|
24. März
2006
China verflüssigt
Kohle, Deutschland nicht:
Energie bald
unbezahlbar?
Von Michael Brückner
Jahr für Jahr wird den
Deutschen ein Wirtschaftsaufschwung versprochen. Er stehe
schon vor der Tür, heißt es ein ums andere Mal.
Warum aber tritt er nicht ein? Die Politiker nennen
dafür allerlei Gründe, hauptsächlich solche,
die man ihnen schwerlich anlasten kann - jedenfalls nicht
bei oberflächlicher Betrachtung. Ein derzeit besonders
beliebter Hinweis gilt den wachsenden Kosten des
Energie-Imports. Das können nahezu alle Deutschen an
ihrer Strom-, Gas- und Ölrechnung nachvollziehen. Auch
die Autofahrer spüren es. Benzin wurde seit dem Jahr
2003 etwa 16 Prozent teurer, Diesel 26 Prozent. Die
Deutschen, ob Unternehmer oder Privatverbraucher, haben
wegen der steigenden Energiepreise weniger Geld in der
Tasche, können nicht in dem Umfang konsumieren und
investieren, wie es ein Wirtschaftsaufschwung erfordern
würde.
Das klingt zunächst plausibel.
Bei näherer Überlegung aber stellt sich die Frage,
weshalb eigentlich die deutsche Energieversorgung auf
Importen beruht. Handelt es sich dabei um ein Naturgesetz?
Gibt es keine anderen Möglichkeiten? Wer zwingt uns,
beispielsweise Erdöl einzuführen, dessen Preis
zwischen Dezember 2003 und Dezember 2005 um 90,8 Prozent
gestiegen ist? Und welche unüberwindliche Macht hat den
Preis des Erdgases an jenen des Mineralöls gekoppelt,
obwohl das eine mit dem anderen überhaupt nichts zu tun
haben müßte? Wer solche Fragen stellt, landet
automatisch bei der Politik und ihrer Verpflichtung zur
nationalen Daseinsvorsorge. Kurzum: War es richtig und
vernünftig, sich von ausländischen Energiezufuhren
abhängig zu machen?
1973 - schon vergessen?
Als sei es ein Trost, wird uns
mitgeteilt, daß vor allem der steigende Bedarf Chinas,
Indiens und der USA die Preise auf dem Weltmarkt steigen
läßt. Diese Entwicklung hat sich schon seit
langem abgezeichnet. Sie wurde verschärft durch den
Irak-Krieg und könnte in einer Versorgungskatastrophe
enden, wenn die Amerikaner auch noch den Iran angreifen.
Zur
Erinnerung: Im Winter 1973 drehten die Araber dem Westen den
Ölhahn zu - aus Protest gegen die pro-israelische
Politik der Amerikaner und ihrer europäischen
Verbündeten. Die Bundesregierung sah sich gezwungen,
ein sonntägliches Fahrverbot auszusprechen. Hätten
die Araber den Boykott über längere Zeit
durchgehalten, wären in Deutschland die Lichter
ausgegangen.
Damals versprach man eine
energiepolitische Wende: weniger Importe, mehr
Eigenversorgung. Doch schon nach einigen Jahren waren die
schlechten Erfahrungen ebenso vergessen wie die guten
Absichten. "Globalisierung" hieß die neue Parole. Wer
dagegen noch auf Unabhängigkeit, auf Autarkie
drängte, mußte aufpassen, nicht plötzlich
als nationalistischer Dummkopf an den Pranger zu geraten.
Alles schien wieder prächtig zu laufen. Bis jetzt.
Unablässige
Preissteigerung
Daß die internationalen
Marktpreise für Mineralöl, Erdgas und Kohle
dramatisch gestiegen sind und der Rohölpreis im Jahr
2005 erneut Rekordwerte erreicht hat, spüren nicht nur
die Verbraucher und Unternehmen unmittelbar. Es schlägt
sich auch in der außenwirtschaftlichen Energierechnung
nieder. Bereits im Jahr 2004 erreichte der Wert aller
Energieimporte nach Deutschland mit 53 Milliarden Euro eine
neue Rekordmarke. Auch im Saldo mit den höheren
Exporterlösen lag der Nettodevisenaufwand für
Energieimporte mit 39 Milliarden Euro doppelt so hoch wie im
Jahr 1990. Dieser Trend setzt sich ungehemmt fort. Nicht
auszudenken, wenn zu diesem Preisschock auch noch
Versorgungsengpässe hinzukämen.
