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20. August 2010

Der Euro zerbricht
. . . und die EU gleich mit: 'Rettungsschirme' und Sargnägel

Von Karl Richter

Die Kanzlerin irrte - wen kann es wundern - auch hier: Mitnichten scheitert 'Europa', sollte der Euro demnächst verschwinden. Es ist die alte, verlogene Kohl-Rhetorik, mit der den Deutschen erst vor etwas über zehn Jahren die D-Mark abgeluchst worden ist. Nun bestätigt sich mit umgekehrten Vorzeichen, was ehedem, 1992, jener hellsichtige Leitartikler des Figaro so dankenswert klar auf den Punkt gebracht hatte: "Maastricht, das ist Versailles ohne Krieg."

Implodiert Maastricht - und Amsterdam und Lissabon und der Euro -, so wäre dies aus deutscher Sicht mithin kein Grund zur Trauer, im Gegenteil: Jeder Tag früher, der die EU-Chimäre im Orkus verschwinden sieht, ist ein Gottesgeschenk. Je eher Euro und EU abgewickelt werden, desto früher kehrt Deutschland zurück. Und das Schöne daran ist, daß diese Entwicklung kaum noch aufzuhalten ist. Die Verhinderer Deutschlands verlieren jeden Tag mehr an Boden.

Aber der Reihe nach. Daß Bundesfinanzminister Schäuble ins Krankenhaus abtransportiert werden mußte, als ihm in Brüssel das deutsche Ja-Wort für einen gigantischen "Rettungsschirm" zugunsten des schwächelnden Euro abgenötigt werden sollte, verwundert nicht. Herausgekommen ist in jener denkwürdigen Nacht Anfang Mai dieEuro-Scheine unvorstellbare Tranche von 750 Milliarden Euro, die nur darauf wartet, zum Fenster hinausgeworfen zu werden. Prompt ließ die spanische Regierung durchblicken, man werde dem Beispiel der Griechen folgen und sich womöglich ebenfalls am Geldsegen aus Europa beteiligen.

Aus Europa? Fehlanzeige. Denn der Löwenanteil geht wie eh und je auf Rechnung der Deutschen. "Le boche payera tout" - der Deutsche zahlt alles, hieß es nach dem Ersten Weltkrieg, als den Verlierern das Versailler Diktat aufgezwungen wurde. Fast ein Jahrhundert später zahlen die Deutschen noch immer. Aber heute genügt ein Anruf aus dem Weißen Haus. Nein, das sind keine Verschwörungsgespinste. Eines der großen amerikanischen Leitmedien, die New York Times, dokumentierte Teile des entscheidenden Telefonats zwischen US-Präsident Obama und der Bundeskanzlerin. Diese habe, kommentiert das Blatt, einen "Schubs" (nudge) bekommen und war daraufhin wieder auf Linie. Und die Europäische Zentralbank (EZB) bekam das Ja der Krauts.

Es hilft aber nichts. Daß 'unsere' Regierung die Arbeitsleistung ganzer künftiger Generationen von Deutschen vorauseilend verpulvert - es reicht inzwischen nicht einmal mehr für eine Atempause hin. Allenfalls unsere französischen, englischen, spanischen Mit-Europäer können sich noch eine kurze Weile der Illusion hingeben, die Deutschen mit der Verpfändung ihrer Wirtschaftskraft endgültig an die Leine gelegt zu haben.

Die Wahrheit ist: Die Märkte sind längst ein paar Schritte weiter. Während die europäischen Finanzminister noch um den 'Rettungsschirm' für den Euro rangen, wußte die Wirtschaftsnachrichtenagentur Bloomberg, eine der bestinformierten der Zunft, bereits von weiteren Abwertungen Griechenlands und Portugals. Und daß die EZB auf breiter Front gegen ihre eigenen "Stabilitätskriterien" verstößt, indem sie einer beispiellosen Verschuldung Tür und Tor öffnet, ist nur ein weiterer Sargnagel. Der Euro, so hart wie die D-Mark - das war einmal. Plötzlich ist der Euro weich wie Wachs und fällt und fällt.

Die Wahrheit auszusprechen, können in diesen Wochen nur noch die Kabarettisten wagen. In der jüngsten Folge der Satiresendung "Neues aus der Anstalt" (wie wahr!) verulkte einer der Gäste das Gezerre um den Euro mit beißendem Realismus und in der Uniform eines Stabsoffiziers der Bundeswehr als finanzpolitischen Kampf um die Festung Europa - mit vielen blauen und roten Pfeilen auf der Karte, breiten Rückzugsbewegungen von Süd nach Nord und dem Eingeständnis am Schluß, daß das Euro-Land den konzentrischen Angriffen aus Dollarland nichts mehr entgegenzusetzen habe und reif für die Kapitulation sei. Der Mann (Georg Schramm) witzelte noch vom "letzten Tagesbefehl der Kanzlerin" und empfahl sich unter dem Applaus des Publikums, dem das Lachen über die eine oder andere allzu wirklichkeitsnahe Pointe glatt im Halse steckengeblieben sein dürfte.

Denn genau darum geht es: Die 'Märkte', die Ostküste oder wie auch immer man es verklausulieren will - Big Money hat den Euro zum Abschuß freigegeben. Und weil die internationalen Märkte unersättlich sind in ihrer Gier nach immer noch mehr Kapital und Zahlen und Nullen, auch wenn sie nur noch auf dem Papier stehen, wird auch diese Partie erst zu Ende sein, wenn der Euro ausgeblutet ist, wenn selbst noch so horrende Wechsel auf die Wirtschafts- und Lebensleistung ganzer künftiger Generationen nicht mehr zur Deckung hinreichen.

Das Spiel geht in diesen Wochen in die letzte Phase. Mit ihrem verzweifelten Versuch, Märkte und Banken zu 'bändigen', indem sie kurzerhand und im Alleingang den Handel mit ungedeckten Leerverkäufen bestimmter Bankenaktien, Staatsanleihen und Kreditausfallversicherungen (CDS) verbot, schickt die Merkel-Regierung ihr letztes finanzpolitisches Aufgebot ins Gefecht - ins letzte. Denn die Partner und Mit-Europäer reagierten prompt und verschnupft. Als erste gingen Paris und Washington auf Distanz, und EU-Finanzregulierungskommissar Michel Barnier orakelte, "regulatorische Willkür und eine Aufsplitterung innerhalb der EU und global" müßten verhindert werden.

Dazu dürfte es jetzt zu spät sein. Der Euro-Raum zerlegt sich vor unseren Augen. Unter dem konzentrischen Angriff der Finanzmärkte bricht Europa unversehens in Zonen unterschiedlicher Stabilität und unterschiedlicher Wirtschaftskraft auseinander, während die Bankrottstaaten an der Südflanke unmittelbar vor dem Fall stehen. Selbst Finanzexperten spekulieren inzwischen offen über die Rückkehr der D-Mark, über eine Kernzone der Stärkeren und das Zerbröseln der anderen.

Mit dem Ende 'Europas' hat das alles, wie gesagt, nicht das geringste zu tun. Sehr viel dagegen hat es mit dem Ende liebgewonnener Lebenslügen zu tun, die die Deutschen Milliarden und Abermilliarden gekostet haben. Jetzt ist wahrlich Schluß mit lustig. Jetzt kommt ins Kröpfchen, was weggehört: Merkel, der Euro und die ganze EU. Es ist höchste Zeit!


Quelle: EURO-KURIER

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