|
16. Mai
2008
Zieht Deutschland
für Israel in den Krieg?
Falsch zitiert
Von Ulf Köster
Nahezu sämtliche Medien der
westlichen Welt unterstellen dem iranischen Präsidenten
Mahmud Ahmadinedschad, er habe Israel die Vernichtung
angedroht. Dabei wird Bezug genommen auf eine Rede, die
Ahmadinedschad am 26. Oktober 2005 auf einer Konferenz zum
Thema "Die Welt ohne Zionismus" hielt. In den
Übersetzungen westlicher Nachrichtenagenturen lautete
die Kernaussage: Israel von der Landkarte radieren (AFP),
Israel von der Landkarte tilgen (AP, Reuters), Israel
ausrotten (DPA).
Darauf nahm indirekt auch
Bundeskanzlerin Angela Merkel Bezug, als sie am 18.
März 2008 im israelischen Parlament (Knesset)
erklärte: "Besonderen Anlaß zur Sorge geben ohne
Zweifel die Drohungen, die der iranische Präsident
gegen Israel und das jüdische Volk richtet." Hier
wurden die angeblichen Drohungen gegen Israel gleich auf das
gesamte jüdische Volk ausgedehnt.
Regimewechsel statt
Volksvernichtung
Die deutsch-persische
Islamwissenschaftlerin Dr. Katajun Amirpur hat nun darauf
hingewiesen, daß Ahmadinedschad das ihm Unterstellte
nie gesagt hat. Die Originalaussage lautet: "In rezhim-e
eshghalgar bayad az safhe-ye ruzgar mahv shavad." Ins
Deutsche übersetzt: "Dieses Besatzungsregime muß
von den Seiten der Geschichte (Zeiten) verschwinden." Oder,
weniger blumig ausgedrückt: "Das Besatzerregime
muß Geschichte werden."
Zudem habe der iranische
Präsident mit diesem Satz lediglich den toten
Religionsführer Ayatollah Chomeini zitiert - mit der
Erläuterung, daß das israelische Besatzungsregime
in Jerusalem ("Qods" - die Heilige) ebenso verschwinden
müsse wie
1979 das Schah-Regime in Persien. Laut Amirpur wird durch
Text und Kontext deutlich, "daß Ahmadinedschad nicht
die Auslöschung Israels forderte oder die Vernichtung
des jüdischen Volkes, sondern einen Regimewechsel".
Die deutsch-persische
Wissenschaftlerin, die der Regierung in Teheran
ausgesprochen kritisch gegenübersteht, legt Wert auf
den Hinweis, daß sie Ahmadinedschad keineswegs
verteidigen wolle. Es gehe ihr aber um journalistische
Redlichkeit. "Dazu gehört, auch politische Gegner
korrekt zu zitieren." Im übrigen habe der englische
"Guardian" bereits am 2. Juni 2006 den iranischen
Präsidenten gegen das Falschzitat in Schutz genommen:
"Er sprach keine militärische Drohung aus. Er forderte
ein Ende der Besatzung Jerusalems, irgendwann in der
Zukunft."
Tatsächlich ist der Status von
Jerusalem heftig umstritten. Israel beansprucht auch den
arabischen Ostteil der Heiligen Stadt und hält diesen
seit 1967 besetzt. Mit Resolution 478 verurteilte der
UN-Sicherheitsrat im August 1980 die Annexion. Dieser
Beschluß gilt bis heute und sorgt dafür,
daß die Staaten ihre Botschaften nicht in Jerusalem,
sondern in Tel Aviv unterhalten. Über die
völkerrechtlich abgesicherte Zukunft der Stadt soll in
den israelisch-palästinensischen
Friedensgesprächen entschieden werden.
UN-konforme Stellungnahme
Wenn also Ahmadinedschad die
Beendigung des Besatzungsregimes fordert, liegt er damit auf
Linie der Völkergemeinschaft und unterscheidet sich
höchstens im deutlichen Ton von der internationalen
Rechtsauffassung. Was Merkel scharfmacherisch als "Drohung"
bezeichnet, ist in Wirklichkeit eine politische
Stellungnahme, die man ablehnen oder befürworten kann.
