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3. Juli
2008
Deutschland als Opfer
der Geschichte
und fremder Mächte?
Von Rolf-Josef
Eibicht
Siedlungsgebiet und politische
Handlungsfähigkeit der Deutschen sind seit dem
Dreißigjährigen Krieg durch die Einwirkung
feindlich gesonnener Nachbarstaaten systematisch verringert
worden. Am frühesten und nachhaltigsten ist der gegen
das Deutsche Reich gerichtete Einfluß Frankreichs
wirksam geworden. Als 1624 Kardinal Richelieu Erster
Minister Ludwigs XIII. wurde, kam nicht nur der
Schöpfer der staatlichen französischen Einheit,
sondern auch ein Mann an die Macht, dessen hervorragendstes
Ziel die Verhinderung der nationalen Einheit und
Zentralgewalt Deutschlands war. Dazu kam seine Absicht, die
"natürlichen Grenzen" Frankreichs durch
militärische Eroberungen zu verschieben und durch
Assimilation der unterworfenen Grenzbevölkerung zu
sichern. Opfer dieser Politik wurden in geringerem
Maße Spanier und Italiener, hauptsächlich aber
Deutsche. Und sie sind es auch geblieben, denn Richelieus
expansionistisches Programm wurde als sein Vermächtnis
auch von nachfolgenden französischen Regierungen
übernommen.
Der 1618 in Deutschland durch
konfessionelle Streitigkeiten ausgebrochene Krieg ist durch
Richelieu, der mit diplomatischen Mitteln, durch Zahlungen
an die kämpfenden Parteien und ab 1635 durch den
Einsatz französischer Truppen in seinen Verlauf
eingriff, um mindestens 20 Jahre verlängert worden. Die
Zerstörung und die Bevölkerungsverluste
Deutschlands im Dreißigjährigen Krieg gehen also
zum größten Teil zu Lasten Frankreichs. Als diese
Auseinandersetzungen 1648 durch den Westfälischen
Frieden beendet wurden, diktierte die französische
Diplomatie die Vertragsbedingungen. Frankreich gewann nicht
nur die Bistümer Metz, Toul und Verdun, Deutschland
verlor außerdem auch noch die Schweiz und Holland und
mußte eine Aufsplitterung in 343 souveräne
Staaten und etwa 40.000 Herrschaften und ebensoviel Orden
und Abteien hinnehmen, die dank ihrer Vorrechte auch fast
eine souveräne Stellung hatten. Die Verteilung der
Macht auf den Kaiser, einen Reichstag und unzählige
Territorialgewalten hatte ein handlungsunfähiges
Deutschland zur Folge, dem Frankreich nach Belieben weitere
Gebiet entreißen oder verwüsten konnte.
Im Siebenjährigen Krieg
unterstützte Frankreich zum erstenmal die bis dahin
bekämpften Habsburger gegen Friedrich den Großen,
da der Aufstieg Preußens eine größere
Gefahr für die französische Hegemonialpolitik zu
werden schien. Auch nach dem Sturz der Monarchie
proklamierte die neu gegründete Republik Frankreich in
einer Erklärung des "Öffentlichen
Wohlfahrtsausschusses" am 11. Februar 1793: "Die Grenzen
Frankreichs sind der Rhein, die Alpen und die
Pyrenäen". Napoleon I. ging über diese Ziele noch
hinaus. Unter seinem Protektorat schlossen sich am 12. Juli
1806 16 süd- und westdeutsche Staaten zum Frankreich
unterstützungspflichtigen "Rheinbund" zusammen,
erklärten sich für souverän und sagten sich
am 1. August 1806 förmlich vom Deutschen Reich los. Am
gleichen Tag erklärte der französische Gesandte
beim Reichstag, daß sein Kaiser ein Deutsches Reich
nicht mehr anerkenne. Kaiser Franz II. legte darauf am 6.
