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21. Dezember 2004

Ein Fest im Wandel der Zeit:
Von der Volksweihnacht zur Konsumweihnacht

Von Manfred Müller

"Jingle bells, jingle bells..." So werden wir in der Advents- und Weihnachtszeit auf US-amerikanische Weise angedudelt und mit viel Glitzerglanz in die Konsum-Scheinwelt gelockt. Dennoch ist Weihnachten nicht totzukriegen. Wenn wir Deutsche ein Fest im Lauf des Jahreskreises besonders schätzen, so ist es Weihnachten - was wahrscheinlich mit der deutschen Innerlichkeit zu tun hat, die von Intellektuellen so gern bespöttelt wird. Allerdings war dieses Fest gerade im 20. Jahrhundert einem Gestaltwandel unterworfen - je nach der politischen und wirtschaftlichen Situation, nach Zeitgeist und jeweiliger Gestimmtheit der Deutschen.

Gehen wir 70 Jahre zurück: 1934 finden wir ein durch "Versailles" und die Folgen der Weltwirtschaftskrise noch ziemlich verarmtes Deutschland, das sich jedoch in politischer Aufbruchstimmung befindet. Ein neues System hat sich etabliert und durch erste wirtschafts- und sozialpolitische Erfolge auch kritische Geister für sich gewonnen. Der Optimismus kehrt zurück und läßt die Kerzen am Tannenbaum wieder heller strahlen.

"Wahrer Sozialismus"

"Volksweihnacht auf der Straße", hieß die Losung der Nationalsozialisten für 1934, und das Parteiorgan "Völkischer Beobachter" schrieb: "Aus dem Weihnachtsfest der Familie ist ein Fest der ganzen Nation geworden. Die großen, mit Lichtern geschmückten Tannenbäume auf den öffentlichen Plätzen in allen Orten sind äußerer Ausdruck und Symbol dafür. Das Winterhilfswerk des deutschen Volkes ist ein erhabenes und zugleich überzeugendes Beispiel deutscher Gemeinsamkeit und christlicher Nächstenliebe. Es ist ebenso sehr praktisches Christentum... wie wahrer Sozialismus. Der Wille und die Forderung des Führers, daß niemand in diesem Winter im deutschen Land unter Hunger und Kälte leiden dürfe, wird erfüllt werden."

Im Berliner Wedding saßen entlassene KZ-Häftlinge, altgediente Kommunisten und Sozialdemokraten gemeinsam mit Nationalsozialisten und anderen Volksgenossen an langen Tischen, sangen wie aus einer Kehle die alten deutschen Weihnachtslieder und wurden beschert. Natürlich war es eine Propagandaaktion, aber ihre Signalwirkung sollte nicht spalten, sondern versöhnen.

Dem kirchlichen und familiären Brauch wurde eine volksgemeinschaftliche Komponente hinzugefügt. So hieß es über die Feier in einem schwäbischen Dorf: "Friedlich und mit frommem Herzen darf es (das deutsche Volk) sich in diesen Tagen wieder vor Christbaum und Krippe stellen. Das grausame Gespenst wirtschaftlicher Not muß den Segnungen des Winterhilfswerks weichen, das von rührendem Gemeinschafts- und Opfergeist im Volke zeugt."

Es fällt auf, daß die Nationalsozialisten zunächst noch die christlichen Traditionen des Weihnachtsfestes in ihre "Volksweihnacht" einbezogen. Säkularisierung und Entchristlichung waren 1934 längst nicht so weit fortgeschritten wie heute, und noch hatte sich die NS-Führung nicht eindeutig auf einen antikirchlichen Kurs festgelegt.

Eine besondere Kerze

Zehn Jahre später, 1944, feierte das deutsche Volk an der Front und in der Heimat eine Kriegsweihnacht in verzweifelter Lage: die schrecklichen Verwüstungen durch den alliierten Bombenterror, der Feind bereits in das Reichsgebiet eingedrungen, die Ardennenoffensive gescheitert. Inbrünstiger wurde kaum je zuvor das altvertraute "Stille Nacht, heilige Nacht" gesungen. Aber auch dort, wo das neue Lied zur Wintersonnenwende "Hohe Nacht der klaren Sterne" (in der sehr wirkungsvollen Wort- und Melodiegestaltung durch Hans Baumann) erklang, konnte noch Hoffnung aufkeimen: "...heut muß sich die Erd erneuern, wie ein junggeboren Kind". Zu den Anregungen, welche die Familien zur Gestaltung der häusichen Weihnachtsfeier erhielten, war kriegsbedingt ein neues Element hinzugekommen: das Heldengedenken. Am Weihnachtsbaum wurde für die Gefallenen der Familie und der Sippe eine besondere Kerze entzündet. Die NS-Brauchtumspfleger empfahlen, dabei aus einer Sammlung von "Lichtersprüchen" zu rezitieren. So zum Beispiel:

"Wir treten nun Schulter an Schulter zusammen / und zünden das lebensverheißende Licht. / Wir schwören es in die heiligen Flammen: / Deutschland vergißt seine Toten nicht. / Weil sie für uns lebten, weil sie für uns starben, / stehen wir heute im friedlichen Schein. / Wir wollen halten, was sie uns erwarben: / Freie Deutsche in Deutschland zu sein."

