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20. Januar
2006
Der "teutsche"
Rhein
Die politische
Geschichte eines Stromes
Von Hans-Jürgen
Wünschel
Ein Fluß als Grenze, als
Grenzfall. Das ist ein Problem, das erst im 19. und 20.
Jahrhundert die politische Diskussion erregt, die
literarischen Bemühungen beflügelt und die
nationalen Gefühle weckt. Denn die
vielhundertjährige Geschichte der Menschheit kennt nur
wenige Beispiele von Flußgrenzen - was insofern
sonderbar erscheint, da ein Fluß früher nur
mühsam zu überwinden war. Dennoch trennte er die
Menschen selten voneinander, ja er führte sie eher
zusammen. Hochkulturen entstanden in Flußlandschaften,
wo auf beiden Seiten der Ufer gesiedelt wurde. Euphrat und
Tigris waren genausowenig Grenzflüsse wie der Nil. Das
Römische Reich hingegen nutzte die Geographie gezielt
als Mittel der Politik. So grenzte sich das republikanische
Rom am nordspanischen Ebro von Karthago ab und das
kaiserliche Rom an Rhein und Donau von den Germanen. Doch
war dies eher die Ausnahme von der Regel, die
spätestens seit der Völkerwanderungszeit wieder
aktuell wurde. Für die weltlichen und geistlichen
Herrschaften am Rhein war im Mittelalter der Strom als
Grenze ohne Bedeutung.
Erst das hegemoniale Frankreich
Ludwigs XIV. entdeckte den Rhein erneut als natürliche
Grenze seines Machtbereichs - was den "Sonnenkönig"
nicht daran hinderte, seine dubiosen kurpfälzischen
Erbansprüche auch rechtsrheinisch mit Feuer und Schwert
einzuklagen. Man denke etwa an die Zerstörung des
Heidelberger Schlosses. Die Kurpfalz wurde zu einem
Verwüstungsgürtel
vor der französischen Grenze. Nachdem die
habsburgischen Besitzungen im Elsaß - dies ein
Ergebnis des Dreißigjährigen Krieges - Frankreich
zugesprochen worden waren, gelang es Ludwig XIV. sukzessiv,
durch Annexionen seinen oberrheinischen Territorialbesitz zu
arrondieren. Spektakulärer Höhepunkt war 1681 die
Besetzung Straßburgs. Der Oberrhein wurde zur Grenze
Frankreichs, freilich eine sehr durchlässige Grenze, so
daß bis zur Französischen Revolution im
Elsaß der deutsche Einfluß unbehindert gewahrt
blieb. Wer den jungen Studiosus Goethe nach Straßburg
oder ins elsässische Pfarrhaus nach Sesenheim
begleitet, gewinnt nicht den Eindruck, er bewege sich in
einem fremden Land, in einer fremden Kultur.
Nur zwanzig Jahre später
brachte die Französische Revolution die scheinbar
sichere Ordnung des Absolutismus zum Einsturz - was auch am
Rhein nicht ohne Folgen blieb. Zwar war die Mainzer Republik
von 1793, die Anschluß an Frankreich suchte, nur ein
Intermezzo, doch spätestens seit dem Frieden von
Lunéville 1801, der den zweiten Koalitionskrieg
beendete, setzte eine Entwicklung ein, die den Strom zu
einem Politikum ersten Ranges werden ließ. Frankreich
verzichtete in dem Vertrag auf rechtsrheinische
Territorialansprüche, dafür traten der
römisch-deutsche Kaiser und das Reich offiziell das
gesamte linksrheinische Gebiet an den Sieger ab - eine
Bestätigung dessen, was Napoleon schon vier Jahre zuvor
im Frieden von Campo Formio diktiert hatte. Das ging nun
freilich über die Eroberungspolitik Ludwigs XIV. weit
hinaus. Von der Schweiz bis Holland, das zu einem
napoleonischen Vasallenkönigtum degenerierte, bildete
der Strom die französisch-deutsche Grenze. Ein Gebiet
von 63000 Quadratkilometern immerhin mit dreieinhalb
Millionen Einwohnern. Wie der Historiker Franz Schnabel
nicht ohne Ironie bemerkt, blickten fortan "die Heidelberger
Romantiker vom Schloßaltan über den Rhein auf die
französischen Berge der Haardt".
