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30. Mai 2008

Rebell gegen Napoleon
Andreas Hofer - ein Symbol der Tiroler Volkserhebung

Von Günther G. Giese

In Innsbruck, der tirolischen Landeshauptstadt, gibt es nicht nur das Goldene Dachl und die Bergisel-Schanze, den Apfelstrudel und den Mirabellenlikör, sondern auch zwei Landesmuseen. Wer nun seinen Weg nicht zum Ferdinandeum, sondern zum Zeughaus Kaiser Maximilians nimmt, der betritt einen großen Innenhof und sieht sich, in gerader Flucht des Eingangs, einer Dornenkrone gegenüber, welche an der Rückseite des Hofes aufgestellt ist. Was da massiv ins Auge springt, hat mit dem kaiserlichen Namensgeber und seiner Historie nichts gemein. Es ist das Requisit eines Festzuges, der 1984 in Erinnerung an den Tiroler Freiheitskampf, 175 Jahre zuvor, gerüstet wurde. Die Marterkrone - sie war gedacht als Symbol der Teilung des Landes am Brenner. Und sicher war in diese romantische Apotheose auch Andreas Hofer eingeschlossen, jener Mann aus dem Passeier, der auch heute noch vielen als Inkarnation des Tirolertums gilt.

"I nit, ös a nit, der da drobn!"

Den vierzigsten Geburtstag des Kaisers Napoleon feierte einer seiner ältesten Mitkämpfer und Marschälle, François Joseph Lefebvre, Herzog von Danzig, wenig rühmlich: Er ließ retraite blasen. Der einst der Krönung des Empereur, das Szepter tragend, assistiert hatte, wich jetzt, in der Nacht zum 15. August 1809, mit 14 600 Mann Infanterie, 1400 der Kavallerie und 43 Kanonen innabwärts vor den Freischaren des "Ober-Commandanten in Tyrol" Andreas Hofer zurück. Von den "Wilden Tirols . . . rasend wie ein Tiger", schreibt der Marschall in seinem Rapport, während die ihm den Spottvers nachsangen: "Der Herzog von Danzig, der war a so gschwanzig, dem Boarscht seine List hoata a net al gwist (= gewußt)."

Am gleichen 15. August gegen 11 Uhr zieht der "Boarscht", der Bärtige, nach der dritten Bergisel-Schlacht als Sieger in die Tiroler Hauptstadt ein: Andreas Hofer. Er weiß nichts vom Geburtstag des fremden Usurpators, der da in Schönbrunn hofAndreas Hofer hält, will davon auch nichts wissen, denn sein Kriegsherr ist der Gekreuzigte, seine Vorkämpferin "Unsere Hohe Frau", deren festlicher Tag "Mariä Himmelfahrt" ihm heute den Sieg krönt. Vom Balkon des Goldenen Adlers bescheidet er gen Himmel weisend die Studenten, die ihm ihr Vivat ausbringen: "I nit, ös a nit, der da drobn!"

Für die Innsbrucker Bürger wird' s ein ungemütlicher Tag, voll Strapazen: Etwa 18 000 Bauern sammeln sich nach und nach in der Stadt, sind zu verköstigen und machen Quartier, und Innsbruck zählt damals nicht mehr als knapp 10 000 Einwohner.

Der Sandwirt Hofer aus dem Südtiroler Passeier richtet sich in der Innsbrucker Hofburg ein, wo er nur einige wenige Räume nutzt - mit allem Respekt, versteht sich. Nicht nur einmal sagt er: "Sie müessem öpper nit glabn, i röd mit Ihnen oals Sandwirt, i röd im Noamen des Koasers und des Prinzen Johann." Und gleich muß der kleine Saal, wo Hofer mit der "Joppe", seinem bäuerlichen Stab, speist und Audienz hält, mit Kruzifix und Marienbild geschmückt werden. "A bisl a christlichs Zoachn schodet nit", meint der neue Hausherr.

So beginnt, für neun Wochen, das "Bauernregiment" in der Innsbrucker Hofburg. Es ist das, was man zu Recht ein Interregnum nannte. Wer Hofer überhaupt als "Ober-Commandanten in Tyrol" legitimiert hat, bleibt offen, doch scheint er sich auf mündliche Vereinbarungen mit dem Wiener Hof berufen zu haben - vor dem ersten Tiroler Aufstand im Frühjahr 1809.

Tirol war vom Ausgang des dritten Koalitionskrieges existentiell betroffen. Als Napoleon, der Sieger von Austerlitz, am 26. Dezember 1805 den Preßburger Frieden diktierte und die Habsburger zwang, u. a. ihre tirolischen Erblande an das mit Frankreich verbündete Bayern abzutreten, war Europa um einen Unruheherd reicher. So kommt es in Tirol gleichsam automatisch zur Erhebung gegen die Bayern, die als Besatzer gelten, als Österreich im April 1809 einen neuen Waffengang gegen Napoleon wagt. Da die französischen Kräfte in Spanien gebunden sind, scheint der Zeitpunkt gut gewählt.