Gerade für Deutschland stellt
sich mit immer größerer Dramatik die Frage nach
der Primärenergieverfügbarkeit und der
Verringerung der außenwirtschaftlichen
Abhängigkeit. Denn die Energieversorgung hierzulande
beruht heute schon zu über 60 Prozent auf Importen.
Dabei gilt die vollständig auf Uranimporte
gestützte Kernenergie fälschlich als "heimisch".
Sollte die Kernenergienutzung in Deutschland um das Jahr
2020 herum tatsächlich beendet werden und es keinen
vollständigen Ersatz durch erneuerbare Energien geben,
fällt die Importquote dann noch höher aus. Erst
recht gilt dies, weil auch der Versorgungsbeitrag heimischer
Kohle zurückgeführt wird.
Öl zu 97 Prozent
importiert
Mineralöl muß derzeit zu
97 Prozent, Erdgas zu 79 Prozent importiert werden. Ein
beträchtlicher Teil der Öl-Einfuhren stammt aus
politisch instabilen Weltregionen, insbesondere dem
Mittleren Osten. Die Erdgas-Importe Deutschlands stammten
bereits 2004 zu 42 Prozent aus Rußland, das auch ein
Drittel der Rohölimporte liefert. Diese
Abhängigkeit wächst weiter - auch durch die bis
2010 geplante neue große russisch-deutsche
Erdgas-Pipeline durch die Ostsee. Was dabei herauskommen
kann, hat erst kürzlich der russisch-ukrainische
Gasstreit angedeutet.
Da die EU-weiten Mineralöl- und
Erdgasvorräte in den nächsten 20 Jahren
allmählich zur Neige gehen, wird die Abhängigkeit
von Drittländern noch größer. Dies vor dem
Hintergrund eines weltweiten Nachfrageanstiegs und
verschärfter globaler
Verteilungskämpfe. In der Fachwelt wird deshalb mit
starkem Preisschub, zunehmender Spekulation und auch
mengenmäßigen Anspannungen gerechnet. Solche
Entwicklungen könnten die politischen Konflikte weiter
eskalieren lassen, woraus zusätzliche Preisschübe
und Verknappungen drohen.
Vor diesem Hintergrund muß
auch in Deutschland wieder verstärkt über
Alternativen zum Rohöl und den darauf basierenden
Produkten nachgedacht werden. Im Mittelpunkt stehen dabei
Bio-Kraftstoffe, bei denen - gestützt auf nationale
Förderprogramme - in den nächsten 20 Jahren
weltweit eine Vervierfachung der Produktion erwartet wird.
Das dürfte allerdings nicht genügen. Um so
unbegreiflicher ist es, daß hierzulande kaum noch an
die Möglichkeiten der Kohleverflüssigung und
Kohlevergasung gedacht wird. Dies war vor 30 Jahren noch
anders. Die damalige Bundesregierung hatte sich nach der
Ölkrise 1973/74 der Erzeugung synthetischer Treibstoffe
erinnert. Von 1977 bis 1980 gingen sieben Pilotanlagen zur
Kohleveredlung in Betrieb. Das im Januar 1980 von der
Bundesregierung vorgelegte Programm zur
großtechnischen Kohlevergasung und -verflüssigung
sah 14 Projekte zur großmaßstäblichen
Kohleveredlung mit einem Investitionsvolumen von rund 13
Milliarden Mark vor.
Zukunftstechnologie nach China
verkauft
All jene Projekte wurden Mitte der
1980er Jahre fallengelassen, als sich die Preise für
importiertes Erdöl zeitweilig moderat einpendelten. Die
letzte Pilotanlage zur Kohleverflüssigung, die von der
Deutschen Montan Technologie (DMT) seit den 1970er Jahren im
Technikumsmaßstab betrieben wurde (Produktionsleistung
rund 200 kg/Tag), wurde im vergangenen Jahr - ähnlich
wie die Kokerei Kaiserstuhl- nach China verkauft. Obwohl
hierzulande entwickelt und im Dritten Reich zu
Höchstleistungen getrieben, ist die
Kohleverflüssigung bei uns (fast) in Vergessenheit
geraten. Die Nutzung des Hochtemperaturreaktors für die
Kohlevergasung, Kohleverflüssigung oder
Wasserstofferzeugung ist hierzulande ebenfalls nicht weiter
verfolgt worden.