Am Tisch blieb ein symbolisch gedeckter Platz den toten Soldaten vorbehalten. Alle weihnachtliche Gestimmtheit sollte einmünden in eine erneute gewaltige Kraftanstrengung des deutschen Volkes, wofür das Kriegswinterhilfswerk mit eingängigen Parolen warb: "Für den Entscheidungskampf größte Opferbereitschaft!" Und: "Unbeugsam setzen wir alles ein für den Sieg!"

Kein festlicher Befreiungsjubel

Am Ende stand nicht der Sieg, sondern die Kapitulation - total und bedingungslos. In den ersten Nachkriegsjahren aber blieb das Weihnachtsfest patriotisch grundiert. So gut wie niemand sprach von "Befreiung". Der SPD-Politiker Carlo Schmid, damals Landesdirektor für Kultus, Erziehung und Kunst in der französischen Besatzungszone, schrieb am 23. Dezember 1945 in der "Stuttgarter Zeitung": "Das deutsche Volk wird heute das Weihnachtsfest in einer Freudlosigkeit feiern müssen, wie sie so dunkel und allgemein noch nie in der Geschichte über uns hereingebrochen ist."

Kein Jubel über die Besetzung des Landes. Statt dessen Sorge um das tägliche Brot, Sorge um die noch immer kriegsgefangenen Väter und Söhne, Sorge um die Familienangehörigen im kommunistischen Machtbereich. Besonders schmerzlich wurde die deutsche Teilung empfunden. Die Bundesbürger stellten am Weihnachtsabend brennende Kerzen auf die Fensterbank, um ihre Verbundenheit mit den mitteldeutschen Landsleuten zu bekunden. Umgekehrt bemühte sich das SED-Regime um die Gleichsetzung des Sterns von Bethlehem mit dem Roten Stern der Sowjetmacht. Weihnachten bot da wie dort Gelegenheit zu politischer Propaganda.

Zurück zum Mysterium!

Und heuer? Wieder werden Politiker und Medien das Fest instrumentalisieren. Allerdings in einer Oberflächlichkeit, wie es sie wohl noch nie gab. Die Wirtschaftskrise gebietet dringend Konsum-Anreize. In den Werbestrategien werden dazu die Bilder, Symbole, Brauchtumselemente heidnisch-germanischer und christlicher Herkunft genutzt und hemmungslos mit US-Kitsch vermischt. "Süßer die Kassen nie klingeln als zu der Weihnachtszeit!" Jene, die sich pharisäisch über den früheren Mißbrauch des Festes aufregen, werden ungeniert dem heutigen Zeitgeist Reverenz erweisen - mit Reportagen aus den Kaufhäusern. Der Weihnachtsmann als kapitalistischer Marktschreier.

Gewiß: Schon immer hat man sich zu Weihnachten beschenkt. Auch gutes Essen und Trinken zählt traditionell dazu. Doch dahinter stand immer ein tieferer Sinn: Dankbarkeit gegenüber der Schöpfungsordnung, Liebe zu den Nächsten, gemeinschaftliche Geborgenheit, Einkehr und Besinnung. Davon ist nur noch wenig zu spüren. So trivialisiert und kommerzialisiert wie heute kam das Fest noch nie daher. Und wo Sinntiefe wenigstens

"Für eine Nation ist nur das gut, was aus ihrem eigenen Kern und ihrem eigenen allgemeinen Bedürfnissen hervorgeht, ohne Nachäffung einer anderen. Alle Versuche, irgendeine ausländische Neuerung einzuführen, wozu das Bedürfnis nicht im tiefen Kern der eigenen Nation wurzelt, sind daher töricht."
--Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832)

vorgegaukelt wird, da liest sich das Weihnachtsevangelium plötzlich wie eine Multikulti-Handlungsanweisung: der Stall zu Bethlehem als erstes Asylantenheim.

Die christlichen Missionare knüpften bei der Evangelisierung Germaniens begrifflich an die heiligen Nächte nach der Wintersonnenwende an ("wihnahti"/ Weihnachten), um den "Heiden" die Nacht der Christgeburt in ihrem Rang zu verdeutlichen. Wer also Weihnachten unter Rückgriff auf die germanische Mythologie feiert, wendet sich ebenso wie ein bewußter Christ oder wie ein Anhänger schlichter Naturfrömmigkeit gegen die Sinnentleerung des Festes. Das verbindet über die Unterschiede hinweg.

Vor einigen Jahrzehnten hatte der Schriftsteller Karl Heinrich Waggerl (1897-1973) große Erfolge mit seinen vorweihnachtlichen Feiern, in denen er eigene Texte vortrug, umrahmt mit Musik aus dem Salzburger Land. Die Botschaft hieß: Weihnachten, die stillste Zeit des Jahres. Diese Suche nach Besinnlichkeit und Behaglichkeit hat wohl etwas mit dem deutschen Volkscharakter zu tun. Die Völker feiern das Weihnachtsfest, entsprechend ihrer Mentalität, in sehr unterschiedlicher Weise. So sehr die Übernahme des einen oder anderen Weihnachtsbrauches aus fremden Ländern bereichernd sein kann, so wenig entspricht es unserem Herkommen, die stillste Zeit des Jahres zur schrillsten Zeit zu machen.

Deutsches Wesen, deutsches Brauchtum ist vielfältig bedroht. Gerade auch Weihnachten zeigt, ob uns eine lebendige Aneignung des kulturellen Erbes gelingt oder ob uns wertvolle Bestände nationaler Identität abhanden gekommen sind. Die Entscheidung darüber liegt in erster Linie bei uns selbst und in der Familie.


Quelle: Nation & Europa

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