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11. Januar 2008

Wiedergutmachung bis zum Jüngsten Tag?
"Israel braucht Geld"

Von Detlev Rose

Eine "unendliche Geschichte" nennt Constantin Goschler das Thema "Wiedergutmachung". Der Bochumer Historiker hat 2005 in seinem Buch "Schuld und Schulden" die deutsche Sühnepolitik gegenüber NS-Verfolgten aufgearbeitet, vom Kriegsende bis zur Gründung der sogenannten "Zwangsarbeiter-Stiftung". Letztere, unter erpresserischen Umständen zustande gekommen, hat die Deutschen das bescheidene Sümmchen von zehn Milliarden D-Mark gekostet.

Nur eine Etappe in der unendlichen Geschichte, deren jüngstes Kapitel nun der israelische Rentenminister Rafi Eitan aufgeschlagen hat. Die Überschrift dieses Kapitels lautet: "Israel braucht Geld". So jedenfalls betitelte der Sender "n-tv" einen Korrespondenten-Beitrag, in dem es um neue Forderungen aus Jerusalem geht. Dem 80jährigen Minister ist dabei kein "Argument" abenteuerlich genug. In dem 1952 geschlossenen Wiedergutmachungsabkommen sei nicht berücksichtigt gewesen, daß heute die Lebenserwartung und auch der Medikamentenbedarf im hohen Alter wesentlich höher seien. Ebensowenig habe man die Einwanderung von "Holocaust-Überlebenden" in fünf- bis sechsstelliger Zahl aus der früheren Sowjetunion nach Israel vorhergesehen.

Nicht juristisch, sondern moralisch

An anderer Stelle läßt Eitan - von seinem Ausflug in das Labyrinth der Logik offenbar selbst nicht so ganz überzeugt - durchblicken, daß es einer Begründung für neue Forderungen eigentlich gar nicht bedarf: "Juristisch gesehen kann ein israelischer Überlebender den deutschen Staat nicht verklagen. Ich sehe das aber nicht juristisch, sondern moralisch. Die deutsche Regierung kann sich nicht vor ihrer Verantwortung drücken." Eitan weiß offenbar, welche Sprache auf deutschen Regierungsbänken verstanden wird. Wer sich fortlaufend zur "besonderen historischen Verantwortung" für Israel bekennt, so wie Angela Merkel kürzlich wieder bei der Entgegennahme des vom Zentralrat der Juden verliehenen Leo-Baeck-Preises, der darf dann natürlich das Portemonnaie nicht verstecken.

120 000 "Holocaust-Überlebende" soll es in Israel noch geben. Ihnen will Eitan ein Zubrot verschaffen. Als ehemaliger Mossad-Agent und Eichmann-Entführer mehr in Dreistigkeit denn in Diplomatie geübt, forderte er in einem Brief an das Bundeskanzleramt einen vollständigen Schuldenerlaß von Deutschland. Jene 500 Millionen Euro wolle er dann in einen Fonds für Holocaust-Überlebende einzahlen. Als das Bundesfinanzministerium diesem Vorschlag widersprach, antwortete Eitan: "Dann gebt uns das Geld eben so."

Nach offiziellen Angaben hat der deutsche Steuerzahler bis Ende 2006 immerhin 64,145 Milliarden Euro "Wiedergutmachung" gezahlt, davon mehr als ein Drittel in Richtung Israel. Der Löwenanteil - knapp 45 Milliarden Euro - floß im Rahmen des "Bundesentschädigungsgesetzes". 64 Milliarden Euro oder 125 Milliarden D-Mark: eine unvollständige Zahl, wie sogar das Bundesfinanzministerium einräumt: "In der Übersicht nicht berücksichtigt sind nicht bezifferbare sonstige Leistungen in Milliardenhöhe nach anderen Regelungen, wie z.B. dem Gesetz über die Behandlung der Verfolgten des Nationalsozialismus in der Sozialversicherung, dem Bundesgesetz zur Wiedergutmachung nationalsozialistischen Unrechts in der Kriegsopferversorgung und dem Allgemeinen Kriegsfolgengesetz."