Der Kampf um Innsbruck wird in mehreren Schlachten am Bergisel ausgetragen. Vergeblich versuchen die Bayern nach einer ersten Niederlage am 25. Mai vier Tage später, diesmal mit französischer Unterstützung, verlorenes Terrain wiederzugewinnen. Zwar hat der Korse bereits am 13. Mai Wien besetzt, doch die Signalwirkung, die von seiner Niederlage bei Aspern am 21./22. Mai - seiner ersten Niederlage überhaupt - auszugehen scheint, beflügelt den Kampf der Tiroler mehr denn je. Auch die dritte Bergisel-Schlacht am 13. August bestätigt ihre militärischen Anstrengungen, ja für einen Augenblick läßt der Sieg vergessen, daß der Krieg damit noch lange nicht gewonnen ist. Denn bereits im Juli hat Österreich nach seiner Niederlage bei Wagram die Waffen strecken müssen. Der Stolz, den Feind aus eigener Kraft außer Landes getrieben zu haben, mag die Tiroler in ihrer Hoffnung bestärken, ihre Freiheit endgültig behaupten zu können. Doch deutet die Hoffnung die Zeichen richtig oder beschwichtigt sie nicht eher die Angst vor der Zukunft? Daß der mächtige Gegner nicht gewillt ist, die Entwicklung in Tirol hinzunehmen, macht der Waffenstillstand von Znaim (12. Juli) deutlich, in dem Napoleon u. a. die Räumung Tirols von österreichischen Truppen befiehlt. Andreas Hofer ficht dies nicht an. Als treuer Untertan der Habsburger versteht er sich nach den militärischen Erfolgen nun als eine Art Landesverweser, der die Interessen seines Herrscherhauses vertritt.

Dem biederen Sandwirt aus dem Passeier-Tal stellten sich mancherlei ungewohnte Aufgaben, wobei sich nicht selten das Ernste mit dem Kuriosen mischte. Innsbruck stand vor dem finanziellen Ruin, denn die Stadt hatte am 4. September noch eben 39 Kreuzer Bares in der Kasse - was Hofer veranlaßte, in Hall silberne "Sandwirts-Zwanziger" (1/3 Gulden) prägen zu lassen. Mit diesem Auftrag, 3000 Stück, stellte die traditionsreiche Münzstätte ihren Betrieb ein. Das Finanzproblem mochte dringlich sein, doch in der Prioritätenliste dessen, was geregelt werden mußte, tauchten andere Akzente auf. So kannten beispielsweise die Domherren von Brixen, denen ein bayerisches Reglement ihren Anspruch auf ein Deputat von Krapfen gestrichen hatte, keine gewichtigere Sorge als die Erneuerung dieses Privilegs, so daß sie Hofer mit einer ausführlichen Bittschrift traktierten. Dem seinerseits lag vor allem die öffentliche Sittlichkeit am Herzen, und er bemängelte, "daß die Frauenzimmer von allerhand Gattungen ihre Brust und Armfleisch zu wenig oder mit durchsichtigen Hudern bedecken".

Obwohl Hofer sein Amt sehr ernst nahm und früh um fünf das Tagwerk anging, kam kaum einer in der Audienz unter drei Stunden Warten davon. "Vyath (fiat), es soll geschöchn und will ihn pöstens empfoln haben", lautete der einwilligende Spruch - andernfalls beschied der bäuerliche Landesherr mit einem knappen "Kann nit seyn". Wo der gesunde Menschenverstand nicht hinlangte, stützte er sich auf Parteigänger unter Beamten und Intelligenz, die ihm auch das Schriftliche besorgten.

Die Staatsaktionen beiseite, bietet die Innsbrucker Regentschaft im Herbst 1809 manch anheimelndes Kolorit ländlicher Idylle. Da sitzt der Bauernrat in Hemdsärmeln zu Tische, putzt die Kerzen mit den Fingern, und im Eck spendet ein bauchiges Faß vom heimischen Etschtaler. Dem Vespern folgt der Rosenkranz. Wer sich zeitig davonstehlen will, weil noch ein Dutzend angehängter Paternoster und Litaneien die Runde macht, hat kein Glück und wird gebieterisch belehrt: "Hoabts mitgössen, kennts mitbettn a!" Ein Pfeifchen, ein zünftiges Kartenspiel würzen den Feierabend, spätestens bis eine Stunde vor Mitternacht; auch stimmt der "Herr Vater" wohl selbst das Lied an "Die liebe Feierstunde schlägt", und alle fallen gern ein. Der einzige Stolz des Bauernführers sind seine Passeier Wache und ein Viererzug Schimmel, den die bayerische Gräfin Spaur seinen Leuten lassen mußte. Die größte Freude ist ihm der Almabtrieb, und er gibt Order, die bunt aufgeputzten Tiere doch da entlangzutreiben, wo er am Altan der Hofburg zuschauen könne.

Die Chronisten loben Hofers Einfachheit im Amt: "Hofer machte nicht den geringsten Staat . . . und die gemeinsten Speisen waren ihm die liebsten." Diese liefert der Kaffeesieder Moll, Hofgasse 10; mehr als 45 Kreuzer pro Kopf und Tag darf der Verzehr nicht kosten. Gehaltslisten gibt' s keine, weder für den Regenten noch für seine Helfer.

Einmal wagt einer die Anrede "Exzellenz", was Hofer, auf seinen Bauernstand verweisend, genauso ablehnt wie den Adelstitel, den ihm der Kaiser durch einen geheimen Kurier verleihen will. Das versprochene Landgut ist da eher nach seinem Herzen. Und das Medaillon seines Kaisers Franz an schwerer goldener Kette läßt er sich eigens zu dessen Namenstag in der Hofkirche umhängen. Es ist ihm Unterpfand der Treue des angestammten Hauses Habsburg zu Tirol und dieser Tag, der 4. Oktober 1809, zugleich der äußerste vorstellbare Höhepunkt seines Lebens.