Geschichtlich liegt Deutschland bei
der Erzeugung synthetischer Treibstoffe ganz vorn. Die
direkte Kohleverflüssigung wurde bereits 1913 durch
Fritz Bergius entwickelt (er erhielt dafür den
Nobelpreis). Die indirekte Kohleverflüssigung über
Synthesegas wurde 1925 durch Franz Fischer und Hans Tropsch
zum Patent angemeldet. Beide Verfahrenswege machten das
Dritte Reich von Energie-Importen weitgehend
unabhängig. Man wollte Devisen sparen, krisensicher
wirtschaften und Arbeitsplätze schaffen. Schon 1936
machten Hydrierprodukte 54 Prozent des deutschen
Gesamtverbrauchs an leichten Treibstoffen aus. Die Fabriken
arbeiteten, nach anfänglicher Staatshilfe, mit Gewinn.
Aus ihm wurden die Subventionen zurückgezahlt.
Ohne weitgehende Eigenversorgung
hätte Deutschland auch seinen Kriegsbedarf nicht decken
können. Den alliierten Bomberflotten gelang es erst ab
Mitte 1944, die Hydrierwerke fast vollständig zu
zerschlagen. Das hatte kriegsentscheidende Wirkung. Zu jenem
Zeitpunkt standen der deutschen Luftwaffe mehr Jäger
zur Verfügung als je zuvor. Allein im September 1944
wurden 2.950 Jagdflugzeuge gefertigt. Sie mußten am
Boden bleiben, weil der Kraftstoff ausging. Auch die
Ardennen-Offensive scheiterte am Benzinmangel. Modernste
deutsche Panzer blieben einfach liegen, nachdem sie bereits
die amerikanischen Linien auf breiter Front durchbrochen
hatten.
"Antifaschistische"
Energiepolitik
Die Sieger verboten den Deutschen in
den ersten Nachkriegsjahren eine Wiederaufnahme der
Hydriertechnik. Unzerstörte Anlagen wurden demontiert.
Vor allem Tschechen und Russen nutzten die geraubten
Apparaturen zur Benzinerzeugung. Ab 1951
hätten auch die Deutschen wieder hydrieren dürfen.
Doch nur in der DDR nutzte man diese Chance in
beträchtlichem Umfang. Im Westen ging die mentale
"Entnazifierung" so weit, daß man das Hydrierverfahren
allein schon deshalb ignorierte, weil es mit Hitlers
Autarkie-Bestrebungen verbunden war. Die Bundesrepublik
wollte bewußt nicht unabhängig sein. Ein erneuter
"deutscher Sonderweg" war unerwünscht. Ein Land, das
von Importen lebt, kann sich die Vertretung eigener
Interessen im Konfliktfall kaum leisten.
In anderen Weltgegenden hat man die
Hydriertechnik längst wieder entdeckt. Auf Basis des
Fischer-Tropsch-Verfahrens arbeitet in Südafrika eine
industrielle Kohleverflüssigungsanlage. Die zwischen
1955 und 1982 gebaute und immer wieder modernisierte Anlage
in Secunda produziert jeden Tag rund 175.000 Barrel
Ölprodukte (Benzin, Chemikalien) für
durchschnittlich 25 US-Dollar pro Barrel.
Der chinesische Energiekonzern
Shenhua plant mit Hilfe deutscher Experten (DMT) im
mongolischen Majata den Bau einer
Kohleverflüssigungsanlage, die jährlich aus 9,7
Millionen Tonnen Kohle etwa fünf Millionen Tonnen
Benzin, Kerosin und Diesel herstellen soll. Die Anlage mit
einem Investitionsvolumen von 2,45 Milliarden Euro wird zu
marktwirtschaftlichen Preisen arbeiten und bereits 2007 den
Betrieb aufnehmen. Der Auftrag für die dabei
verwendeten Hochleistungspumpen wurde an die
schwäbische URACA vergeben. Auf Anfrage erklärte
das Unternehmen, es könne keine näheren Angaben
machen, weil man zur Geheimhaltung verpflichtet sei.
Immerhin soviel räumt man ein: "Die Chinesen haben
weltweit das Know how über die
Kohleverflüssigungsprozesse zusammengetragen und daraus
ihre eigene Prozeßtechnologie entwickelt."
Warum keine staatliche
Förderung?