August seine Würde als Oberhaupt des seit 962
bestehenden Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation
nieder. Frankreich hatte also das älteste
europäische Staatsgebilde vernichtet. Bis zum Ende der
Herrschaft Napoleons I. war Frankreich die
einflußreichste Macht Europas, verlor aber nach seiner
Niederlage gegen Preußen, Österreich und
Rußland 1812/13 erheblich an Bedeutung. Die
Kriegserklärung Napoleons III. an Preußen 1870
sollte Frankreich nicht nur wieder zu größerem
Einfluß, sondern auch zur Annektion weiterer deutscher
Gebiete verhelfen. Als es diesen Feldzug verlor, mußte
Frankreich aber nicht nur die Gründung eines neuen
Deutschen Reiches, sondern auch den Verlust von Elsaß
und Lothringen hinnehmen. Aber von diesem Augenblick an
beherrschte die französische Politik der Gedanke einer
Revanche, für die zunächst jedoch noch kein
Verbündeter zur Verfügung stand.
Rußland war eine weitere
Macht, die auf grund ihrer Interessenlage in Deutschland
einen Gegner sah. Das Reich der Zaren hatte sich seit dem
Mittelalter in Europa und Asien fortgesetzt ausgedehnt und
wollte diese Tradition unter anderem durch Kontrolle aller
slawischen Völker und die Eroberung des Balkans bis hin
zum Bosporus und den Dardanellen fortsetzen. Damit war ein
Konflikt mit Österreich-Ungarn und dem mit ihm
verbündeten Deutschland vorgezeichnet.
Für die englische Politik galt
als Dogma, keine europäische Macht so stark werden zu
lassen, daß sie Großbritannien gefährlich
werden konnte. Dabei war es unerheblich, ob der betreffende
Staat England auch tatsächlich bedrohen wollte: Er
wurde trotzdem bekämpft. Dieser Brauch richtete sich
lange Zeit gegen das als zu mächtig eingeschätzte
Frankreich, nach dem deutsch-französischen Krieg von
1870/71 jedoch gegen das als aufsteigende Großmacht
gefürchtete Deutschland. Ein weiteres Dogma der Politik
Englands verlangte, daß seine Flotte stets doppelt so
stark zu sein habe als die Kriegsflotten der beiden
nächststärkeren Seemächte zusammen. Und ein
anderer Grundsatz besagte, daß nur der Handel die
Hauptquelle von Englands Wohlstand sein könne. Als Land
mit einer als stark angesehenen Armee, einer zum Schutz
seiner Handelsflotte aufgebauten Kriegsmarine und einem
zunehmenden Anteil am Welthandel schien das Deutsche Reich
also gleich mehrere Dogmen der britischen Politik zu
verletzen. England war deshalb zunehmend daran interessiert,
sich eines Rivalen und Konkurrenten zu entledigen.
Diese Interessenlage führte
zwischen 1892 und 1914 zu militärischen Vereinbarungen
und Absprachen zwischen Rußland, Frankreich und
England und im August 1914 zum Ausbruch des Ersten
Weltkriegs, der ausgelöst wurde, weil serbische
Terroristen mit russischer Zustimmung den Thronfolger
Österreich-Ungarns ermordet hatten. 1915 trat Italien
in diesen Krieg gegen Deutschland und Österreich-Ungarn
gegen die Zusicherung der Alliierten ein, sein Territorium
bis an den Brenner ausdehnen zu können. Und 1917
erklärten schließlich die Vereinigten Staaten,
die aus Europa zu keinem Zeitpunkt bedroht oder feindlich
behandelt worden waren, Deutschland und
Österreich-Ungarn den Krieg.
Bereits 1914 begannen auf alliierter
Seite Erörterungen darüber, wie die
europäischen Mittelmächte nach ihrer Niederlage so
weit als möglich geschwächt werden könnten.
