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6. Juni 2004

Demographische Folgen des Dreißigjährigen Krieges

Die Folgen des Dreißigjährigen Krieges für die deutsche Volksgeschichte sind oft erörtert worden. Frühere Forschung war geneigt, den Krieg für alle Schäden der Zeit und nicht nur dieser verantwortlich zu machen. Der Bevölkerungsverlust wurde, auf das Ganze gesehen, überschätzt. Der Krieg sollte einen allgemeinen Kulturverfall, eine Kreditkrise, die Verkleinbürgerlichung unseres Lebens zur Folge gehabt haben. Gustav Freytags Bilder aus der deutschen Vergangenheit sind ein Beispiel jener älteren Schilderungsart. Nach der Darstellung von B. Erdmannsdörffer, der als erster vorsichtiger zu werten begann, hat dann R. Hoeniger 1909 gegen die "Legende von der kulturvernichtenden Wirkung des Dreißigjährigen Krieges" Stellung genommen. Doch übertrieb er in anderer Weise und rechnete mit einer Bevölkerungsverminderung von nur 5 Prozent. Hoenigers Aufsatz führte zu einer erneuten Aussprache über die Kriegsfolgen. In dem Jahrhundert, das seitdem verflossen ist, ist eine beträchtliche Zahl von Einzeluntersuchungen erschienen, die einen gültigen Überblick gewinnen lassen, auch wenn für weite Gebiete noch keine ausreichenden Unterlagen zur Verfügung stehen.

Gewiß waren die unmittelbaren Kriegsverluste verhältnismäßig gering. Trotz aller Grausamkeiten sind immer nur einzelne von den Soldaten erschlagen worden, und auch in den Schlachten waren die Verluste nie allzu groß. Aber Kriegselend und Hungersnot haben den Volkskörper so geschwächt, daß die Seuchen zum gefährlichsten Feind werden konnten. Vor dem Krieg waren die Pestverluste, mochten sie noch so schwer sein, immer wieder in erstaunlich kurzer Zeit ausgeglichen. Ein gesunder Volkskörper erneuerte sich aus sich selbst. Nach dem Dreißigjährigen Krieg brauchte es Jahrzehnte, bis der Rückgang eingeholt wurde. So war die Pest gewiß die Hauptursache des Bevölkerungsverlustes, aber sie war eine unmittelbare Kriegsfolge.

Von den Kriegsereignissen und damit auch den Kriegsfolgen wurden keineswegs alle Teile des Reiches gleichmäßig betroffen. Weite Gebiete wurden nur wenige Jahre oder gar nicht in Mitleidenschaft gezogen. Trotzdem hatten nur wenige Landschaften ihre Einwohnerzahl während des Krieges, dem natürlichen Anwachsen der deutschen Volkszahl im letzten Jahrhundert entsprechend, vermehren können. Es werden vor allem die Alpenländer (Österreich, Schweiz) gewesen sein, die nach dem Krieg die meisten Neusiedler zu stellen vermochten. In Nordwestdeutschland (Niedersachsen, Westfalen) wie in Kursachsen wird sich die Volkszahl im ganzen auf dem Vorkriegsstand gehalten haben. Der natürliche Bevölkerungszuwachs eines Menschenalters fiel also selbst hier dem Kriege zum Opfer. Demgegenüber stehen die Hauptzerstörungsgebiete, in denen der Krieg nachweislich 60 bis 70 Prozent der Bevölkerung hinweggerafft hat. Mecklenburg, Pommern, Henneberg und Coburg, Hessen, die Pfalz und Württemberg, also immerhin nur verhältnismäßig kleine Gebiete, sind ihnen zuzuzählen. In der Kurmark, dem Erzstift Magdeburg, Thüringen, dem Elsaß, auch in Bayern und Franken ist vielleicht mit einem Verlust von 50 Prozent zu rechnen. Schlesien und Böhmen haben etwa 20 Prozent ihrer Einwohnerschaft eingebüßt. Vorsichtiger Wertung nach wird man also rechnen müssen, daß in diesen 30 Notjahren etwa 40 Prozent der deutschen ländlichen Bevölkerung dem Krieg und den Seuchen zum Opfer gefallen sind. In den Städten mag der Verlust nur auf 33 Prozent geschätzt werden. Höher wird er keinesfalls gewesen sein. Es ist trotzdem ein ungeheurer einmaliger Aderlaß. Durch ihn wurde das starke Anwachsen der deutschen Bevölkerung im vorangegangenen sechzehnten Jahrhundert ausgelöscht.

