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6. Juni 2008

Neuer Historikerstreit in Polen
Jede polnische Verantwortung an der Vertreibung der Deutschen wird geleugnet

Von Alexandra von Grothe-Friedrichstein

Immer wieder erstaunt das Ausmaß, mit dem von polnischer Seite die eigene Geschichte schöngeredet und häufig jede Verantwortung für das Verbrechen der Vertreibung der Deutschen brüsk zurückgewiesen wird. Aktuell findet in Polen ein mit äußerster Verve geführter Historikerstreit statt, der keineswegs nur auf akademische Kreise beschränkt bleibt, sondern die gesamte politische Landschaft erfasst hat und sowohl in den Zeitungen als auch im Parlament ausgetragen wird.

Ausgangspunkt des Streits ist die groß angelegte Quellenstudie des Warschauer Geschichtsprofessors Wlodzimierz Borodziej aus dem Jahr 2000 zur Vertreibung der Deutschen. In dieser wird, bemerkenswert genug, eine wenn auch nur ganz marginale Mitverantwortung Polens an diesem gewaltigen Verbrechen gegen die Menschlichkeit festgestellt. Marginal deshalb, weil die Hauptverantwortung selbstverständlich bei den Deutschen als Kriegsverursachern selbst liege. In zweiter Linie seien die Alliierten verantwortlich, die die Westverschiebung Polens beschlossen haben. Erst in dritter Linie und damit ganz nachrangig findet sich eine gewisse Mitverantwortung Polens. Und zwar insofern, als seine Behörden bei der praktischen Umsetzung der alliierten Beschlüsse beteiligt gewesen seien.

Frühe polnische Gebiets-Forderungen

Diese Marginalisierung der polnischen Mitverantwortung an der Vertreibung der Deutschen wird den historischen Fakten nicht gerecht. Polen war keineswegs bloßer Ausführungshelfer fremder Beschlüsse, sondern eine substanziell treibende Kraft. Bereits seit 1939 forderten die polnischen Kommunisten die Erlangung erheblicher deutscher Gebiete, und zwar ohne deren angestammte Bevölkerung. Ab Sommer 1941 verlangte auch die polnische Exilregierung in London massive Grenzkorrekturen nach dem Sieg über Deutschland. Das sollte ausdrücklich die Entfernung der deutschen Bevölkerung aus diesen Gebieten und aus dem restlichen polnischen Staatsgebiet einschließen. Entsprechende Forderungen wurden übrigens auch von der tschechoslowakischen Exilregierung in London erhoben.

Die Motive für diese Forderung waren vielfältig: Rache für erlittenes Unrecht, Entschädigung für Verluste während der Besatzungszeit sowie schlichtweg Macht- und Besitzstreben. Außerdem sollte durch die Vertreibung der Deutschen Platz zur Ansiedlung von Polen aus dichtbesiedelten anderen Staatsgebieten geschaffen werden. Doch trotz aller genannten MotivePolens heutige Ausdehnung bleibt die Vertreibung vor allem eins: Ein völkerrechtswidriges Verbrechen gegen die Menschlichkeit, ein Verbrechen an Millionen unschuldiger Menschen.

Mit seinen massiven Gebietsforderungen an Deutschland stieß Polen natürlich bei Stalin auf offene Ohren, der dadurch leichtes Spiel bei der Annektierung der polnischen Ostprovinzen der Jahre 1919/20 bis 1939 hatte. Dies umso mehr, als die heutige polnisch-russische Grenze der sog. Curzon-Linie (benannt nach dem ehemaligen britischen Außenminister Lord Curzon) ähnelt, die nach dem Ersten Weltkrieg am 8. Dezember 1919 in Paris unter Bezugnahme auf die Muttersprache der jeweiligen Mehrheitsbevölkerung als polnisch-russische Demarkationslinie vorgeschlagen worden war.