In einer Zeit, in der die Keime
eines politischen Nationalismus durch den Druck von
außen mehr denn je zu sprießen begannen, war
dies ein unerträglicher Gedanke. Je mehr Napoleon die
europäische Landkarte veränderte, den Dynastien
das Fürchten lehrte und die Ohnmacht der deutschen
Kleinstaaterei für seine europäische
Hegemonialpolitik nutzte, desto fester formte sich unter
deutschen Intellektuellen die Überzeugung, daß
sich aus der kulturellen Identität eine politische
entwickeln mußte. Was aus geschichtsphilosophischen
Betrachtungen abgeleitet wurde, gewann einen aktuellen Bezug
im Widerstand gegen das napoleonische Frankreich. Man denke
etwa an Fichtes "Reden an die deutsche Nation". In einem
Deutschland, dessen staatliche Heterogenität das
Symbolträchtige geradezu bedingte, gewann ein Ruf wie
der nach dem "teutschen Rhein" mehr als nur
politisch-topographische Bedeutung. Er wurde zu einem Fanal
des Aufbruchs und des Widerstands, und so konnte
beispielsweise ein Mann wie Ernst Moritz Arndt sich der
politischen Wirkung sicher sein, wenn er einer
antinapoleonischen Kampfschrift den Titel gab: "Der Rhein,
Teutschlands Strom, nicht Teutschlands Gränze".
Als die Völker Europas
schließlich den Korsen in den Befreiungskriegen
niedergerungen hatten, führten wieder die alten
Fürstenhäuser das Wort. Es begab sich das
scheinbar Paradoxe: Gerade weil der Wiener Kongreß
jene tiefe Spur, die Napoleon gezogen hatte, nicht mehr
vollends löschen konnte, versuchte er desto intensiver,
im Restaurativen die Zukunft zu gewinnen. Ein letztlich
heilloser Versuch, der Entwicklungen verzögerte oder
umleitete, das Ideengut der Französischen Revolution
aber nicht mehr aus der Welt zu schaffen vermochte.
Das monarchische
Legitimitätsprinzip, mit dem der Wiener Kongreß
die Wiederherstellung der überlieferten staatlichen
Ordnung Europas rechtfertigte, wurde auch auf das besiegte
Frankreich angewendet, was zur Folge hatte, daß die
Bourbonen auf einem restaurierten Thron erneut Platz nehmen
durften - bis sie das sogenannte Bürgerkönigtum
des Louis Philippe endgültig davonjagte. Der Eifer der
Legitimisten, unterstützt durch Talleyrands
Verhandlungsgeschick, sicherte den Unterlegenen zudem die
Integrität der Landesgrenzen, freilich abzüglich
der linksrheinischen Annexionen von der Pfalz bis nach
Holland. Die elsässische Rheingrenze hingegen wurde
anerkannt - offensichtlich eine Bestätigung "alten"
Rechts aus dem Zeitalter des Absolutismus.
Gerade in der Niederlage aber wollte
sich Frankreichs Traum von einer Rheingrenze von Lautenburg
bis Emmerich kaum verflüchtigen. Dies weniger denn je,
als der Napoleon-Mythos an Boden gewann. Und er gewann an
Boden angesichts eines Bürgerkönigtums, dessen
biedermännische Maske die tiefe Zerrissenheit des
Landes kaum verbergen konnte. Die Sehnsucht nach nationaler
gloire ließ entgegen aller realen Erfahrungen
die Vergangenheit erstrahlen, instinktiv erfaßt als
Kompensationsmittel gegen den Zynismus einer
börsenspekulierenden Ellenbogengesellschaft, deren
Vertreter nur in Balzacs Romanen Größe gewinnen -
literarische Größe immerhin.