"General Barbone"

Als Hofer sich mit der goldenen Statthalterkette schmücken durfte, stand er im 42. Lebensjahr, viereinhalb Monate von seinem gewaltsamen Tod entfernt. Der Sandhof, anderthalb Kilometer südlich St. Leonhard im Passeier, war seit 1664 Besitz der Hofer. Hier führt der Weg vom Jaufen längs der Passer nach Meran und Burg Tirol, dem Herzen des Landes; beim Hofer konnte man rasten. Zwar wurde der Sandhof auf 12 000 Gulden Wert geschätzt, doch mußte der Erbe Andreas, das jüngste Kind, seine drei Schwestern zu gleichen Teilen auszahlen. Hofers Mutter stammte aus Nordtirol, Matrei am Brenner, ihre Familie aus Hall. Die Tatsache, daß sich im Befreier Tirols beide nachmals getrennten Landesteile verkörpern, wird heute gern symbolisch gedeutet.

Der junge "Anderl" wuchs als Vollwaise heran. Als Dreijähriger hatte er die Mutter, mit sieben Jahren auch den Vater verloren. Manche nennen deshalb seine fast kindliche Anhänglichkeit an Kirche und Kaiser die Suche nach dem Übervater, bestärkt von geistlichen Bezugspersonen. Wie seine Altersgenossen ging der Junge zur Volksschule, welche Kaiserin Maria Theresia 1774 allgemein eingerichtet hatte. In Cles in Welschtirol - wahrscheinlich kam er sogar bis nach Italien - erlernte er die zweite Landessprache, das Italienische.

1789, im Jahre der Großen Revolution, die Thron und Altar umstoßen sollte, trat Andreas Hofer das väterliche Erbe an und heiratete die gut zwei Jahre ältere Bauerntochter Anna Ladurner aus Algund bei Meran (gest. 6. Dezember 1836). Von sieben Kindern überlebten Sohn Johann als Ältester und vier Mädchen die Kindersterblichkeit der Zeit.

Der Hof brachte sein Auskommen, auch wenn ein Zeitzeuge über die Haushaltung seiner Bewohner skeptisch meinte: "Sie verschwendeten nichts, verstanden aber auch nicht zusammenzuhalten." Andreas Hofer verlegte sich auf den Wein-, Branntwein- und Pferdehandel und muß, den Zeugnissen nach, zwischen Schwaz im Unterinntal und Bozen nennenswerte Geschäftsgänge abgewickelt haben. Sechzehn stolze Saumpferde hielt er immerhin, bevor die Politik den Sandhof ruinierte.

Der Sandwirt war, darin sind sich jene, die ihn kannten, einig, ein stattlicher, ja, einmal heißt es, "ein schöner Mann". Ungewöhnliche Körperkraft zeigte er, wenn er sich auf ländlichen Festen als Robler (Raufer bei Kraftproben, Ringer) hervortat. Das Urteil des Mantuaner Tribunals gibt seine Körpergröße an: ". . . von Statur 5 Schuh, 8 Zoll hoch." [1] Seine Tracht hat er nie ändern wollen: Beige Jacke über rotem Brustfleck (Weste), ein breiter schwarzlederner Gurt mit seinen Initialen, schwarze schaflederne Kniehosen, blaue Strümpfe, Stiefel oder weitausgeschnittene Schuhe, den Kopf bedeckt ein breitkrempiger Hut, eine Seite der Krempe aufgestülpt und mit einem Muttergottesbild geschmückt. Unverwechselbar schien allen sein mächtiger dunkler Vollbart, dessentwegen ihn die Südtiroler "General Barbone" tauften.

Hofer war ein geselliger, auch ein trinkfreudiger Mensch, der "namentlich nie ohne mannhaften Weingenuß schlafen ging". Ein Mann mit Gemüt, der "bei geringer Bildung gesunden Hausverstand und treffenden Mutterwitz, ein einfaches, aber meist richtiges Urteil und eine Art Bauerninstinkt zeigte, der im ersten Angriff die Dinge richtiger auffaßte als der lang überlegende Geist".

Wie wird solch echter und rechter Passeier Bauer eine historische Figur? Gewiß, ohne die Zeitenwende anno 1789 und ohne den Kaiser Napoleon hätte sich Andreas Hofers Name kaum über die Chronik des Sandhofs erhoben. Doch muß man da auch im Individuellen suchen. Er muß ein "umtriebiger" Mann gewesen sein, einer, den es offenbar selten zu Hause litt, der gern losfuhr und unter Menschen kam. Das weitete den Blick, er lernte Land und Leute kennen, gewann auch die topographischen Kenntnisse, die dem Anführer dienlich und nötig sind. Nicht zufällig zählt man unter den namentlich hervorgetretenen Tiroler Kämpfern mehr als vierzig Wirte; auf der Gedenktafel der Tiroler Kriege 1797-1809 in der Innsbrucker Hofkirche liest man fünfundzwanzig Namen, zehn der hier Erwähnten waren Wirte. Mochte Hofers Bildungsstand nach dem Urteil des Städters auch dürftig scheinen, so hatte er sich doch als Handelsmann allerlei Wissen in bürgerlichen Geschäften aneignen können und sprach, ein wichtiger Vorteil, die "welsche", also italienische Sprache.

