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26. Mai 2006

Untergangsvisionen helfen den Deutschen nicht:
Aussterben? Nein danke!

Von Christa Ketelsen

Die gute Nachricht zuerst: Sollten angesichts sinkender Geburtenzahlen die Deutschen aussterben, empfänden das nach einer aktuellen Forsa-Umfrage im Auftrag des "stern" rund zwei Drittel der Bundesbürger (68 Prozent) als "sehr schlimm". Der größte Teil des deutschen Volkes verfügt demnach noch über Arterhaltungswillen. Das ist nicht unbedingt selbstverständlich, wenn man bedenkt, wie den Deutschen seit rund 60 Jahren ein nationaler Minderwertigkeitskomplex eingeimpft wird. Unablässig als Völkermörder und Kriegsschuldige denunziert, müssen sie ihr Existenzrecht unter erschwerten Bedingungen wahrnehmen.

Anlaß zur Hoffnung

Die "Vergangenheitsbewältigung" hatte immer auch eine demographische Komponente. Das vermeintliche "Tätervolk" sollte Fortpflanzungsverzicht üben - als Sühne für geschichtliche Verfehlungen, aber auch zur Vermeidung künftiger Konflikte. Professor Dr. Norbert Bolz, Alt-68er und Medienwissenschaftler an der TU Berlin, brachte es jüngst in einem "Focus"-Interview auf den Punkt:

"Ich bin mit zwei Sätzen aufgewachsen beziehungsweise sozialisiert worden: Es ist unverantwortlich, Kinder in die Welt zu setzen. Und: Nie wieder Deutschland! Ich habe linkes Bewußtsein, das für mich Sozialisationsschnittpunkt schlechthin war, nur wahrgenommen in dieser Engführung. Linkssein hieß, am Projekt der Abschaffung Deutschlands zu arbeiten. Und dieses Projekt ist tatsächlich sehr realistisch geworden."

Daß sich dennoch zwei Drittel der Deutschen zur Erhaltung ihres Volkes bekennen, zeigt, daß die 1945 begonnene Umerziehung nicht gänzlich geglückt ist und daß noch Anlaß zur Hoffnung besteht. Jeder fünfte Deutsche (20 Prozent) fände es nur "etwas schlimm", wenn sein Volk aussterben würde. Jeder zehnte sähe darin keine Probleme. Vor allem Jüngere und formal höher Gebildete haben ein unterdurchschnittliches Nationalbewußtsein. Bei den unter 30jährigen meinten aber immerhin noch 58 Prozent, es sei "sehr schlimm", wenn es irgendwann keine Deutschen mehr geben sollte. Bei den Befragten mit Abitur und Studium sehen das 17 Prozent als nicht weiter tragisch an.

Offenkundig handelt es sich um Erziehungsfolgen. Je länger die Schulzeit zurückliegt, desto stärker normalisiert sich das deutsche Selbstwertgefühl. Lebenserfahrung und Berufsalltag gleichen pädagogische Fehlprogrammierungen wenigstens teilweise aus. Schon aus früheren Umfragen weiß man, daß nationale Selbstverleugnung bei Abiturienten und Akademikern überproportional häufig auftritt. Ein Wunder ist das nicht. Zum einen muß Intelligenz von Formalbildung unterschieden werden. Zum anderen sind natürlich die geistigen Schäden dort besonders hoch, wo "Rotlicht-Bestrahlung" durch linke Lehrer länger und intensiver anhält.

Dem Zwei-Drittel-Bekenntnis zum Erhalt des deutschen Volkes scheint die Tatsache zu widersprechen, daß die hiesige Geburtenrate auf dem niedrigsten Stand seit 1945 angelangt ist. Zur zahlenmäßigen Bestandserhaltung müßten durchschnittlich auf jede Frau 2,1 Kinder entfallen. Das wird - auch anderswo in Europa - schon seit Jahrzehnten nicht mehr erreicht. Deutschland liegt mit 1,36 Kindern pro Frau im unteren EU-Mittelfeld, noch vor Spanien und Italien. Die meisten Kinder bekommen irische Frauen (1,99). Es handelt sich beim deutschen Geburtendefizit also weder um eine isolierte Erscheinung, noch kann man die Schuld daran einer hedonistischen, zeugungsunfreudigen Minderheit zuweisen.