Das Ende des Dreißigjährigen Krieges fiel in Europa mit dem Beginn einer langen Zeit der Wachstumsstockung zusammen. Die Bevölkerung Frankreichs, Belgiens, Schwedens, Dänemarks, der Lombardei und der Schweiz ging in der Zeit von 1660 bis 1750 zurück. Entscheidend für diesen Bevölkerungsrückgang waren nicht irgendwelche Kriege, sondern allein die sinkende Geburtenrate in diesen Ländern, die doch wirtschaftlich und politisch zu den Siegern des großen Krieges gehörten. Hätte der europäische Geburtenrückgang auch das Reich ergriffen, Deutschland hätte sich niemals wieder erholen können. Es spricht für den ungeheuren Lebenswillen und noch mehr für die Lebenskraft des Volkes, daß Deutschland nach allen Leiden des Krieges eine einzigartige Geburtenfreudigkeit aufzuweisen hatte. Infolgedessen werden 1750 75 Prozent mehr Menschen in Deutschland gelebt haben als 1650. Das deutsche Volk hat also in dem Jahrhundert, in dem die Volkszahl der angrenzenden Gebiete zurückging, nicht nur die Verluste des Krieges ausgeglichen, sondern darüber hinaus einen, wenn auch geringen Zuwachs aufzuweisen.

Um die Kriegsschäden in den hauptsächlich vom Kriege betroffenen Gebieten auszugleichen, mußte jedoch zur gesteigerten Geburtenrate die Zuwanderung aus anderen deutschen Gauen hinzutreten. Das Dorf Obermossau im Odenwald, das vor dem Kriege 120 Einwohner zählte, lag von 1635 ab völlig verödet. 1653 kamen die ersten Ansiedler, Schweizer, die meist untereinander verwandt waren. Von den ersten 15 Ansiedlern waren 14 Schweizer, einer stammte aus Thüringen. Zu ihnen gesellten sich in der Folge einzelne Franken, Schlesier und Bayern, Erst 1666 findet sich ein gebürtiger Odenwälder am Ort. Im ganzen sind in den ersten 15 Jahren der Neubesiedlung 52 Zuwanderer nachweisbar. Viele blieben freilich nur kurze Zeit am Ort und zogen dann weiter. Von den 17 Familien, die das Dorf 1701 wieder zählte, und die den Grundbestand des neuen Ortes bildeten, stammten 7 aus der Schweiz, 1 aus Schlesien, 9 waren erst im letzten Jahrzehnt zugezogen; sie sind unbekannter Herkunft. Das Beispiel zeigt deutlich die Größe des fremdstämmigen Blutanteils, aber auch, wie sehr zunächst noch die Bevölkerung wechselte. Es brauchte Jahrzehnte, bis sich wieder von einer Seßhaftigkeit deutschen Bauerntums sprechen läßt.

Das Beispiel Obermossaus hat typische Bedeutung. Der Südwesten Deutschlands, Hessen, Baden, die Pfalz und das Elsaß, wurden vor allem von den protestantischen Kantonen der Schweiz, etwa Bernern und Zürichern, neubesiedelt. Die Schweiz war während des Krieges neutral geblieben und hatte damit mancherlei Vorteile gehabt. Doch die wirtschaftliche Scheinblüte zerbrach mit dem Friedensschluß. Auch im Kriegsdienst fand die junge Mannschaft keine Verwendung mehr. So war die Auswanderung das gegebene Ventil für den steten Bevölkerungsdruck in einem Land, das stets nur einer begrenzten Zahl Menschen Nahrung zu geben vermag. Allein aus dem Züricher Gebiet wanderten bis 1662 4319 Personen, etwa 5 Prozent der Bevölkerung, aus. Die Neusiedler waren vielfach Träger des wirtschaftlichen Fortschritts. Sie haben zweifellos den Volkscharakter entscheidend bestimmt. Die starke Durchsetzung mit schweizer Bauernblut hat das dinarische Element in der Oberrheinebene gestärkt, das nordische zurückgedrängt. In Mundart und Volkskunde läßt sich der schweizer Einschlag noch heute feststellen. Neben die Schweizer traten jedoch ebenso wie in Obermossau allerorten Zuwanderer, nur in geringerer Zahl, aus fast allen anderen deutschen Gauen.

Ähnlich wie am Oberrhein lagen die Verhältnisse in Schwaben und Franken, nur daß in Franken an Stelle der Schweizer die österreichischen Emigranten traten. In breiter Front siedelten sie sich vom Mittellauf der Altmühl aus bis nach Rothenburg und Nürnberg hin an. Den meisten bot die Markgrafschaft Brandenburg-Ansbach eine neue Heimat. In zahlreichen Orten waren hier in der 2. Hälfte des 17. Jahrhunderts über die Hälfte aller Männer und Frauen, die eine Ehe schlossen, Österreicher. 20 bis 50 Prozent der Kinder hatten Emigranten zu Eltern. In fast keinem Orte fehlen die Österreicher ganz. In der Grafschaft Oettingen, die 1909 nur 23.000 Einwohner zählte, sind etwa 2.500 Emigranten (mit den Angehörigen also etwa 10.000 Menschen) nachweisbar. Die meisten stammen aus den Landen ob und auch unter der Enns (heute Ober- und Niederdonau).