Als im Jahre 1840 die Gebeine Kaiser
Napoleons, der 1821 in der weltenfernen Verbannung von Sankt
Helena verstorben war, in einem imposanten convoi
funèbre in den Pariser Invalidendom
überführt wurden, erzeugte dies Hoch- und
Katerstimmung gleichermaßen. Hochstimmung im
nostalgischen Gedenken an einstige Größe,
Katerstimmung im Bewußtsein der Niederlage und der
Mediokrität dieses längst ranzig gewordenen
Bürgerkönigtums. Da bedurfte es nur einer
außenpolitischen Demütigung, um im Kessel der
nationalen Befindlichkeit einen gefährlichen
Überdruck zu erzeugen.
Der Anlaß lag fernab im
Orient, wo der Machtzerfall des einstmals so mächtigen
Osmanischen Reiches die europäischen
Kolonialmächte Großbritannien und Frankreich auf
den Plan rief. Paris ging es vor allem um seinen
Einfluß in Ägypten, wo es Pascha Mehmed Ali in
seinen hegemonialen Aspirationen über die Türken
unterstützte. Es war der übliche koloniale
Schacher um Macht- und Wirtschaftsinteressen, der
naturgemäß zu einer Prestigefrage stilisiert
wurde. Desto demütigender empfand die grande
nation den Londoner Vertrag vom 15. Juli 1840, in dem
das britische Empire ausgerechnet in Koalition mit
Rußland, Österreich und Preußen einen
Ausgleich zwischen der Hohen Pforte und Ägypten
herbeiführte. Nicht nur, daß sich der wendige
Pascha unvermittelt auf die britische Seite schlug und so
seine französischen Freunde düpierte - diese
europäische Koalition, die so schmerzhaft an 1815
erinnerte, hatte Frankreichs Einfluß als Kolonialmacht
in seine Grenzen verwiesen. In Paris sprach man von einem
"diplomatischen Waterloo".
Der Staat, der zu diesem neuerlichen
"Waterloo" beigetragen und mit Frankreich eine gemeinsame
Grenze hatte, war Preußen, der territoriale
"Kriegsgewinnler" von 1815, an das die Bourbonen die
linksrheinischen Eroberungen hatten abtreten müssen.
Sollte dies das endgültige Wort der Geschichte sein?
Schon vor dem Ausgang der Orientkrise sprach der Dichter
Alphonse de Lamartine in der Abgeordnetenkammer das aus, was
nicht wenige Franzosen bewegte: "Diese Verträge aber
von 1814/15, sind die ewig? Nein, ein Tag wird kommen, wo
diese Verträge sich selbst zerreißen werden vor
dem Willen Frankreichs. Sprecht vom Rhein . . . Der Ruhm war
dort, sein Geist ist noch dort, seine Fahne wird sich dort
wieder entfalten." Das Hohe Haus akklamierte begeistert.
Die Regierung befahl, hunderttausend
Soldaten ins Elsaß und nach Lothringen zu verlegen,
und die Presse kommentierte drohend: "Schon wetzen in den
Nord- und Ostdepartements die Bauern, ungeduldig, mit dem
Auslande die Rechnung von 1815 auszugleichen, ihre Sensen,
halten ihre Waffen in Bereitschaft und verlangen, daß
man sie gegen den Feind führt." Es war das alte,
reichlich abgenutzte und trotzdem immer wieder wirkungsvolle
Mittel, innenpolitischen Überdruck durch ein
außenpolitisches Ventil entweichen zu lassen. Und von
diesem Überdruck gab es ja nicht nur wegen der
Niederlage in der Orientkrise reichlich. Die Regierung sah
sich gezwungen, den bereits zweiten Putschversuch Louis
Napoleons, eines Neffen des gefeierten Empereur,
abzuwehren.
Auch im biedermeierlichen
Deutschland, wo der Überschwang und die Hoffnungen des
Sieges längst in der Restauration des fürstlichen
Gottesgnadentums erstickt waren, öffnete sich ein
Ventil. Zwar mobilisierten nicht die Militärs, aber die
Dichter und Denker. Der Patriotismus sah sich
herausgefordert, nicht mehr gefährdet und
schließlich unterdrückt wie beim Hambacher Fest,
sondern vereint in einem gemeinsamen Gegner und begleitet
vom Wohlwollen fürstlicher Celebritäten. So kam es
auch in Deutschland zu einer Emotionalisierung der Politik
nach außen, um die Frustrationen im Innern zu
kompensieren.
