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20. Januar 2006

Der "teutsche" Rhein
Die politische Geschichte eines Stromes

Von Hans-Jürgen Wünschel

Ein Fluß als Grenze, als Grenzfall. Das ist ein Problem, das erst im 19. und 20. Jahrhundert die politische Diskussion erregt, die literarischen Bemühungen beflügelt und die nationalen Gefühle weckt. Denn die vielhundertjährige Geschichte der Menschheit kennt nur wenige Beispiele von Flußgrenzen - was insofern sonderbar erscheint, da ein Fluß früher nur mühsam zu überwinden war. Dennoch trennte er die Menschen selten voneinander, ja er führte sie eher zusammen. Hochkulturen entstanden in Flußlandschaften, wo auf beiden Seiten der Ufer gesiedelt wurde. Euphrat und Tigris waren genausowenig Grenzflüsse wie der Nil. Das Römische Reich hingegen nutzte die Geographie gezielt als Mittel der Politik. So grenzte sich das republikanische Rom am nordspanischen Ebro von Karthago ab und das kaiserliche Rom an Rhein und Donau von den Germanen. Doch war dies eher die Ausnahme von der Regel, die spätestens seit der Völkerwanderungszeit wieder aktuell wurde. Für die weltlichen und geistlichen Herrschaften am Rhein war im Mittelalter der Strom als Grenze ohne Bedeutung.

Erst das hegemoniale Frankreich Ludwigs XIV. entdeckte den Rhein erneut als natürliche Grenze seines Machtbereichs - was den "Sonnenkönig" nicht daran hinderte, seine dubiosen kurpfälzischen Erbansprüche auch rechtsrheinisch mit Feuer und Schwert einzuklagen. Man denke etwa an die Zerstörung des Heidelberger Schlosses. Die Kurpfalz wurde zu einem Verwüstungsgürtel vor der französischen Grenze. Nachdem die habsburgischen Besitzungen im Elsaß - dies ein Ergebnis des Dreißigjährigen Krieges - Frankreich zugesprochen worden waren, gelang es Ludwig XIV. sukzessiv, durch Annexionen seinen oberrheinischen Territorialbesitz zu arrondieren. Spektakulärer Höhepunkt war 1681 die Besetzung Straßburgs. Der Oberrhein wurde zur Grenze Frankreichs, freilich eine sehr durchlässige Grenze, so daß bis zur Französischen Revolution im Elsaß der deutsche Einfluß unbehindert gewahrt blieb. Wer den jungen Studiosus Goethe nach Straßburg oder ins elsässische Pfarrhaus nach Sesenheim begleitet, gewinnt nicht den Eindruck, er bewege sich in einem fremden Land, in einer fremden Kultur.

Nur zwanzig Jahre später brachte die Französische Revolution die scheinbar sichere Ordnung des Absolutismus zum Einsturz - was auch am Rhein nicht ohne Folgen blieb. Zwar war die Mainzer Republik von 1793, die Anschluß an Frankreich suchte, nur ein Intermezzo, doch spätestens seit dem Frieden von Lunéville 1801, der den zweiten Koalitionskrieg beendete, setzte eine Entwicklung ein, die den Strom zu einem Politikum ersten Ranges werden ließ. Frankreich verzichtete in dem Vertrag auf rechtsrheinische Territorialansprüche, dafür traten der römisch-deutsche Kaiser und das Reich offiziell das gesamte linksrheinische Gebiet an den Sieger ab - eine Bestätigung dessen, was Napoleon schon vier Jahre zuvor im Frieden von Campo Formio diktiert hatte. Das ging nun freilich über die Eroberungspolitik Ludwigs XIV. weit hinaus. Von der Schweiz bis Holland, das zu einem napoleonischen Vasallenkönigtum degenerierte, bildete der Strom die französisch-deutsche Grenze. Ein Gebiet von 63000 Quadratkilometern immerhin mit dreieinhalb Millionen Einwohnern. Wie der Historiker Franz Schnabel nicht ohne Ironie bemerkt, blickten fortan "die Heidelberger Romantiker vom Schloßaltan über den Rhein auf die französischen Berge der Haardt".