Die Habsburger erkannten für ihre Erblande ausdrücklich die Toleranzbestrebungen des Westfälischen Friedens nicht an und wollten lieber über eine Wüste als über Ketzer herrschen. Sie vertrieben daher auch noch nach dem Kriege zahllose Adlige, Bauern und Bürger um ihres Glaubens willen aus der Heimat. Es waren Männer, die bereit waren, für ihre Überzeugung jedes Opfer auf sich zu nehmen. Sie stellten daher in rassischer Hinsicht eine Auslese besonders entschlossener, überzeugungstreuer Menschen dar. Aus der Vermischung der alten Bauernschaft mit den Emigranten entstand eine neue Bevölkerung, die blutmäßig sehr stark von den kinderreichen Familien der Emigranten bestimmt wurde. Da in Franken bis ins letzte Jahrhundert zwischen protestantischen und katholischen Gebieten kaum geheiratet wurde, hat sich das Land in gewisser Hinsicht nach den Konfessionsgrenzen rassisch aufgespaltet. In den protestantischen Gebieten überwiegt auch hier das dinarische Element, das überdies durch die Salzburger des 18. Jahrhunderts erneut verstärkt wurde.

So wie Franken von österreichischen Emigranten wurde Sachsen von böhmischen Exilanten neu besiedelt. Von den 150.000 Menschen, die aus Böhmen um ihres Glaubens willen vertrieben wurden, fand etwa die Hälfte in dem angrenzenden Sachsen eine neue Heimat. In 382 Orten Sachsens sind sie nachweisbar. 20 Dörfer wurden von ihnen im heutigen Sachsen neu gegründet. Zahlreich kamen sie auch in die jetzt preußische Oberlausitz. Allein in dem Kreis Lauban entstanden in einem schmalen Grenzstreifen von 10 Kilometer 24 neue Dörfer und 2 neue Städte. Die Exilanten änderten hier das ganze Dorfbild. Aus geschlossenen Bauerndörfern wurden Häuslersiedlungen. Die Neusiedler warfen sich auf die Heimindustrie. Sie führten hier die Tuch- und Leinenweberei, auch die Granatschleiferei ein; die Musikinstrumentenindustrie im Vogtland geht ebenfalls auf Exilanten zurück.

Besonders gut sind wir über die Einwanderung in die Kurmark unterrichtet. Der Süden der Mark wurde fast ausschließlich von den angrenzenden sächsischen, vor allem lausitzischen Gebieten, auch von Böhmen her neu besiedelt. Ohnehin hatten die Sumpfgebiete, in die sich während der mittelalterlichen Wiederbesiedlung die wendische Vorbevölkerung zurückgezogen hatte, weniger als die deutschen Kolonistendörfer Schaden gelitten. Der Spreewald wies die geringsten Verluste auf. Der Krieg hatte hier also bereits zu einer einseitigen Schwächung des alten deutschen Bauerntums und damit zu einer Gegenauslese geführt. Durch die Neubesiedlung aus dem lausitzischen Raume wurde diese Entwicklung sicherlich noch verstärkt, auch wenn die Siedler selbst (ihre Namen zeigen es schon) ausnahmslos Deutsche waren. In der nördlichen Mark verlief die Entwicklung grundsätzlich anders. Von den 365 Bauern, die in die Priegnitz einwanderten, stammten 90 Prozent aus dem mecklenburgisch-niedersächsischen Raume, die hier zweifellos zu einer Stärkung des nordischen EIementes geführt haben. Auch in Pommern und Mecklenburg hat die Neusiedlung das nordische Bluterbe gestärkt.

Die Neusiedlung hat also zu einer weitgehenden Umschichtung der deutschen Stämme geführt, die auch starke rassische Folgen gehabt hat, wenngleich hier noch ergänzende anthropologische Untersuchungen notwendig sind. Sie hat alle deutschen Stämme in einmaliger Weise durcheinandergewürfelt, so daß das stammhafte Gefüge des deutschen Volkes durch den Krieg entscheidend geändert wurde. In den vom Kriege besonders betroffenen und deswegen besonders stark neubesiedelten Gebieten entstanden Neustämme, die sich blutmäßig von der Bevölkerung vor dem Kriege stark unterschieden. Hervorzuheben ist jedoch, daß die Zahl der ausländischen Siedler, auf das ganze gesehen, trotz Hugenotten und Wallonen, verschwindend gering ist. Der Wiederaufbau ist allein ein Werk der lebendigen Kraft des deutschen Volkes.


Quelle: Heimatschutznetzwerk Sachsen

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