Sie fällt zumindest unter die Meinungsfreiheit und hat
dabei den Vorzug, sich mit UN-Resolution 478 zu decken.
Allerdings treten die USA und ihre Verbündeten
gegenüber Israel so leisetreterisch auf, daß der
iranische Präsident mit seinen Äußerungen
selbst bei richtiger Zitierung wie ein rhetorischer
Störenfried wirkt.
Ausgesprochen gefährlich ist
es, das falsche Präsidenten-Zitat mit der Atomfrage zu
verbinden, wie es Merkel jetzt vor der Knesset tat: "Seine
(Ahmadinedschads) wiederholten Schmähungen und das
iranische Nuklearprogramm sind eine Gefahr für Frieden
und Sicherheit. Wenn der Iran in den Besitz der Atombombe
käme, dann hätte das verheerende Folgen - zuerst
und vor allem für die Sicherheit und Existenz Israels,
dann für die gesamte Region und schließlich -
weit darüber hinaus - für alle in Europa und der
Welt, für alle, denen die Werte Freiheit, Demokratie
und Menschenwürde etwas bedeuten. Das muß
verhindert werden."
Deutsche auf Israel
verpflichtet?
Offenbar soll das falsche Zitat dazu
herhalten, einen amerikanischen oder israelischen
Angriffskrieg gegen den Iran zu rechtfertigen, und zwar mit
deutscher Beteiligung. Merkel: "Jede Bundesregierung und
jeder Bundeskanzler vor mir waren der besonderen
historischen Verantwortung Deutschlands für die
Sicherheit Israels verpflichtet. Diese historische
Verantwortung Deutschlands ist Teil der Staatsräson
meines Landes. Das heißt, die Sicherheit Israels ist
für mich als deutsche Bundeskanzlerin niemals
verhandelbar - und wenn das so ist, dann dürfen das in
der Stunde der Bewährung keine leeren Worte bleiben."
Dies liest sich wie jene
Garantieerklärung, mit der England 1939 Polen dazu
ermunterte, den friedlichen Ausgleich mit Deutschland zu
verweigern. Die Folge war der Zweite Weltkrieg. Daß
Merkel Demokratie und Menschenwürde in einem Atemzug
mit deutscher "Staatsräson" nennt, ist von besonderer
Pikanterie. Denn "Staatsräson" entstammt
vordemokratischer Zeit, als man in Regierungskreisen der
machiavellistischen Meinung war, daß die (von den
Herrschenden definierten) Staatsinteressen notfalls gegen
Recht und Gesetz durchgezogen werden müssen. Auch
moralische Bedenken seien dabei zurückzustellen. Eine
Staatsräson, die den Interessen eines anderen Landes
gilt, übertrifft freilich alle bisherigen politischen
Verirrungen.
Gegen den Mehrheitswillen
52 Prozent der Deutschen, so
jüngste Umfragen, lehnen die Vorstellung von einer
besonderen Verantwortung für Israel ab. Merkel befindet
sich also im Widerspruch zu ihrem Wahlvolk. Das scheint sie
aber nicht zu stören. Vor der Knesset fragte sie: "Wie
gehen wir damit um, wenn in Umfragen eine deutliche Mehrheit
der Befragten in Europa sagt, die größere
Bedrohung für die Welt gehe von Israel aus und nicht
etwa vom Iran?" Merkels Antwort: Man dürfe in diesem
Punkt vor der öffentlichen Meinung "nicht
zurückschrecken" - "wie unbequem es auch sein mag".
Staatsräson gegen Volkswillen: eine Herrschaftsform,
die mit Demokratie nichts zu tun hat. Daß dabei mit
gefälschten Zitaten gearbeitet wird, paßt ins
Bild.
Quelle: Nation &
Europa
|