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1. Dezember 2006

Der Rufmord an Ebert
Das deutsche Volk schuldet ihm Dank und Anerkennung

Von Hans Rempel

Was sich im November 1918 in Deutschland und in den von deutschen Truppen besetzten Gebieten zutrug, widerspricht der Auffassung, es habe eine Revolution stattgefunden. Nach der Inanspruchnahme des niederländischen Asyls durch Kaiser Wilhelm II. war jeder Gedanke an einen Kampf kaisertreuer Truppenteile für die Monarchie in einem Bürgerkrieg überholt, ja, jeder Streit um die Führung im Reich und um eine neue politische Ordnung war oder schien doch nach der totalen Kapitulation dem Willen der Siegermächte anheimgegeben. Es gab örtliche Rebellionen, und es gab die zwischen den Parteien im Reichstag seit Generationen heftig diskutierten Vorstellungen von notwendigen Reformen in einer zugespitzten Art, aber die Zahl derer, die mit Waffengewalt eine den Volksmassen mehr oder weniger unbekannte neue Führungsschicht an die Macht bringen wollten, war gering. Sie vergrößerte sich jedoch bedrohlich nach Ende der Kriegshandlungen durch die in gewaltigen Massenversammlungen von Berufsrevolutionären entfachte Agitation, hinter der die bolschewistische Partei Lenins in der Person Karl Radeks und der russische Rubel standen. Erst zur Jahreswende 1918/19 wurde in Gotha die KPD gegründet, die jedoch neben sich die 1917 gegründete Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands (USPD) fand. Die Partei mit der weitaus größten Anhängerschaft blieb aber die SPD, deren geschichtliche Stunde mit dem Zusammenbruch des Kaiserreichs gekommen war. Ihre sprichwörtliche Disziplin - man sprach von den "Arbeiterbataillonen" der SPD - wurde nunmehr in Tagen und Stunden von einzigartiger historischer Dramatik auf die Probe gestellt.

Die deutschen Kampfverbände an der Westfront waren nach dem Eintreffen amerikanischer Hilfstruppen in Höhe von annähernd einer Million Mann ohne Siegeschance, aber sie waren nicht besiegt, die Einheiten noch nicht im Zustand der Auflösung. Auch die Verwaltung im Reich und in den Ländern war funktionsfähig geblieben, die Versorgung der Bevölkerung nach vier Jahren des Hungerns war, wenn auch auf niedrigstem Niveau, immer noch gesichert. Der Reichstag war und blieb auch nach dem Fortfall der monarchischen Spitze das von dem deutschen Volk unmittelbar gewählte freie Parlament. So konnte es geschehen, daß der letzte kaiserliche Reichskanzler am 9. November 1918 die Regierungsgeschäfte an den Vorsitzenden der SPD, Friedrich Ebert, übergab. Als Prinz Max von Baden dies mit den Worten tat, er lege das Schicksal des Reiches in die Hände Eberts, erwiderte dieser, daß er für dieses Reich zwei Söhne verloren habe.

Ebert hatte nie ein Regierungsamt bekleidet. Aber er übernahm die Verantwortung für die vor dem Zusammenbruch stehende Großmacht wie eine selbstverständliche staatsbürgerliche Pflicht. Von Beruf war er Sattler. Er hatte also gelernt, gemäß der Doppelfunktion seiner Werkstücke, bei seiner Arbeit gleichzeitig an den Reiter und an sein Pferd zu denken - eine für einen Politiker unerhört bedeutungsvolle, aber ziemlich seltene geistige Ausrichtung. Ebert hatte keine Ursache, sich in einem Haß zu verkrampfen gegen Leute, die besser oder schlechter zu Pferde saßen und ein Adelsprädikat oder einen akademischen Titel führten. Er hatte ihnen gegenüber keine Berührungsangst. Der Klassenkampfgedanke ließ ihn kalt. Für ihn war der von Bismarck geschaffene Staat nicht zu zerstören, sondern zu verändern, denn die SPD von damals konnte sich zutrauen, in wachsendem Maße für notwendige Veränderungen erfolgreich im Parlament zu kämpfen.