Schon der Zweiundzwanzigjährige vertritt 1790 das Passeier Tal auf dem Tiroler Landtag in Innsbruck, den Kaiser Leopold II. neu einberufen hatte, reist dann wieder 1796 für die Passeier Schützen in die Hauptstadt. Übers Jahr, Ende März 97, als die Tiroler das französisch besetzte Bozen freikämpfen, ist Andreas Hofer im Aufgebot Hauptmann der 1. Passeier Landsturmkompanie. Vielleicht durch frühe Reife gefördert, muß ihm eine natürliche personale Autorität zugewachsen sein. Wie sonst mochte einem erst einundvierzigjährigen Mann während des Innsbrucker Regiments das ehrerbietige "Vater Hofer" oder "der Herr Vater" zugesprochen werden?

Die Tiroler Freiheiten

Es war die ländliche Bevölkerung, die 1809 den Tiroler Aufstand trug. Nur 10 Prozent der etwa 625 000 Einwohner - gut jeder dritte ein Italiener - lebten in Städten und größeren Orten; 23 Prozent waren selbständige Bauern (Bayrischer Zensus 1806). Schon seit jenen frühen Zeiten der Margarete Maultasch, die 1363 dem österreichischen Herzog Rudolf von Habsburg die Grafschaft Tirol übertrug, hatte sich das deutschtiroler Bauerntum zu einem persönlich und dinglich freien Stand entwickelt, eines der sehr seltenen Beispiele freien Erbbauerntums im alteuropäischen Feudalismus. Anders die Bauern des italienischsprachigen Gebiets: Dort herrschte die Halbpacht vor, die Mezzadria. Nicht nur, daß die deutschtiroler Bauern als freie Eigner wirtschafteten - sie repräsentierten auch einen der vier Landstände. Als noch kurz vor der Abtretung Tirols an Bayern die Stände bei Kaiser Franz vorstellig wurden, da zeichneten diese Petition der "Landeshauptmann", der Abt von Wilten bei Innsbruck als "Verordneter des Prälatenstandes", der Innsbrucker Bürgermeister "aus dem Bürgerstande" und je ein "Verordneter aus dem Herrn- und Ritter-Stande" und "aus dem Bauernstande". Die Rechte der Landstände gehen auf den "Großen Freiheitsbrief" des bayerischen Herzogs Ludwig, Grafen von Tirol, zurück, von dem je eine Urschrift in München und Innsbruck bewahrt wird: die Tiroler "Magna Charta". Darin erklärt der Landesherr am 28. Januar 1342: "Auch suellen wir die Grafschaft ze Tyrol handeln vnd haben nach der besten Rat, die darinne gesezzen sint, und alle zeit des Landes ze Tyrol Reht bezzern und nicht boesern nach ir Rat. . ."

Der zweite tief in der Landesgeschichte verankerte Pfeiler der Tiroler Freiheit ist Kaiser Maximilians "Landlibell" von 1511 (von libellus = Büchlein, hier: Land-Gesetzbuch). Der Herrscher, der nirgends lieber weilte als in Tirol, schreibt darin die herkömmlichen Rechte der Tiroler als grundsätzliche Wehrordnung fest: das Privileg, sich selbst zu bewaffnen und Waffen zu führen, die Verpflichtung, das Land mit eigener Hand zu schützen, verbunden mit dem Zugeständnis, jenseits seiner Grenzen Kriegsdienste nur freiwillig zu leisten. Einem Krieg, der "durch Tirol geführt werde", müssen die Stände zustimmen. Die "Macht", das "Aufgebot", umfaßt, je nach Größe der Gefahr, in vier Stufen 5000 bis 20 000 Mann; Verpflegung und Ausrüstung, auch die Artillerie, stellt der Landesherr, den Sold zahlen die Stände. Die Offiziere wählt die Mannschaft, die Oberkommandanten ernennt der Landesherr.

Man muß dieses Landlibell im Blick haben, um nachzuempfinden, daß sich die "Insurgenten" von 1809 mitsamt ihrem Oberkommandanten Hofer durchaus als eine legitimierte Truppe ansahen. Das Landlibell ist auch die dokumentierte Grundlage des halbpolitischen Ranges, der bis heute das Tiroler Schützenwesen auszeichnet, mag dieses auch entwicklungsspezifisch noch weiter in die Geschichte zurückweisen. Der vermehrte Gebrauch der Feuerwaffen ließ die "Scharfschützen" oder "Standschützen" aufkommen; sie exerzierten nicht nur im Aufgebot, sondern übten gewohnheitsmäßig das Präzisionsschießen.

Ständische Freiheit und Territorialmiliz geben also Impulse für die Erhebung von 1809. In Tirol ist der Bauer nicht mehr erbuntertänig, sondern landtagsfähig, nicht nur Nährstand, sondern ebenso Wehrstand. ". . . der Tiroler liebt seine Büchse fast wie seine Familie", schrieb 1809 der bayerische Generalkommissär von Aretin aus Brixen nach München.

"Vous êtes Bavarois!"

