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 15. Juli 2004

Mit Amerika in den Untergang?
Das "Werte"-Trugbild

Von Karl Richter

Man fragt sich, worüber man sich bei Gerhard Schröder mehr wundern soll: über seine historische Ignoranz oder seine Helotengesinnung. Für die Visite, die den Kanzler am 6. Juni zu den D-Day-Gedenkfeiern in die Normandie führte, brauchte es vermutlich beides. Historische Ignoranz, weil es schlechterdings ein Unding ist, wenn sich ein deutscher Regierungschef auf einer Jubelfeier einfindet, die nun einmal keine deutsche ist und es auch nie sein wird. Mit der gleichen Berechtigung könnte sich Schröder demnächst auch zum Oranje-Marsch nach Belfast oder am 30. August nach Ankara einladen; die Türkei feiert an diesem Datum den "Tag des Großen Sieges" im Unabhängigkeitskrieg.

Schlimmer noch als die geschichtsferne Aufdringlichkeit, mit der sich Schröder zur westalliierten Familienfeier in der Normandie zwängte, ist freilich seine vasallenhafte Anbiederung an die Sieger von 1944. Sie wurde in jahrzehntelanger Umerziehung verinnerlicht und ist unter Hobbyhistorikern wie Guido Knopp und politischen Repräsentanten der Bundesrepublik seit langem eine zentrale Denkfigur. Sie ist nichtsdestoweniger eine Lebenslüge, weil sie so tut, als seien "die Nazis" von einem anderen Stern gekommen, von denen man sich nach Belieben distanzieren kann, während man eigentlich immer schon im "westlichen Lager" stand.

Endpunkt der Geschichte?

Eine bundesdeutsche Lebenslüge und eine der hartnäckigsten dazu. Daß es sich um ein Glaubensdogma handelt, das sowohl der historischen Wahrheit wie auch der Erfahrung der Dabeigewesenen ins Gesicht schlägt, wird nicht zuletzt daran deutlich, mit welcher Inbrunst es seine Verfechter vor sich hertragen; man muß unwillkürlich an den Pawlowschen Hund und seinen berühmten Speichelflußreflex denken. Etwa, wenn der sattsam bekannte Soziologe Wolf Lepenies in der "Welt am Sonntag" die geglückte Invasion im Juni 1944 allen Ernstes als "Westdeutschlands Geburtsstunde" glorifiziert. Lepenies weiter: "Daß an diesem 6. Juni 2004 der deutsche Bundeskanzler zum ersten Mal an den Gedenkfeiern zu D-Day teilnehmen kann, ist eine Bekräftigung der Westbindung, die seit der Wiedervereinigung für das ganze Deutschland gilt."

Man hört förmlich den erhobenen Zeigefinger: die Westbindung als Entelechie, als eigentliche Bestimmung Deutschlands, Ende aller Sonderwege. Aber nichts ist verlogener. Ihre historische Bekanntschaft mit der hehren westlichen Wertegemeinschaft machten die Deutschen in zwei furchtbaren Weltkriegen, die sie nicht wollten, und in zwei Nachkriegsepochen, die mindestens ebenso schlimm waren. Diejenige nach dem Ersten Weltkrieg ging mit Hunderttausenden Hungertoten, dem Versailler Diktat und der historisch beispiellosen Demütigung eines ganzen Volkes einher, verbrämt mit der gleisnerischen Parole vom "Selbstbestimmungsrecht der Völker", die der amerikanische Präsident in die Welt setzte. Den Deutschen wurde es vorenthalten.