Zar Nikolaus II. teilte dem französischen Botschafter
Maurice Paléologue schon am 21. November 1914 seine
Absicht mit, die russische Grenze bis an die
Weichselmündung vorzuschieben, die Provinz Posen und
einen Teil Schlesiens einem neugegründeten polnischen
Staat einzuverleiben, von Österreich-Ungarn, das diesen
Krieg "nicht überleben" werde, Galizien und den
nördlichen Teil der Bukowina zu verlangen, um die
Karpathen als "natürliche Grenze" Rußlands zu
erreichen, auf dem Balkan schließlich russisches
Gebiet bis an den Bosporus auszudehnen. Serbien sollte
gleichfalls große Teile Österreich-Ungarns,
Frankreich nicht nur Elsaß-Lothringen erhalten,
sondern sich "vielleicht sogar über die Rheinprovinzen
ausdehnen". Belgien wurde in diesen Plänen ebensowenig
vergessen wie ein "Köngigreich Hannover" zur Festigung
des künftigen Friedens, in dem Preußen die
deutsche Kaiserwürde verlieren sollte. Die deutschen
Kolonien durften England und Frankreich unter sich
aufteilen.
Als Folge von zwei Revolutionen
schied Rußland zwar aus dem Krieg aus, aber der nach
der Niederlage der Mittelmächte von Frankreich,
England, Italien und den Vereinigten Staaten diktierte
Frieden stand den Plänen des Zaren in nichts nach.
Deutschland wurde am 28.6.1919 in
Versailles zur Annahme eines Vertrages dadurch gezwungen,
daß die Alliierten mit militärischem Einmarsch
und der Fortsetzung einer Seeblockade drohten, die bereits
den Hungertod von Hunderttausenden Deutschen bewirkt hatte.
Unter Berufung auf die durch nichts bewiesene Behauptung,
Deutschland habe den Ausbruch des Weltkriegs verschuldet,
wurden Elsaß-Lothringen, Eupen und Malmedy, die
Provinz Posen und der größte Teil
Westpreußens, die südwestlichen Provinzen
Ostpreußens, das Memelland und Danzig vom Reich
abgetrennt. Das Saargebiet, dessen Kohlegruben Frankreich
zufielen, sollte nach 15 Jahren über seinen Status
entscheiden können, obwohl sich die Bevölkerung
Oberschlesiens am 20.3.1921 mehrheitlich für den
Verbleib bei Deutschland entschied, wurde der industriell
wichtigste Teil der Region von den Alliierten Polen
zugesprochen - ein klarer Verstoß gegen die
Bestimmungen selbst des Versailler Diktats. Deutschland
wurden auch alle Kolonien genommen, sein
Zusammenschluß mit Österreich verboten, seine
Kriegs- und Handelsflotte bis auf geringe Reste von den
Allierten genommen, seine Truppen auf ein kleines Berufsheer
reduziert, seine linksrheinischen Gebiete besetzt und die
unbesetzten Gebiete einer alliierten Militärkontrolle
unterworfen. Neben sofort zu zahlenden 40 Milliarden
Goldmark wurde Deutschland zu Reparationen verpflichtet, die
bis zum Jahr 1963 226 Milliarden Goldmark ausmachen sollten.
Deutschlands Wirtschaft und
Währung brachen unter diesen Belastungen zusammen, eine
Inflation vernichtete die Privatvermögen, das Elend der
deutschen Bevölkerung erreichte unvorstellbare
Ausmaße. Von Marxisten ausgelöste
Bürgerkriege bedrohten die öffentliche Ordnung,
von Franzosen unterstützte Separatisten strebten eine
vom Reich abgetrennte Rheinische Republik an,
französische Truppen besetzten 1923 das Ruhrgebiet und
fügten der deutschen Wirtschaft damit einen weiteren
schweren Schlag zu.
Ähnliche Belastungen brachte
das am 10.9.1919 unterzeichnete Friedensdiktat von
Saint-Germain für Deutsch-Österreich. Der Staat
der Habsburger geht unter, angeblich, um das
Selbstbestimmungsrecht der Völker durchzusetzen, das
jeder Nation einen eigenen Staat gewährleisten soll.
