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24. August
2007
Für jede
"Opfergruppe" ein eigenes Denkmal:
Küssende
Lesben
Von Martin
Lüders
Vor Jahren höhnte der
"Spiegel": Als nach Gründung des Zweiten Reiches 1871
in Deutschland viele Denkmäler zur Erinnerung an
gewonnene Schlachten, an Fürsten, große deutsche
Denker, Musiker und Dichter errichtet wurden, habe ein
"Monumentalrausch" die Deutschen "zum Delirium" getrieben.
"Nie zuvor oder später wurden so viele und so massige
Denkmäler in die Landschaft gestellt."
Aber auch die heutige Zeit ist
solchen Denkmälern, vom "Spiegel" auch "bombastischer
Groß-Nippes" genannt, nicht abgeneigt. Zwei
umfangreiche Bände der Bundeszentrale für
politische Bildung dokumentieren die "Gedenkstätten
für die Opfer des Nationalsozialismus". So kann man
allein in Hessen ca. 400, in Nordrhein-Westfalen gar 550
zählen - die "Stolpersteine", die ein
Geschäftstüchtiger ins Pflaster
einläßt, nicht eingerechnet. Schon vor einigen
Jahren zählte der "Spiegel" in Berlin elf
NS-Großgedenkstätten - wie Plötzensee, die
Topographie des Terrors, das Haus der Wannsee-Konferenz.
Inzwischen kam im Stadtzentrum noch das
überdimensionale "Holocaust"-Denkmal dazu, von dem der
deutsch-israelische Publizist Henryk M. Broder sagt, es
setze "neue Maßstäbe für
Größenwahn, Kitsch und Idiotie".
Bereits 8000
NS-Gedenkstätten
Nicht minder wundert sich der
Soziologe Walter Grasskamp - er ist Professor für
Kunstgeschichte an der Akademie der Bildenden Künste in
München - über die deutsche Bauwut: "Die Mahnmale
für die Opfer des Nationalsozialismus dürften ein
Novum in der Geschichte sein, denn wann und wo wäre es
sonst üblich gewesen, solche Monumente der Schuld zu
errichten?" Andere Völker hielten von solch
selbstquälerischer Nabelschau nichts, befindet
Grasskamp: "Kein Mahnmal kündet in den Metropolen der
ehemaligen Kolonialherren, in Madrid oder London, Amsterdam
oder Lissabon, von den
weitab begangenen Greueltaten des Imperialismus; der
Völkermord an den Armeniern wird auf dem Territorium,
auf dem er stattfand, bis heute geleugnet; die versuchte und
beinahe erfolgreiche Ausrottung der Indianer hat Hollywood
in mehr als einem Film beschönigt, wenn nicht
gerechtfertigt. "
In Deutschland aber soll es
insgesamt bereits 8000 NS-Gedenkstätten geben. Keine
andere Ära der deutschen Nationalgeschichte gräbt
sich so nachhaltig in den öffentlichen Raum. Hinzu
kommen die sowjetischen Siegesmale, von denen es laut
Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der PDS
hierzulande über 500 gibt, die auf Steuerzahlers Kosten
mit mehr als drei Millionen Euro alljährlich
unterhalten werden.
Jetzt ist es beschlossene Sache,
daß in Berlin als Ergänzung zum
Holocaust-Stelenfeld zwei Mahnmale für Zigeuner und
Homosexuelle errichtet werden. Dazu fanden bereits
Künstler-Wettbewerbe statt. Das Geld ist
bereitgestellt. Wegen des Zigeuner-Denkmals gab es
erheblichen Ärger im Kreis der Betroffenen. Roma
behaupten, im Dritten Reich seien die Zigeuner genauso
systematisch bekämpft worden wie die Juden,
während Sinti das in Zweifel ziehen. Der Begriff
"Zigeuner" ist für Roma ein Schimpfwort - für
Sinti nicht.
Streit um
Zigeuner
Daß die Zigeuner im Dritten
Reich in gleicher Weise verfolgt wurden wie die Juden, ist
unter Wissenschaftlern heftig umstritten. Der Historiker
Prof. Dr. Eberhard Jäckel, neben Lea Rosh einer der
Initiatoren des Holocaust-Denkmals, hat am 30.6.2000 in der
FAZ dargelegt, daß im Dritten Reich zwar Zigeuner im
Rahmen der vorbeugenden Verbrechensbekämpfung unter
besonderer Aufsicht standen und daß im Krieg durchaus
Zigeuner nach Auschwitz deportiert wurden (1943 waren dort
18 737 Zigeuner registriert); doch habe man nicht
beabsichtigt, sie kollektiv zu töten. Daß nicht
wenige von ihnen im Lager umkamen, sei im wesentlichen auf
die Enge und die unhygienischen Verhältnisse im
Zigeunerlager zurückzuführen gewesen.
Wie aus der internationalen
Forschung hervorgeht, so SPD-Mann Jäckel weiter, sind
die vom Zentralrat der Sinti und Roma veröffentlichten
Opferzahlen weit überzogen. So kam der Historiker
Michael Zimmer, der in enger Verbindung mit dem Zentralrat
geforscht hat, zu dem Schluß, "mindestens 90 000"
Zigeuner seien während des Krieges in Lagern
umgekommen. Jäckel schreibt, daß SS-Chef Heinrich
Himmler reinrassige Zigeuner wegen ihrer Herkunft aus Indien
sogar als indogermanisch, also "arisch" einstufte - und nur
Zigeunermischlinge zur Deportation freigab. Nicht ins KZ
sollten reinrassige Sinti- und Lalleri-Zigeuner sowie
"sozial angepaßt lebende zigeunerische Personen". Um
solche Erkenntnisse schert sich der Zentralrat der Sinti und
Roma nicht. Er verkündet 500 000 Todesopfer. Und
für die wird nun ein Mahnmal errichtet.
