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27. Februar
2009
Warum nicht jeder
"Staatshilfe" erhält:
Gut geschmiert
Von Ulf Köster
Im letzten Jahr gab es in der
Bundesrepublik Deutschland rund 30 000 Unternehmenspleiten.
Diese Zahl dürfte sich im Zuge der Finanzkrise noch
einmal deutlich erhöhen. Vor allem kleine und mittlere
Betriebe sind betroffen. Sie werden mit ihren Problemen in
aller Regel alleingelassen. Die Politik kümmert sich
vornehmlich um die "Großen": Banken, Versicherungen,
Automobilhersteller, Industriekonzerne. Ihnen wird notfalls
mit Steuergeld-Milliarden unter die Arme gegriffen. Zur
Begründung heißt es, bei den Unterstützten
handele es sich um "gesamtwirtschaftlich relevante
Unternehmen". Oder wie man in den USA sagt: "To big to
fail". Zu groß, um es einfach verschwinden zu lassen.
So wirkt die Fürsorge des Staates plausibel - ist aber
bei näherer Prüfung wohl eher eine
Motivationsverschleierung.
Dazu einige Fakten: 71 Prozent aller
sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplätze in
Deutschland befinden sich in mittelständischen
Betrieben. Sie erwirtschaften fast 40 Prozent aller
Umsätze und sind an der Bruttowertschöpfung (Wert
aller produzierten Waren und erbrachten Leistungen) mit 47
Prozent beteiligt. So berichtet, ganz offiziell, das
Bundeswirtschaftsministerium. Mit anderen Worten: Der
deutsche Mittelstand ist gesamtwirtschaftlich von durchaus
überragender Bedeutung. Dies gilt insbesondere für
seine mehr als 20 Millionen Beschäftigten und 1,4
Millionen Auszubildenden.
Finanzielle
"Landschaftspflege"
Warum aber erfährt der
Mittelstand im Vergleich zur "Großwirtschaft" so wenig
politische und mediale Beachtung? Weshalb bekommt er keine
staatlichen Milliarden, nicht einmal Steuer-, Abgaben- und
Bürokratieerleichterungen? Die Antwort, zumindest
teilweise, erhält man durch einen Blick in die
finanziellen Rechenschaftsberichte der
Bundestagsparteien. Schwarze und Rote, Liberale und
Grüne werden von Banken, Versicherungen und
Industriekonzernen großzügig "gesponsert". Oft
handelt es sich um Spenden im sechsstelligen Bereich - und
das Jahr für Jahr. Um nur zwei aktuelle Beispiele
herauszugreifen: Die Commerzbank verschenkte 2008 jeweils
100 000 Euro an SPD und CDU; die Allianz-Versicherung
bedachte SPD, CDU, CSU, Grüne mit jeweils 60 000 Euro
und ließ auch die FDP mit 50 000 Euro nicht leer
ausgehen.
Neben Banken und Versicherungen
haben in den letzten Jahren vor allem Automobilhersteller
wie BMW, DaimlerChrysler und Porsche die politische
Landschaft finanziell "gepflegt". Aber auch namhafte
Finanzdienstleister und Energieversorger lassen sich nicht
lumpen. Neben den Geldspenden sorgen weitere
Gefälligkeiten für dankbare Parteien. Mal werden
Polit-"Events" gratis mit Leckereien versorgt, mal
Luxuslimousinen kostenfrei ausgeliehen, mal "informative"
Fernreisen finanziert. Auch die eine oder andere Freikarte
für Theaterpremieren oder Fußballspiele
fällt ab. Zudem öffnen die Konzerne ihre
Vorstände und Aufsichtsräte gern für
"verdiente" Ex-Politiker. Eine Hand wäscht die andere.
Oberflächlich mag es erstaunen,
daß die Mäzene Parteien unterschiedlicher Couleur
gleichzeitig unterstützen. Sind die programmatischen
Inhalte und Zielvorstellungen egal? Oder weiß man,
daß die in der Öffentlichkeit zelebrierten
"Gegensätze" in der Machtpraxis kaum eine Rolle
spielen? Gleichzeitig auf Rot, Schwarz und Grün zu
setzen, erhöht beim Roulett die Gewinnchancen nicht,
hat aber in der Politik den Effekt einer umfassenden
Geneigtheit. Offiziell heißt es, man wolle die
"Demokratie" als solche stärken, wozu es auch
zählt, nichts an systemkritische Parteien rechts und
links zu spenden. So bleibt beispielsweise Lafontaines
"Linke" einstweilen außen vor; aber das dürfte
sich - wie bereits hinsichtlich der Grünen -
ändern, sobald die noch unliebsame Partei bundesweiten
Einfluß auf zentrale politische Entscheidungsprozesse
erhält. Keineswegs wird die Demokratie durch die
finanzielle Bevorzugung "etablierter" Parteien
gestärkt. Es kommt vielmehr zu einer massiven
Verletzung der eh nur auf dem Papier stehenden
Chancengleichheit. Allerdings lehrt die Geschichte auch,
daß sich solche Disparitäten später heilen
lassen. So mancher Konzern und so manche Unternehmerfamilie
spendete vor 1945 an die NSDAP und danach nicht minder
generös an die Parteien des "Antifaschismus". Die einen
waren so zufrieden, wie es heute die anderen sind.
