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27. Juli
2007
Das dicke Ende kommt
erst noch:
Trugbild
"Aufschwung"
Von Bernhard Retka
Schlechte Zeiten für
Pessimisten und Schwarzseher. Denn Deutschland geht es
einfach phantastisch. Die Arbeitslosigkeit sinkt, die
Steuereinnahmen sprudeln, und das Grinsen in den Gesichtern
der Kanzlerin und ihrer Kabinettskollegen will gar nicht
mehr verschwinden. Sogar der mit eindeutigen Festlegungen
eher vorsichtige Bundesfinanzminister Peer Steinbrück
ließ verlauten, er halte einen ausgeglichenen
Gesamthaushalt im Jahr 2010 für ein "sehr, sehr
realistisches und ernsthaftes Ziel". Gemeint ist die
Staatsverschuldung insgesamt (Bund, Länder und
Gemeinden), nicht allein der Bundeshaushalt. Dessen auch
für die folgenden Jahre vorgesehenen Neuschulden sollen
aber durch Überschüsse bei Ländern, Kommunen
und Sozialversicherungen ausgeglichen werden.
Schlichte Gemüter könnten
derlei Ankündigungen sowie die von den Medien
verbreitete Aufschwungs-Euphorie zu der
Annahme verleiten, daß es tatsächlich
aufwärts geht mit Deutschland. Mit jenem Deutschland,
das die Kanzlerin vor gerade mal einem Jahr unter Verweis
auf die "desolate Haushaltslage" einen "Sanierungsfall"
nannte. In nur einem Jahr vom Sanierungsfall zum neuen
Wirtschaftswunderland: Wie hat Frau Merkel das gemacht?
Äußerst geschickt, denn der großen
Koalition ist es mangels einer medienwirksamen Opposition
gelungen, daß ein Großteil der Bürger den
Schein für die Wirklichkeit hält.
Der Steuerzahler muß
bluten
Tatsächlich ist der Aufschwung
kaum mehr als eine Fata Morgana, die sich zusehends
verflüchtigt, je genauer man hinschaut. Denn woher
kommt die aktuelle Wirtschaftsbelebung? Effekt Nummer eins
ist die seit 2006 stark gestiegene Bautätigkeit.
Aufgrund des Wegfalls der Eigenheimzulage zum Jahresende
2005 schoß, wie zu erwarten war, die Anzahl der
Bauanträge in die Höhe. Seit letztem Jahr werden
die Projekte umgesetzt und deshalb - zusätzlich
begünstigt durch den sehr milden Winter 2006/2007 -
geht es der Bauwirtschaft vergleichsweise gut. Ist dieses
kurze Strohfeuer erst erloschen, haben wir am Bau sehr
schnell wieder das alte Jammern und Klagen.
Zweiter Effekt: die
Mehrwertsteuererhöhung, deren Ankündigung Ende
2006 zu vorgezogenen Anschaffungen geführt hat. Danach
klingelte es erst recht in den öffentlichen Kassen. Und
der dritte Anstoß für eine kurzfristige Belebung
der Wirtschaft war die Fußball-WM im letzten Jahr.
Betrachtet man also, wie der
momentane "Aufschwung" zustande gekommen ist, nimmt man mit
einiger Skepsis zur Kenntnis, daß der "Arbeitskreis
Steuerschätzung" für die Jahre 2007 bis 2010
Steuermehreinnahmen von fast 180 Milliarden Euro
vorhergesagt hat. Offensichtlich geht dieser Arbeitskreis,
in dem immerhin Fachleute aus Bundesministerien, Deutscher
Bundesbank und den Wirtschaftsforschungsinstituten
versammelt sind, davon aus, daß die momentane
Entwicklung von Dauer ist. Abgesehen davon, daß die
Prognosen des Expertengremiums "notorisch
unzuverlässig" (Financial Times Deutschland) sind,
sprechen aber steigende Steuereinnahmen nicht unbedingt
für wirtschaftliche Prosperität. Inflation, Lohn-
und Steuererhöhungen bringen zusätzliches Geld in
die Staatskassen, ohne daß sich dadurch die
ökonomischen Fundamental-Daten verbessern. Schon gar
nicht steigt die Lebensqualität der Bürger. Von
ihnen stammt nämlich das Geld, über das sich die
Politiker so sehr freuen.
Das Problem der Pensionen
Kaum war die optimistische Prognose
veröffentlicht, standen Steinbrücks
Ministerkollegen Schlange, um zusätzliche Forderungen
über insgesamt fünf Milliarden Euro anzumelden.
