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20. Februar 2009

Gedanken zur Finanzkrise:
System ohne Seele

Von Dr. Johannes Schulze

Im Antlitz der Finanzkrise fragt der besorgte Beobachter nach den tieferen Ursachen dieser Entwicklung. Die Vorgeschichte des Zusammenbruchs des Sowjetsystems wird wieder lebendig. Kapitalismus und Bolschewismus (Kommunismus), zwei materialistische Systeme, entwuchsen den Dogmen der "Aufklärung", nach Solschenizyn "identisch in der seelischen Entwurzelung der Völker". Beide sehen ihre Grundlage im Kampf um materialistische Vorteile, die einen im wirtschaftlichen (Existenz-)Wettbewerb der Marktteilnehmer gegeneinander um das Geld der "Konsumenten", die anderen im Klassenkampf der "Arbeiterklasse" gegen die Vermögenden (einschließlich der "Intelligenz").

Materialistisch begründet war auch der Untergang der Sowjetunion, als Gorbatschow sich im Januar 1989, beeindruckt vom damals noch ungetrübten Wohlstand im "freien Westen" und persönlich aufgesucht von prominenten Vertretern der kapitalistischen Hochfinanz, von Rockefeller und Gefolge, zur Privatisierung der Staatsbetriebe und zur Freigabe der Löhne und Preise überreden ließ, den Weg öffnete für die "Milliardäre aus dem Nichts", die riesige Staatsvermögen an sich rissen, die Sowjetwirtschaft und die staatliche Einheit zum Einsturz brachten.

Alles wird kommerzialisiert

An der Bankenkrise, die Milliardenbeträge "vernichtete" - oder in andere Brieftaschen transferierte - und Bankvermögen in Schulden verwandelte, dürfen natürlich nicht die millionenschweren Bank-, Kredit- und Wirtschaftsmanager schuldig sein. Das wäre eine unzulässige Pauschalverurteilung eines Berufsstandes, nur einzelne "schwarze Schafe" sollen die Übeltäter sein, die immerhin - tüchtig! - ein ganzes System ins Wanken bringen konnten. Doch vielleicht haben die Gegner der Pauschalverurteilung eines Berufsstandes sogar recht. Gehört die Gier nach rücksichtslos schnellem Profit, nach größtmöglicher Rendite nicht zum System des "freien Marktes", zum inneren Kern des "American way of life"? Purer Materialismus ohne ethische Hemmungen? Kann den Bankern, den Managern aller Arten ein Vorwurf gemacht werden, wenn sie diesem Lebensstil frönen, in anderen Kulturvorstellungen verwurzelte Begriffe wie "Verantwortung", "Berufsehre" nicht mehr kennen und sich notfalls auf "internationale Standards" berufen?

Frei von lästigen moralischen Hemmungen heiligt in dieser Wirtschaft der Zweck die Mittel wie Boykott, Dumping, Verdrängungswettbewerb, (verdeckte) Kartelle. Gewinnsucht macht erfinderisch. Und das färbt ab auf alle Bereiche des privaten und öffentlichen Lebens. Alles wird kommerzialisiert. Dazu der Werte-Vernichtungswettbewerb: Von ungebremsten Profitphantasien getriebene Spekulanten kaufen Betriebseinheiten auf, zahlen den Kaufpreis durch Kreditaufnahme zu Lasten des Betriebsvermögens, bedienen sich selbst kräftig aus dem aufgenommenen Kredit, zerschlagen den Betrieb, um "Filetstücke" besonders profitabel weiterzuveräußern und unverhältnismäßige Renditen in kürzester Zeit auszukehren (Hedgefonds). Wenig profitable Betriebssparten werden liquidiert, ihre Beschäftigten arbeitslos gemacht.

Mißverstandene "Freiheit"

Kreditmanager kassieren Provisionen für (Hypotheken-)Darlehen, die sie ihren Kunden aufschwatzen. Die Rückzahlungsforderungen, nahezu ungesichert, werden gebündelt mit besseren weiterverhökert, um Spielraum für neuerliche provisionsträchtige Kreditvergaben zu schaffen ("Hypothekenblase"). Spekulantentum, das keine Werte schafft, wenn nicht vernichtet, aber die eigenen Taschen mit schnellem Gewinn füllt, und reale Werte vernichtender bedenkenloser Raubkapitalismus ("feindliche Übernahmen") kennzeichnen diese Gegenwart. Maßlose Profitgier zerstört Werte und zerfrißt sie, ohne neue zu schaffen. Grenzsetzungen und Aufsicht werden im Namen der "Freiheit der Märkte" abgelehnt.