Theorie und Praxis

Große Volksteile liegen unter dem demographischen "Soll", darunter auch Mitmenschen, die den Zustand wortreich beklagen. Namhaftes Beispiel: FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher. Der zweifache Bestseller-Autor, der die allgemeine Zeugungs- und Gebärfaulheit rügt ("Das Methusalem-Komplott", 2004; "Minimum", 2006), hat selber einen 14jährigen Sohn - mehr nicht. Umgekehrt wäre es ein persönlicher Beitrag zur Problemlösung: ein Buch, mindestens zwei Kinder. Doch so einfach stellt sich das Leben nicht dar. Manchmal betreiben Kinderlose - siehe Hitler - sogar die engagierteste und effektivste Bevölkerungspolitik. Zwischen Privatem und Politischem besteht keine zwangsläufige Deckungsgleichheit.

Auch im Spektrum deutscher Patrioten ist die Großfamilie nicht der Regelfall. Alle Beschwörungen einer volkserhaltenden Fruchtbarkeit können nicht darüber hinwegtäuschen, daß das Kinderkriegen immer schon eine höchst individuelle Angelegenheit war. Ende 2005 hat die Robert-Bosch-Stiftung einen Untersuchungsbericht zum "demographischen Wandel" vorgelegt. Kernsatz: "Eine Entscheidung für eine Familie ist eine grundsätzliche Lebensentscheidung, die eher selten intellektuell oder ökonomisch, sondern eher emotional oder werteorientiert ist."

Abschreckende Elendsbilder

Pointierter: Es gibt nur wenige, die bei der Fortpflanzung an Bevölkerungsstatistiken, den Pegelstand der Rentenkasse oder an einen internationalen Zeugungswettbewerb denken. Deshalb kann das Geburtendefizit in nahezu allen westlichen Ländern auch nicht monokausal erklärt werden. Schon gar nicht allein unter materiellen Gesichtspunkten. Ausgerechnet in Staaten mit höchstem Wohlstandsniveau fehlt es an bestandserhaltender Fertilität. Schon daran ist zu erkennen, daß finanzielle und soziale Anreize nicht reichen, um Menschen zur Fortpflanzung zu animieren.

Viel zu häufig wird Familienpolitik zuvörderst in Euro und Cent buchstabiert - und damit die Fehlentwicklung paradoxerweise begünstigt. Wenn junge Paare immer wieder hören und lesen müssen, sie kämen durch Kinder ins materielle Elend, zumindest aber auf die gesellschaftliche Verliererseite, dann darf man sich über die allgemeine Zeugungsunlust nicht wundern. Über familiäres Glück und die Lebensfreude, die mit eigenem Nachwuchs verbunden ist, wird kaum noch berichtet. Ein fataler Fehler. Denn Kinderwunsch und Familiengründung, auf Liebe basierend, sind die wohl emotionalsten aller Entscheidungen. Wer daraus ein bloßes Rechenexempel macht, verfehlt den Wesenskern.

Ökologische Katastrophe?

Überhaupt ist die herrschende Politik von oberflächlichen Reflexen und unauflösbaren Widersprüchen geprägt. 1993 versammelten sich in Delhi Biologen, Wirtschaftsexperten und Mathematiker aus 44 Ländern zu einer Konferenz über die demographische Entwicklung. Am Ende wurde die internationale Gemeinschaft in einer Resolution aufgefordert, sich noch "während der Lebensdauer unserer Kinder auf das politische Ziel eines Null-Wachstums der Bevölkerung" festzulegen. Das sei nötig, um eine "ökologische Katastrophe" zu verhindern. In China, wo staatlicherseits die Ein-Kind-Familie propagiert wird, leben 137 Menschen auf dem Quadratkilometer, in Deutschland 236. Angesichts solchen Zahlenvergleichs ist es nicht überraschend, daß der von Politikern und Medien verkündete Kampf gegen die "Überbevölkerung" auch hierzulande die Fortpflanzungsbereitschaft schwerlich anzustacheln vermochte.