Als am 17. Oktober 1840 in Mannheim
ein neuer Rheinhafen eingeweiht wurde, warnte der
Festredner, des Beifalls gewiß: "Wehe dem fremden
Übermut, wenn er es wagen sollte, in törichtem
Gelüste dem leichtfertigen Wort die unbesonnene Tat
nachzusenden" - um dann die siebte und letzte Strophe eines
trotzig-pathetischen Rheinliedes anzustimmen, das der
einunddreißigjährige Hilfsgerichtsschreiber
Nikolaus Becker als Antwort auf Lamartines Rede gedichtet
hatte: "Sie sollen ihn nicht haben, / Den freien deutschen
Rhein, / Bis seine Flut begraben / Des letzten Mann's
Gebein!" Ein Gesang, der bei vielen den Enthusiasmus
erhitzte. Seit dem Kaiserreich von 1871 sollte er einen
Ehrenplatz im musikalischen Schatzkästlein des
deutschen Nationalismus einnehmen.
Nikolaus Becker, der Dichter, sah
sich seit 1840 im Strahlenkranz eines Ruhmes, als hätte
er den Deutschen eine Marseillaise geschrieben.
Selbst bei allerhöchsten Herrschaften machte diese
patriotische Poesie tiefen Eindruck. Preußens
Friedrich Wilhelm IV., der ein persönliches Faible
für die Rheinlandschaft hatte, war entzückt. Und
Bayerns Ludwig I., seiner pfalzgräflichen Besitzungen
am Rhein eingedenk und selber in Reimen dilettierend,
ließ es an offizieller Anerkennung nicht fehlen. Er
gab Order, dem Hilfsgerichtsschreiber einen kostbaren Becher
zu überreichen, der die Widmungsworte
trug: "Der Pfalzgraf bey Rhein dem Dichter des Liedes ,Der
deutsche Rhein'." Die Stadt Mainz, die einst eine erste
deutsche Republik ausgerufen hatte, verehrte Nikolaus Becker
einen Bürgerbecher. Und die Mettlacher Steingutfabrik
Villeroy & Boch erkannte rasch die Marktlücke
patriotischer Souvenirs. Sie verkaufte Teller, in die die
Verse vom freien, deutschen Rhein in goldener Schrift
gebrannt waren.
Doch es gab auch skeptisch-besonnene
und warnend-klagende Stimmen. Der Literaturhistoriker Robert
Prutz - 1845 wurde er wegen Majestätsbeleidigung
angeklagt - beschrieb rückblickend die frühe
Wirkung dieses Liedes: "Bald flog es von Stadt zu Stadt;
gerade was die Schwäche des Liedes war, sein bloß
negativer Inhalt, seine blasse triviale Versicherung,
daß man sich nicht nehmen lassen wolle, was man habe,
machte sein Glück: es war so ganz das Pathos des
damaligen deutschen Publikums. Auch der Umstand, daß
es am Rhein selbst entstanden, hier zuerst zum Volkslied
geworden war, kam seiner Verbreitung zustatten; war es doch
gewissermaßen ein Unterpfand für die Gesinnung
der Rheinländer, von denen man sich so viel Deutschheit
versprochen hatte." Und Heinrich Heine ließ in seinem
Wintermärchen den Rhein klagen: "Wenn ich es
höre, das dumme Lied, / dann möcht ich mir
zerraufen / den weißen Bart, ich möchte
fürwahr / mich in mir selbst ersaufen."