Da stellt sich schon die Frage, ob das, was aus Sicht des "alten Europa" (Bush) als Sittenverfall anzusehen ist, die Lebensform der Zukunft werden kann. "Freiheit" als Lösung aus den Fesseln der hergebrachten Sittenordnung, aus den Bindungen der Familie, der Gemeinschaft, ist jedenfalls im Altertum weder den Griechen noch den Römern wohl bekommen, war vielmehr das Vorstadium des Untergangs. Der Bolschewismus brach zusammen "über Nacht". Sein im gleichen materialistischen Geist geborener kapitalistischer Zwillingsbruder steckt in der Krise. An eine Agonie wollen

"Es war absolut vorhersehbar. Unsere Politiker waren einfach unglaublich nachlässig. Wir haben gesehen, wie die Immobilienpreise völlig aus der Bahn gerieten. Es gab ein Dahinschwinden von Richtlinien bei der Kreditvergabe. Für jeden, der sich die Mühe gemacht hatte, genauer hinzusehen, war es keine Überraschung. Unterm Strich waren es Fahrlässigkeit und Faulheit seitens der verantwortlichen Wirtschaftswissenschaftler und Politiker."
Dean Baker, Wirtschaftsexperte des US-"Center for Economic and Policy Research", über die Behauptung, die Finanzkrise sei unvorhersehbar gewesen

seine Nutznießer so wenig glauben wie vor 20 Jahren die Funktionäre des Bolschewismus an den Zerfall der Sowjetunion: "Nur weiter so, uns geht es ja noch gut!" Und so wurde schon immer gedacht - bis zum Ende. Gemeineigentum, insbesondere staatliche Vorsorgeunternehmen, hat es in der US-amerikanischen Vorbilddemokratie nie gegeben, allenfalls in völlig untergeordnetem Umfang. In den meisten Staaten Europas hingegen gehörte Gemeineigentum zu den tragenden Säulen des Staatswesens, der Daseinsvorsorge für das Volk. Energie- und Wasserversorgung, Post, Eisenbahnen, öffentliche Verkehrsbetriebe, Sozialversicherungen und vieles mehr waren staatliche Aufgaben neben der Hoheitsverwaltung wie etwa Polizei und Gewerbeaufsicht.

Verscherbeltes Gemeineigentum

Die Betriebsanlagen der staatlichen Vorsorge (Elektrizitäts- und Wasserwerke, Fuhrparks von Post und Eisenbahn usw.), mögen sie vielfach als Sondervermögen organisiert gewesen sein, waren Eigentum des Staates: Gemeineigentum. Sie arbeiteten im Allgemeininteresse sparsam rentabel - ohne "Gewinnmaximierung" zugunsten einzelner Privatpersonen - und gaben ganzen Bevölkerungsteilen Arbeit, Brot, Lebenssicherheit und -inhalt.

Mit der gefeierten "Privatisierung" wird von den Funktionären der Politik Gemeineigentum, das ihnen nur zur Verwaltung anvertraut ist, zerstückelt, für private Vorteile einiger Einzelpersonen, "Investoren" wie Manager, an die Börse gebracht oder an Privatunternehmen veräußert. Arbeitsplätze werden alsdann "wegrationalisiert". Ganzen Bevölkerungsteilen wird der Lebensinhalt geraubt, die Lebensplanung zerstört. Sie werden wahlweise zu "flexiblen" Wirtschafts-Wanderhirten oder zu arbeitslosen Fürsorge-Schnorrern verurteilt. Mit der Privatisierung verwischt die Unterscheidung zwischen Gemein- und Individualeigentum, zwischen "Mein" und "Dein", und "privat" nähert sich seiner lateinischen Urbedeutung: privatus = geraubt. Die ehemals hochentwickelte europäische Staatskultur wird amerikanisiert, zurückgebildet zu einer in Europa seit fast 200 Jahren überwundenen Entwicklungsstufe.

Rettung durch Konsum?

Mußte sich der "einfache" Bürger seit eh und je anhören, wie teuer er dem Staatshaushalt zu stehen kommt und daß er keine neuen "Wohltaten" mehr erwarten darf, kann er jetzt nur staunen, wie viele Hunderte Milliarden Euro für die Rettung der Banken und anderer Wirtschaftsunternehmen mit allerlei Haushaltstricks hervorgezaubert werden. Im "freien Spiel der Kräfte am Markt" hat ihn Adam Smith, prominentester Erfinder des liberalistischen Dogmas, vergessen, und jetzt in der Krise soll er das System retten.

Konsumieren bis zum Geht-nicht-mehr, bloß nichts auf Sparkonten einzahlen, denn die Konjunktur muß wieder anspringen, verlangen die Politiker. Ein pausenloses Werbungstrommelfeuer in allen Medien und an allen Orten, wo sich auch nur drei Menschen zusammenfinden, hämmert Konsumlust ein. Mit "Zahlungserleichterungen" und allen Tricks, die die Werbungsindustrie ausgeheckt hat, soll Begier geweckt und "Wachstum" erzwungen werden. Hier kommt es auf die Quantität an, nicht auf die Qualität.

Logik des Systems

Einerseits werden Arbeitsplätze zur Produktionskostensenkung ins Billigausland verlagert, andererseits erwartet man, daß die erwerbslos gemachten Inländer unvermindert weiter konsumieren. Der Kapitalismus beginnt sich selbst aufzufressen: Manager-Riesengehälter für nichts oder für den "internationalen Börsenwert", Millionen-Provisionen und -Prämien für leere Gewinnblasen, für die Zerschlagung wirtschaftlicher Werte und Produktionsstätten. Gieriger Abbau statt schöpferischer Aufbau. Wenige erhalten immer mehr; die meisten aber werden zu "Verlierern". Eine solche Entwicklung mag in der Logik des Systems liegen, verurteilt es aber zugleich zum Untergang. Die noch verhalten knurrende Allgemeinheit wird sich nicht ewig mit Schönmalerei und billigen Zukunftsversprechen ruhig halten lassen.


Quelle: Nation & Europa

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