In einer Zeit, in der die Keime eines politischen Nationalismus durch den Druck von außen mehr denn je zu sprießen begannen, war dies ein unerträglicher Gedanke. Je mehr Napoleon die europäische Landkarte veränderte, den Dynastien das Fürchten lehrte und die Ohnmacht der deutschen Kleinstaaterei für seine europäische Hegemonialpolitik nutzte, desto fester formte sich unter deutschen Intellektuellen die Überzeugung, daß sich aus der kulturellen Identität eine politische entwickeln mußte. Was aus geschichtsphilosophischen Betrachtungen abgeleitet wurde, gewann einen aktuellen Bezug im Widerstand gegen das napoleonische Frankreich. Man denke etwa an Fichtes "Reden an die deutsche Nation". In einem Deutschland, dessen staatliche Heterogenität das Symbolträchtige geradezu bedingte, gewann ein Ruf wie der nach dem "teutschen Rhein" mehr als nur politisch-topographische Bedeutung. Er wurde zu einem Fanal des Aufbruchs und des Widerstands, und so konnte beispielsweise ein Mann wie Ernst Moritz Arndt sich der politischen Wirkung sicher sein, wenn er einer antinapoleonischen Kampfschrift den Titel gab: "Der Rhein, Teutschlands Strom, nicht Teutschlands Gränze".

Als die Völker Europas schließlich den Korsen in den Befreiungskriegen niedergerungen hatten, führten wieder die alten Fürstenhäuser das Wort. Es begab sich das scheinbar Paradoxe: Gerade weil der Wiener Kongreß jene tiefe Spur, die Napoleon gezogen hatte, nicht mehr vollends löschen konnte, versuchte er desto intensiver, im Restaurativen die Zukunft zu gewinnen. Ein letztlich heilloser Versuch, der Entwicklungen verzögerte oder umleitete, das Ideengut der Französischen Revolution aber nicht mehr aus der Welt zu schaffen vermochte.

Das monarchische Legitimitätsprinzip, mit dem der Wiener Kongreß die Wiederherstellung der überlieferten staatlichen Ordnung Europas rechtfertigte, wurde auch auf das besiegte Frankreich angewendet, was zur Folge hatte, daß die Bourbonen auf einem restaurierten Thron erneut Platz nehmen durften - bis sie das sogenannte Bürgerkönigtum des Louis Philippe endgültig davonjagte. Der Eifer der Legitimisten, unterstützt durch Talleyrands Verhandlungsgeschick, sicherte den Unterlegenen zudem die Integrität der Landesgrenzen, freilich abzüglich der linksrheinischen Annexionen von der Pfalz bis nach Holland. Die elsässische Rheingrenze hingegen wurde anerkannt - offensichtlich eine Bestätigung "alten" Rechts aus dem Zeitalter des Absolutismus.

Gerade in der Niederlage aber wollte sich Frankreichs Traum von einer Rheingrenze von Lautenburg bis Emmerich kaum verflüchtigen. Dies weniger denn je, als der Napoleon-Mythos an Boden gewann. Und er gewann an Boden angesichts eines Bürgerkönigtums, dessen biedermännische Maske die tiefe Zerrissenheit des Landes kaum verbergen konnte. Die Sehnsucht nach nationaler gloire ließ entgegen aller realen Erfahrungen die Vergangenheit erstrahlen, instinktiv erfaßt als Kompensationsmittel gegen den Zynismus einer börsenspekulierenden Ellenbogengesellschaft, deren Vertreter nur in Balzacs Romanen Größe gewinnen - literarische Größe immerhin.

