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12. Oktober
2007
Die Weltwirtschaft -
ein riesiges Spielcasino?
Bankiers auf
Abwegen
Von Detlev
Rose
In einer globalisierten
Weltwirtschaft, in der alles miteinander "vernetzt" ist,
lassen sich Krisen nicht regional begrenzen. Dies wurde im
August wieder einmal deutlich, als in kurzer Folge zwei
nicht gerade unbedeutende deutsche Banken nur knapp dem
Kollaps entgingen. Erst traf es die Düsseldorfer IKB
(Industriekreditbank), kurz darauf die ohnehin
skandalgebeutelte SachsenLB. Beide Geldhäuser hatten
sich am Markt für US-amerikanische Hypothekenkredite
niedrigster Bonitätsstufe engagiert, und als dieser
Markt ins Rutschen kam, drohte er auch die deutschen
Kreditinstitute mit in die Tiefe zu reißen. Der
deutsche Zeitungsleser lernte für diese minderwertigen
Hypotheken das bislang nur im Banker-Jargon geläufige
Wort "Subprime".
Milliardenschwere
Rettungsaktionen
Bei der IKB lief das "Engagement"
über die neben der Bilanz geführte "Rhineland
Funding", in die in den letzten Jahren Milliarden gepumpt
wurden, obwohl ein Mitarbeiter der Bank in einer
hausinternen Studie bereits 2005 vor den Risiken gewarnt
hatte. 3,5 Milliarden Euro zur Begradigung der Schieflage
und weitere 8,1 Milliarden Euro zur
"Liquiditätssicherung" brachte schließlich der
deutsche Bankensektor auf, um den Zusammenbruch der IKB zu
verhindern. Führend dabei: die staatliche
Förderbank KfW, die mit 38 Prozent an der IKB beteiligt
ist.
Übertroffen wurde diese
Größenordnung noch durch die Rettungsaktion
für die SachsenLB, der die Sparkassen-Organisation mit
17,3 Milliarden Euro aushelfen mußte, um sie vor der
Pleite zu bewahren. Ein Betrag, der sogar den
sächsischen Landeshaushalt (ca. 16 Milliarden Euro)
überragt. Die krisengeschüttelte Landesbank hatte
über eine von ihrer Dubliner Tochter geführte
Gesellschaft "Ormond Quay" ebenfalls im Subprime-Sektor
spekuliert. Obwohl 2005 ein von der
Finanzaufsichts-Behörde (BAFin) in Auftrag gegebener
Sonderprüfbericht die mangelhafte Kontrolle der
Dubliner Tochter durch die Zentrale bemängelte,
betrieben die Landes-Banker ihr riskantes Spielchen munter
weiter. Die Filiale auf der grünen Insel war ja auch
ein "Goldesel", ihre Überweisungen haben das Leipziger
Institut schon mehrfach vor der Peinlichkeit bewahrt, rote
Zahlen präsentieren zu müssen. Bis die Blase jetzt
platzte.
Noch ist in beiden Fällen
offen, wie hoch die Verluste tatsächlich ausfallen.
Klar ist dagegen, wer im Zweifelsfall wieder einmal bluten
muß, nämlich der Steuerzahler. In Düsseldorf
über die mit Staatsgarantie arbeitende KfW; in Leipzig
über die Gewährträgerhaftung. Diese besagt,
daß der Träger eines öffentlich-rechtlichen
Kreditinstituts - also die Kommune oder das Bundesland -
einspringen muß, wenn das Institut seinen
Verbindlichkeiten nicht mehr nachkommen kann. Zwar wurde die
Gewährträgerhaftung 2005 abgeschafft. Da die
fraglichen "Engagements" jedoch vor diesem Zeitpunkt
eingegangen wurden, wirkt die Staatshaftung nach. Die
Verantwortlichen nennt der sächsische
NPD-Fraktionsvorsitzende Holger Apfel "kriminell", da ihre
Spekulationsgeschäfte "diametral gegen Satzung und
Gründungsauftrag der Landesbank" verstoßen
hätten.
