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15. Juni
2007
Wie lange noch mit
Folterern verbündet?
Zurück zum
Grundgesetz!
Von Karl Richter
Es ist eine alte historische
Erfahrungstatsache: Wenn Regierende und Regierte nicht mehr
die gleiche Sprache sprechen, ist die Zeit reif für den
Umsturz. Immer wieder, soviel lehrt die Geschichte, kam es
vor, daß Führung und Geführte in ihren
leitenden Werten auseinanderdrifteten, zunächst
unmerklich, aber irgendwann irreversibel. Am Vorabend der
Französischen Revolution feierte eine dekadente
Rokoko-Aristokratie sich selbst, während sich in den
Gassen von Paris Not und Unzufriedenheit breitmachten. Ein
Großteil des monatlichen Durchschnittseinkommens der
Stadtbevölkerung ging im wahrsten Sinne des Wortes
für das tägliche Brot drauf. In Versailles wollte
das niemand sehen. Als sich die Unzufriedenheit
schließlich Bahn brach, war es um das Ancien
Régime geschehen.
Szenenwechsel. Seit den Tagen des
Vietnamkrieges gibt es in der Bundesrepublik eine
amerika-kritische Unterströmung. Doch seitdem die
Bush-Regierung dem Rest der Welt ihren "Krieg gegen den
Terror" erklärt hat, scheint es um die jahrzehntelang
beschworene transatlantische Partnerschaft endgültig
geschehen. Fast die Hälfte der Deutschen, nämlich
48 Prozent, halten die USA derzeit für eine
größere Bedrohung als Iran. Und stattliche 77
Prozent der Bundesbürger lehnen den Afghanistan-Einsatz
deutscher "Tornados" unter amerikanischem Kommando rundweg
ab.
Verstümmelter
Rechtsstaat
Mit gutem Grund, denn Amerika hat
sich spätestens in den letzten Jahren zum
realexistierenden Terror-Regime, zur omnipräsenten
Bedrohung gemausert. Der einzige "Schurkenstaat", der die
Welt heute wirklich bedroht, bis hin zum angekündigten
Einsatz von Atomwaffen, sind die USA, daran kann es unter
normalgebliebenen Zeitgenossen doch überhaupt keinen
Zweifel geben. Der frühere "Spiegel"-Korrespondent an
den Obersten Gerichtshöfen, Rolf Lamprecht, der heute
Ehrenvorsitzender der "Justizpressekonferenz Karlsruhe"
(JPK) ist, brachte es kürzlich in der
"Süddeutschen Zeitung" auf den Punkt:
"Kaum zu glauben, daß nach dem
Zweiten Weltkrieg mal die Parole vom 'Hort der Freiheit' um
den Erdball ging... Bush wird als KZ-Gründer in die
Geschichtsbücher eingehen. Ihm ist es gelungen, den
(einstmals vorbildlichen) Rechtsstaat USA bis zur
Unkenntlichkeit zu verstümmeln - und in die
Nachbarschaft von Bananenrepubliken zu manövrieren.
Unter denen haben nur wenige die 'Allgemeine Erklärung
der Menschenrechte' so mißachtet wie die USA.
Folterverbot, Unschuldsvermutung, rechtliches Gehör,
Anspruch auf Verteidigung oder gar auf einen fairen
Prozeß - alle diese Essentials sind in
Guantánamo Fremdworte." (SZ, 13.4.2007)
Aber Guantánamo, wo das
US-Militär noch immer Hunderte
"Terror"-Verdächtiger festhält, die meisten von
ihnen inzwischen jahrelang und ohne ordentliches
Gerichtsverfahren, ist nur die Spitze des Eisbergs. Unter
Ausschluß der Öffentlichkeit und fundamentaler
rechtsstaatlicher Prinzipien haben die Vereinigten Staaten
in den letzten Jahren ein weltweites Verschleppungs- und
Folter-Netzwerk etabliert, vor dem niemand mehr sicher ist.
Nur für kurze Zeit schafften es schlimme Details in die
Schlagzeilen, weil auch deutsche Staatsbürger und in
Deutschland lebende "Verdächtige" wie der Türke
Murad Kurnaz in die Fänge der CIA-Häscher
gerieten. In Osteuropa, in Afghanistan, in einem Dutzend
Länder im Nahen Osten, die die offiziöse
amerikanische Außenpolitik ansonsten nur mit spitzen
Fingern anfaßt - überall unterhalten
US-Geheimdienste Folterlager und Geheimgefängnisse, die
fatal an das GULAG-System in der kommunistischen Sowjetunion
erinnern. Seitdem den Vereinigten Staaten die weltpolitische
Konkurrenz abhanden gekommen ist, gibt es für das Land
der unbegrenzten Möglichkeiten kein Halten mehr.