Schon am 10. November 1918 ließ sich Ebert, zusammen mit dem schärfer nach links neigenden Haase (USPD), zum Vorsitzenden des Rates der Volksbeauftragten wählen. Damit sicherte er sich Handlungsvollmacht auch im Namen der Arbeiter- und Soldatenräte, deren Mitglieder, in Truppenunterkünften und in Massenversammlungen der Großfirmen spontan gewählt, sich als Organe der Umsturzbewegung fühlten. Aber da fehlte der unerläßliche politische Sachverstand, und durch das Davonlaufen der nach Hause strebenden Soldaten war systematische Zusammenarbeit in den Gremien unmöglich. Ebert dagegen standen die bewährte Organisation seiner Partei, der Vorwärts als Zentralorgan und eine Unzahl lokaler SPD-Zeitungen zur Durchsetzung seiner Politik in breiten Bevölkerungsschichten zur Verfügung. Seine Verfahrensweise bezeugt den erfahrenen politischen Taktiker, der durch seine Arbeit in Partei und Parlament - zuletzt als Vorsitzender des parlamentarischen Hauptausschusses des Reichstags - gelernt hatte, in nationalen und internationalen Dimensionen zu denken und den gelehrten und den ungebildeten Wirrköpfen den Handlungsspielraum streitig zu machen. Seine überragende Bedeutung geht aus der Tatsache hervor, daß er die immensen Aufgaben, die einer Reichsregierung unter den bestehenden Verhältnissen zur Lösung vorgegeben waren, klar erkannte und ohne ideologische Phantastereien einer sachlichen Lösung zuzuführen versuchte. Es waren dies:

1. Die geordnete Zurückführung der Millionen deutschen Soldaten mit ihren Feldlazaretten und Verwundeten in die Heimatgarnisonen unter dem Zeitdruck des Waffenstillstandsvertrages. Eberts schwäbischer Landsmann General Groener war ihm in dieser Sache ein kongenialer Partner.

2. Die Abwehr der unter kommunistischer Führung erfolgenden Angriffe auf die Einheit des Reiches und seine freiheitliche Ordnung war zu organisieren.

3. Die dritte große Aufgabe, vor die sich Ebert gestellt sah, war die baldige Einberufung einer durch freie Wahlen der Staatsbürger und der Staatsbürgerinnen legitimierten Nationalversammlung zur Erarbeitung einer neuen Reichsverfassung. Die kleine Stadt Weimar in Thüringen wurde als Symbol deutscher Weltgeltung auf kulturellem Gebiet zum Versammlungsort ausersehen.

Als er sich der Lösung dieser gewaltigen Aufgaben stellte, war Ebert nicht allein. Doch den Rat der berühmten Diskutierer über den richtigen Marxismus suchte er nicht. Um einen Mehrwert war mindestens vorerst nicht zu streiten, kam es doch darauf an, den auf den Kriegsbedarf eingestellten Strukturen der Wirtschaft eine möglichst rasche Umstellung auf die Befriedigung des zivilen Bedarfs zu ermöglichen. Das heißt: Keinesfalls die militärische Kommandowirtschaft in eine sozialistische Kommandowirtschaft zu verwandeln. Die Rudimente der freien Wirtschaft mußten wegweisend sein. Es ist erstaunlich, welches Einverständnis auf diesem Gebiet zwischen Ebert und seinen Helfern bestand. Es waren dies in der Partei, in Parlamenten vom Reichstag bis zu den Stadtverordnetenversammlungen, aber auch in anderen Körperschaften der Selbstverwaltung aufgediente Männer, meist mit Handwerkslehre, also Hand- und Kopfarbeiter, die nicht von der blutigen Revolution träumten, sondern von systemgerechten, verwirklichbaren sozialen Verbesserungen, wie sie sich aus den Kranken-, Unfall-, Alters- und Invalidenversicherungen (1883-1889) schon im Kaiserreich erfolgreich ergeben hatten. 1911 war die Bildung einer Landarbeitergewerkschaft gesetzlich gesichert worden, 1912 genossen schon mehr als zwei Millionen Arbeiter die Vorteile von Tarifverträgen. An diese Erfolge war anzuknüpfen. Männer wie Scheidemann, Wels, Noske, Braun, Severing wußten, unter welchen Voraussetzungen gewinnbringende Arbeit und verträgliche Zusammenarbeit zu erwarten waren, und wie das tägliche Brot auch für die Schwächeren in der Gesellschaft vielleicht doch erschwinglich zu machen sei.