Als im Jahre 1840 die Gebeine Kaiser Napoleons, der 1821 in der weltenfernen Verbannung von Sankt Helena verstorben war, in einem imposanten convoi funèbre in den Pariser Invalidendom überführt wurden, erzeugte dies Hoch- und Katerstimmung gleichermaßen. Hochstimmung im nostalgischen Gedenken an einstige Größe, Katerstimmung im Bewußtsein der Niederlage und der Mediokrität dieses längst ranzig gewordenen Bürgerkönigtums. Da bedurfte es nur einer außenpolitischen Demütigung, um im Kessel der nationalen Befindlichkeit einen gefährlichen Überdruck zu erzeugen.

Der Anlaß lag fernab im Orient, wo der Machtzerfall des einstmals so mächtigen Osmanischen Reiches die europäischen Kolonialmächte Großbritannien und Frankreich auf den Plan rief. Paris ging es vor allem um seinen Einfluß in Ägypten, wo es Pascha Mehmed Ali in seinen hegemonialen Aspirationen über die Türken unterstützte. Es war der übliche koloniale Schacher um Macht- und Wirtschaftsinteressen, der naturgemäß zu einer Prestigefrage stilisiert wurde. Desto demütigender empfand die grande nation den Londoner Vertrag vom 15. Juli 1840, in dem das britische Empire ausgerechnet in Koalition mit Rußland, Österreich und Preußen einen Ausgleich zwischen der Hohen Pforte und Ägypten herbeiführte. Nicht nur, daß sich der wendige Pascha unvermittelt auf die britische Seite schlug und so seine französischen Freunde düpierte - diese europäische Koalition, die so schmerzhaft an 1815 erinnerte, hatte Frankreichs Einfluß als Kolonialmacht in seine Grenzen verwiesen. In Paris sprach man von einem "diplomatischen Waterloo".

Der Staat, der zu diesem neuerlichen "Waterloo" beigetragen und mit Frankreich eine gemeinsame Grenze hatte, war Preußen, der territoriale "Kriegsgewinnler" von 1815, an das die Bourbonen die linksrheinischen Eroberungen hatten abtreten müssen. Sollte dies das endgültige Wort der Geschichte sein? Schon vor dem Ausgang der Orientkrise sprach der Dichter Alphonse de Lamartine in der Abgeordnetenkammer das aus, was nicht wenige Franzosen bewegte: "Diese Verträge aber von 1814/15, sind die ewig? Nein, ein Tag wird kommen, wo diese Verträge sich selbst zerreißen werden vor dem Willen Frankreichs. Sprecht vom Rhein . . . Der Ruhm war dort, sein Geist ist noch dort, seine Fahne wird sich dort wieder entfalten." Das Hohe Haus akklamierte begeistert.

Die Regierung befahl, hunderttausend Soldaten ins Elsaß und nach Lothringen zu verlegen, und die Presse kommentierte drohend: "Schon wetzen in den Nord- und Ostdepartements die Bauern, ungeduldig, mit dem Auslande die Rechnung von 1815 auszugleichen, ihre Sensen, halten ihre Waffen in Bereitschaft und verlangen, daß man sie gegen den Feind führt." Es war das alte, reichlich abgenutzte und trotzdem immer wieder wirkungsvolle Mittel, innenpolitischen Überdruck durch ein außenpolitisches Ventil entweichen zu lassen. Und von diesem Überdruck gab es ja nicht nur wegen der Niederlage in der Orientkrise reichlich. Die Regierung sah sich gezwungen, den bereits zweiten Putschversuch Louis Napoleons, eines Neffen des gefeierten Empereur, abzuwehren.

Auch im biedermeierlichen Deutschland, wo der Überschwang und die Hoffnungen des Sieges längst in der Restauration des fürstlichen Gottesgnadentums erstickt waren, öffnete sich ein Ventil. Zwar mobilisierten nicht die Militärs, aber die Dichter und Denker. Der Patriotismus sah sich herausgefordert, nicht mehr gefährdet und schließlich unterdrückt wie beim Hambacher Fest, sondern vereint in einem gemeinsamen Gegner und begleitet vom Wohlwollen fürstlicher Celebritäten. So kam es auch in Deutschland zu einer Emotionalisierung der Politik nach außen, um die Frustrationen im Innern zu kompensieren.