Schon vor anderthalb Jahren
veröffentlichte das Center for Law and Security der New
York University eine Untersuchung darüber, wie es nach
dem 11. September 2001 zur De-facto-Legalisierung der Folter
in amerikanischen Militärgefängnissen kam. Die
Studie wird seither regelmäßig aktualisiert und
trägt den handlichen Titel "The Torture Papers" - die
Folterakten. Das ist nicht übertrieben, denn erst im
Februar dieses Jahres ließ sich US-Präsident Bush
vom Kongreß eine Reihe von Sonderrechten
bestätigen, die einem Rückfall ins Mittelalter
gleichkommen. Amerikanisches "Recht" sieht demzufolge unter
anderem vor, unter der Tortur erpreßte Aussagen
für gerichtsverwertbar zu erklären - eine Praxis,
die in Preußen im Jahre 1740, mit dem Amtsantritt
Friedrichs des Großen, außer Kraft gesetzt
wurde.
Weltweites Terror-Imperium
Der US-Publizist Stephen Grey,
dessen Buch über das "Schattenreich der CIA" letztes
Jahr in deutscher Übersetzung erschien, hat grausige
Details aus Bushs weltweitem Terror-Imperium
zusammengetragen; es offenbare "unheimliche Parallelen
zwischen dem, was die Sowjetunion schuf, und dem, was wir im
Westen derzeit aufbauen". Mindestens 20 jederzeit
einsatzbereite Flugzeuge stünden bereit, um Gefangene
rund um den Globus zu transportieren. Tausende, vermutet
Grey, sind in den letzten Jahren in Folterkellern im Nahen
Osten verschwunden, wo einheimische Militärs und
Geheimdienste
die von der CIA Verschleppten oft monatelang foltern. Ein
Gefangener, der nach Marokko überstellt wurde,
berichtete Grey: "Zuerst vergewaltigen sie dich, dann
bringen sie eine Flasche, schlagen ihr den Hals ab, und du
mußt dich darauf setzen."
Nota bene: Bei solchen Details
handelt es sich nicht um amerika-feindliche
Propagandalügen. Juristen, Menschenrechtler und
Journalisten haben vielmehr Hunderte von Fällen
dokumentiert - Stoff genug für saftige Anklagen gegen
die Verantwortlichen, allen voran den amerikanischen
Präsidenten und seinen - inzwischen
zurückgetretenen - Verteidigungsminister Donald
Rumsfeld. Letzterer soll die Mißhandlungen von
Häftlingen in US-Militärgefängnissen
persönlich genehmigt haben.
Die Bundesregierung tut unterdessen
so, als lebte sie auf einem anderen Stern. Eines der
prominentesten Opfer amerikanischer Folterknechte
heißt Murat Kurnaz. Der in Bremen lebende Türke
war als "Terror"-Verdächtiger in die Fänge der CIA
geraten, nach Guantánamo gebracht und dort
viereinhalb Jahre lang mißhandelt worden. Die damalige
rot-grüne Bundesregierung soll es unterlassen haben,
Kurnaz aus seiner barbarischen Haft zu befreien;
möglicherweise sollen Informationen deutscher und
europäischer Behörden sogar maßgeblich zum
jahrelangen Leidensweg des Bremer Türken beigetragen
haben, weil sich die US-Schergen auf sie stützten.
Was Kurnaz selbst zu Protokoll gab,
ist erschütternd und bestätigt die Aussagen
zahlloser anderer Guantánamo-Opfer. Nur: Politische
Konsequenzen wird es nicht haben. Und daß die
Zustände in den amerikanischen Folterlagern
himmelschreiend und ein Hohn auf alle rechtsstaatlichen
Standards sind, darüber spricht in Berlin auch niemand,
zumindest nicht laut. Denn: Der routinemäßige
Informationsaustausch zwischen Europäern und
Amerikanern, der CIA-Opfern wie Kurnaz möglicherweise
zum Verhängnis geworden ist, gehört seit Jahren
zur selbstverständlichen transatlantischen Routine.
Will sagen: Europäische Behörden wie der BND sind
seit langem stillschweigend in die verbrecherische Praxis
der US-Justiz verstrickt, stützen sie und leisten
handfeste Zuarbeit.
