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8. September
2006
Deutschland an Israel
gekettet?
"Staatsräson"
Von Werner Baumann
Mangelt es der Bundesregierung an
Phantasie? Als vor einigen Monaten zwei deutsche Techniker
im Irak entführt wurden, kam in Berlin niemand auf die
Idee, Bagdad zu bombardieren. Man ließ sich statt
dessen auf mühsame Verhandlungen mit den Kidnappern
ein, zahlte ein Lösegeld und bekam die beiden
Männer unversehrt zurück. Ähnlich hatte man
zuvor auf die Entführung einer deutschen
Archäologin reagiert. Ganz anders Israel. Der
jüdische Staat nahm die Entführung zweier seiner
Soldaten zum Anlaß, wieder einmal den Nachbarstaat
Libanon zu überfallen. Der liegt nun in Trümmern
und beklagt den Tod von über 1200 Zivilisten, darunter
etwa 300 Kinder unter zwölf Jahren.
Es gibt keinen Zweifel an der
Unverhältnismäßigkeit und
Völkerrechtswidrigkeit der israelischen Reaktion. War
es überhaupt eine Reaktion? Tatsache ist, daß die
beiden Soldaten entführt wurden, nachdem Israel den
Wahlerfolg der Hamas in Palästina zu einer brutalen
Verschärfung seiner Repressionspolitik genutzt hatte.
Dazu zählen willkürliche
Exekutionen ohne Gerichtsurteil und meist unter Inkaufnahme
ziviler "Kollateralschäden". Mindestens 26
palästinensische Abgeordnete, darunter der
Parlamentspräsident, und acht Minister wurden von den
Israelis verschleppt und müssen froh sein, wenn sie mit
dem Leben davonkommen. Erst nach den israelischen Angriffen
auf den Südlibanon begann die Hisbollah auf breiter
Front mit Katjuscha-Raketen zu antworten.
"Niemand kann uns stoppen"
Die politischen und
militärischen Organe des jüdischen Staates
kümmern sich fast gar nicht um internationale
Konventionen, demokratische Grundsätze, humanitäre
Mindeststandards. Systematisch wurden im Libanon die
Transportwege für Hilfsgüter zerstört,
Brücken bombardiert, Städte und Dörfer von
der Umwelt abgeschnitten. Daß die Israelis über
einigen Teilen des Landes Flugblätter abwarfen, um die
Menschen zur Flucht aufzufordern, war angesichts der
Angriffe auf Straßen und Bahnlinien blanker Zynismus.
Wer es beispielsweise aus dem Süden des Libanon nach
Beirut schaffte, mußte dort ebenfalls mit
Luftangriffen rechnen.
Der libanesische
Ministerpräsident Fuad Siniora wirft Israel
"Staatsterrorismus" vor. Das interessiert seinen Kollegen
Ehud Olmert in Jerusalem ganz und gar nicht. "Wir sind ein
sehr seltsames Volk", sagte der israelische Premier in einem
Interview der "Süddeutschen Zeitung" (4.8.06). "Wir
kämpfen ohne zu zögern, unerbittlich und mit allen
Mitteln. Niemand kann uns stoppen. Wir kämpfen hart und
konsequent."
Dazu zählt auch eine
bewußt herbeigeführte Ölpest im Mittelmeer.
Um die libanesische Zivilbevölkerung von der
Stromversorgung abzuschneiden, wurden die Öltanks eines
Elektrizitätswerks in der Nähe Beiruts
bombardiert. Bis zu 30 000 Tonnen schweren Heizöls
flossen direkt ins Meer. Für die Folgenbeseitigung soll
nun die westliche Welt aufkommen. Insgesamt beträgt der
bislang aufgelaufene Kriegsschaden allein im Libanon
mindestens fünf Milliarden US-Dollar. Israel will keine
Entschädigung leisten. Um den Wiederaufbau des Libanon
haben sich hauptsächlich die Europäer zu
kümmern - nicht zuletzt die Deutschen. Das gilt ebenso
für die zwar deutlich geringfügigeren, aber auch
nicht ganz billigen Schäden, die von Hisbollah-Raketen
in Israel angerichtet wurden.