Als am 17. Oktober 1840 in Mannheim ein neuer Rheinhafen eingeweiht wurde, warnte der Festredner, des Beifalls gewiß: "Wehe dem fremden Übermut, wenn er es wagen sollte, in törichtem Gelüste dem leichtfertigen Wort die unbesonnene Tat nachzusenden" - um dann die siebte und letzte Strophe eines trotzig-pathetischen Rheinliedes anzustimmen, das der einunddreißigjährige Hilfsgerichtsschreiber Nikolaus Becker als Antwort auf Lamartines Rede gedichtet hatte: "Sie sollen ihn nicht haben, / Den freien deutschen Rhein, / Bis seine Flut begraben / Des letzten Mann's Gebein!" Ein Gesang, der bei vielen den Enthusiasmus erhitzte. Seit dem Kaiserreich von 1871 sollte er einen Ehrenplatz im musikalischen Schatzkästlein des deutschen Nationalismus einnehmen.

Nikolaus Becker, der Dichter, sah sich seit 1840 im Strahlenkranz eines Ruhmes, als hätte er den Deutschen eine Marseillaise geschrieben. Selbst bei allerhöchsten Herrschaften machte diese patriotische Poesie tiefen Eindruck. Preußens Friedrich Wilhelm IV., der ein persönliches Faible für die Rheinlandschaft hatte, war entzückt. Und Bayerns Ludwig I., seiner pfalzgräflichen Besitzungen am Rhein eingedenk und selber in Reimen dilettierend, ließ es an offizieller Anerkennung nicht fehlen. Er gab Order, dem Hilfsgerichtsschreiber einen kostbaren Becher zu überreichen, der die Widmungsworte trug: "Der Pfalzgraf bey Rhein dem Dichter des Liedes ,Der deutsche Rhein'." Die Stadt Mainz, die einst eine erste deutsche Republik ausgerufen hatte, verehrte Nikolaus Becker einen Bürgerbecher. Und die Mettlacher Steingutfabrik Villeroy & Boch erkannte rasch die Marktlücke patriotischer Souvenirs. Sie verkaufte Teller, in die die Verse vom freien, deutschen Rhein in goldener Schrift gebrannt waren.

Doch es gab auch skeptisch-besonnene und warnend-klagende Stimmen. Der Literaturhistoriker Robert Prutz - 1845 wurde er wegen Majestätsbeleidigung angeklagt - beschrieb rückblickend die frühe Wirkung dieses Liedes: "Bald flog es von Stadt zu Stadt; gerade was die Schwäche des Liedes war, sein bloß negativer Inhalt, seine blasse triviale Versicherung, daß man sich nicht nehmen lassen wolle, was man habe, machte sein Glück: es war so ganz das Pathos des damaligen deutschen Publikums. Auch der Umstand, daß es am Rhein selbst entstanden, hier zuerst zum Volkslied geworden war, kam seiner Verbreitung zustatten; war es doch gewissermaßen ein Unterpfand für die Gesinnung der Rheinländer, von denen man sich so viel Deutschheit versprochen hatte." Und Heinrich Heine ließ in seinem Wintermärchen den Rhein klagen: "Wenn ich es höre, das dumme Lied, / dann möcht ich mir zerraufen / den weißen Bart, ich möchte fürwahr / mich in mir selbst ersaufen."