Am letzten August-Wochenende dann
der Paukenschlag: Die SachsenLB wurde an die Landesbank
Baden-Württemberg (LBBW) verkauft, ein höchst
umstrittenes Geschäft, das in einer Nacht- und
Nebelaktion eingefädelt wurde und bei dem Recht und
Gesetz einmal wieder auf der Strecke blieben. Vereinbart
wurde, daß die SachsenLB und das Land Sachsen ihre
Anteile an die LBBW übertragen und im Gegenzug an der
LBBW beteiligt werden. Womit die SachsenLB künftig als
Filiale der schwäbischen Mutter fungiert. 250 Millionen
Euro fließen als "Soforthilfe" nach Sachsen.
Die Frage des endgültigen
Verkaufspreises wird bis zu einer Bewertung am Jahresende
vertagt, weniger als 300 Millionen Euro sollen es aber nicht
sein.
Die Risiken verbleiben beim
Alt-Eigentümer. "Das riecht nach einem schlechten
Geschäft für Sachsen nach dem Motto 'Augen zu und
durch"', kommentierte die FAZ. Der Konstanzer
"Südkurier" sekundierte: "Die Hektik, mit der am
sächsischen Landtag vorbei geschachert wird, und die
Rückgabeklausel für die neue LBBW-Zweigstelle
lassen nichts
Gutes ahnen." Tatsächlich hätte nach dem Gesetz
der Landtag dem Verkauf zustimmen müssen. Die Rechte
des Parlaments wurden aber mit dem lapidaren Hinweis auf
eine "Notsituation" ausgehebelt. In diesem Fall könne
die Regierung allein entscheiden, eine Konsultation der
Fraktionschefs reiche aus, so ein Regierungssprecher.
Bleibt zum einen die Frage, wann
eine Notsituation gegeben ist. Die Regierung berief sich auf
ein "Ultimatum" der Bundesanstalt für
Finanzdienstleistungsaufsicht, das von dieser jedoch
dementiert wurde. Und es bleibt die zweite Frage, weshalb
nicht alle Fraktionschefs zu den Beratungen eingeladen
wurden. Die NPD sah sich willkürlich ausgegrenzt -
"ganz klar verfassungswidrig", sagt ihr stellvertretender
Fraktionsvorsitzender Dr. Johannes Müller. Die
nationaldemokratische Fraktion hat deshalb Widerspruch gegen
den Verkauf eingelegt, während alle anderen
"Oppositions"-Parteien inklusive der "Linken" den
Rechtsbruch absegneten.
Einladung zum Schuldenmachen
Was sich in Sachsen zeigt, ist
freilich nur die Spitze des Eisbergs. Unter anderem haben
Commerzbank, WestLB und Postbank teilweise milliardenschwere
Spekulationen auf dem US-Hypothekenmarkt eingeräumt.
Sogar einzelne Sparkassen sind mit beachtlichen Summen
dabei. Bernd Wittkowski, Kommentator der
Börsen-Zeitung, warnt bereits, es müsse nur ein
großer Akteur umfallen, "schon stünde man nicht
mehr bloß am Rande einer Systemkrise, sondern
mittendrin".
Trat die Krise tatsächlich so
überraschend ein, wie es die Verantwortlichen
behaupten? Nach dem Zusammenbruch der "New Economy" im Jahr
2000 dauerte es nur kurze Zeit, bis sich die nächste
Spekulationsblase entwickelte. "Amerika entdeckte, daß
es sinkende Hypothekenzinsen und steigende Häuserpreise
nutzen konnte, um seinen Lebensstandard zu subventionieren",
schreibt Wirtschaftsprofessor Max Otte in seinem Buch "Der
Crash kommt" (2006). Nach dem 11. September 2001 begann der
damalige Chef der US-Notenbank Federal Reserve, Alan
Greenspan, durch eine Reihe von Zinssenkungen den Markt mit
Liquidität zu überschwemmen. Da sich gleichzeitig
die Immobilienpreise nach oben entwickelten, war das
geradezu eine Einladung zum Schuldenmachen. Zahlreiche
US-Bürger beliehen ihre Immobilien und steckten das
Geld in den Konsum oder in den Erwerb weiterer Immobilien.