Mit deutschen Waffen und
deutschem Geld
Immer, wenn sich der jüdische
Staat ins Spiel bringt, sind auch die Deutschen dabei -
hilfswillig und unkritisch-solidarisch, als politische
Verbündete, Rüstungslieferanten und Zahlmeister.
Das entspricht zwar nicht dem in Umfragen ermittelten Wollen
des deutschen Volkes, gilt aber den politisch
Verantwortlichen hierzulande, so Angela Merkel
wörtlich, als "Staatsräson". Der Begriff geht
zurück auf den italienischen Schriftsteller Niccolo
Machiavelli (1469-1527). Er hielt den Staat für befugt,
Moral und Recht zu brechen - allerdings nur zur Sicherung
eigener Existenz.
Merkel und ihresgleichen
pervertieren die Perversion des Machiavellismus, indem sie
"Staatsräson" zugunsten eines Fremdstaates praktizieren
und von allen Bürgern einfordern. Das hat es in der
modernen Geschichte noch nicht gegeben. Es mutet den
Kundigen um so seltsamer an, wenn diese deutsch-israelische
Einzigartigkeit mit der nationalsozialistischen
Vergangenheit begründet wird. In anderen
Zusammenhängen argumentiert man genau umgekehrt: Die
Erfahrungen aus dem Dritten Reich sprächen gegen die
Befolgung einer "Staatsräson", weil sie die politische
Sphäre als Bereich jenseits von Gut und Böse jeder
ethischen Normierung entziehe. Besonders gern wird das am
20. Juli betont. Nur der sich an Recht und Moral haltende
Staat könne von seinen Bürgern (und Soldaten)
Gefolgschaft verlangen.
Solche Gedanken macht sich
Verteidigungsminister Franz Josef Jung (CDU) höchstens
beim Abfassen von Sonntagsreden. Im politischen Alltagsleben
betont er einschränkungslos: "Wir stehen an der Seite
Israels." Dazu die Frage des "Spiegels" (Nr. 30/06): "Wenn
wir Sie richtig verstehen, würden Sie die Bundeswehr
eher zur Verteidigung Israels schicken denn als
Friedenstruppe, die neutral zwischen den Konfliktparteien
steht?" Jungs Antwort: "Es bleibt dabei: Wir haben eine
geschichtliche Verpflichtung gegenüber Israel, und
deshalb stehen wir an der Seite Israels."
In gleicher Diktion ließ sich
jetzt auch Ex-Heeresinspekteur Helmut Willmann vernehmen:
"Es gibt unbestritten eine besondere historische
Verantwortung Deutschlands zu Israel. Es ist ein Stück
Staatsräson, das Existenzrecht Israels zu erhalten und
zu verteidigen."
Bundeswehr-Soldaten zur
Zielscheibe gemacht
Leider definieren Jung und Willmann
nicht, was eine geschichtliche Verpflichtung ist. Wo steht
sie geschrieben? Wer hat sie uns auferlegt? Vor allem aber:
Ist sie Recht und Moral übergeordnet? Hier
wüßte man gern mehr. Als deutscher
Verteidigungsminister hat sich Jung freilich schon jetzt
disqualifiziert. Mit seinen Äußerungen bringt er
die ihm anvertrauten Soldaten, sofern sie an der im
UN-Sicherheitsrat beschlossenen Friedensmission im Libanon
teilnehmen, in akute Lebensgefahr. Die internationale Truppe
soll neutral agieren, keineswegs als verlängerter Arm
der Israelis.
Es war eine schlecht getarnte Falle,
als Olmert in einem Interview der "Süddeutschen
Zeitung" (4.8.06) kundtat, "daß wir absolut kein
Problem haben mit deutschen Soldaten im Libanon". Zu diesem
Zeitpunkt lag das Jung-Interview in Jerusalem bereits vor.