Diesem Programm lagen auch Erfahrungen des neuen Jahrhunderts zugrunde. Zu ihnen gehörte das Wissen um die furchtbare Entwicklung in Sowjetrußland, wo im Jahre 1917 die erfolgreiche Februar-Revolution ohne Blutvergießen den Umsturz im Zarenreich gebracht hatte. Erst nach Lenins Rückkehr und der Oktoberrevolution kosteten die politischen Veränderungen im Zeichen des bolschewistischen Terrors Millionen Russen das Leben.

In Deutschland verlangte nach dem Krieg die wachsende Not der Bevölkerung einen schnellen Aufbau von Staat und Wirtschaft, um der bolschewistischen Agitation den Wind aus den Segeln zu nehmen. Dem entsprach Ebert durch das unerhörte Tempo der von ihm und seiner Regierung geleisteten Arbeit. Die Aufrechterhaltung oder Wiederherstellung der rechtsstaatlichen Ordnung war, wenn man die seit vier Jahren hungernde Bevölkerung besonders in den Großstädten und Industriezentren nicht sterben lassen wollte, unabdingbare Voraussetzung für die Entwicklung eines lebensfähigen Staates. Im Laufe des Dezember und des Januar wuchsen sich die Revolten jedoch zu einem Flächenbrand aus. Als der gelernte Korbmacher Gustav Noske, als Reichstagsmitglied Korreferent für den Etat der kaiserlichen Kriegsmarine, von Ebert den Auftrag erhielt, in dem ihm vertrauten Marinebereich Hilfstruppen zur Sicherung der Reichsregierung aufzustellen, soll er geäußert haben: "Einer muß den Bluthund machen!" Er wußte also um die Lasten, die ein Bürgerkrieg am Rande eines Absturzes in die bolschewistische Anarchie der Regierung und den staatsbewußten Bürgern bringen mußten. Die von ihm aufgestellten zwei Brigaden wurden in Oberschlesien und in Berlin, das damit vom Druck der Straße befreit wurde, eingesetzt. Es zeigte sich, daß erfolgversprechende Widerstandskräfte in erster Linie aus den unter ihren Frontoffizieren heimgekehrten Truppenteilen zu erwarten waren. Viele von diesen kampferprobten Soldaten waren bereit, in den Dienst der neuen Reichsregierung zu treten. So bildeten sich, oft unter berühmten historischen Namen, zahllose Freikorps, die in einem großen Teil der zeitgeschichtlichen Publizistik als schlimme Soldateska bezeichnet werden. Sicherlich waren unter ihnen Elemente, die später zur Kerntruppe Hitlers zählten, aber das Gros bestand vor allem aus jüngeren Soldaten ohne erlernten Beruf, aus Offizieren, Berufsunteroffizieren und heimatlos Gewordenen, die in die früheren Reichsprovinzen Posen und Westpreußen, Elsaß-Lothringen, Teile von Oberschlesien, Eupen-Malmedy und Nordschleswig nicht zurückkehren konnten. In den unter Noske nunmehr systematisch zum Einsatz kommenden Einheiten spielten auch die studentischen Verbindungen eine beträchtliche Rolle.

Jedoch bildeten sich in ähnlicher Weise im Reichsgebiet nach russischem Vorbild größere geschlossene Gruppen einer Roten Armee, die bald zahlreiche Großstädte und Industriegebiete beherrschten. So mußten in München, Bremen und Braunschweig, im Ruhrgebiet und in Sachsen generalstabsmäßig vorbereitete Reichsexekutionen durchgeführt werden. Es war oftmals ausartender Bürgerkrieg, in dem auch unter Einsatz von Artillerie gekämpft wurde.