Wer sich mit solch
unzeitgemäßen Betrachtungen wie der
"Franzosenfreund" Heine vernehmen ließ, der konnte nur
mit einem schmalen Publikum rechnen. Wer aber so den
nationalen Nerv seiner Zeit traf wie Becker, der fand viele
Nachahmer. Die Platitüden häuften sich - etwa in
der Art: "Sie sollen sie nicht haben / Die deutsche Mosel,
nein! / Sie sollen sie nicht haben / So wenig wie den
Rhein." Kein Wunder, daß die Flut politischer
Versdrechseleien jene aufstöhnen ließ, die sich
einen Sinn für literarische Qualität bewahrt
hatten, und so ritten sie, um Nachsicht flehend, ihrerseits
diesen Pegasus: "Sie sollen ihn nicht haben / Nein, nein -
doch nun ist's gut, / Wir werden sonst begraben / In Rhein'
scher Liederflut." Einer, der das hohle Pathos dieser
inflationären Rhein-Reimereien durchschaute und genau
wußte, was er von diesen dichtenden Pappenheimern zu
halten hatte, spottete: "Die deutschen Männer brennen,
/ Erklingt des Heerhorns Ton; / Die Federhelden rennen /
Gewiß zuerst davon."
Doch dem hurrapatriotischen
Enthusiasmus taten weder Spott noch Warnung Abbruch. Der
Nationalismus stachelte hüben wie drüben die
Gemüter auf - ein Nährboden, bestens geeignet
für die giftige Brutstätte jener Vorurteile, mit
denen sich die deutschen und französischen Nachbarn
voneinander abschotteten. Selbst Georg Herwegh, der als
literarischer Wegbereiter der achtundvierziger Revolution so
manche Jahre in Paris Asyl finden sollte, ließ sich zu
einem wackeligen Reimgebilde hinreißen: "Hurrah,
hurrah! Der Rhein / und wärs nur um den Wein, / der
Rhein soll deutsch verbleiben!" Abgesehen davon, daß
es rechtschaffen albern klang, den Rhein um des Weines
willen als deutsches Patent anzumelden, erscheint diese
Selbstbestätigungssucht im nachhinein eher als Zeichen
einer Unsicherheit, wie sie nur in einer sich
allmählich radikalisierenden Abgrenzung zweier
Nachbarvölker voneinander wachsen kann.
1848, als die Deutschen eigentlich
andere Sorgen hatten, dichtete Max Schneckenburger seine
berühmte "Wacht am Rhein", in der ein Ruf wie
Donnerhall zum Rhein brauste. Sollten die Franzosen gewarnt
werden, das politische Ringen der Deutschen für eine
Grenzrevision zu nutzen? Das konnte kaum gemeint sein, denn
Frankreich war vollauf mit seiner eigenen Revolution
beschäftigt. Auf die Deutschen indessen verfehlte das
Pathos nicht seine Wirkung - spätestens nicht im Krieg
1870/71, als diese "Wacht am Rhein", von Karl Wilhelm
vertont, zu einer Art Nationalhymne avancierte.
Was an nationalpolitischer Lyrik im
Widerstand gegen Napoleon noch wohlfeil gewesen sein mochte,
gewann als Neuauflage im deutsch-französischen Krieg
70/71 eine propagandistische Aggressivität, die sich
zwar im Sieg der Deutschen bestätigte, die sich aber
spätestens dann, als sie im Nationalismus des
Wilhelminismus ausuferte, gegen die Deutsehen selbst zu
richten begann. Indem man Geschichte für die
Tagesaktualität benutzte, mißbrauchte man sie.
Etwa wenn die Propaganda auf Ernst Moritz Arndt
zurückgriff, der in den Freiheitskriegen
pathosgesättigt gedichtet hatte: "Zurück sollt ihr
zahlen, heraus sollt ihr geben! / So stehe der Kampf uns auf
Tod und auf Leben! / So klinge die Losung: Zum Rhein!
Übern Rhein! / All Deutschland in Frankreich hinein!"