"Wenn Deutschland zur Sicherheit des israelischen Volkes
beitragen kann, dann wäre das eine lohnende Aufgabe
für Ihr Land", will Olmert der Bundeskanzlerin gesagt
haben. Israel wäre "sehr glücklich" über eine
Beteiligung Deutschlands an der internationalen
Stabilisierungstruppe im Südlibanon. Merkel sei eine
"sehr ernsthafte und hilfreiche Freundin Israels". Solche
Komplimente sind vergiftet. Sie berauben die deutsche
Diplomatie ihrer ohnehin schon eingeschränkten
Möglichkeiten, im Nahen Osten als ehrlicher Makler
aufzutreten.
Auch die innerdeutsche Diskussion
über das deutsche Engagement im Libanon ist wenig
hilfreich. Die einen sind dafür, die anderen dagegen -
aber alle verknüpfen ihre Argumente mehr oder weniger
mit "Auschwitz". Daraus kann keine vernünftige,
zukunftsträchtige Politik erwachsen. Die sich nach
Frieden sehnenden Menschen im vorderen Orient wollen zu
ihrem ganzen Leid nicht auch noch deutsche
"Vergangenheitsbewältigung" aufgebürdet bekommen.
Ausländische Hilfe muß sich aus den
Erfordernissen der Gegenwart speisen, nicht aus irrationalen
Traumata, die in einem früheren Jahrhundert wurzeln.
Jeder Staat für sich
selber verantwortlich
Und was ist mit dem vielbeschworenen
Existenzrecht Israels? Hat es höheres Gewicht als
beispielsweise das Existenzrecht Libanons oder das
Existenzrecht der Palästinenser, denen man die
Staatlichkeit nach wie vor verweigert? Halten wir kühl
und sachlich fest: Jeder Staat ist für seine Existenz
selber verantwortlich. Ewigkeitsgarantien kennt die
Geschichte nicht. Staaten kommen und gehen, zerfallen,
gruppieren sich um, verändern ihre Gestalt oder
verschwinden ganz - manchmal durch fremde Gewalt, manchmal
durch Implosion. Europa bietet reiches und zeitnahes
Anschauungsmaterial: Es gibt keine Sowjetunion mehr, keine
Tschechoslowakei, kein Jugoslawien, keine DDR. Statt dessen
haben sich neue Staaten gebildet, darunter solche, die wie
etwa Kroatien und die Slowakei 1945 von den Siegern
ausgetilgt wurden, weil sie angeblich nur NS-Phantasmagorien
waren. Auch hier gilt die Weisheit des alten Heraklit: Panta
rhei. Alles fließt.
Ausgerechnet SWR-Intendant Peter
Voß, ein unverdächtiger Mann des bundesdeutschen
Establishments, hat kürzlich im ARD-"Presseclub" die
Existenz des jüdischen Staates in Frage gestellt: "Ich
glaube nicht, daß Israel sich dort (im
Nahen
|
"Ich schäme
mich als deutsche Jüdin...
...für die Untaten Israels.
Gezielte Tötungen, Unterdrückung und
Erniedrigung der palästinensischen
Bevölkerung, willkürliche
Landenteignungen, Zerstörung der
Infrastruktur, Sprengung von Häusern,
hemmungsloser Mauerbau, unmenschliche
Grenzschikanen und jetzt noch die Zerstörung
des Libanon, die Tötung der UN-Beobachter und
die Tötung von Zivilisten in Kana, unter ihnen
viele Kinder. Alles wie 1996 gehabt! Diese
Zivilisten hatten Zuflucht im Keller ihres Hauses
gesucht, aber nach zwei Stunden Bombardierung keine
Chance, dem Tod zu entkommen.
Israel hätte längst Frieden mit Syrien
machen können: nach Rückgabe der
Golan-Höhen. Und was ist mit den Atomwaffen
Israels? Was ist mit den UN-Resolutionen, die
jedesmal durch die USA und Israel blockiert werden?