Welche Bevölkerungsdichte ist optimal? Eine präzise Antwort auf diese Frage sucht man vergebens. 1840 hatte Deutschland 32,6 Millionen Einwohner, 1935 waren es 66,6 Millionen. Heute sind es 82,5 Millionen, davon allerdings mindestens zehn Prozent Ausländer. Alle offiziösen Zukunftsprognosen kranken daran, daß nicht säuberlich zwischen Einheimischen und Zuwanderern unterschieden wird.

Dies gilt nicht nur für Deutschland. Wenn beispielsweise aus Frankreich eine höhere Geburtenquote gemeldet wird, dann weiß niemand, in welchem Umfang eingewanderte Afrikaner daran beteiligt sind. Auch in Großbritannien vermeiden die politisch Verantwortlichen ethnische Zuordnungen, weil alle Menschen "gleich" seien. Entsprechend sieht die staatliche Nachwuchsförderung aus. Alle Zuschüsse und Steuererleichterungen begünstigen in erster Linie Zuwanderer. Denn diese sind meist kinderreicher als die Eingeborenen. Auch hier also ein Paradox: Je mehr den Familien zufließt, desto stärker wird die Überfremdung angeheizt.

Keinen Illusionen nachhängen!

Eine Begrenzung der Mittel auf Einheimische ist nicht möglich, weil deutsches Grundgesetz, europäische Konventionen und "westliches" Menschenrechtsverständnis eine Unterscheidung ("Diskriminierung") nach

Bindungsunlust: Kamen 1950 in Deutschland noch 11 Eheschließungen auf 1000 Einwohner, sind es derzeit knapp fünf. Zugleich stieg das durchschnittliche Heiratsalter ständig: bei Männern auf 31 Jahre, bei Frauen auf 28 Jahre und vier Monate. Aus Erfahrung gilt: Je später sich Paare binden, desto geringer die Kinderzahl. In gut der Hälfte der deutschen Familien mit Nachwuchs lebt ein Kind, und nur in jeder achten Familie leben drei oder mehr Sprößlinge. Eine Politik, die diese Zahlen ignoriert und von einem "Generationenvertrag" spricht, läuft auf Gaukelei hinaus.

Abstammung, Rasse, Heimat und Religion nicht zulassen. "Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich" (Art. 3 GG). Noch hätte Deutschland das Recht, seine Grenzen zu schließen und Ausländer zu repatriieren. Wer aber hier wohnt, ob Deutscher oder nicht, kann alles in Anspruch nehmen, was der Staat an Vergünstigungen bietet. Deshalb führt eine lediglich demographisch ausgerichtete Bevölkerungspolitik in die Irre.

Ohne den Überfremdungseffekt der Zuwanderung könnten die Deutschen einen Rückgang ihrer Kopfzahl durchaus verkraften. Nationale Wohlfahrt hängt von anderen Faktoren ab. Allerdings muß die Politik dem Altersaufbau Rechnung tragen. Er wiederum ist nicht nur von der Kinderzahl abhängig, sondern auch vom Stand der medizinischen Versorgung. Die durchschnittliche Lebenserwartung hat deutlich zugenommen - und wird weiter zunehmen. An ein "sozialverträgliches Frühableben" denkt so gut wie niemand.

Seit über 100 Jahren altert das deutsche Volk demographisch. Erst langsam, nun schneller. Kein Politiker kann glaubwürdig behaupten, von der Entwicklung überrascht worden zu sein. Warnende und mahnende Stimmen gab es zuhauf. Der sogenannte Generationenvertrag, der die Renten nach Art eines "Schneeball-Systems" im Umlageverfahren sichern soll, mißachtet die Realitäten. Er setzt eine ständig steigende Teilnehmerzahl voraus. Bloße Bestandserhaltung wäre zu wenig, weil auch der kontinuierliche Anstieg der Lebenserwartung ausgeglichen werden muß.