Am 2. Dezember 1805 leuchtete Napoleon in der Dreikaiserschlacht "die Sonne von Austerlitz" zum Sieg. Die Folge war der Friede von Preßburg: Bayern, jetzt Königreich von Napoleons Gnaden, wurde für das säkularisierte Fürstbistum Würzburg mit dem österreichischen Tirol entschädigt. "Vous êtes Bavarois" - so entließ der Sieger Tiroler Gesandte. Tatsächlich stand kein Volksstamm den Tirolern so nahe wie eben die Bayern, die ja selbst vor einem Jahrtausend gen Süden aufgebrochen waren. Es ist eine der Satiren der Geschichtsgöttin: Der Tiroler Aufstand traf die engsten Verwandten, jene, die fast mit demselben Zungenschlag redend, in gleicher ländlich-katholischer Gläubigkeit lebten.

Anfangs 1806 nahm König Maximilian I. Joseph das angrenzende Alpenland in Besitz - übrigens sehr gegen den Willen seines frankophoben Sohnes, des Kronprinzen Ludwig. Bayern war unter seinem Minister Montgelas ein fortschrittlicher Staat, und der König ein fortschrittlicher Mann. Auch in Tirol sollten nun alte Zöpfe fallen, das Volk von "Aberglaube" und Hinterwäldlerei eiligst befreit werden. Die Kommissäre aus München säumten nicht: Christmette und Heiliges Grab wurden verboten, desgleichen das Vesper- und Totenläuten. Zugunsten des Inn-, Eisack- und Etschkreises, entsprechend den französischen Departements, verschwand der Landesname, und aus Tirol wurde "Südbayern". Der Verkauf des Stammschlosses Burg Tirol bei Meran setzte 1807 ein Zeichen. [2] Napoleons englische Kontinentalsperre und die Abwertung der Wiener Papier-Währung, der "Banco-Zettel", schädigten das wirtschaftliche Leben. Schuldner hatten ab 1. September 1806 "in klingender Münze" zu zahlen.

Zwei bayerische Zwangsmaßnahmen beeinflußten das Leben der Menschen besonders nachhaltig: eine Kopfsteuer, als Militärkontribution ausgewiesen, und die Militärkonskriptionen, die zum Waffendienst verpflichteten. Kopfsteuer und Aushebung zielten auch auf die alten Rechte des Landes - die aber, glaubte man in Tirol, wahre der Zusatz in Artikel VIII des Preßburger Friedens, daß Bayern in Tirol "nach denselben Rechten und Prärogativen" regieren solle wie vordem Österreich, "et non autrement - und nicht anders".

Dreimal Bergisel [3]

Im Januar 1809 empfingen Andreas Hofer und andere Gleichgesinnte seltsame Briefe aus Wien. Endlich, lasen sie darin, habe "sich der Liebhaber entschlossen, in Kürze seine Braut abzuholen". Oder: "Das Wild muß verjagt werden, sonst werden alle unsere Forste verheert." Ende des Monats konferierten Hofer und zwei Landsleute in der Hauptstadt mit dem späteren Intendanten Tirols, Hormeyer, und Erzherzog Johann, 1848 der Reichsverweser der nationaldemokratischen Revolution. Nur eine Volkserhebung, so hieß es, könne aus dem Joch befreien.

Im April erklärte Österreich den Franzosen und Bayern den Krieg, seine Truppen marschierten in Tirol ein. Gleichzeitig rückte von überall her das Aufgebot der Bauern gegen Innsbruck vor, um die Armee der Habsburger zu unterstützen. Der Schlag kam so überraschend, daß die Meldung kaum zu glauben war: Die alliierten Generäle Bisson und Kinkel hatten kapituliert, 130 Offiziere und 5500 Mann sich ergeben. 800 Pferde und sieben Geschütze wurden den Siegern zur Beute, die stolz zwei kaiserliche Adler und drei Fahnen als Trophäen aufpflanzten.

Sehr bald aber stand der Feind wieder im Land. Zwei bayerische Divisionen stießen zum Unterinntal vor. Christi Himmelfahrt, am 11. Mai, verteidigten zwei Schützenkompanien und ein kleines Detachement Soldaten neun Stunden lang den Paß Strub, ein "Thermopylenkampf" in den Alpen: 11 000 Mann gegen 500. In Schwaz schien "jedes Haus eine kleine Zitadelle", mörderisches Feuer schlug den Bayern entgegen. Den endlich genommenen Ort brannten sie nieder. Eine beredte Sprache sprechen die Totenbücher einiger Gemeinden. "Das hätten die Türken nicht getan. . .", entsetzte sich der Pfarrer von Strass. So gelangten die Bayern nach Innsbruck. Ihr Oberbefehlshaber, Napoleons Marschall Lefebvre, hielt Tirol für hinreichend "befriedet", mit Feuer und Schwert. Den 23. Mai marschierte die Division Wrede mit dem Marschall und mit klingendem Spiel wieder ab - der Kaiser brauchte Soldaten anderswo.

Von Befriedung kann natürlich keine Rede sein. Schon sammeln sich 48 Schützenkompanien in Matrei am Brenner, rund 5000 Mann. Beiderseits der Sill und des Bergisel schlägt Hofers bald zweieinhalbmal so starkes Aufgebot am 25. und 29. Mai zwei Schlachten. Von Hall bis Natters erstreckt sich fünfzehn Kilometer lang die Front; dort attackiert der Kapuziner Joachim Haspinger, Pater Rotbart, die bayerische Batterie auf dem Nockerbüchel, seinen Stecken als Kommandostab schwingend. Der Zuzug der Oberinntaler Martin Teimers entscheidet das Kampfgeschehen. Im Schutze der Nacht setzt sich die Division Deroy unbehelligt nach Kufstein ab.