1870 aber war die von Arndt geforderte "Heimzahlung"
für das napoleonische Joch längst beglichen und
die territorialen Annexionen des Korsen korrigiert. Doch wo
nationale Interessen zu nationalistischen Emotionen
hochgepeitscht werden, werden gerade Wege krumm. Bismarck
und Napoleon III. nutzten beide, wenn auch natürlich
aus unterschiedlichen Gründen, die Gunst der Stunde,
ihre Ziele zu verfolgen. Der Franzose, innen- und
außenpolitisch mehrfach gescheitert, suchte
verzweifelt einen nationalen Erfolg, um sein Regime halten
zu können. Der Preuße, der die Einigung
Deutschlands in vertraglichen und militärischen Etappen
zielstrebig vorangebracht hatte, sah die Chance gekommen,
endlich das Werk zu vollenden. Beiden diente die
Emotionalisierung als Ferment der Politik. Dem Bundeskanzler
des Norddeutschen Bundes zur Verwirklichung einer Vision,
die eines Gegners bedurfte. Dem Kaiser zur Rettung seiner
Dynastie, die eines Gegners bedurfte. So erfüllten sich
in den Feindbildern, die seit Jahrzehnten gegenseitig
aufgebaut worden waren, aufs neue Sieg und Niederlage.
Doch kennt ein Kriegsausgang nur das
radikale Grundmuster dieser Alternative? Anno 64 und
besonders anno 66 hatte Bismarck bewiesen, daß sich
Mäßigung im Sieg politisch auszahlt. Im
Frankfurter Frieden 1871 hingegen, im Zeichen der nationalen
Einigung, war die Verlockung denn doch zu groß, alte
Sehnsüchte per Diktat Wirklichkeit werden zu lassen.
Die Gesänge vom "ganzen deutschen Rhein" taten ihre
Wirkung, die Ostgrenze am Oberrhein wurde Historie und
Elsaß-Lothringen als Reichsland eingegliedert. Was
mochte es da bedeuten, daß das Elsaß seit fast
zweihundert Jahren Frankreich zugehörte? Das Gesetz der
Zahl gewährt einem Grenzland kaum je Sicherheit und
Schutz. Während die Eingliederung des Elsaß
historisch begründet wurde, war die Annexion
Lothringens gleichsam der territoriale Zugewinn, den seit
alters her jeder Sieger glaubt für sich reklamieren zu
können - besonders dann, wenn sich damit
wirtschaftliche Begehrlichkeiten verbinden (Eisen und
Stahl). Jenseits des größeren Teils des
Départements Moselle und des nordöstlichen Teils
des Départements Meurthe wurden die Grenzen neu
gezogen. Bismarck stimmte diesem Territorialgewinn aus
militärischen Gründen zu: Elsaß-Lothringen
als süddeutsches Glacis gegen Frankreich. Für den
neuen Kaiser und weite Teile der Bevölkerung war das
aber nicht zuletzt eine Frage des nationalen Prestiges.
Auch für Frankreich war
Elsaß-Lothringen eine Frage des nationalen Prestiges,
nur mit umgekehrten Vorzeichen. Mochte man in vielem
zerstritten sein, in der Hoffnung auf Revanche fanden
Politiker, Intellektuelle und Bürgertum zueinander.
Merkwürdig, wie leicht sich das Gedicht Ernst Moritz
Arndts, nur geringfügig variiert, auf die
französische Gemütslage anwenden
ließ, auch wenn der aktuelle Bezug den historischen
verfälschte: "Zurück sollt ihr zahlen, heraus
sollt ihr geben! / So stehe der Kampf uns auf Tod und auf
Leben! / So klinge die Losung: Zum Rhein! Übern Rhein!
/ All Frankreich in Deutschland hinein!" In Paris freilich
rezitierte man nicht Arndt, sondern gab die Parole aus:
Nicht darüber reden, aber immer daran denken! Der
Revanchegedanke wurde zum politischen Glaubensbekenntnis.
Die häßliche Seite des
Nationalstaatsgedankens kam zur vollen Entfaltung. Was seit
Beginn des Jahrhunderts an Vorurteilen, nationalem Eifertum,
falschem Pathos und trivialer Rechthaberei über die
"Rangordnung" beider Völker gesät worden war, trug
im Fin de siècle die giftigen Früchte eines
kontinuierlich gewachsenen Hasses, der als "Erbfeindschaft"
zum Synonym für ein beiderseits zutiefst gestörtes
geistig-politisches Klima wurde. In diesem Klima verbissener
Rivalität produzierten Politik, Publizistik und
Geschichtsschreibung Feindbilder, die in vielem heute nur
skurril wirken würden, läge ihnen nicht eine
grundsätzliche Verweigerungsmentalität zugrunde.