Auch Homosexuelle sollen
gedenkpolitisch nicht leer ausgehen. Dazu wiederum
Jäckel: Homosexualität habe man im Dritten Reich
für eine nicht erbliche Krankheit gehalten. Bestraft
worden sei ein Homosexueller in der Regel nur dann, wenn er
mehr als vier Partner "verführt" habe und das in einem
Gerichtsverfahren nachgewiesen worden sei. Zwischen 1933 und
1945 wurden nach §175 StGB etwa 50 000 Männer vor
Gericht gestellt. Dazu Jäckel: "Es verdient jedoch
Beachtung, daß es in der Bundesrepublik, in der der
verschärfte Paragraph 175a bis zu seiner Abschaffung
1969 fortgalt, in den 12 Jahren von 1953 bis 1965
ungefähr ebenso viele waren." Nie sei im Dritten Reich
beabsichtigt gewesen, Homosexuelle unterschiedslos zu
töten.
Rosa-Winkel-Mythos
Der Berliner Schwulen-Historiker
Manfred Herzer spricht von einem "Rosa-Winkel-Mythos". Es
sei Tatsache, "daß nur eine äußerst kleine
Minderheit der Schwulen zu den Opfern des Naziregimes
gehörte, mit rosa Winkeln in den KZs gefangengehalten
wurden, daß aber die große Mehrheit unter
anderem wegen ihrer äußerst effektiven Tarnung
genau wie die anderen deutschen Männer und Frauen zu
den willigsten Untertanen und Nutznießern des
Nazistaates gehörte".
Der oberste SA-Führer Ernst
Röhm, ein Verächter bürgerlicher
Moralvorstellungen, hatte eine ganze Gruppe von
Homosexuellen um sich geschart - was in Partei und Regierung
aber erst Anstoß erregte, als Röhm 1934 die SA
für eigene Machtspiele zu instrumentalisieren trachtete
("zweite Revolution"). Ein Treppenwitz der Zeitgeschichte:
Ausgerechnet Hitlers vierschrötiger Duzfreund
könnte heute für das Schwulen-Denkmal in Berlin
Modell stehen, war er doch zusammen mit einigen anderen
SA-Führern der erste und prominenteste Homosexuelle,
der im Dritten Reich sein Leben verlor. Schwule gab (und
gibt) es in allen Parteien. In der Zeit zwischen 1933 und
1945 findet man sie bei den Opfern ebenso wie bei den
Tätern. Damit gleichen sie den Heterosexuellen - doch
für diese will man (einstweilen) kein Denkmal
errichten.
Auch der amerikanische
Schwulen-Historiker James D. Steakley warnt vor einer
"Mythologisierung" der Homosexuellen-Verfolgung im Dritten
Reich. Er selber sei zeitweilig darauf hereingefallen und
habe - mittlerweile widerlegte - Opferzahlen verbreitet.
Heute fordert Steakley, "Wahres von Unwahrem zu trennen" und
einer "Inflationierung der Zahlen" entgegenzutreten: "Wie
können wir den historischen Revisionisten den Vorwurf
machen, sie würden die Fakten verzerren oder
ignorieren, solange wir selber mit historisch nicht
haltbaren Tatsachen argumentieren?"
"Geheime"
Lesben-Verfolgung
Unbestritten ist, daß
weibliche Homosexuelle im Dritten Reich überhaupt nicht
verfolgt wurden, jedenfalls nicht als solche. Sie wollen
heute aber trotzdem ein Denkmal haben. Nachdem die von Alice
Schwarzer herausgegebene Zeitschrift "Emma" dazu einen
Propagandafeldzug gestartet hat, dem sich Berlins
Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit
anschloß, wird das Homo-Denkmal nun auch den
gleichgeschlechtlich orientierten Frauen gewidmet sein.
Begründung: Die NS-Verfolgung der Lesben sei "geheim"
vonstatten gegangen. Durch ein Fenster des Mahnmals soll man
mittels einer Endlos-Filmschleife zwei sich küssende
Männer sehen (keine SA-Führer). Diese Szene wird
alle zwei Jahre ausgetauscht durch ein sich küssendes
Frauenpaar. Darauf hat sich der "Lesben- und
Schwulenverband" mit Kulturstaatsminister Bernd Neumann
(CDU) am 4. Juni 2007 geeinigt.
Wollte man der komplexen
historischen Wahrheit Rechnung tragen, könnte man das
Denkmal auch mit einem Bild der Schriftstellerin Grete von
Urbanitzky(1891-1974) verzieren. Sie war
Vizepräsidentin des österreichischen PEN-Clubs,
Verfasserin des in einschlägigen Kreisen noch heute
gern gelesenen Lesben-Romans "Der wilde Garten" (1927) - und
eine frühe Vorkämpferin des
Nationalsozialismus.
Quelle: Nation &
Europa
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