Noch katastrophaler die zweite Nachkriegszeit: Der ganze europäische Osten wurde von Deutschen entvölkert, zum Teil auf bestialische Weise, 12 Millionen verloren ihre Heimat, mindestens drei Millionen ihr Leben. Eine weitere Million verhungerte gleichzeitig in amerikanischen Gefangenenlagern, von der Nürnberger Justizfarce, vom Verlust eines Viertels des Staatsgebietes, vom Tod der Städte und vom Ende jedweder staatlichen Ordnung gar nicht zu reden. Wer angesichts dieses Befunds von "Befreiung" und "Westdeutschlands Geburtsstunde" sprechen mag, ist verblendet oder umnachtet. Die Deutschen, zumindest diejenigen in der späteren Bundesrepublik, haben sich nicht aus freien Stücken für den Westen entschieden. Er wurde ihnen in zwei Weltkriegen aufgezwungen und in die Köpfe gebombt, Hilfswillige und Überzeugungstäter wie Adenauer erledigten den Rest.

Sieg für Deutschland?

Zufriedene Sklaven sind bekanntlich die erbittertsten Feinde der Freiheit. Bundeskanzler Schröder gab deshalb auf der alliierten Jubelfeier im Juni 2004 Sätze wie diesen zum besten: "Der Sieg der Alliierten war kein Sieg über Deutschland, sondern ein Sieg für Deutschland." Und: "Mein Land hat den Weg zurück in den Kreis der zivilisierten Völkergemeinschaft gefunden... Es ist ein guter Tag - heute, am 6. Juni 2004, Frankreich und seinen Verbündeten dafür zu danken."

Man muß, man kann solche Phantasmagorien nicht ernst nehmen. Sie verdanken sich jahrzehntelanger Re-education und bundesdeutscher Charakterlosigkeit. Beides muß aus den Köpfen wieder heraus, wenn wir souverän werden wollen, und nur darum kann es gehen. Bis dato sind wir das Gegenteil: ferngesteuert durch eingeimpfte Komplexe und tausend internationale Abhängigkeiten, unsouverän, unfrei, verwestlicht bis zur Karikatur, das Klonschaf Dolly unter den Völkern. Auf Dauer lebensfähig ist so etwas nicht.

Der Treppenwitz der Weltgeschichte ist manchmal geradezu grotesk. Ein besonders sarkastischer liegt in der Tatsache, daß Preußen, Kernzelle des alten Reiches, 1947 per Kontrollratsgesetz von den Alliierten aufgelöst wurde, angeblich als "Träger des Militarismus und der Reaktion". Preußenkönig Friedrich der Große hatte 1740, als die USA noch nicht einmal geboren waren, die Folter in seinem Land abgeschafft. Da berührt es eigenartig, wenn im Jahre 2004 ausgerechnet die alliierten "Befreier" nach Herzenslust und vor laufender Kamera foltern, im Irak und nicht nur dort.

Verhängnisvolle Schalmeienklänge

Selten in der Geschichte ist Ausplünderung, Mißachtung der Rechte anderer, Durchsetzung der eigenen ökonomischen Interessen zynischer und verlogener betrieben worden als unter der Larve westlicher Werte. Amerikanische und englische Staatsmänner haben daraus auch selten ein Hehl gemacht. Nur der Rest der Welt, einschließlich der Deutschen, war naiv genug, auf die Schalmeienklänge von Freiheit und Demokratie hereinzufallen. Diejenigen deutschen Politiker, die den Schwindel durchschauten, lassen sich an den Fingern einer Hand abzählen. Bismarck war einer von ihnen und mußte sich zeitlebens gefallen lassen, von Liberalen und anderen Leichtgewichten als Buhmann und Eisenfresser denunziert zu werden.

Aber noch über ein Jahrhundert später und nach zwei verheerenden Niederbrüchen sitzt "der Westen" als mentales und politisches Aids-Virus tief in den Gehirnen der Deutschen. Noch immer und trotz des Gangsterstücks der Bush-Regierung im Irak halten die Bundesbürger wie Drogensüchtige an den "westlichen Werten" fest - oder was sie dafür halten. Das Verhängnisvolle ist, daß es zu den beliebtesten anglo-amerikanischen Begriffshülsen deutsche Pendants gibt; doch der Anschein einer innigen transatlantischen Wertegemeinschaft trügt. Aus historischen, geistesgeschichtlichen und selbst sprachlichen Gründen wird es niemals dasselbe sein, wenn ein Amerikaner, ein Deutscher oder ein Franzose von "Freiheit" und "Demokratie" spricht.