Wer sich mit solch unzeitgemäßen Betrachtungen wie der "Franzosenfreund" Heine vernehmen ließ, der konnte nur mit einem schmalen Publikum rechnen. Wer aber so den nationalen Nerv seiner Zeit traf wie Becker, der fand viele Nachahmer. Die Platitüden häuften sich - etwa in der Art: "Sie sollen sie nicht haben / Die deutsche Mosel, nein! / Sie sollen sie nicht haben / So wenig wie den Rhein." Kein Wunder, daß die Flut politischer Versdrechseleien jene aufstöhnen ließ, die sich einen Sinn für literarische Qualität bewahrt hatten, und so ritten sie, um Nachsicht flehend, ihrerseits diesen Pegasus: "Sie sollen ihn nicht haben / Nein, nein - doch nun ist's gut, / Wir werden sonst begraben / In Rhein' scher Liederflut." Einer, der das hohle Pathos dieser inflationären Rhein-Reimereien durchschaute und genau wußte, was er von diesen dichtenden Pappenheimern zu halten hatte, spottete: "Die deutschen Männer brennen, / Erklingt des Heerhorns Ton; / Die Federhelden rennen / Gewiß zuerst davon."

Doch dem hurrapatriotischen Enthusiasmus taten weder Spott noch Warnung Abbruch. Der Nationalismus stachelte hüben wie drüben die Gemüter auf - ein Nährboden, bestens geeignet für die giftige Brutstätte jener Vorurteile, mit denen sich die deutschen und französischen Nachbarn voneinander abschotteten. Selbst Georg Herwegh, der als literarischer Wegbereiter der achtundvierziger Revolution so manche Jahre in Paris Asyl finden sollte, ließ sich zu einem wackeligen Reimgebilde hinreißen: "Hurrah, hurrah! Der Rhein / und wärs nur um den Wein, / der Rhein soll deutsch verbleiben!" Abgesehen davon, daß es rechtschaffen albern klang, den Rhein um des Weines willen als deutsches Patent anzumelden, erscheint diese Selbstbestätigungssucht im nachhinein eher als Zeichen einer Unsicherheit, wie sie nur in einer sich allmählich radikalisierenden Abgrenzung zweier Nachbarvölker voneinander wachsen kann.

1848, als die Deutschen eigentlich andere Sorgen hatten, dichtete Max Schneckenburger seine berühmte "Wacht am Rhein", in der ein Ruf wie Donnerhall zum Rhein brauste. Sollten die Franzosen gewarnt werden, das politische Ringen der Deutschen für eine Grenzrevision zu nutzen? Das konnte kaum gemeint sein, denn Frankreich war vollauf mit seiner eigenen Revolution beschäftigt. Auf die Deutschen indessen verfehlte das Pathos nicht seine Wirkung - spätestens nicht im Krieg 1870/71, als diese "Wacht am Rhein", von Karl Wilhelm vertont, zu einer Art Nationalhymne avancierte.

Was an nationalpolitischer Lyrik im Widerstand gegen Napoleon noch wohlfeil gewesen sein mochte, gewann als Neuauflage im deutsch-französischen Krieg 70/71 eine propagandistische Aggressivität, die sich zwar im Sieg der Deutschen bestätigte, die sich aber spätestens dann, als sie im Nationalismus des Wilhelminismus ausuferte, gegen die Deutsehen selbst zu richten begann. Indem man Geschichte für die Tagesaktualität benutzte, mißbrauchte man sie. Etwa wenn die Propaganda auf Ernst Moritz Arndt zurückgriff, der in den Freiheitskriegen pathosgesättigt gedichtet hatte: "Zurück sollt ihr zahlen, heraus sollt ihr geben! / So stehe der Kampf uns auf Tod und auf Leben! / So klinge die Losung: Zum Rhein! Übern Rhein! / All Deutschland in Frankreich hinein!" 1870 aber war die von Arndt geforderte "Heimzahlung" für das napoleonische Joch längst beglichen und die territorialen Annexionen des Korsen korrigiert. Doch wo nationale Interessen zu nationalistischen Emotionen hochgepeitscht werden, werden gerade Wege krumm. Bismarck und Napoleon III. nutzten beide, wenn auch natürlich aus unterschiedlichen Gründen, die Gunst der Stunde, ihre Ziele zu verfolgen. Der Franzose, innen- und außenpolitisch mehrfach gescheitert, suchte verzweifelt einen nationalen Erfolg, um sein Regime halten zu können. Der Preuße, der die Einigung Deutschlands in vertraglichen und militärischen Etappen zielstrebig vorangebracht hatte, sah die Chance gekommen, endlich das Werk zu vollenden. Beiden diente die Emotionalisierung als Ferment der Politik. Dem Bundeskanzler des Norddeutschen Bundes zur Verwirklichung einer Vision, die eines Gegners bedurfte. Dem Kaiser zur Rettung seiner Dynastie, die eines Gegners bedurfte. So erfüllten sich in den Feindbildern, die seit Jahrzehnten gegenseitig aufgebaut worden waren, aufs neue Sieg und Niederlage.