Der Sieger hat ein Gelübde einzulösen. Fürderhin soll das "Herz-Jesu-Fest am Tyroler Kalender roth eingedruckt werden", den Sonntag nach der Fronleichnamsoktav . . . Ein Gelöbnis tat auch "der gute Kaiser Franz". In den "Wolkersdorfer Handbilletten" vom 29. Mai und 1. Juni verpfändet er sein Wort, daß Tirol "nie mehr von dem Körper des österreichischen Kaiserstaates soll getrennt werden. . ." Ganz Österreich, begeisterte sich sein jüngerer Bruder, Erzherzog Johann, müsse zu einem Tirol werden.

Ein frommer Wunsch fürwahr, den Österreichs Niederlage bei Wagram am 6. Juli 1809 zunichte macht. Marschall Lefebvre schickt sich an, nach Tirol zurückzukehren, gerüstet mit dem knapp fordernden Befehl seines Kaisers. "Seien Sie schrecklich!" [4]

Ein weiteres Mal ruft "Euer treues Herz", der vom Feind für vogelfrei erklärte Andreas Hofer, seine "herzallerliebsten Tiroler" unter Waffen. Und wieder steht das Volk auf, läutet die Sturmglocke, flackern die Kreidfeuer, jagen die Laufzettel durch die Täler. Lefebvres strategisches Ziel wird schon anfangs zuschanden: Seine Truppen bleiben disloziert. Die Lienzer Klause sperrt General Rusca den Weg. Bei Landeck wird die Pontlatzer Brücke, wie bereits 1703, den Bayern zu tödlichem Hinterhalt. Gleiches widerfährt den die Brennerstraße gegen Brixen avancierenden Sachsen; der Name "Sachsenklemme" bezeichnet bis heute die Stelle des Überfalls. Napoleons Marschall muß, von dort nach Innsbruck sich zurückziehend, zu Fuß in der Kolonne Deckung suchen, um den Scharfschützen kein Ziel zu bieten.

Die Nacht auf Sonntag, den 13. August, leuchten dreihundert Wachfeuer um Innsbruck und ein heftiges Gewitter zur dritten Bergisel-Schlacht. Wie zum Tagwerk entläßt Andreas Hofer seine Leute in den Kampf: "Seids beinoand, Tiroler? Noacher gehn mers oan. Die Möss (Messe) hoabts gheart, enkern Schnoaps hoabts trunken, also auf in Gotts Noam!" Dieses "In Gottes Namen" sollte die Tiroler desto mehr überzeugen, da Papst Pius VII. Napoleon jüngst wegen der Säkularisation des Kirchenstaates exkommuniziert hatte.

Zwölf Stunden dauern bei gleicher Mannschaftsstärke (je 15 000) und reichlich drei Prozent Verlusten die Gefechte. Vergeblich versucht Lefebvre, die strategische Situation zu seinen Gunsten zu ändern, trotz aller Anstrengung behaupten die Bauern Höhen und Wald und also das Gesetz des Handelns, während das Militär im Inntal blockiert bleibt. Als der Franzose in der Nacht zum 14. August den Rückzug befiehlt, ist dies das Eingeständnis seiner strategischen Niederlage.

"Ach Himmel, es ist verspielt!"

Der rühmliche Sieg des August berechtigte die Tiroler zu den schönsten Hoffnungen. Mußte jetzt nicht Kaiser Franz Tapferkeit und Treue lohnen? Hatte er nicht dreimal Tirols Heimkehr proklamiert? Besiegelte nicht die Goldene Kette mit seinem Bild den Bund auf Leben und Tod? Ein Kurier des Erzherzogs Johann machte den Zweifeln schließlich ein Ende: SeitHofers Verhaftung dem 14. Oktober galt der Schönbrunner Abschluß. Napoleon legte die Hand auf die Alpenpässe, ja, das altehrwürdige Tirol würde künftig, gleich nach Andreas Hofers Tod, zerrissen sein, denn südlich Kollmann an der Eisack sollte Bayern dem "Königreich Italien" angrenzen. Amnestie für die "Insurgenten" war alles, was "der gute Kaiser Franz" noch bewirken mochte; für Flüchtlinge hatte er schon 1806 eine Kolonie im Komitat Ödenburg gegründet.

Als der Wiener Kurier, der Baron Lichtenthurn, sich seiner Botschaft entledigt hatte, überkam ihn ein epileptischer Anfall. Ein Fingerzeig Gottes, wußte Pater Haspinger dem schwankenden Hofer einzureden, und der tadelt nüchternere Ratgeber: "Wir sind die Gläubigen, und ihr seid die Ungläubigen!" Bald schicksalsergeben, bald Fanatiker, bietet der vordem so gelassene Mann in jenen Wochen ein zwiespältiges Bild zwischen Trotz und Einsicht. Ungeschlachte Heißsporne drohen ihm: "Hat er's angefangen, so soll er's auch ausmachen!" Andere, die Haspinger, Speckbacher, Peter Mayr, "wollen lieber aufrecht sterben als auf den Knien weiterleben", wie der alte Spruch es meint.