Für das Blut, das da floß, werden auch heute noch vielfach Ebert und Noske verantwortlich gemacht. Die harte Konsequenz ihres Handelns ergab sich aber klar aus den Erwartungen, die man an die Politik der Bolschewisten, falls sie gesiegt hätten, knüpfen mußte. Bei den russischen Wahlen am 8. Dezember 1917 erhielten die Bolschewisten 175 Sitze, die Sozialrevolutionäre 410, die Vertreter nationaler Minderheiten 87. Erbarmungslos hat Lenin die Führungsschicht dieser - nach heutigen Vorstellungen - großen sozialdemokratischen Mehrheit vernichtet oder vertrieben. Sein wirtschaftspolitisches Konzept hatte die Ausmerzung derer zur Folge, die Wirtschaft hätten "machen" können. Das war in dem viel dichter besiedelten Deutschland unter Einsatz auch militärischer Machtmittel unbedingt zu verhindern. Wenn Sebastian Haffner (Die deutsche Revolution 1918/19, S. 13) behauptet, "Nie hat sich ein deutscher Sozialdemokrat wie Lenin die Frage gestellt: 'Was tun?'", kann man nur den Kopf schütteln angesichts der wie aus einer Schublade gezogenen Planung Eberts und dem Tempo ihrer Umsetzung in politisches Handeln. Nur sechs Monate nach dem Umsturz konnte bereits die Nationalversammlung in Weimar zusammentreten, und nach nur zwei weiteren Monaten, am 14. August 1919, trat bereits die neue Verfassung des Deutschen Reichs in Kraft. Ebert wurde nach Recht und Gesetz zum ersten deutschen Reichspräsidenten gewählt.

Dieser erste Abschnitt eines erfolgreichen innenpolitischen Wiederaufbaus sollte nicht vergessen lassen, daß die neue Reichsregierung nicht nur die kommunistische Gefahr abzuwehren hatte, sondern gleichzeitig durch die Waffenstillstandsbedingungen und die zum Teil in ihren Auswirkungen nicht absehbaren Folgen des Versailler Friedensvertrages unter unerhörtem Druck stand. Die gesamte deutsche Handelsflotte sowie Tausende von Lokomotiven und Eisenbahnwagen und 18 Prozent der Kohleförderung waren abzuliefern. Die materiellen Forderungen des Vertrages schlugen allerdings ins Absurde um, als die alliierte Reparationskommission als Kriegsentschädigung eine Gesamtsumme von 132 Milliarden Goldmark, in Jahresraten zahlbar, einklagte - was angesichts der generationenlangen Zins- und Tilgungsleistungen auf 300 Milliarden Goldmark angewachsen wäre.

Im Jahre 1919 stieg die Hungersnot noch an, die Kohleförderung sank um Millionen Tonnen infolge von Streik und dem neu verordneten Acht-Stunden-Tag. Darüber hinaus belastete eine Reihe von Attentaten die junge Republik. Nationalistischen Eiferern fielen zum Opfer Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg, die wohl gefährlichsten Agitatoren des Spartakusbundes/KPD, Kurt Eisner, Chef der Räteregierung in München, im Oktober auch Hugo Haase, Vorsitzender der von der SPD abgespaltenen USPD, im August 1921 Matthias Erzberger. Großes Aufsehen und Empörung auch in Reihen des liberalen Bürgertums weckte die Ermordung des Außenministers Walther Rathenau, der als Wirtschaftsorganisator und erfolgreicher Publizist ein integerer Patriot gewesen war. Der Reichstag verabschiedete ein Gesetz zum Schutze der Republik, das für Zugehörigkeit zu Femeorganisationen die Todesstrafe oder lebenslänglich Zuchthaus androhte.

Aber schon beim Durchschreiten dieser von Hunger und Blut gekennzeichneten Talsohle der deutschen Geschichte zeigten sich auch Anzeichen einer schnellen Gesundung auf wirtschaftlichem Gebiet. Schon am 22. Juli 1919 haben die USA die Handelsbeziehungen zu Deutschland wieder aufgenommen. Am 20. August konnte die erste Leipziger Messe nach dem Ersten Weltkrieg mit 9500 Ausstellern eröffnet werden, und am 18. November lehnte der Senat der USA die Ratifizierung des Versailler Friedensvertrages ab.