Vorbei waren die Zeiten, wo man sich - wie 1864 beim Tode
Giacomo Meyerbeers, des jüdischen Deutschen und
Wahlfranzosen - beiderseits des Rheins als Kulturnation die
Referenz erwies.
Mag diese "Erbfeindschaft" heute
hoffentlich nur noch Unverständnis evozieren, für
die Zeit von gestern gehörte sie wirkungsmächtig
zum Verständnis der Abgrenzung. In der älteren
Generation gibt es noch genügend Zeitzeugen, die in der
Tradition dieses Feindverhältnisses aufgewachsen sind
und die Emotionalisierung der Bevölkerung erlebt haben.
Erst wenige Jahrzehnte sind vergangen, als es noch
keineswegs ausgemacht war, ob sich jene Völkerkrankheit
endültig kurieren ließe. Denn die Geschichte
schien sich einen diabolischen Spaß daraus zu machen,
die territorialen Rencontres zu prolongieren.
Nach Ludwig XIV., Napoleon und
Bismarck war 1919 Clemenceau an der Reihe. Frankreich holte
Elsaß-Lothringen in seinen Staatsverband zurück,
besetzte die linksrheinischen Gebiete und unterstützte
separatistische Bewegungen. Clemenceaus Versuch, die
linksrheinischen Gebiete wie weiland Napoleon zu
annektieren, scheiterte allerdings am Widerspruch der
Vereinigten Staaten und Englands. Dann der Silberstreifen am
Horizont, der als Kredit auf die Zukunft erhofft wurde und
Intermezzo blieb: Briands und Stresemanns
Aussöhnungspolitik, kodifiziert im Locarno-Vertrag.
1940 wiederum ein Rencontre, als Hitler
Elsaß-Lothringen erneut "heim ins Reich" befahl. 1945
schließlich war Frankreich, wo mittlerweile de Gaulle
regierte, aufs neue am Zuge. Elsaß-Lothringen wurde
französisch. Wieder bildete der Rhein eine Grenze,
diesmal eine Besatzungsgrenze. Rechtsrheinisch wurden Baden
und Württemberg-Hohenzollern Teil der
französischen Zone, linksrheinisch Rheinland-Pfalz. Und
die Saar, seit 1918 bereits ein "bewährter"
deutsch-französischer Zankapfel, da als Kohlegebiet von
Bedeutung? Paris, auch hier auf Annexion aus, gelang
immerhin die Durchsetzung eines Sonderstatuts, das die
französischen Wirtschaftsinteressen
berücksichtigte. Die Saar wurde zu einer Art Zwitter
zwischen Besatzungsland und Département.
Als nach dem Sieg der Alliierten
deren zunehmende Differenzen über die
staatlich-politische Neuordnung Deutschlands erkennbar
wurden, kam den Besatzungszonen alsbald eine Bedeutung zu,
die einer künftigen gesamtdeutschen Politik
zuwiderlief: Sie wurden zu Faustpfändern der jeweiligen
Siegermacht.
Während Amerikaner,
Engländer und Russen noch die Notwendigkeit der
staatlichen Einheit Deutschlands betonten, machten die
Franzosen kein Hehl daraus, daß sie eine Neuauflage
ihrer nach 1918 gescheiterten Deutschlandpolitik verfolgten
- diesmal unter verschärften Bedingungen. Wieder stand
der Rhein im Mittelpunkt territorialer Konstruktionsmodelle,
basierend auf einer Koalition aus Sicherheitsbedürfnis
und Wirtschaftsinteressen. Das hieß: Autonomie des
Rheinlandes und Internationalisierung der Ruhr unter
französischem "Patronat". Mehr noch: Hessen und
Württemberg sowie das von Frankreich besetzte Baden und
die Pfalz sollten als dessen Satellitenstaaten ein
politisch-militärisches Glacis bilden, nicht
unähnlich der sowjetischen Hegemonialkonstruktion im
Osten. Hätte sich Paris mit seiner Politik
durchgesetzt, wäre auch der "Rest", der von Deutschland
dann noch übrigblieb, völlig dezentralisiert
worden. Was Frankreich letztlich forderte, war eine
Restaurierung des deutschen Staatenkonglomerats vor 1871
unter modernen Bedingungen. De Gaulle zögerte nicht,
dies offen auszusprechen: Pas de Reich, retour aux
Allemagnes! - Kein Reich, zurück zu den
Deutschländern!