Noch einmal werden am Allerheiligentage die waldigen Hänge und Schluchten um den Bergisel Kulisse des Kriegstheaters. Aber nun spielt man den letzten Akt. "Am Isel haben die Tiroler alles verspielt, weil nichts zusammen ist gangen", schreibt ein Achentaler Bauer in sein Merkbuch. Der kraftlose Angriff bricht schnell zusammen, ein Menetekel der Tragödie Tirols.

Da ereignen sich gegen eine Invasionsarmee von nun 56 000 Mann Taten tollkühner Bravour. Peter Mayr, der Wirt an der Mahr, hält die Mühlbacher Klause gegen vier Stürme des Generals Rusca - die Balken der umgangenen Stellung werden zum Scheiterhaufen für 500 gefallene Feinde. In St. Leonhard im Passeier zeigt sich Josef Ottl, "der Große Schwarze", alsHofers Hinrichtung Winkelried. Er sprengt das Tor des von ein paar hundert Franzosen besetzten Rathauses, schlägt mit bloßen Fäusten Bajonette und Gewehre auseinander und bricht den ihm Folgenden die Gasse. Am Nikolaustag äschert der General Severoli rings um Brixen zweihundert Häuser und achtundzwanzig Adelssitze ein. Feuerzeichen des nahen Endes. In Olang/Pustertal läßt der General Broussier für den Schützenoberleutnant Peter Siegmair dessen alten, blinden Vater als Geisel nehmen. Unverzüglich stellt sich der Sohn dem Peloton, seine Leiche hängen sie an ein Feldkreuz. General Baraguay d'Hilliers, verheiratet mit einer Schwester des Kronprinzen Ludwig von Bayern, versucht dem Mahrwirt Peter Mayr eine goldene Brücke zu bauen: Die Standrechtsorder vom 12. November sei ihm noch unbekannt? Der Vater von fünf Kindern nutzt diese Ausflucht nicht, er verneint. Sein Leben will er nicht mit einer Lüge erkaufen. Am selben Tag wie Andreas Hofer wird Peter Mayr auf der Bozener Holztrift an der Talfer erschossen. Insgesamt enden von hundertsechsundfünfzig Tiroler Führern fünfundzwanzig vor den Gewehrläufen.

Andreas Hofer hat sich auf die Pfandleralm im Passeier geflüchtet. Wird er seinen Judas erleben? Judas lebt jenseits der Zeiten, und dreißig Silberlinge notiert man 1810 mit 1500 Gulden. Die stattliche Summe verfehlte nicht ihre Wirkung. "Ein Verräter des Sandwirts führte, verkleidet, die französische Truppe der Almhütte, wohin sich Hofer mit Weib, Kindern und zwei Schreibern. . . begeben hatte, zu" - so der Bericht eines beteiligten französischen Korporals. In der Nacht zum Sonntag, den 28. Januar 1810, wird Hofer überrumpelt und nach Mantua geschafft. Napoleon selbst hat dem Tribunal vierundzwanzig Stunden Frist diktiert. Der Tyrann hat es eilig, er unterhandelt wegen seiner Ehe mit Marie Luise von Österreich, der Tochter Franz I. Niemand soll ihn jetzt zu Gnade drängen. Vergebens bieten Mantuas Bürger 5000 Scudi Lösegeld für den "General Barbone" auf. Am 20. Februar 1810 um 11 Uhr vormittags stirbt Andreas Hofer vor der Porta Maggiore. Den Feuerbefehl gibt er selbst, da treffen die Kugeln nicht tödlich: "Ach, wie schießt ihr schlecht!" Zweimal legen sie an, dann muß der Feldwebel, ein Luxemburger, den Gnadenschuß tun.

". . . ein ewiger Ruhestörer?"

Die drei Andreas Hofer in Innsbruck (Hofkirche 1834, Bergisel 1893) und Meran (Bahnhofsplatz 1920) gewidmeten Denkmäler hat mit der Zeit üppiges Immergrün poetischer Ranken umwuchert. Da spreizt sich nicht nur manch

krause Feder - auch Eichendorff und Freiligrath zollen dem Mythos Hofer Tribut. Papst Johannes Paul I., selbst ein Kind der Berge aus dem Agordino, schrieb einen seiner fiktiven Briefe Illustrissimi an Andreas Hofer. Unter den Gedichten scheint fast das beste einem Tiroler Edelmann gelungen: "Rebellengeist" von Arthur von Wallpach (1866 - 1946), zweistrophig, die Verse Stanzen:

Die "Einfalt" Hofers wird zuhöchst gepriesen
Und seine Achtung der Autorität,
Auch daß er sich geduldig ließ erschießen,
Weil man in Wien zu retten ihn verschmäht.
Zum neuen Heiligen möcht' man gern ihn lügen,
Gutmütig, frömmelnd, kapuzinerdick,
Doch leider blitzt aus diesen Bauernzügen
Ein wetterscharfer, heller Freiheitsblick.