Geschichtliche Wahrheit ausgeblendet

Umso überraschender ist es, dass heute von weiten Kreisen in der polnischen Wissenschaft, Politik und Publizistik selbst eine auch nur marginale Mitverantwortung Polens an der Vertreibung, wie von Borodziej zugestanden, nunmehr unter Hinweis auf die Rolle Stalins geleugnet wird. Stalin wird - neben Deutschland natürlich - als Alleinverantwortlicher der Vertreibung dargestellt. Diese extrem nationalistische Bewegung, die die Augen vor der geschichtlichen Wahrheit verschließt, beruft sich gewissermaßen als ihren Kronzeugen ausgerechnet auf den renommierten Historiker Bogdan Musial.

Bogdan Musial hat in der Vergangenheit u.a. dadurch von sich reden gemacht, dass er die Lügen der sogenannten Wehrmachtsausstellung entlarvt hat. Diesen März erschien in deutscher Sprache sein lesenswertes Buch "Kampfplatz Deutschland: Stalins Kriegspläne gegen den Westen". Darin beschreibt er die extreme Hochrüstung und unbedingte Kriegsentschlossenheit Stalins, der einen Überfall auf Deutschland fest eingeplant hatte. Der Rheinische Merkur schreibt in seiner Rezension zu diesem Buch, die "Friedensliebe der Sowjetunion" am Vorabend des Zweiten Weltkriegs sei ein gut gepflegter Mythos, der bis in die Gegenwart nachwirke. Diesem Bild halte der deutsch-polnische Historiker Bogdan Musial eine mit Leidenschaft geschriebene Studie entgegen.

In der Tat existiert in Deutschland die weit verbreitete Ansicht, dass aus Lenins Schriften zwar bekannt sei, dass er an eine Ausbreitung der Weltrevolution mit Waffengewalt dachte. Doch die Rote Armee sei so schwach gewesen, dass sie beim Versuch, die Revolution mit militärischen Mitteln nach Westen zu transportieren, 1920 schon vor Warschau eine vernichtende Niederlage gegen polnische Truppen erlitten habe. Spätestens nach dem kläglich gescheiterten Versuch, 1923 mit Hilfe von sowjetischen Beratern in Deutschland eine Revolution anzuzetteln, habe die Idee von der Weltrevolution jede realistische Basis verloren. Die militärische Aufrüstung der Sowjetunion unter Stalin sei eher mit Potemkinschen Dörfern zu vergleichen. Qualitativ und technisch sei die Rote Armee nicht mehr als ein Papiertiger gewesen. 1941 habe es beispielsweise ganze 892 kriegstaugliche Panzer gegeben. Von echten Kriegsvorbereitungen Stalins könne daher nicht gesprochen werden.

Musial deckt Stalins Aggressionspläne auf

Demgegenüber belegt Musial durch neue Aktenfunde in den Moskauer Archiven, dass die Sowjetunion seit dem Ende der 20er-Jahre zum ideologisch bedingten Vernichtungskrieg gegen den Westen massiv aufrüstete. Im Januar 1930 entwarf der spätere Marschall Michail Tuchatschewski die Konzeption des "Vernichtungskriegs" gegen den Westen, die einen massenhaften Einsatz von Panzern (50.000), Flugzeugen (40.000) sowie den "massiven Einsatz von chemischen Kampfmitteln" vorsah. Das Ziel des Angriffskrieges war es, die kommunistische Herrschaft in Europa und der Welt mit Waffengewalt zu verbreiten. Dabei kam Deutschland in den Plänen der Bolschewiki die Schlüsselrolle für die Weltrevolution zu, u.a. wegen seines Industriepotenzials und der geopolitischen Lage im Zentrum Europas.

Ab Herbst 1930 wurden, wie Musial nachweist, die sowjetischen Streitkräfte nach dieser Konzeption tiefgreifend umstrukturiert und umgerüstet sowie massiv ausgebaut. Die Rote Armee wuchs von 631.000 Soldaten im Jahre 1930 auf 1.033.570 im Jahr 1934 an; die Zahl der Flugzeuge stieg von 1.149 auf 4.354, die der Panzer von 92 im Jahr 1928 auf 7574 im Jahr 1934. Nach 1934 setzte die UdSSR die massive Aufrüstung fort. 1939 bestand die Rote Armee aus 1.931.962 Soldaten, sie verfügte über 10.362 Flugzeuge und 21.110 Panzer.