Um gleich bei der "Freiheit" zu bleiben: Deutsche hielten sich darauf schon viel zugute, als Amerika noch nicht einmal entdeckt war. Schon beim römischen Historiker Tacitus ist der freiheitsliebende Germane ein feststehender Topos, den der Humanismus dann gleich übernahm. Jahrhundertelang führten Deutsche mit dem Schwert und mit der Feder einen erbitterten, ja verzweifelten Krieg um die Bewahrung ihrer Freiheit. Ob Ulrich von Hutten, Luther, Herder oder Schiller - sie alle waren der Freiheit des deutschen Vaterlandes, der deutschen Seele verschworen, die durch die Jahrhunderte von immer neuen Zumutungen bedroht war.

Noch Martin Walser kann als später Fortsetzer dieser Ahnenreihe betrachtet werden. Als er 1998 in seiner Dankesrede aus Anlaß der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels Gedankenfreiheit einforderte, kritisierte er damit kaum verhohlen den omnipräsenten Gedenk- und Schuldkult in der Bundesrepublik, eine zeitgemäße Form der Seelenknechtung. Das Publikum verstand.

Der westliche Freiheitsbegriff ist ganz anders gelagert. Während im festländisch-kontinentalen Denken "Freiheit" immer auch die zwangsläufigen Einschränkungen meint - eine Folge des beschränkten Raumes und einer entwickelten Rechtstradition -, setzt der Angelsachse Freiheit als etwas Absolutes. Der westliche Freiheitsbegriff kennt keine Grenzen. Seit Carl Schmitt weiß man, daß darin die alte Seefahrer- und Piratenperspektive der Angelsachsen mitschwingt, die für die Erschließung ungemessener kontinentaler Räume in der Neuen Welt geradezu prädestiniert war. Beide Komponenten, die maritime Erfahrung und der Wettlauf an die Pazifikküste, führten dazu, daß "Freiheit" in der angloamerikanischen Vorstellungswelt zu einer absoluten Größe, ja zu einer irrationalen Fiktion aufschoß. Schließlich weiß jeder normalgebliebene Mensch, daß die Freiheit des einzelnen dort endet, wo die des Mitmenschen beginnt. Für Angelsachsen ist diese Einsicht nicht selbstverständlich. Anders ist der um keine Rücksichten bekümmerte Umgang, den Angloamerikaner von jeher mit anderen Erdenbewohnern pflegen, schlechterdings nicht erklärbar.

Auch mit der vielbeschworenen "Demokratie" hat das westliche Gebaren in Wahrheit nichts zu tun. Hinter der propagandistischen Fassade der Volksherrschaft entfaltet sich die Oligarchie (griechisch: "Herrschaft Weniger"). Die Leitung und Steuerung des Staatswesens liegt in der Hand kleiner Führungsgruppen und Funktionärsstäbe, die sich zwar gern auf das Volk berufen, dasselbe aber fürchten wie der Teufel das Weihwasser. Alles Regieren ist darauf bedacht, den Willen des Stimmbürgers über die Medien zu manipulieren und, wenn das nicht funktioniert, zu neutralisieren.

Die amerikanische Version der Oligarchie ist die Plutokratie. Nur wer reichlich Geld besitzt, hat eine Chance, überhaupt die US-Vorwahlen zu überstehen. Am Ende kann das Volk zwischen zwei oder drei Multimillionären auswählen, wobei diese meist ein und demselben Zirkel entstammen - bei Bush und Kerry heißt er "Skull & Bones", ein geheimnisumrankter Totenkopforden, der seit 1832 begabten Nachwuchs für die US-Machtelite rekrutiert. Man muß deshalb sehr genau hinhören, wenn im amerikanischen Zeitalter die "demokratische" Leimrute ausgelegt wird. In der Legitimation unterscheiden sich Millionärs- und Mullahherrschaft nur unerheblich.