Doch kennt ein Kriegsausgang nur das radikale Grundmuster dieser Alternative? Anno 64 und besonders anno 66 hatte Bismarck bewiesen, daß sich Mäßigung im Sieg politisch auszahlt. Im Frankfurter Frieden 1871 hingegen, im Zeichen der nationalen Einigung, war die Verlockung denn doch zu groß, alte Sehnsüchte per Diktat Wirklichkeit werden zu lassen. Die Gesänge vom "ganzen deutschen Rhein" taten ihre Wirkung, die Ostgrenze am Oberrhein wurde Historie und Elsaß-Lothringen als Reichsland eingegliedert. Was mochte es da bedeuten, daß das Elsaß seit fast zweihundert Jahren Frankreich zugehörte? Das Gesetz der Zahl gewährt einem Grenzland kaum je Sicherheit und Schutz. Während die Eingliederung des Elsaß historisch begründet wurde, war die Annexion Lothringens gleichsam der territoriale Zugewinn, den seit alters her jeder Sieger glaubt für sich reklamieren zu können - besonders dann, wenn sich damit wirtschaftliche Begehrlichkeiten verbinden (Eisen und Stahl). Jenseits des größeren Teils des Départements Moselle und des nordöstlichen Teils des Départements Meurthe wurden die Grenzen neu gezogen. Bismarck stimmte diesem Territorialgewinn aus militärischen Gründen zu: Elsaß-Lothringen als süddeutsches Glacis gegen Frankreich. Für den neuen Kaiser und weite Teile der Bevölkerung war das aber nicht zuletzt eine Frage des nationalen Prestiges.

Auch für Frankreich war Elsaß-Lothringen eine Frage des nationalen Prestiges, nur mit umgekehrten Vorzeichen. Mochte man in vielem zerstritten sein, in der Hoffnung auf Revanche fanden Politiker, Intellektuelle und Bürgertum zueinander. Merkwürdig, wie leicht sich das Gedicht Ernst Moritz Arndts, nur geringfügig variiert, auf die französische Gemütslage anwenden ließ, auch wenn der aktuelle Bezug den historischen verfälschte: "Zurück sollt ihr zahlen, heraus sollt ihr geben! / So stehe der Kampf uns auf Tod und auf Leben! / So klinge die Losung: Zum Rhein! Übern Rhein! / All Frankreich in Deutschland hinein!" In Paris freilich rezitierte man nicht Arndt, sondern gab die Parole aus: Nicht darüber reden, aber immer daran denken! Der Revanchegedanke wurde zum politischen Glaubensbekenntnis.