Nach Musial war die ideologisch bedingte Expansion nicht nur eines der Hauptmerkmale, sondern das Hauptwesen des ersten kommunistischen Staates und zugleich identitätsstiftende Grundlage des internationalen Kommunismus. Den Sieg der kommunistischen Revolution in Russland betrachteten die bolschewistischen Anführer als den ersten Schritt zur Weltrevolution, und sie meinten das sehr ernst. Die heute zugänglichen Quellen aus den russischen Archiven, die teilweise veröffentlicht sind, lassen laut Musial keinen Zweifel daran zu, allerdings seien sie im Westen wenig bekannt, geschweige denn rezipiert.

Ideologische und politische Verblendung

Wie Musial weiter ausführt, ist diese Verweigerung gegenüber den historischen Fakten und Quellen zum einen durch ideologische und politische Verblendung zu erklären, zum anderen wohl durch die Angst, dies würde den deutschen Schuldanteil relativieren. Es verwundere daher nicht, dass die heutige westliche Forschung die sowjetische Propaganda von der angeblich defensiven, ja "friedliebenden" Außenpolitik der Sowjetunion weitgehend widerspiegele. Tatsache sei aber, dass ab 1930 die gesamte Wirtschaft und Gesellschaft der Sowjetunion dem einen Ziel, den massiven Vorbereitungen zum revolutionären Eroberungskrieg, untergeordnet wurde. Stalin verwandelte in den 30er-Jahren die Sowjetunion in ein gigantisches Zwangsarbeitslager, und das alles nur zu dem einen Zweck, das Land auf einen langjährigen revolutionären Eroberungskrieg vorzubereiten.

Der Pakt mit Hitler vom 24. August 1939 bedeutete für Stalin nach Musial nur ein vorübergehendes Zweckbündnis. Stalins Ziel sei es gewesen, Europa in einen Krieg zu stürzen und die westlichen Länder ausbluten zu lassen, um im geeigneten Moment anzugreifen, wie aus seinen eigenen Aussagen und denen seiner Vertrauten hervorgehe. Spätestens ab Ende 1940 habe sich Stalin nun sehr intensiv auf den Angriff auf Deutschland vorbereitet. Er ließ die Armee noch einmal grundlegend umstrukturieren, ausbauen und umrüsten. Im Frühjahr 1941 war Stalin unbestreitbar dabei, entlang der deutsch-sowjetischen Grenze die größte Invasionsarmee aller Zeiten aufzubauen, um im geeigneten Moment anzugreifen.

Kein Freibrief für Polen

Was bedeutet das für die aktuelle Diskussion um die Mitverantwortung Polens am Verbrechen der Vertreibung? Es ist absolut richtig, dass Stalin eine aggressive Expansionspolitik betrieb und in diesem Zusammenhang ein maßgeblicher Architekt der grausamen und menschenverachtenden Deportationspolitik war. Dennoch ist die Vertreibung von vielen Millionen Deutschen aus ihrer Heimat nicht allein Stalins Werk. Das zeigt sich schon daran, dass die polnischen Behörden bei der Vertreibung bekanntlich derart brutal vorgingen, dass sie nicht selten sogar von der Roten Armee in ihrem blinden Eifer gebremst wurden.

Der aktuelle Historikerstreit in Polen geht am Kernproblem vorbei. Er geht von der falschen Alternative aus, entweder eine polnische Mitverantwortung (wie groß auch immer) oder die herausragende Rolle Stalins anzuerkennen. In Wahrheit handelt es sich bei der polnischen Mitverantwortung und bei der herausragenden Rolle Stalins nicht um Gegensätze, sondern um zwei Elemente, die beide eine Rolle gespielt haben bei der Vertreibung der Deutschen. Genauso wenig, wie die Anerkennung einer Mitverantwortung Polens Stalin unschuldig macht, macht die Anerkennung der herausragenden Rolle Stalins Polen unschuldig an diesem gigantischen Verbrechen. Dies von polnischer Seite anzuerkennen ist weder "Schmach" noch "Verrat", wie es heute in Polen so laut tönt, sondern ein notwendiges Element bei der endgültigen Aufarbeitung der Vergangenheit und der echten Aussöhnung der Völker.


Quelle: National-Zeitung

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