Kinder und Renten

Und noch etwas will bedacht sein: Kinder werden nicht automatisch zu Beitragszahlern. Wer arbeitslos bleibt, auswandert oder sich hierzulande aus freier Entscheidung in der sozialen Hängematte ausruht, trägt nichts oder wenig zur deutschen Rentenversicherung bei. Die Gleichung "viele Kinder = viele Beiträge" gerät unter den heutigen Verhältnissen zur Milchmädchenrechnung. Allein 2004 sind mehr als 150 000 Deutsche ausgewandert; im selben Jahr gab es 706 000 Geburten. Die Relation macht deutlich, daß wir es hier keineswegs mit einem unbeachtlichen Phänomen zu tun haben.

Würde man unter solchen Umständen die Rentenhöhe beispielsweise mit der Kinderzahl verknüpfen, müßte gerechterweise untersucht werden, ob und in welchem Umfang jene Kinder an der hiesigen Wertschöpfung teilhaben. Das kann bei einem fleißigen Einzelkind mit hohen Beitragsleistungen stärker zu Buche schlagen als bei einer weniger produktiven Geschwistergruppe, die dem Staat und seinen Sozialsystemen lebenslang auf der Tasche liegt.

Kurzum: Es müßte differenzierter und lebensnäher diskutiert werden, als es in den letzten Jahren der Fall war.

Ein absolutes Unding ist es, über Bevölkerungs- und Versorgungsentwicklung zu sprechen, ohne das Hauptproblem ins Auge zu fassen: die Massenarbeitslosigkeit. Renten-Professor Bert Rürup hat schon 1993 geschrieben: "Die Wiedererlangung der Vollbeschäftigung bleibt in mittelfristiger Perspektive die zentrale politische Herausforderung." Heute, 13 Jahre später, sieht die Lage auf dem Arbeitsmarkt noch düsterer aus. Die Politiker sprechen aber ungern über ihr wirtschaftspolitisches Versagen. Weitaus bequemer ist es, sich auf demographische Prozesse hinauszureden, so als seien die Deutschen an der Rentenmisere selber schuld. Es wäre jedoch Aufgabe der Politik gewesen, vor Kriseneintritt gegenzusteuern. Eine Erwerbslosigkeit, die Millionen von Menschen an sozialer Vorsorge dauerhaft hindert, ließe sich auch durch vermehrtes Kinderkriegen nicht ausgleichen. Schon jetzt fehlen Arbeitsplätze massenhaft, und die Erhöhung des Renteneintrittsalters auf 67 blockiert den Generationenwechsel noch stärker.

Die Systeme neu tarieren!

Eine rasche Trendumkehr ist auszuschließen. Bevölkerungsentwicklungen vollziehen sich schneckenhaft langsam und sind allenfalls auf sehr lange Sicht zu beeinflussen. Gemessen am Lebenshorizont einzelner Generationen, ist die Volksalterung ein unumkehrbarer Vorgang. So sind die Rentner des Jahres 2050 bereits geboren, ihre Zahl steht mehr oder minder fest. Auch frühere Geburtenjahrgänge lassen sich nicht rückwirkend auf- oder abstocken. Von daher ist es unsinnig, noch länger über "verschüttete Milch" zu klagen. Vielmehr muß sichergestellt werden, daß sich die Deutschen auch unter den veränderten Gegebenheiten erfolgreich organisieren und damit späteren Generationen neue Chancen eröffnen.

"Hören wir auf mit den Horrorbildern. Schwelgen wir nicht in der Lust am Untergang", schreibt "Welt" -Chefredakteur Johann Michael Möller. "Fürs Klagen über die demographische Entwicklung ist es zu spät. Vor 30 Jahren wäre die Umkehr noch möglich gewesen. Doch jetzt läuft die Entwicklung ab wie ein Uhrwerk. Alle politischen Korrekturen können daran nichts ändern."

Leider wahr. Zur Resignation besteht dennoch kein Anlaß. Manches ist irreparabel kaputt, anderes läßt sich erneuern. Die Deutschen - das zeigt die eingangs zitierte Umfrage - wollen jedenfalls nicht aussterben. Allen Unkenrufen zum Trotz. Um so wichtiger ist es, die politischen Verhältnisse dahingehend zu ändern, daß sich der Lebenswille dieses Volkes auch gegen demographische Widrigkeiten durchsetzen kann.


Quelle: Nation & Europa

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