Die Tschechoslowakei, Polen und das später so genannte
Jugoslawien entstehen auf diese Weise. Aber diesen
Ländern werden auch rein deutsch besiedelte Gebiete
einverleibt: Deutsch-Böhmen, Deutsch-Mähren und
Deutsch-Schlesien (Sudetenschlesien) mit über 3
Millionen Menschen fallen an die Tschechoslowakei, einige
Städte an Polen, die Südsteiermark an Jugoslawien,
Südtirol an Italien. Der Wirtschaftsraum
Österreich-Ungarns wird zerrissen, die Reparations- und
Abrüstungsbestimmungen belasten die
Deutsch-Österreicher zusätzlich, ihr
wirtschaftliches Elend wächst ständig. Ein
Zusammenschluß mit Deutschland wird ihnen verboten.
Trotzdem finden im Frühjahr 1921 in Nordtirol und
Salzburg Abstimmungen über eine Vereinigung mit
Deutschland statt, der jeweils 99 Prozent der Wahlteilnehmer
zustimmen. Auf Druck der Franzosen dürfen daraus aber
keine Schlußfolgerungen gezogen, Plebiszite in anderen
Ländern nicht vorgenommen werden.
Ähnlich hart waren die
Bestimmungen, die Ungarn am 4.6.1920 in Trianon
unterzeichnen mußte. Sie beschränkten sein Gebiet
auf rund ein Drittel seines Vorkriegsbestandes zugunsten der
Tschechoslowakei, Rumäniens und Jugoslawiens, brachten
drei Millionen Ungarn unter fremde Herrschaft, reduzierten
das ungarische Heer und belasteten das Land durch
Zahlungsverpflichtungen.
Die Alliierten veranlaßten die
Neugründung von Staaten in Ost und Mittelost-Europa
unter Berufung auf das Selbstbestimmungsrecht der
Völker, das 1919, anders als das Selbstbestimmungsrecht
oder die Souveränität der Staaten, nicht als
Grundsatz des Völkerrechts anerkannt war. Wer sich zu
diesem Prinzip jedoch bekannte, mußte es allgemein
gelten lassen. Das taten die Alliierten jedoch nicht: Es
galt nur dort, wo es Deutschland und Österreich-Ungarn
schwächen konnte, nicht jedoch für Millionen
Deutsche und Ungarn, die daran gehindert wurden, sich zu
einem Staat zusammenzuschließen, die vielfach als
Bürger minderer Rechte in anderen Ländern leben
und nicht selten enteignet, vertrieben, inhaftiert oder auf
andere Weise benachteiligt wurden. Die Formel vom
Selbstbestimmungsrecht der Völker erwies sich also nur
als Heuchelei der Alliierten, um imperialistische
Kriegsziele zu bemänteln.
Wie die Opfer dieser Maßnahmen
tatsächlich dachten, zeigte sich, als in den
dreißiger Jahren das Saargebiet, Österreich, das
Sudetenland, das Memelland, Danzig, Westpreußen und
Posen mit dem Deutschen Reich vereinigt wurden: Die
Bevölkerung hat diesen Zusammenschluß mit
überwältigender Mehrheit als Vollzug ihres
Selbstbestimmungsrechts empfunden und das auch zum Ausdruck
gebracht.
Im Zweiten Weltkrieg verfolgten die
Siegermächte von 1918 dann den Plan, Deutschland nach
einer Niederlage noch wesentlich härtere Bedingungen
als 1919 aufzuerlegen. Schon die Konferenz zwischen Stalin,
Roosevelt und Churchill in Teheran führte auf Vorschlag
Churchills zu der Vereinbarung, die polnische Westgrenze bis
zur Oder-Neiße-Linie zu verschieben und damit mehr als
ein Viertel des deutschen Reichsgebiets abzutrennen.