Scheinbar ein Spiel ohne Risiko, tat doch der Schuldendienst
nicht weh, und die wundersame Wertsteigerung von
Häusern und Wohnungen vermehrte obendrein das
Vermögen - zumindest auf dem Papier.
Keine
ordnungsgemäße Buchführung
In den Jahren 2003 und 2004 war
nahezu das ganze Land vom Immobilienfieber geschüttelt.
Die Preise hatten sich von einer realistischen Bewertung
völlig abgekoppelt, und die Hypothekenschulden waren in
exorbitante Größenordnungen gewachsen. Die beiden
staatsnahen Megabanken "Fannie Mae" und "Freddie Mac", die
den Großteil der privaten Hypotheken aufkaufen, hatten
2004 in ihren Büchern Hypothekenwerte stehen, die 13
Prozent des US-Sozialprodukts entsprachen. Als "Fannie Mae"
im Dezember 2004 zugab, daß ihre Bilanzen nicht den
Grundsätzen ordnungsgemäßer Buchführung
entsprachen, folgten nicht einmal daraus die gebotenen
Konsequenzen. Schlimmer noch: Der Anteil fauler Kredite in
den Büchern wurde insofern verschleiert, als die Banken
bei zahlungsunfähigen Schuldnern in vielen Fällen
auf Zwangsversteigerungen verzichteten. Die
Öffentlichkeit sollte glauben, es sei alles in Ordnung.
"Die letzten Stufen der Immobilienblase in den USA, die wir
gerade erleben, werden dadurch möglich, daß die
Banken willens sind, Hypothekenschuldner sogar dann weiter
zu finanzieren, wenn sie, technisch gesehen, insolvent
sind." Dies schrieb Professor Otte bereits letztes Jahr, und
er war nicht der einzige, der das Platzen der Blase
rechtzeitig ankündigte. Hausinterne Studien, Berichte
von Buchprüfern, wirtschaftswissenschaftliche Analysen
- es gab unzählige Ankündigungen für den
Zusammenbruch des US-Hypothekenmarktes. Es war ein "Crash
mit Ansage". Dennoch haben deutschen Banken ihre
hochriskanten Engagements in diesem Bereich nicht
zurückgefahren. Aus Ignoranz? Aus Inkompetenz? Oder
tatsächlich schon kriminell? Vielleicht trifft ja das
von dem Finanzexperten Bernd Wittkowski verwendete Wort der
Systemkrise zu. Allerdings nicht in dem Sinn, daß das
Finanzsystem in eine Krise gelangt, sondern in dem Sinn,
daß dieses System mittlerweile so degeneriert ist,
daß es selbst immer öfter zum Auslöser und
Motor von Krisen wird.
Drang zum "schnellen Geld"
So lange ist es ja noch gar nicht
her, daß Banken als Inbegriff von Seriosität und
Vertrauenswürdigkeit galten. Damit scheint es vorbei zu
sein. Führende Akteure der Finanzbranche haben keine
Skrupel mehr, mit den ihnen anvertrauten Geldern Roulette zu
spielen. Die Weltwirtschaft wird als riesiges Spielcasino
begriffen. Verantwortungsgefühl und Risikoscheu weichen
einer gefährlichen Zockermentalität.
Entgegen der weitverbreiteten
Vorstellung, Banken würden fast ausschließlich
aus dem Geldverleih Erträge beziehen, hat in den
letzten Jahren der "Eigenhandel" eine spürbar
stärkere Bedeutung erlangt. Im Gegensatz zum
Kundengeschäft betreibt die Bank im Eigenhandel
Geschäfte in eigenem Namen und auf eigene Rechnung.
Gehandelt wird mit allen möglichen Finanzinstrumenten
(Wertpapieren, Derivaten, Devisen), kurzfristig und
langfristig, auf welchen Märkten auch immer. Hier
läßt sich im Gegensatz zum schwerfalligen, stark
reglementierten Kreditgeschäft das "schnelle Geld"
machen.