Wenn auch mit schweren Rückschlägen, war ein Konsolidierungsprozeß unter der neuen Führung im Reich sichtbar in Gang gekommen. Zwar errang die SPD bei den Wahlen zur Nationalversammlung nur 37,9 Prozent der Stimmen, und sie wäre sogar zusammen mit der USPD (7,6 Prozent) noch nicht zur Regierung gekommen. Sie mußte sich nun mit "bürgerlichen" Parteien einigen. In dem mehr nach Wochen als nach Monaten zu berechnenden Zeitraum vom Zusammenbruch des Kaiserreichs bis zur konstitutiv gefestigten deutschen Republik war eine parteipolitische Neuorientierung der Wählermassen unmöglich. Die Wähler vertrauten mehr oder weniger ihren früheren Vertretern im Parlament. Doch dank der hervorragenden Arbeit Gustav Noskes fanden trotz des Widerspruchs aus überkommenem Standesdenken und Standesdünkel die Mehrzahl der Soldaten und ihrer Offiziere schnell ein positives Verhältnis zur Republik. Schon beim Spartakusaufstand Anfang Januar 1919 weigerten sich die Berliner Regimenter gegen die Regierung zu putschen. Und im Kapp-Putsch (13. bis 17. März 1920) ging es für die Mehrzahl der Soldaten nicht um eine grundsätzliche Gegnerschaft gegen die neue Regierung, sondern um den Protest gegen die Auflösung von Truppenteilen, die nach dem Diktat der Siegermächte wegen der Zurückführung der Reichswehr auf die Zahl von 100 000 Mann entlassen werden mußten. Besonders den jüngeren "alten Soldaten", die keine Ausbildung für einen zivilen Beruf erfahren hatten, drohte der totale soziale Abstieg. Auch beim Hitler-Putsch (8. bis 9. November 1923) in München hielt sich die Reichswehr auf die Seite der legalen Regierung. Nicht von ungefähr sang später die Hitler-SA ". . . euer Sohn ist von Lossow erschossen". General von Lossow war der Kommandeur des Wehrkreises München und stand nicht auf der Seite der Putschisten unter Hitler und Ludendorff.

Eine viel zu schnell vergessene Unterstützung fand das neue Deutschland durch großzügige Lebensmittel-Sendungen aus dem Ausland. Die Quäker in den USA und sozial aktive Gruppen in Kanada halfen durch die Einrichtung von Schulspeisungen, vor allem der heranwachsenden Jugend. Die totale Auslieferung der alten Handelsflotte zwang zu Neubauten, die sich durch bessere Maschinen und leistungsfähigere Be- und Entladetechnik schnell ihren Teil am Markt eroberten. Kunstseidene Damenstrümpfe, die das Damenbein zum Idol einer Nachkriegsgeneration machten, wurden von Chemnitz und großen Industriedörfern im Erzgebirge zu Millionen in alle Erdteile verschickt. Die Firma Bayer brachte mit "Bayer 205" ein Heilmittel gegen die Schlafkrankheit heraus, auf das die Welt wartete. Ein von Caracciola gefahrener Mercedes-Rennwagen fuhr eine Geschwindigkeit von 220 Stundenkilometern. Der Bau von Flugzeugen war nach dem Versailler Vertrag den Deutschen verboten, aber von der Wasserkuppe flogen unsere Segelflieger in Rekordleistungen tief bis nach Frankreich hinein. Es war, als ob die nicht mehr vom Krieg in Anspruch genommenen Kräfte sich nun in Freiheit explosionsartig der nationalen Probleme angenommen hätten.