Hinzuzufügen sind außerdem "private" Zahlungen wie zum Beispiel der 5-Milliarden-DM-Anteil der deutschen Wirtschaft an der sogenannten Zwangsarbeiterentschädigung. Milliarden, die als Betriebsausgaben von der Steuer abgesetzt werden konnten, also teilweise wiederum zu Staatslasten gingen. Der Rest wurde in Produkte und Dienstleistungen der beteiligten Firmen "eingepreist" - sprich: den Konsumenten aufgebürdet. Außen vor bleiben in den amtlichen Berechnungen auch milliardenschwere (und teilweise geheime) Sonderleistungen an Israel, beispielsweise Lieferungen von Panzern, Raketen und U-Booten ohne Gegenleistung - im Rahmen der "besonderen historischen Verantwortung".

Überhaupt sind die offiziellen Angaben zu den Gesamtleistungen wenig aussagekräftig, wenn nicht der Zeitwert der Zahlungen berücksichtigt wird. Eine solche Berechnung ergäbe heute leicht das Fünf- bis Zehnfache, bis hin zur Billionen-Grenze. Ursprünglich sah das Luxemburger Abkommen von 1952 eine Wiedergutmachung von rund 3,5 Milliarden Mark vor. Von Nachschlägen war nicht die Rede. Als diese dann trotzdem erfolgten, wurde jedesmal behauptet, es handele sich um eine abschließende "Restschuld": Die Zahl der "Holocaust-Opfer" sei aus biologischen Gründen stark rückläufig, so daß auch die Wiedergutmachung alsbald abgeschlossen werden könne. Ein fataler und bewußt geschürter Trugschluß.

"Kinder des Holocaust"

Jetzt kommen die Begehrlichkeiten der sogenannten "zweiten Generation" auf die Tagesordnung. Während Eitan noch für die Rentner streitet, melden bereits deren Kinder und sogar Enkel eigene Versorgungsansprüche an. Der Opferstatus wird als vererblich betrachtet. Den Nachfahren müsse deutscherseits "psychosoziale Betreuung" bezahlt werden: Ärzte, Kuren, Medikamente, Frühverrentungen. Schon haben windige Anwälte in Tel Aviv eine "Sammelklage" eingereicht.

Sind die Kinder von ihren Eltern traumatisiert worden? Seit rund 20 Jahren werden solche Fragen gestellt - und kontrovers diskutiert. Während einige Therapeuten meinen, es sei unmöglich, in einer Familie von Holocaust-Überlebenden aufzuwachsen, ohne selbst emotionale Narben abzubekommen, halten andere eine solche "Übertragung" für unwahrscheinlich. "Tatsächlich", so Natan Kellerman 2001 in einem Beitrag für das "Journal of Loss and Trauma", "wurde erst kürzlich nahegelegt, daß das Vermächtnis des Holocaust die persönlichen Lebensläufe der Nachkommen in einer positiven Weise beeinflußt hat, indem dieser bedeutsamer wird und das Mitgefühl für menschliche Leiden ansteigt." Zugunsten der Palästinenser hat sich solche Empathie freilich noch nicht bemerkbar gemacht, wie auch israelische Menschenrechtler kritisch anmerken.

Kein Gegenstand der Forschung war bisher das Wirken der "Holocaust-Industrie" auf die Psyche der Menschen. Unablässig wird die Öffentlichkeit mit Schreckensberichten, Schreckensbildern, Schreckensfilmen bombardiert. Immer mehr Erinnerungsstätten werden eingerichtet, immer mehr Anlässe gefunden, die KZ-Vergangenheit dramatisch aufleben zu lassen. Nahezu kein Tag vergeht, an dem nicht irgendwie auf Auschwitz rekurriert wird. Auch nichtjüdische Kinder und Jugendliche werden durch Schule und Medien angehalten, sich mit dem "Holocaust" intensiv auseinanderzusetzen und sich mit seinen Opfern zu identifizieren. Die Möglichkeit, daß dabei - auch ohne Einfluß der Eltern - psychische Schäden auftreten können, wird nicht einmal ansatzweise diskutiert. Nur vorsichtig wagen Betroffene über "Abstumpfung" oder den Drang zum "Wegschauen" (Martin Walser) zu sprechen. Wenn es also geistig-seelische Verarbeitungsprobleme in der zweiten oder dritten Generation gibt, dann muß gefragt werden, ob sich nicht auch die Profiteure des Schoah-Business an der Reparatur finanziell beteiligen sollten.