Die häßliche Seite des Nationalstaatsgedankens kam zur vollen Entfaltung. Was seit Beginn des Jahrhunderts an Vorurteilen, nationalem Eifertum, falschem Pathos und trivialer Rechthaberei über die "Rangordnung" beider Völker gesät worden war, trug im Fin de siècle die giftigen Früchte eines kontinuierlich gewachsenen Hasses, der als "Erbfeindschaft" zum Synonym für ein beiderseits zutiefst gestörtes geistig-politisches Klima wurde. In diesem Klima verbissener Rivalität produzierten Politik, Publizistik und Geschichtsschreibung Feindbilder, die in vielem heute nur skurril wirken würden, läge ihnen nicht eine grundsätzliche Verweigerungsmentalität zugrunde. Vorbei waren die Zeiten, wo man sich - wie 1864 beim Tode Giacomo Meyerbeers, des jüdischen Deutschen und Wahlfranzosen - beiderseits des Rheins als Kulturnation die Referenz erwies.

Mag diese "Erbfeindschaft" heute hoffentlich nur noch Unverständnis evozieren, für die Zeit von gestern gehörte sie wirkungsmächtig zum Verständnis der Abgrenzung. In der älteren Generation gibt es noch genügend Zeitzeugen, die in der Tradition dieses Feindverhältnisses aufgewachsen sind und die Emotionalisierung der Bevölkerung erlebt haben. Erst wenige Jahrzehnte sind vergangen, als es noch keineswegs ausgemacht war, ob sich jene Völkerkrankheit endültig kurieren ließe. Denn die Geschichte schien sich einen diabolischen Spaß daraus zu machen, die territorialen Rencontres zu prolongieren.

Nach Ludwig XIV., Napoleon und Bismarck war 1919 Clemenceau an der Reihe. Frankreich holte Elsaß-Lothringen in seinen Staatsverband zurück, besetzte die linksrheinischen Gebiete und unterstützte separatistische Bewegungen. Clemenceaus Versuch, die linksrheinischen Gebiete wie weiland Napoleon zu annektieren, scheiterte allerdings am Widerspruch der Vereinigten Staaten und Englands. Dann der Silberstreifen am Horizont, der als Kredit auf die Zukunft erhofft wurde und Intermezzo blieb: Briands und Stresemanns Aussöhnungspolitik, kodifiziert im Locarno-Vertrag. 1940 wiederum ein Rencontre, als Hitler Elsaß-Lothringen erneut "heim ins Reich" befahl. 1945 schließlich war Frankreich, wo mittlerweile de Gaulle regierte, aufs neue am Zuge. Elsaß-Lothringen wurde französisch. Wieder bildete der Rhein eine Grenze, diesmal eine Besatzungsgrenze. Rechtsrheinisch wurden Baden und Württemberg-Hohenzollern Teil der französischen Zone, linksrheinisch Rheinland-Pfalz. Und die Saar, seit 1918 bereits ein "bewährter" deutsch-französischer Zankapfel, da als Kohlegebiet von Bedeutung? Paris, auch hier auf Annexion aus, gelang immerhin die Durchsetzung eines Sonderstatuts, das die französischen Wirtschaftsinteressen berücksichtigte. Die Saar wurde zu einer Art Zwitter zwischen Besatzungsland und Département.

Als nach dem Sieg der Alliierten deren zunehmende Differenzen über die staatlich-politische Neuordnung Deutschlands erkennbar wurden, kam den Besatzungszonen alsbald eine Bedeutung zu, die einer künftigen gesamtdeutschen Politik zuwiderlief: Sie wurden zu Faustpfändern der jeweiligen Siegermacht.

Während Amerikaner, Engländer und Russen noch die Notwendigkeit der staatlichen Einheit Deutschlands betonten, machten die Franzosen kein Hehl daraus, daß sie eine Neuauflage ihrer nach 1918 gescheiterten Deutschlandpolitik verfolgten - diesmal unter verschärften Bedingungen. Wieder stand der Rhein im Mittelpunkt territorialer Konstruktionsmodelle, basierend auf einer Koalition aus Sicherheitsbedürfnis und Wirtschaftsinteressen. Das hieß: Autonomie des Rheinlandes und Internationalisierung der Ruhr unter französischem "Patronat". Mehr noch: Hessen und Württemberg sowie das von Frankreich besetzte Baden und die Pfalz sollten als dessen Satellitenstaaten ein politisch-militärisches Glacis bilden, nicht unähnlich der sowjetischen Hegemonialkonstruktion im Osten. Hätte sich Paris mit seiner Politik durchgesetzt, wäre auch der "Rest", der von Deutschland dann noch übrigblieb, völlig dezentralisiert worden. Was Frankreich letztlich forderte, war eine Restaurierung des deutschen Staatenkonglomerats vor 1871 unter modernen Bedingungen. De Gaulle zögerte nicht, dies offen auszusprechen: Pas de Reich, retour aux Allemagnes! - Kein Reich, zurück zu den Deutschländern!