Explosionsartig entwickelte sich aber auch die innenpolitische Szene im Reich. Die Auffassungen über das, was die Kriegsgeneration erlebt und erlitten hatte und wie nach verlorenem Krieg die Zukunft zu gestalten sei, gingen weit auseinander. Der für die gesunde Entwicklung einer freiheitlichen demokratischen Ordnung unerläßliche Grundkonsens war infolge der wie Glaubenssätze behandelten verschiedenen Theoreme und Ideologien nicht gegeben, das Staatsvolk war nicht in gegnerische, sondern feindliche Lager gespalten. Probleme besonders auf wirtschaftspolitischem Gebiet harrten noch einer allgemein anerkannten vernünftigen Klärung. Der von Turbulenzen heimgesuchten und der rücksichtslosen Agitation ausgelieferten Öffentlichkeit fehlten die Kenntnisse und das gegenseitige Vertrauen, so daß man links wie rechts nach dem Führer schrie, einem, der vielleicht auch über Leichen zu gehen bereit war. So waren im Vorteil die radikalen Gruppen rechts und links, und so konnte es geschehen, daß die unerhörte Leistung Eberts und seiner Parteifreunde nicht begriffen wurde. Das zeigten die Wahlergebnisse vom Januar 1919 zur Nationalversammlung im Vergleich zur zweiten Reichstagswahl im Mai 1924. Sieger waren eindeutig die Radikalen von links und rechts: die SPD sank von 163 Sitzen auf 100, die Deutsche Demokratische Partei von 75 auf 28, die KPD stieg dagegen von 17 auf 62, die Deutschnationale Volkspartei von 44 auf 95 und die Völkische Freiheitspartei von 3 auf 32. Auch wenn sich die SPD bei den nächsten Wahlen 31 Sitze zurückholte - Ebert mußte davon ausgehen, daß in absehbarer Zeit die mittleren Parteien des Parlaments keine tragfähige Mehrheit für eine erfolgreiche Arbeit würden aufbringen können. Das war für ihn eine bittere Erkenntnis. Aber noch stärkere psychische Belastung bereiteten ihm die hemmungslosen Angriffe von rechts und links auf seine Person.

Ebert wehrte sich in zahlreichen Beleidigungsprozessen - auch gegen den Vorwurf, durch seinen Eintritt in die Führung der im Januar 1918 streikenden Munitionsarbeiter der kämpfenden Truppe in den Rücken gefallen zu sein. Es hatten in der Endphase des Krieges Sozialdemokraten sich mehrmals bei Ausständen und Rebellionen in die Aktionskomitees wählen lassen, um die Führung der Massen nicht den Spartakisten zu überlassen. Das war politisch unbezweifelbar notwendig. Ebert hoffte auf diese Einsicht der Gerichte. Doch in einem von ihm selbst angestrengten Prozeß wurde von einem Magdeburger Gericht festgestellt, der Reichspräsident habe in strafrechtlichem Sinne seinerzeit tatsächlich Landesverrat begangen, über die politische Motivierung seines Verhaltens habe das Gericht nicht zu urteilen. Es war für Ebert ein schwerer Nackenschlag, auch wenn alle Regierungsmitglieder dem Reichspräsidenten sofort ihr ungebrochenes Vertrauen bekundeten. Die bürgerliche Presse sprach von einem "politischen Vernichtungsurteil der Justiz".

In demselben Monat Dezember des Jahres 1924 wurde der wegen des November-Putsches 1923 zu 5 Jahren Festungshaft verurteilte Adolf Hitler begnadigt. Ebert aber blieb für die Kommunisten ein Verräter an der Revolution, für die Rechtsradikalen ein Verräter am Vaterland. Eine Niederlage war für ihn auch die ihm von der eigenen Partei abgezwungene Entlassung Noskes nach dem Kapp-Putsch. Die Verächtlichmachung in der Presse, seine Verhöhnung in Karikatur und Kabarett trafen ihn tief. Sein Leben war zu einer erdrückenden Last geworden, aber Ebert widerstand. Erst eine um der Tagesarbeit willen zu lang hinausgeschobene Operation beendete sein Leben am 28. Februar 1925. Wohl haben Zehntausende ergriffen den Toten geehrt, als der Trauerkondukt mit dem Sarg auf einer Lafette der Reichswehr im Berliner Regierungsviertel an ihnen vorüberzog. Für die Gebildeten unter seinen Gegnern aber hat der russische Kommunist Karl Radek in der Weltbühne (1925, S. 343 ff.) den bis in die Gegenwart wirkenden Nachruf "Ebert, der Verräter aus Überzeugung" veröffentlicht. Es heißt da: "Mit Ebert ist die charakteristischste Persönlichkeit im Lager der Sozialdemokraten dahingegangen." Sie wird abgewertet mit der Feststellung: ". . . daß er nur gleichsam das Produkt seines Unglaubens an die Arbeiterklasse war. Und dieser Unglaube an die revolutionären Möglichkeiten war die Ursache seines Knechtsdienstes bei der Bourgeoisie". Über die politischen Leistungen Eberts einerseits und eines Glaubens an "revolutionäre Möglichkeiten" andererseits nachzudenken, hatte Radek später viel Zeit, wurde er doch in einem der Prozesse Stalins neben Trotzki zu langjähriger Haft verurteilt, für eine Zeitspanne freigelassen und danach erneut in Haft genommen. Er starb angeblich erst im Jahre 1939 im Gefängnis. Das von ihm skizzierte Bild Eberts aber überlebte ihn. Denn auch die eigene Partei fand keinen Zugang zur historischen Bedeutung ihres großen Vorsitzenden.