Genauso schnell kann freilich das
Gegenteil eintreten, so verlor die Deutsche Bank,
Zeitungsberichten zufolge, binnen eines Monats rund 100
Millionen Euro im Eigenhandel. Es sind aber nicht nur die
Großbanken, die sich in diesem Bereich hervortun. Bei
Sparkassen und Genossenschaftsbanken floriert der
Eigenhandel nicht minder, sie sind - obwohl sie immer wieder
ihre Verbundenheit mit der regionalen Wirtschaft betonen -
genauso in das Räderwerk der Globalisierung
eingebunden, das zu solchen "Geschäften" reizt. Die
gestiegene Bedeutung des Eigenhandels hat auf jeden Fall das
"spekulative" Element im Finanzsystem gestärkt. Hinzu
kommt: Kapital, das im Eigenhandel steckt, kann nicht in die
Wirtschaft vor Ort investiert werden, in neue
Geschäftsideen, in eine Ausweitung der Produktion, in
neue Arbeitsplätze.
Auf weitere riskante Entwicklungen
hat jüngst die Europäische Zentralbank (EZB)
aufmerksam gemacht. So bergen die gestiegene Zahl von
Firmenübernahmen auf Pump sowie die an Hedgefonds
weitergereichten "verbrieften" Kreditrisiken erhebliche
Sprengkraft für den Finanzmarkt, urteilt die EZB.
Können nämlich Großkredite nicht an den
Kapitalmarkt
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"Wir blicken auf ein
goldenes Zeitalter zurück. Deutschland ist
eines der besten Länder für
Private-Equity-Anlagen. Jede Investition in
Deutschland war für uns profitabel. Carlyle
wird hier weiterhin aggressiv investieren."
--David
Rubenstein, Chef der Carlyle Group, die mit einem
Fondsvermögen von 71 Milliarden Dollar zu den
drei größten Firmenkäufern der Welt
zählt.
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weitergereicht werden, weil es keine Interessenten
dafür gibt, bleibt die als "durchlaufender Posten"
gedachte Forderung dann doch in den Büchern der Bank
hängen und könnte sich schnell zum Problem
entwickeln. Bekanntlich nützen solche
Firmenübernahmen auf Heuschreckenart ohnehin nur den
meist anonymen Investoren. Die Unternehmen selbst werden in
der Regel zerstückelt, "reorganisiert",
"umstrukturiert" und schnellstmöglich mit hohem Profit
weiterverkauft - meistens zu Lasten der Mitarbeiter, die
fortan mit deutlich schlechteren Arbeitsbedingungen leben
müssen oder sich gleich in die Schlange beim Arbeitsamt
einreihen dürfen. Jedenfalls hat in diesem Segment
"eine extrem kritische Phase" begonnen, orakelt das "manager
magazin".
Gleichwohl ist ein Umdenken nicht zu
erwarten. Die Kreditgeber scheinen grundsätzlich davon
auszugehen, daß sie auch bei Fehlspekulationen weich
landen werden. Man sollte sich "nichts vormachen", schreibt
Bernd Wittkowski in der Börsen-Zeitung: "Für die
Schieflage einer privaten Bank ähnlichen Kalibers
[wie der SachsenLB] würden gleichermaßen
wir alle zur Kasse gebeten, da braucht es keine
Gewährträgerhaftung."
Machtanspruch statt
Sachkenntnis
Und darin offenbart sich der
eigentliche Charakter eines Wirtschafts- und Finanzsystems,
das sich nicht von allein installiert hat, sondern
konsequent die Möglichkeiten nutzt, die ihm von der
Politik eingeräumt werden. Dabei wäscht eine Hand
die andere. Kontrolle findet so gut wie nicht statt; so
sitzen in den für die "Aufsicht" zuständigen
Verwaltungsräten der Landesbanken fast
ausschließlich Politiker - aufgrund ihres
Machtanspruches, nicht aufgrund ihrer Sachkenntnis.
Fehlverhalten führt schlimmstenfalls zu einer
Ämterrochade oder zu einer Frühpensionierung mit
"goldenem Handschlag". Persönliche Haftung kennt der
moderne Spitzenmanager nicht. Gewinne werden privatisiert,
Verluste zu Lasten der Allgemeinheit "sozialisiert". Ein
solches System kann auf Dauer nicht gutgehen.
Quelle: Nation &
Europa
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