Daß diese radikale
Rückführung auf die Struktur eines Staatenbundes
nicht verwirklicht wurde, war den Sonderinteressen zu
verdanken, die jede Siegermacht verfolgte. Als der
Ost-West-Gegensatz sich immer deutlicher abzeichnete und
schließlich im Kalten Krieg eskalierte, war die
materielle Abhängigkeit Frankreichs von den USA zu
groß, um seinen Sonderweg durchsetzen zu können.
Noch in seinen Memoiren rekapitulierte de Gaulle seine
Hegemonialträume von ehedem, in denen es darum ging,
"die am Rhein, in den Alpen, in den Pyrenäen an
Frankreich angrenzenden Länder dazu zu veranlassen,
sich ihm in politischer, wirtschaftlicher und strategischer
Hinsicht anzuschließen und aus dieser Organisation
eine der drei Weltmächte zu machen, die . . . als
Schiedsrichter zwischen dem sowjetischen und dem
angelsächsischen Lager auftreten könnten."
So wie Frankreich von seinen
hegemonialen Träumen lassen mußte, sah der
östliche Nachbar seine Träume von der staatlichen
Einheit schwinden - bis nach fünfundvierzig Jahren die
Geschichte in einer atemberaubenden Korrektur die deutsche
Landkarte noch einmal änderte. Da aber war der Rhein
längst kein Thema mehr. Die normative Kraft des
Faktischen hatte Frankreich und die Bundesrepublik schon in
den frühen fünfziger Jahren eingeholt und
Lernprozesse nachbarlicher Kooperation evoziert, die durch
die europäische Einigungsbewegung ihre Schubkraft
erhielten. Daß ausgerechnet Charles de Gaulle, jener
Staatsmann, der zunächst noch ganz in den Schablonen
einer historisch tradierten Deutschlandpolitik dachte,
Konrad Adenauer die Hand reichte und die
deutsch-französische Aussöhnung offiziell
bekräftigte, darf als ein Zeichen symbolkräftiger
Hoffnung für jene Länder gelten, deren
"erbfeindschaftliche" Nachbarschaft heute noch nicht
bewältigt ist. Mögen sich an jene
Aussöhnungspolitik diesseits und jenseits der Grenzen
auch unterschiedliche Erwartungen geknüpft haben, so
hat die politische Entwicklung inzwischen doch eine solche
Eigendynamik gewonnen, daß sie trotz mancher
Rückschläge auf die Zukunft Kredit zu geben
vermag. Der Rhein ist kein Reizthema mehr, das die
Gemüter erhitzt und die Nationen spaltet. Und der
Vertrag, der die Schlagbäume zwischen dem staatlich
geeinten Deutschland und Frankreich endgültig fallen
lassen wird, wartet, bereits beglaubigt und besiegelt, auf
seine Erfüllung.
Dr. Hans-Jürgen
Wünschel, Jahrgang 1947, Studium der
Geschichte, Politischen Wissenschaft, Anglistik und
Germanistik an der Universität Heidelberg, seit 1982
Akademischer Direktor am Historischen Seminar der
Universität Landau. Zahlreiche Veröffentlichungen
zur Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts, u. a.
"Angesichts der Trümmer. Die Gründungsgeschichte
der pfälzischen Parteien nach dem Ende der Diktatur"
(1986).
Quelle: DAMALS - Das
Geschichtsmagazin
Heft 12/Dezember 1991
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