Illegale
Bundeswehr-Einsätze
Eine transatlantische
Verbrecher-Allianz? Zumindest eine Allianz der
stillschweigenden Mitwisser, was schlimm genug ist. Und was
erklärt, warum sich etwa die Empörung über
die CIA-Folterflüge in Europa, die vor Jahresfrist
für Wirbel sorgten, so rasch wieder legte: weil das,
was die Recherchen über die Machenschaften
amerikanischer Entführungskommandos mitten in Europa
zutage förderten, für keine europäische
Regierung eine Überraschung war. Hierzulande etwa
unterhielt das FBI monatelang eigene Büros in der
Wiesbadener BKA-Zentrale, Tür an Tür mit den
deutschen Kollegen. Angesichts solcher logistischer Details
kann niemand ernsthaft behaupten, die Bundesregierung habe
von nichts gewußt.
Doch das Berliner Regierungskartell
läßt sich nicht irremachen. Im Gegenteil.
Geradezu hysterisch halten Merkel, Schäuble, Steinmeier
und Co. am transatlantischen Bündnis fest. Fast
drängt sich der Eindruck auf, als solle nichts
unversucht gelassen werden, um auch die Deutschen endlich an
der Seite des großen US-Bruders ins Fadenkreuz des
"Terrors" zu bugsieren. Reichte es schon nicht hin, die
Bundesmarine vor die libanesische Küste und ans Horn
von Afrika zu schicken, so sollen es jetzt die "Tornados" in
Afghanistan richten. Und siehe da: Prompt meldete sich der
afghanische Widerstand mit markigen Video-Botschaften zu
Wort. Die Deutschen (und pikanterweise auch die
Österreicher), erklärten dort unfreundliche
Rauschebärte mit fehlerfreien deutschen Untertiteln,
sollten schleunigst wieder abziehen. Denn welches Interesse
könne Berlin an der Afghanistan-Mission haben?
Politik und Justiz im
Widerstreit
Ja, welches? Dabei liegen die Dinge,
nimmt man es genau und das Grundgesetz beim Wort, viel
schlimmer: Nicht nur haben deutsche
Aufklärungs-"Tornados", die am Hindukusch mit ihren
Kameras Zielaufklärung für die US-Truppen leisten,
in Afghanistan nichts verloren. Ihr Einsatz dort ist
schlicht und einfach grundgesetzwidrig. Und nicht nur in
Afghanistan, sondern auch überall sonst, wo sich
Bundeswehrsoldaten als fragwürdige Hilfswillige der
UNO, der NATO oder der USA prostituieren. Nach wie vor sieht
das Grundgesetz Aufstellung und Einsatz deutscher
Streitkräfte nur zu Zwecken der Heimatverteidigung vor,
nachzulesen in Artikel 87a GG.
Aber: Während die
Bundesregierung - die jetzige nicht minder als die
rot-grüne Vorgängerregierung, die sich 1999 am
völkerrechtswidrigen Bombardement Jugoslawiens
beteiligte - diese Tatsache chronisch ausblendet, ist sie
der deutschen Justiz durchaus bewußt. Schon vor zwei
Jahren entschied das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig,
daß jeder Soldat jederzeit Zweifel an seinem Einsatz
anmelden und einen Befehl ablehnen könne; das
Grundrecht der Gewissensfreiheit sei höher zu bewerten
als die Funktionsfähigkeit der Bundeswehr. Ein Major
hatte im Jahr 2003 aus seiner Gegnerschaft zum Irak-Krieg
die Konsequenzen gezogen, den Befehl verweigert und damit
das Urteil des Leipziger Höchstgerichts
herbeigeführt. Ein zweiter Fall ging vor wenigen Wochen
durch die Presse, als ein Oberstleutnant ebenfalls den
Befehl verweigerte - wegen des "Tornado"-Einsatzes in
Afghanistan.
Anders ausgedrückt: Die Justiz
ist in ihrer Beurteilung der juristischen und
völkerrechtlichen Situation Deutschlands längst
viel weiter als die Politik. Aber auch in der Politik gilt
das Gesetz der Masseträgheit: Ein Impuls muß erst
hinreichend lange wirksam sein, damit es nach und nach zur
Änderung der Bewegungsrichtung kommt.