"Menschenrechte" als Vorwand

Auch anderen westlichen Wertehülsen liegt Betrug zugrunde. Den sogenannten "Menschenrechten" zum Beispiel. Sie sind nichts anderes als eine freimaurerisch-aufklärerische Fiktion, die ursprünglich nicht einmal von ihren Erfindern ernstgenommen wurde. Als der Kult um die Menschenrechte im Zuge der amerikanischen Unabhängigkeit und der Französischen Revolution virulent wurde, blieben Nichtweiße dies- wie jenseits des Atlantiks davon ausgenommen. Es blieb dem massenmörderischen 20. Jahrhundert vorbehalten, die Parole selbstdefinierter Menschenrechte bis in die hintersten Winkel des Globus zu tragen und den Wahn gleich mitzuliefern, jedwede Kulturentwicklung gipfle zwangsläufig in westlichen Standards. Vertreter der islamischen oder der konfuzianischen Welt wurden über die Erfindung der "Menschenrechte" natürlich gar nicht erst befragt. Das erleichtert künftige Konflikte ganz erheblich, denn selbstverständlich werden Verletzungen der "Menschenrechte" um so häufiger sein, je dreister sich Washington und die NATO um deren Durchsetzung in Erdgegenden bemühen, die sie nicht das geringste angehen.

Im übrigen stellte sich der amerikanische Charakter schon bei der Unabhängigkeitserklärung (1776) selbst ein Bein. Die Gründungsurkunde der USA dürfte das einzige Grundgesetz auf Erden sein, das seinen Bürgern einen "Anspruch auf Glück" (pursuit of happiness) garantiert. In Formulierungen wie dieser begegnen sich Calvinismus und messianischer Auserwähltheitsdünkel, die beiden wichtigsten Fermente der angelsächsischen Seele. Gepaart mit einem irrationalen Kult um "Freiheit" und "Menschenrechte", wird sie zur handfesten Bedrohung für die Welt. Sie war nie etwas anderes.

Es ist ein Gebot des Überlebens für Deutschland und Europa, dem eigenen Wertekosmos, den eigenen Traditionen treu zu bleiben. Amerika ist ein Irrweg, der nur in den Abgrund führen kann. Es war ein US-Präsident, der 1918 mit dem Schlagwort vom "Selbstbestimmungsrecht der Völker" die Chimäre losließ und damit den Keim für dreißig Jahre Krieg in Europa legte. Es waren amerikanische Generäle und Politiker, die jenseits des Ozeans den enthemmten, jeder Rücksichtnahme entkleideten totalen Krieg neu erfanden, den Europa längst überwunden hatte. Es ist ein amerikanischer Präsident, der im Frühjahr 2003 gegen jedes Völkerrecht und wider alles bessere Wissen gegen den Irak zu Felde zog und dadurch den Mittleren Osten in ein Krisengebiet auf Jahrzehnte verwandelte. Es sind amerikanische Vorstellungen und Anmaßungen, die heute ganze Weltteile gegen den Westen aufbringen. Es kann nicht in deutschem Interesse liegen, sich ebenfalls den Haß der Entrechteten und Gedemütigten zuzuziehen. Man muß sich von den Größenwahnsinnigen in Washington lossagen, so lange noch Zeit ist.

Die Völker werden das Ausmaß der amerikanischen Bedrohung früher oder später erkennen. Die ersten Vasallenthrone wackeln bereits, und die spanischen Wähler schickten ihre Marionettenregierung vor wenigen Wochen nach Hause. Weitere werden folgen. Mit seinem Kotau in der Normandie hat sich Bundeskanzler Schröder keinen Gefallen getan.


Quelle: Nation & Europa

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