Zahlungen für die "zweite Generation" nicht ausgeschlossen

Doch solche Gedanken sind in Berlin tabu. Seit mehr als 50 Jahren werden Forderungen aus Israel mehr oder minder prompt erfüllt. Erst kürzlich wurde für Ghetto-Arbeiter ein 100 Millionen Euro teurer Sonderfonds eingerichtet, nachdem sich herausgestellt hatte, daß deren Ansprüche vom Gesetz nicht gedeckt sind. Und was die zweite Generation in Israel betrifft, schließt man laut "Spiegel" in Frank-Walter Steinmeiers Außenministerium nicht aus, "daß Geld für die psychosoziale Betreuung der Betroffenen gezahlt wird". Auch Rentennachschläge für die erste Generation dürften bald

"Unter den Ländern, die sich auch an die negativen Seiten der eigenen Geschichte erinnern, nimmt Deutschland einen führenden Platz ein. In keinem anderen Land sieht man Vergleichbares. Nicht in Rußland, obwohl in der Sowjetunion sogar noch mehr Menschen umgebracht wurden als im nationalsozialistischen Deutschland; nicht in den früheren Kolonialmächten, die in ihren Besitzungen meist Ausbeutungspolitik betrieben; nicht in den USA, wo die Indianer so gut wie ausgerottet wurden."
--Die "Welt am Sonntag" zur Debatte über das "Zentrum gegen Vertreibungen"

fließen. Zwar hieß es nach einem Besuch von Bundesfinanzminister Peer Steinbrück in Israel, die Bundesregierung lehne zusätzliche Finanzhilfen für Holocaust-Überlebende ab. Doch Ziv Factor, ein Teilnehmer an dem Treffen mit Steinbrück, hörte auch folgende Botschaft: Wenn die deutschen Behörden zu dem Schluß kämen, daß die Probleme im Rahmen des bestehenden Abkommens geklärt werden können, dann seien sie bereit, darüber zu sprechen, soll Steinbrück gesagt haben. Bislang liege jedoch noch keine formelle Bitte Israels an Deutschland um weitere Zahlungen für die Holocaust-Überlebenden vor. Noch deutlicher kann der Wink mit dem Zaunpfahl kaum ausfallen.

Dabei melden sich erstmals sogar in Israel selbstkritische Stimmen. So nannte die Tageszeitung "Haaretz" das Vorgehen von Minister Eitan "peinlich". Der Publizist Elijahu Salpeter sekundierte: "Es wird Zeit, daß Israel auf eigenen Füßen steht." Und sein Kollege Joram Kaniuk befand: "Wir sind ein Volk ohne Selbstachtung geworden." Sogar der Generalsekretär des Jüdischen Weltkongresses, Israel Singer, hatte im Juli 2005 in einem Interview der Zeitschrift "Cicero" auf die Frage "Haben die Deutschen genug gezahlt?" geantwortet: "Wenn das letzte Opfer gestorben ist, dann sollten auch die Ansprüche erlöschen." Freilich ist alles eine Definitionsfrage.

Die Anspruchsteller der zweiten Generation verstehen sich eben auch als Opfer der NS-Judenverfolgung, denn ohne diese wären sie von ihren Eltern nicht traumatisiert worden. Es ist der Beginn einer Kette: Die Geschädigten pflanzen sich mit ihren psychischen Schäden fort, stempeln Kinder und Kindeskinder zu Spätopfern. Wer das für absurd hält, braucht sich nur das spiegelbildliche Übertragungsmuster deutscher "Vergangenheitsbewältigung" anzuschauen: Hier wurde Täterschuld längst in eine Kollektivhaftung der Nachgeborenen umgewandelt. Dazu gehört, daß Deutsche auch in zweiter und dritter Generation zahlen - und andere in zweiter und dritter Generation kassieren. Möglicherweise noch darüber hinaus. Bis zum Jüngsten Tag.


Quelle: Nation & Europa

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