Wo bleibt die objektive Stellungnahme der deutschen
Politik anstatt der einseitigen Beurteilung der
Lage zugunsten Israels? Kein 'falsches Wort', dann
kommen die Schelten des Zentralrats der Juden in
Deutschland und der Antisemitismus-Vorwurf gegen
jedes kritische Wort."
--Evelyn
Hecht-Galinski, Tochter des ehemaligen
Zentralratsvorsitzenden der Juden in Deutschland
Heinz Galinski (1912-1992), in der
"Süddeutschen Zeitung", 5.8.2006
|
Osten) langfristig halten kann." Und was dann, Herr
Professor Voß? "Ich glaube, wir werden die Israelis
irgendwann wieder in Europa aufnehmen." Damit bewegt sich
der SWR-Intendant auf den iranischen Präsidenten zu,
der unbefangen fragt, weshalb Israel, wenn es denn eine
Antwort auf europäische Judenverfolgungen sei,
ausgerechnet in Palästina implementiert wurde.
Ahmadinedschad wörtlich: "Wenn es den Holocaust gab,
muß Israel in Europa liegen und nicht in
Palästina."
Die Debatte über Israel wird um
so heftiger werden, je weniger der jüdische Staat
bereit ist, sich internationalem Recht zu unterwerfen. Die
aus NS-Zeiten abgeleitete Sonderrolle Israels entfaltet
außerhalb Deutschlands kaum noch
Überzeugungskraft. Wie auch? Die Tatsache früherer
Verfolgung berechtigt die Opfer und ihre Nachkommen nicht zu
einer amoralischen, rechtswidrigen Politik. Seit Jahrzehnten
aber ignoriert Israel die völkerrechtlich verbindlichen
UN-Resolutionen 242 und 338. Sie fordern die Aufgabe
sämtlicher von Israel seit 1967 besetzten Gebiete.
Genau hier und nirgendwo sonst liegt
der Schlüssel zum Frieden. Alles andere resultiert aus
Israels hartnäckiger Verweigerungshaltung. Ob Hisbollah
oder Hamas: Sie gäbe es nicht, käme der
jüdische Staat seinen völkerrechtlichen
Verpflichtungen nach. Bevor über das Existenzrecht
Israels gesprochen wird, muß geklärt sein,
welches Israel überhaupt gemeint ist. Was sich unter
seinem Namen heute der Welt präsentiert, hat mit der
ursprünglichen Idee und Gestalt etwa so viel zu tun wie
die Bundesrepublik Deutschland mit dem Großdeutschen
Reich 1942.
Ein weit hergeholter Vergleich? Wie
man's nimmt. Der israelische Oppositionsführer und
ehemalige Premier Benjamin Netanjahu vertritt Standpunkte,
wie man sie schon lange nicht mehr gehört hat. Den
zivilen Kriegsopfern des Libanons rief er jetzt ins Grab
nach: "Wenn jemand nicht geht oder weiterhin aus bewohntem
Gebiet geschossen wird, haben wir das Recht, dieses
Feindesland platt zu machen" (Interview des "Focus", 33/06).
Demnach wäre die deutsche Wehrmacht zum Plattmachen
vieler Länder und Städte befugt gewesen - weit
über jene eng begrenzten Repressalien hinaus, die den
Verantwortlichen nach 1945 zum Verhängnis wurden.
Bemerkenswert, solche Sprüche ausgerechnet von einem
führenden israelischen Politiker zu hören.
Ob man damit Unterstützer
gewinnt? Ein Leser namens Martin Whittaker aus dem
bayerischen Penzberg berichtet in der "Süddeutschen
Zeitung" (10.8.06) über seine persönlichen
Erfahrungen mit der israelischen Botschaft in Berlin: "Ich
rief an und wies freundlich, wie ich meine, darauf hin,
daß Israel sich durch Angriffe wie auf Kana keine
Freunde mache. Die Antwort war sehr kurz: 'Israel braucht
keine Freunde, tschüß!'"
Quelle: Nation &
Europa
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