Sie haben ihm und seinen Kampfgenossen
Niemals getraut, wars doch Rebellentat.
Gezähmt hat man des wilden Adlers Sprossen,
Der letzte Hofer starb als Bureaukrat. [
5]
Doch Hofers Geist, den lodernden Empörer,
Den zwingt ihr nicht, der schreitet frei und froh
Durchs Land Tirol, ein ewiger Ruhestörer,
Wie Hofer einst: Derzeit unwissend wo! [
6]

"Ein ewiger Ruhestörer. . ." - seit bald zwei Jahrhunderten wird Andreas Hofer vielfältig beschworen. Die Gegenwart vereinnahmt ihn nicht selten für die politischen Richtungskämpfe des Tages. Radikale rechter wie auch linker Couleur wissen ihn als historischen "Schutzheiligen" zu schätzen. Und die deutschbewußten Südtiroler - sind sie Hofers rechtmäßige Erben? Sie nehmen sich dieses Recht, in ihrem kämpferischen Landsmann ein politisches Leitbild zu sehen, seit der Friedensvertrag von St. Germain 1919 das Habsburgerreich zerschlug und Südtirol an Italien band. Ist die Autonomie Südtirols, die Rom und Wien 1946 besiegelten, bislang wirklich ausgeschöpft worden? Ist der Vertrag so eingelöst, daß die Reibungspunkte des Alltags keinen Zündstoff mehr produzieren? Das Problem läßt sich glücklicherweise auf kleiner Flamme halten, und doch blenden immer wieder Gewalt und Gegengewalt den Blick. Nirgendwo wird von der Politik größere Sensibilität verlangt als dort, wo sich Kulturen überschneiden und austauschen. Erst wenn diese Sensibilität beiderseits ohne Wenn und Aber praktiziert wird, erst dann gewinnt jene Vision vom "grenzenlosen Europa" Kontur, die heute so vielfältig beschworen wird. Südtirol hat die Chance, hierfür ein Beispiel zu geben. Dann wird Andreas Hofer nur noch, wie es im Lied heißt, " . . . zu Mantua in Banden" liegen, wird er befreit sein von den Banden einvernehmender Tagespolitik und an seinen angestammten Platz in die Geschichtsbücher der napoleonischen Kriege zurückkehren.

[1] Diese Notiz ist bisher offenbar von niemand ausgewertet worden. Nach freundlicher Auskunft von Frau Dr. Sporer vom Museum "Zeughaus", Innsbruck, kommen in Frage: 1. Der Alte Pariser Fuß de Königreichs zu 0,325 m; 2. ein zeitgenössischer italienischer zu 0,300 m, je zu 12 Zoll. "Schuh" und "Zoll" entsprechen im französischen und italienischen Text des Urteils "Fuß" und "Daumen". Es ergäbe sich die Körpergröße von 1,88 oder 1,70 m; das letztere Maß stimmt eher mit den Quellen überein.
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2] Die verfallende Burg wurde auf Abbruch an Privat verkauft. 1816 erwarb sie die Stadt Meran und machte sie Kaiser Franz zum Geschenk. 1876 bis 1914 restaurierte man Schloß Tirol in neuromanischem Stil. Seit 1973 ist das Land Südtirol Eigentümer (Provinz Bozen in der Autonomen Region Trentino-Alto Adige).
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3] Bergisel (746 m) ist eine Volksetymologie des 1305 erwähnten, vorrömischen Purgusels; 1809 hieß der gesamte Höhenzug westlich der Sill bis Mentlberg, beiderseits der Brennerstraße, Bergisel.
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4] In der unter dem Großneffen Napoleon III. besorgten Erstausgabe der Korrespondenz Napoleons fehlt der Terror-Befehl (H. Kramer)
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5] Zu "Bureaukrat": Der Urenkel Leopold von Hofer, Beamter der Städtischen Gaswerke Wien, gest. 26. 2. 1921.
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6] So und ähnlich zeichnete Hofer Laufzettel, wenn geheim bleiben sollte, woher er schrieb, z. B. südlich des Jaufen-Passes am 4. 8. 1809, oder gleichen Tags: ". . . dermahlen, wo ich bin. . ."

LITERATURHINWEISE:
Feichtinger, Josef (Hg.): Tirol 1809 in der Literatur. Bozen 1984
Hirn, Ferdinand: Geschichte Tirols von 1809 bis 1814. Innsbruck 1913.
Hirn, Josef: Tirols Erhebung im Jahre 1809. Innsbruck 1909. Nachdr. Bozen 1983.
Paulin, Karl: Andreas Hofer und der Tiroler Freiheitskampf 1809. Innsbruck/Wien/München/Bozen 1981.
Pfaundler, Wolfgang/Köfler, Werner: Der Tiroler Freiheitskampf 1809 unter Andreas Hofer. Zeitgenössische Bilder, Augenzeugenberichte und Dokumente. München/Bozen/Innsbruck 1984.
Pizzinini, Meinrad: Andreas Hofer. Seine Zeit, Sein Leben, Sein Mythos. Wien 1984.
Voltelini, Hans von: Forschungen und Beiträge zur Geschichte des Tiroler Aufstandes im Jahre 1809. Gotha 1909.

Günther G. Giese, Jahrgang 1936, studierte Geschichte und Latinistik und ist an einem Institut des Zweiten Bildungswegs beschäftigt. Sein besonderes Interesse gilt der spät römischen Sozial- und Kulturgeschichte, der Renaissance und der Geschichte Italiens.


Quelle: DAMALS - Das Geschichtsmagazin
Heft 7 (Juli 1991)

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