Und durch Sitzungssäle wie Zeitungsspalten geisterte
plötzlich die absurde Frage: "Wohin mit dem vielen
Geld?" Geld, das wohlgemerkt noch nicht auf dem Konto ist,
sondern sich vorläufig nur in der Phantasie eines von
der Bundesregierung eingesetzten Gremiums materialisiert.
Steinbrück reagierte denn auch zurückhaltend.
Weder will er die Extrawünsche seiner Kollegen
erfüllen, noch die Steuern senken. Und auch die
Neuverschuldung des Bundes möchte er nur ganz zaghaft
reduzieren. Offensichtlich ist dem Bundesfinanzminister
durchaus klar, welche Löcher sich noch immer in den
Haushalten auftun.
Steinbrücks Erwartung eines
ausgeglichenen Gesamthaushalts im Jahr 2010 steht und
fällt mit den dabei einkalkulierten
Überschüssen, die die Bundesländer beisteuern
sollen. Auf diese kommen jedoch rasant wachsende
Verpflichtungen für Beamtenpensionen zu, die sich in
den nächsten 20 Jahren auf eine Billion Euro zu
summieren drohen (eine Billion = 1000 Milliarden). Dies
haben Berechnungen ergeben, die neben der wirtschaftlichen
Entwicklung auch die Altersstruktur und die Lebenserwartung
der Beamten berücksichtigen.
Eine Falle übrigens, die sich
die Herrschenden selber gestellt haben, indem sie das
BRD-typische "Nach-mir-die-Sintflut"-Prinzip anwandten. Denn
anders als Angestellte und Arbeiter in der gesetzlichen
Rentenversicherung zahlen Beamte für ihre Pensionen
keine Beiträge. Auch der Arbeitgeber - die
öffentliche Hand - zahlt nichts ein, legt aber auch
nichts zurück. Sorglos wurde - ganz besonders in den
späten 1960er und frühen 1970er Jahren - in vielen
Bundesländern der Beamtenapparat massiv
aufgebläht. Es war die Zeit, als linkerseits der
"Marsch durch die Institutionen" nicht nur propagiert,
sondern auch angetreten wurde.
Das Parkinsonsche Gesetz
Hinzu kam und kommt das nach einem
britischen Wissenschaftler benannte "Parkinsonsche Gesetz":
Die Zahl der Angestellten und Beamten vermehrt sich in der
Regel ohne Rücksicht auf den Umfang der
tatsächlich zu leistenden Arbeit.
Hat ein Verwaltungsorganismus erst 1000 Stellen aufgebaut,
wird er praktisch autark und braucht keine Verbindung mehr
zur Außenwelt: Die Verwaltung verwaltet sich selbst.
Die Aufblähung des Personalkörpers erklärt
sich laut Parkinson aus dem Machtstreben der
Führungsleute: Die Wichtigkeit eines Abteilungsleiters
steige mit der Zahl seiner Untergebenen (und damit auch das
Gehalt). Die Arbeit werde dann so organisiert, daß sie
nie vor der Zeit abgeschlossen sei. Drohe die Arbeit
abzunehmen, werde ihre Erledigung zeitlich dem Personalstand
angepaßt - nicht umgekehrt.
Obwohl viele Beamte gute Arbeit
leisten und ihrem Dienstleistungsauftrag für den
Bürger vollauf gerecht werden, leidet auch ihr Ruf
unter der Fehlentwicklung. Nicht wenige Verwaltungschefs
nutzen die Möglichkeit, politisch Gleichgesinnte
nachzuziehen und üppig zu versorgen. Vor allem die hoch
dotierten Leitungsfunktionen werden meist nach Parteibuch
vergeben - zum einen, um politische Kontrolle
auszuüben, zum anderen, um die eigene Klientel bei
Laune zu halten. Automatische Folge solch aufgeblähter
Staatsapparate sind, nach Parkinson,
übermäßige Steuern.
Nicht nur die Gehälter wollen
finanziert sein, auch die Pensionen. Dazu hätten
Rückstellungen gebildet werden müssen.
Gegenwärtig sind allein in den Bundesländern 430
000 Staatsdiener a.D. zu versorgen. "Das ist eine richtige
Lawine", klagt Brandenburgs Finanzminister Rainer Speer
(SPD), ohne zu erläutern, wer diese Lawine losgetreten
hat. Es waren Politiker und politische Spitzenbeamte. Sie
hätten beizeiten errechnen müssen, was man sich
für die Zukunft leisten kann und was nicht. Einige
"reichere" Bundesländer haben erst jetzt damit
begonnen, Geld für künftige Pensionäre
zurückzulegen. Andere sind komplett "blank". Im
Saarland beispielsweise fragt sich Landesfinanzminister
Peter Jacoby (CDU) verzweifelt: "Wie finanzieren wir das
denn?" Neue Kredite seien der einzige Ausweg.