Offenkundig ist man in Peking
klüger und nationalbewußter als in Berlin. Mit
der Kohleverflüssigung ließe sich auch in
Deutschland die Abhängigkeit vom Rohöl nachhaltig
verringern. Kohle hat von den fossilen Energieträgern
die weitestreichenden Vorkommen und steht in Deutschland und
der EU, anders als Rohöl, aus großen eigenen
Vorräten zur Verfügung. Allerdings mißt man
die "Wirtschaftlichkeit" der Kohleverflüssigung am
jeweiligen Rohölpreis. Berechnungen Ende der 1970er
Jahre ergaben, daß damals in Deutschland die
Produktionskosten für ein Liter Heizöl aus Kohle
bei 0,72 Mark lagen - im Vergleich zu 0,45 Mark/Liter aus
Erdöl. Auch Hydrierbenzin aus Kohle war damals teurer
als Benzin aus Mineralöl. Man hätte diese
Diskrepanz jedoch durch Mischung beider Sorten verringern
können.
Die derzeitigen und in der
Perspektive weiter steigenden Ölpreise könnten die
Kohleverflüssigung wieder "konkurrenzfähig"
machen; auch Gas läßt sich aus Kohle gewinnen.
Was sich heute schon in China und Südafrika rechnet,
sollte die Deutschen als Erfinder der Hydriertechnik zu
neuer Kalkulation anspornen. Es dürfen dabei nicht nur
Rentabilitätsüberlegungen zählen.
Unabhängigkeit und Krisensicherheit sind Werte an sich.
Wenn der Staat hier subventioniert oder auch nur auf
übermäßige Besteuerung verzichtet,
profitieren alle Teilnehmer der Volkswirtschaft. Man kann
langfristig planen, ist nicht erpreßbar, vermeidet
importierte Inflation. Außerdem leistet man einen
Beitrag zum Weltfrieden, muß nicht nach fremden
Bodenschätzen greifen.
Große
Ankündigungen, kleine Ergebnisse
"Wir haben eine Anstrengung vor uns,
die vergleichbar ist den Anstrengungen, die unser Volk nach
dem Krieg auf sich genommen hat", erklärte
Bundeskanzler Willy Brandt zur Energiekrise 1973. Doch
leider strengte sich die Politik nicht sonderlich an. Sie
spitzte im ersten Schock einmal kurz den Mund, brachte einen
schwachen Pfiff hervor und verfiel dann wieder in die alte
Selbstzufriedenheit. Lediglich im Zuge der Atom- und
Umweltdebatte profitierten erneuerbare Energieformen wie
Biomasse, Sonnenlicht, Erdwärme, Wind- und Wasserkraft.
So sinnvoll diese Ansätze auch sind, sie reichen auf
absehbare Zeit nicht aus, den deutschen Energiebedarf auch
nur annähernd zu decken. Ihr Anteil verharrt trotz
massiver staatlicher Förderung im einstelligen
Prozentbereich.
Weil dem so ist, fällt
Politikern der großen Koalition derzeit nur ein, die
Deutschen zum Energiesparen aufzufordern - etwa die
Standby-Stromversorgung am Fernseher abzuschalten. Ein
rührend-hilfloser Versuch, das eigene Versagen mit
ökologisch klingenden Ermahnungen an andere zu
übertünchen. Würden die Deutschen in
größerem Umfang tatsächlich Strom, Öl
und Gas sparen, käme die Wirtschaft erst recht nicht in
Gang, und die Politiker hätten eine neue Ausrede.
Schon wird überall die
Kaufzurückhaltung beklagt. Die Deutschen sollen mehr
konsumieren, den Binnenmarkt anheizen. Doch nahezu jedes
Produkt, das gekauft werden soll, verschlingt bei seiner
Herstellung Energie. Die herrschende "Wachstums"-Ideologie
betrachtet Stillstand als Rückschritt und verlangt
immer neue Steigerungsraten. Das gesamte Wirtschafts- und
Sozialsystem ist darauf abgestellt.
Ein grundsätzliches Umdenken
tut not. Auch auf dem Energie-Sektor. Die unablässig
steigenden Importpreise sind keine Entschuldigung für
wirtschaftspolitisches Versagen. Sie sollten vielmehr dazu
anregen, Deutschland wieder unabhängiger und damit
krisensicherer zu machen. Die Wiederentdeckung der
Kohlehydrierung ist überfällig. Oder wollen wir
auch auf diesem Gebiet die Produkte deutschen
Erfindergeistes künftig aus China beziehen?
Quelle: Nation &
Europa
|