Gesetze in eigener Sache
Klein- und Mittelbetriebe
können an diesem Spiel nicht teilnehmen. Ihnen fehlt
schlicht das Geld - zumal es ja das eigene wäre.
Manager aus Industrie und Finanzwirtschaft bleiben in ihrer
persönlichen Vermögenssituation unberührt,
wenn sie Firmengelder auch in beträchtlicher Höhe
für Parteien abzweigen. Eine effektive Finanzkontrolle
findet, wie die derzeitige Krise bestätigt, ohnehin
nicht statt. Und da die allgemeine Lebenserfahrung
dafür spricht, daß die Spender beim
Empfänger einen Stein im Brett haben, nehmen auch
Kleinaktionäre an dieser Form der "Landschaftspflege"
keinen Anstoß.
In seinem aktuellen Buch "Die
Deutschlandakte" schreibt der Politikwissenschaftler Hans
Herbert von Arnim: "Beamte stehen mit einem Bein im
Gefängnis, wenn sie Geschenke annehmen. Dagegen werden
Politiker und Parteien mit Samthandschuhen angefaßt,
wenn es um Korruption geht. Es fehlt an gesetzlichen
Verboten, und die vorhandenen sind ausgesprochen lax
formuliert und das Papier nicht wert, auf dem sie
geschrieben stehen. Die Politik beschließt die Gesetze
in eigener Sache, und wer stellt sich schon gern selbst
unter Strafe?"
Unausgewogene Reaktionen
Natürlich könnte man
Parteispenden in Höhe und Häufigkeit gesetzlich
beschränken, so daß es zu keinen korrumpierenden
Effekten mehr käme. Aber daran ist weder den Gebern
noch den Nehmern gelegen. Die einen behaupten, ohne jeden
Hintergedanken die Demokratie stärken zu wollen, und
die anderen weisen jeden Verdacht von sich, sie könnten
gegenüber einem Großspender auch nur im
geringsten befangen sein.
Dem Kundigen fällt trotzdem
auf, daß jetzt ein staatlicher Schutzschirm über
genau jene Konzerne und Branchen gespannt wird, die zu den
wichtigsten Spendern der etablierten Parteien zählen.
Ein Zufall? Daran zu glauben, fiele leichter, wenn sich die
Fürsorge der Regierung in gleicher Intensität auf
den Mittelstand richten würde. Dort sind, um es
nochmals zu erwähnen, weit mehr Arbeitsplätze
bedroht als anderswo.
Das soll nicht bedeuten, daß
etwa Banken und Automobilhersteller in der Krise keinen
Anspruch auf Hilfe haben. Aber die Unausgewogenheit der
politischen Reaktionen hierzulande fällt auf. Dazu
gehört auch der Verzicht auf Sanktionen gegen jene
Manager, die, wenn nicht in betrügerischer Absicht, so
doch grob fahrlässig gehandelt haben. "Kleinen"
GmbH-Geschäftsführern drohen empfindliche Strafen,
wenn sie einen drohenden Konkurs nicht beizeiten kenntlich
machen und Schadensbegrenzung betreiben. Spitzenmanagern
läßt man dagegen plötzliche
Deckungslücken in Milliardenhöhe durchgehen.
Zugleich begründet man die astronomischen Gehälter
und Provisionen mit der außergewöhnlichen
Intelligenz, Führungskraft und Arbeitsleistung selbiger
Manager. Paßt das zusammen? Oder ist es Ausfluß
einer unseligen Verquickung von Politik und bestimmten
Bereichen der Wirtschaft?
Und weiter gefragt: Wäre es
nicht dringend geboten, die Verantwortlichen des
Mißmanagements wenigstens zu entlassen, bevor dem
schlechten Geld gutes hinterhergeworfen wird? Die an einer
Hand abzuzählenden Fälle staatsanwaltschaftlicher
Ermittlungen gehen bezeichnenderweise auf Strafanzeigen
empörter Bürger zurück. Seitens der Politik
zeigt man kaum juristisches Engagement - weil man sich den
Parteibuchinhabern in den Vorständen und
Kontrollgremien freundschaftlich verpflichtet weiß.
Eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus. Und die in
ihren Ämtern Belassenen dürften sich irgendwann um
so erkenntlicher zeigen. "Was Sauberkeit in Staat und
Gesellschaft anlangt", sagt Professor Hans Herbert von
Arnim, "stinkt der Fisch vom Kopf her."
Quelle: Nation &
Europa
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