Was die politische Kaste der
Bundesrepublik betrifft, so hat sie im Kokon ihrer leitenden
Werte womöglich längst
jedes
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"Wir hatten den klaren
Auftrag, unbewaffnete irakische Zivilisten auf der
Straße, in ihren Autos und in ihren
Häusern aufzugreifen. Wir mußten alle
Männer, die größer als 1,52 Meter
waren, festnehmen und in ein Gefangenenlager
bringen. Wir haben auch häufig aus den
Häusern der Iraker gestohlen. Einige
Männer meiner Kompanie haben Zivilisten
gequält und erschossen, obwohl diese Leute
keinerlei Bedrohung für uns darstellten. Ich
kann heute gut verstehen, daß uns die Iraker
als Terroristen in ihrem eigenen Land
betrachten."
--US-Obergefreiter
Joshua Key im Interview des "Focus" (Nr.19/2007)
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Gespür verloren: für das, was Recht ist, und
für den Willen der Bevölkerung ohnedies. Berlin
gleicht einem Raumschiff ohne Bodenhaftung und
Realitätssinn. Während die Menschen von den
allgegenwärtigen Zumutungen des Sozialraubs gebeutelt
werden und allen Grund haben, sich um ihre und die Zukunft
ihrer Kinder Sorgen zu machen, betreibt die Merkel-Regierung
Weltpolitik - oder das, was sie dafür hält.
Längst ist die bundesdeutsche Satrapie bis zur
Bewegungsunfähigkeit und zur faktischen
Entmündigung eingesponnen in die tausend Netzwerke der
globalisierten Welt - und insbesondere ins global politische
Spiel der USA. Ein Irrsinnskurs.
Irrsinnig - weil die Politik der
Bundesregierung und ihr juristisches Fundament nicht mehr
zusammenstimmen. Deutsche Gerichte erklären etwas
anderes für Recht, als was die Merkel-Regierung
tagtäglich praktiziert. Diese absurde Situation
läßt nur zwei Schlußfolgerungen zu:
Entweder agiert die Bundesregierung mit ihrer fortgesetzten
Mißachtung deutscher Höchstgerichte längst
im rechtsfreien Raum - oder aber die deutsche Justiz ist ein
zahnloser Papiertiger, um dessen Brüllen sich niemand
zu kümmern braucht. Beides ist verheerend.
Auf Dauer kann diese Schizophrenie
nicht gutgehen. Ein Gemeinwesen, dessen Gerichte in
zentralen Fragen anders entscheiden als die tonangebende
politische Gewalt, ist morsch, ein Unding, ein Widerspruch
in sich. Und bestenfalls ein Zwischenzustand - bis entweder
die Politik wieder auf den Boden des Rechtsstaates
zurückgeführt oder aber die Justiz wieder in ihre
Autorität eingesetzt wird.
Im übrigen agieren die Berliner
Altparteien ja nicht nur auf dem Feld der Außenpolitik
längst am Rechtsstaat vorbei. Seitdem etwa das
Versammlungsrecht im Zuge der Föderalismusreform
Ländersache geworden ist, versuchen sich einige
Bundesländer an einer "Reform", die unerwünschte
politische Konkurrenz - wie beispielsweise die NPD, die im
Sächsischen Landtag eine gewählte Fraktion stellt
- mit nachgerade mittelalterlichen Methoden zu knebeln und
vom politischen Prozeß fernzuhalten trachtet. Auch der
ganze Komplex der Anti-Terror-Gesetzgebung steht auf
tönernen Füßen, was seine
Rechtskonformität angeht.
Die Lehre von 1989
Ewig, wie gesagt, wird das nicht
gutgehen. Entweder weil die Berliner Politik derart
verheerende Folgen nach sich zieht - zum Beispiel
Terroranschläge auf deutsche Städte -, daß
sie ihren Urhebern beizeiten um die Ohren fliegt. Oder weil
sich die Bundesrepublik im Zuge einer längst
überfälligen Generalerneuerung wieder zum
Rechtsstaat wandelt und dabei alles stoppt, was im
Widerspruch zum Grundgesetz steht: die Auslandseinsätze
der Bundeswehr, die NATO-Mitgliedschaft, die
transatlantische Partnerschaft mit dem Folter-Regime in
Washington. Eine Utopie? Nicht unbedingt. Geschichte lebt
davon, daß sie sich nicht an Statistiken und
Wahrscheinlichkeiten hält. Auch von der deutschen
Wiedervereinigung wollte noch im Oktober 1989 niemand etwas
wissen - am allerwenigsten das etablierte Parteienkartell.
Ein Menetekel, ein Modell für künftige seismische
Veränderungen. Umwälzungen in Deutschland laufen
immer ganz anders ab als andernorts. Es ist bald wieder
soweit.
Quelle: Nation &
Europa
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