam weitergehende Bedeutung zu: Das zwischen zwei Walpurgisfeuern hindurchgetriebene Vieh etwa war sicher vor Krankheit geschützt, Männer vollführten am Walpurgisfeuer regelrechte Balzrituale und ein über das Feuer springendes Paar galt als verlobt. Denn zu Walpurgis war die beste Zeit, sich als Mann und Frau einander zu versprechen. Die Jünglinge schlugen eine Birke, um sie als Maibaum vor dem Hause ihrer Angebeteten aufzustellen. War eine Frau bekanntermaßen eitel und zickig, konnte es passieren, daß sie statt eines Maibaumes einen Sack mit Holzspänen vor ihrer Türe vorfand. Die Männer schritten ihre Felder in der Hoffnung ab, reicher Fruchtbarkeit gewiß sein zu dürfen. Es waren sogar rituelle Liebesakte auf dem Acker verbreitet, um der Ernte auf die Sprünge zu helfen. Bis heute ist es in vielen Dörfern Brauch, daß sich Mädchen und junge Frauen aus frischen Feldblumen Kränze flechten und ins Haar stecken.

Das Walpurgisfest ist damit weitaus mehr als eine dämonische Huldigung des Harz-Tourismus. Es lohnt sich vielmehr, darüber nachzudenken, wie wir durch eine Orientierung an den Prinzipien der Natur unser eigenes Dasein bereichern können.


Quelle: Deutsche Stimme

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