"Völlige
Handlungsunfähigkeit von Regierung und Parlament"
Glaubt man dem Freiburger
Ökonomen Bernd Raffelhüschen, gibt es bei den
Beamtenpensionen und durch die Anwartschaften in der
gesetzlichen Rentenversicherung derzeit eine
"Finanzierungslücke" von sage und schreibe sieben
Billionen Euro. In den Haushalten ist diese Lücke nicht
erfaßt, da sich dort nur aktuelle Einnahmen und
Ausgaben niederschlagen, nicht aber "Versprechungen", also
zukünftige Ausgaben. Bis zum Jahr 2020 wird sich die
Zahl der vom Staat alimentierten Versorgungsempfänger
in etwa verdoppeln. Ein Expertenbericht, den die hessische
Landesregierung erstellen ließ, warnt vor der
"völligen Handlungsunfähigkeit von Regierung und
Parlament". Doch dazu gibt es im Fernsehen keine
Abendnachrichten und in den Zeitungen keine Schlagzeilen.
Sonst wäre die Stimmung wohl eine ganz andere.
Bereits ohne die
Pensionsverpflichtungen leben die Deutschen auf einem
Staatsschuldenberg von über 1,5 Billionen Euro (das
macht pro Kopf 18 175 Euro). Minister, die diese Belastung
für künftige Generationen verdrängen und bei
der kleinsten Aussicht auf höhere Steuereinnahmen die
Hand aufhalten, offenbaren damit das ganze Ausmaß
ihrer Verantwortungslosigkeit. Und auch wenn Forderungen
nach Steuersenkungen ebenso berechtigt wie
volkswirtschaftlich sinnvoll sind - an allererster Stelle
müßten die Staatsschulden abgebaut werden. Eine
Reduzierung der alljährlichen Neuverschuldung reicht
nicht aus. Wenn die Zinsen für die Altlasten entfielen,
hätte die Bundesregierung jedes Jahr etwa 40 Milliarden
Euro zusätzlich zur Verfügung.
In Dänemark, Schweden und
Finnland wurden in den letzten Jahren eingefahrene
Haushaltsüberschüsse konsequent zum Abbau der
Staatsverschuldung genutzt. So hat Schweden seine Schulden
binnen weniger als zehn Jahren von 70 auf 40 Prozent des
Bruttoinlandsprodukts reduziert. Wenn der politische Wille
vorhanden ist, kann also auch in überschaubaren
Zeiträumen Beachtliches erreicht werden.
Bei den Ausgaben sparen!
Eine Stellgröße,
über die in der aktuellen Diskussion kaum gesprochen
wird, ist die Ausgabenseite. Auf den Prüfstand
gehören zum Beispiel Beiträge an internationale
Organisationen (EU, NATO, UNO usw.), die ausufernde
Selbstversorgung der Parteien, die Subventionierung von
Millionen importierter Sozialfälle, sinnlose bis
schädliche Auslandseinsätze der Bundeswehr,
Klientelversorgung und vieles mehr. Auf diese Weise
kämen zahlreiche Euro-Milliarden zusammen, mit denen
man zuerst die Staatsverschuldung abbauen und dann
Steuersenkungen finanzieren könnte. Nach Berechnungen
u.a. des Finanzwissenschaftlichen Instituts der
Universität Köln lassen sich in Deutschland pro
Jahr über 80 Milliarden Euro an Staatsausgaben
einsparen, und zwar ohne Leistungseinbußen für
den Normalbürger. Dabei sind die von der "Political
correctness" tabuisierten Ausgaben-Bereiche noch gar nicht
berücksichtigt.
Kurzum: Der gegenwärtig zur
Bewunderung ausgeschriebene "Aufschwung", ohnehin auf wenige
Branchen beschränkt, hat keine wirkliche Substanz. Er
ist hauptsächlich ein psychisch-propagandistisches
Phänomen; er wird von den meisten Deutschen nur
"gefühlt", nicht aber im eigenen Geldbeutel
gespürt. Während es in anderen Ländern
wirklich aufwärts geht, ist man hierzulande schon froh,
wenn die Massenarbeitslosigkeit in der Spitze etwas abgebaut
wird - was sich nicht zuletzt statistischen Manipulationen
verdankt. Kanzlerin Merkel hat den Deutschen "Licht am Ende
des Tunnels" versprochen. Man kann schon etwas davon sehen.
Leider stammt es (siehe Pensionen) vom entgegenkommenden
Zug.
Quelle: Nation &
Europa
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