Gegen eine galoppierende Inflation gelang es in Zusammenarbeit von Finanzminister Hilferding (SPD) und Karl Helfferich (Deutschnationale Volkspartei), über die Rentenmark zu einer stabilen Währung zu kommen. Das Wirtschaftswunder der zwanziger Jahre kündigte sich an, nicht aber eine wachsende Konsolidierung im Mit- und Gegeneinander der Parteien. Als die SPD sich aus der von Stresemann (DVP) als Kanzler geführten "Großen Koalition" zurückzog und Stresemann stürzte, hatte Ebert sofort die gefährlichen negativen Konsequenzen aus dieser zerfallenden Solidarität der parlamentarischen Mitte erkannt: "Was euch veranlaßt, den Kanzler zu stürzen, ist in sechs Wochen vergessen, aber die Folgen eurer Dummheit werdet ihr noch in zehn Jahren spüren." Dieser Ausspruch hätte noch gelten können, als Willy Brandt seine um einen neuen Kurs ringende Partei durch die Forderung, die parlamentarische Mehrheit "links von der Mitte" zu suchen, in einen Zustand geistiger Verwirrung versetzte. Er machte sie abhängig von radikalen Kräften, und der historisch nur schwach vorgebildete SPD-Kanzlerkandidat Oskar Lafontaine warf ausgerechnet dem Mann, der das Reich vor dem Absturz in den bolschewistischen Terror bewahrt hatte, vor, von ihm sei in der deutschen Geschichte "eine Blutspur" ausgegangen. Die SPD übernahm damit das Geschichtsbild, das die Kommunisten und ihre linksliberalen Helfer in ihrer Agitation von Ebert verbreiteten. Die Verleugnung des eigenen Geschichtsbildes ging so weit, daß sich die SPD im zeitweiligen Schweigen über die Schicksale der Sozialdemokraten, die sich nach Hitlers Vernichtung nicht in die neugegründete Einheitspartei SED pressen lassen wollten, schuldig machte. Diese alten Sozialdemokraten sind im Arbeitsleben der DDR jeder Position beraubt worden und in Bautzen zu Tausenden umgekommen. Ihrer nicht zu gedenken, wäre eine Perversion der traditionell von Männern wie Bebel und Ebert vertretenen sozialdemokratischen Politik. Die Sozialdemokraten, die hinter dem Eisernen Vorhang leben mußten, haben erfahren, welches Schicksal Ebert dem deutschen Volk erspart hat. Eine Geschichte der Partei ohne seine Würdigung wäre Stückwerk und Unwahrheit.

LITERATURHINWEISE
1. Arns, G.: Friedrich Ebert als Reichspräsident. München 1971.
2. Besson, W: Friedrich Ebert - Verdienst und Grenze. Göttingen 1970.
3. Eyck, Erich: Geschichte der Weimarer Republik I und II. Stuttgart 1962.
4. Gordon jr., H. J.: Hitlerputsch 1923. München 1978.
5. Groener-Geyer, D.: General Groener. Frankfurt am Main 1953.
6. Neubauer, H.: Deutschland und die russische Revolution. Stuttgart 1968.
7. Noske, G.: Erlebtes aus Aufstieg und Niedergang einer Demokratie. Offenbach.

Dr. Hans Rempel, geboren 1904, aufgewachsen in Erfurt, studierte Germanistik, Anglistik, Geschichte und Kirchengeschichte. Seit 1948 Zeitungsverleger in Gießen und seit 1969 Verleger und Herausgeber der Zeitschrift DAMALS. Er publizierte u. a. "Tragödie und Komödie im dramatischen Schaffen Lessings" (1935, Neuaufl. 1967) und "Die Rolandstatuen" (1989).


Quelle: DAMALS - Das Geschichtsmagazin
Heft 7/Juli 1991

Weiterführend:
In einem deutschen Freikorps 1918/19

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