Daß diese radikale Rückführung auf die Struktur eines Staatenbundes nicht verwirklicht wurde, war den Sonderinteressen zu verdanken, die jede Siegermacht verfolgte. Als der Ost-West-Gegensatz sich immer deutlicher abzeichnete und schließlich im Kalten Krieg eskalierte, war die materielle Abhängigkeit Frankreichs von den USA zu groß, um seinen Sonderweg durchsetzen zu können. Noch in seinen Memoiren rekapitulierte de Gaulle seine Hegemonialträume von ehedem, in denen es darum ging, "die am Rhein, in den Alpen, in den Pyrenäen an Frankreich angrenzenden Länder dazu zu veranlassen, sich ihm in politischer, wirtschaftlicher und strategischer Hinsicht anzuschließen und aus dieser Organisation eine der drei Weltmächte zu machen, die . . . als Schiedsrichter zwischen dem sowjetischen und dem angelsächsischen Lager auftreten könnten."

So wie Frankreich von seinen hegemonialen Träumen lassen mußte, sah der östliche Nachbar seine Träume von der staatlichen Einheit schwinden - bis nach fünfundvierzig Jahren die Geschichte in einer atemberaubenden Korrektur die deutsche Landkarte noch einmal änderte. Da aber war der Rhein längst kein Thema mehr. Die normative Kraft des Faktischen hatte Frankreich und die Bundesrepublik schon in den frühen fünfziger Jahren eingeholt und Lernprozesse nachbarlicher Kooperation evoziert, die durch die europäische Einigungsbewegung ihre Schubkraft erhielten. Daß ausgerechnet Charles de Gaulle, jener Staatsmann, der zunächst noch ganz in den Schablonen einer historisch tradierten Deutschlandpolitik dachte, Konrad Adenauer die Hand reichte und die deutsch-französische Aussöhnung offiziell bekräftigte, darf als ein Zeichen symbolkräftiger Hoffnung für jene Länder gelten, deren "erbfeindschaftliche" Nachbarschaft heute noch nicht bewältigt ist. Mögen sich an jene Aussöhnungspolitik diesseits und jenseits der Grenzen auch unterschiedliche Erwartungen geknüpft haben, so hat die politische Entwicklung inzwischen doch eine solche Eigendynamik gewonnen, daß sie trotz mancher Rückschläge auf die Zukunft Kredit zu geben vermag. Der Rhein ist kein Reizthema mehr, das die Gemüter erhitzt und die Nationen spaltet. Und der Vertrag, der die Schlagbäume zwischen dem staatlich geeinten Deutschland und Frankreich endgültig fallen lassen wird, wartet, bereits beglaubigt und besiegelt, auf seine Erfüllung.


Dr. Hans-Jürgen Wünschel, Jahrgang 1947, Studium der Geschichte, Politischen Wissenschaft, Anglistik und Germanistik an der Universität Heidelberg, seit 1982 Akademischer Direktor am Historischen Seminar der Universität Landau. Zahlreiche Veröffentlichungen zur Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts, u. a. "Angesichts der Trümmer. Die Gründungsgeschichte der pfälzischen Parteien nach dem Ende der Diktatur" (1986).


Quelle: DAMALS - Das Geschichtsmagazin
Heft 12/Dezember 1991

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