Dieselben Beteiligten beschlossen in der Zeit vom 4. bis
11.2.1945 in Jalta die Aufteilung Deutschlands in eine
sowjetische, amerikanische, britische und französische
Besatzungszone, dazu die Entnazifizierung,
Entmilitarisierung und Entindustrialisierung des Reiches.
Die Potsdamer Konferenz der Alliierten im Juli und August
1945 stellte zwar fest, daß Deutschland in den Grenzen
von 1937 bestehen bleibe, die Bewohner der deutschen
Ostgebiete, des Sudetenlandes und der deutschen
Siedlungsgebiete Ungarns aber in "ordnungsgemäßer
und humaner Weise" auszusiedeln seien. Dem so bezeichneten
Vorgang fielen mehr als zwei Millionen ermordete Deutsche
zum Opfer, darunter etwa eine Viertelmillion von Tschechen
umgebrachte Sudetendeutsche, deren Tod heute als
"Vertreibungsverlust" bezeichnet wird.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden
auch Elsaß-Lothringen und Eupen-Malmedy wieder von
Deutschland abgetrennt. Nicht nur in der sowjetischen
Besatzungszone waren die Deutschen Freiwild. Hunderttausende
von deutschen Kriegsgefangenen hat man unter der
Verantwortung des amerikanischen Generals Eisenhower
vorsätzlich verhungern lassen. Die deutsche Industrie
wurde in großem Umfang demontiert, Hunger und Seuchen
forderten zahlreiche Opfer. Österreich mußte 1946
ein weiteres Mal auf Südtirol verzichten und erhielt
den Abzug der Besatzungstruppen 1955 nur gegen die
Versicherung, sich nicht mit Deutschalnd zu vereinigen und
militärisch neutral zu bleiben.
Die Folgen des Zweiten Weltkriegs
waren für Deutschland also noch ungleich härter
als die des Ersten. Eine Lockerung der Besatzungsherrschaft
ergab sich erst, als die im Ost-West-Konflikt verfeindeten
Siegermächte die Unterstützung der Deutschen in
dieser Auseinandersetzung brauchten. In Mitteldeutschland
installierten die Sowjets ein Marionettenregime, das eine
kommunistische Politik gegen den Willen der
Bevölkerungsmehrheit durchsetzte. Die 1949 in den
Westzonen entstandene Bundesrepublik Deutschland erhielt
zwar größere Befugnisse eingeräumt, aber
ihre Souveränität war nicht nur durch alliierte
Vorbehaltsrechte eingeschränkt, sondern auch durch die
Übertragung zahlreicher Befugnisse an europäische
Behörden. Das galt zunächst nur für die
deutsche Montanindustrie, später auch für viele
andere Bereiche der deutschen Wirtschaft und Landwirtschaft.
Die deutschen Streitkräfte unterstanden seit ihrer
Aufstellung der NATO. Unvollendet blieb hingegen der Plan,
das Saargebiet von Deutschland abzutrennen und es zu
"europäisieren", faktisch aber französischer
Kontrolle auszuliefern. Zwar hatte der deutsche Bundestag
einer solchen Regelung schon zugestimmt, aber die Franzosen
bestanden außerdem auch noch auf einer - als sicher
erwarteten - Zustimmung der Saarländer zu diesem Plan.
Trotz dringender Empfehlung Adenauers lehnte eine Mehrheit
der Saarbevölkerung diesen Plan jedoch ab, und so
konnte, gegen umfassende Zahlungen der Bundesrepublik an
Frankreich, ihre Heimat im Januar 1956 zu Deutschland
zurückkehren.
Die auch von den meisten deutschen
Politikern unterstützten Bemühungen um eine
europäische Einheit wurden offiziell mit gemeinsamen
Interessen und Vorteilen der beteiligten Länder
gerechtfertigt. Im westlichen Ausland wurde aber offen
darüber gesprochen, daß es außerdem, wenn
nicht vorrangig darauf ankäme, das in der
Auseinandersetzung mit dem Ostblock benötigte
westdeutsche militärische und Wirtschaftspotential
dauerhaft und wirksam zu kontrollieren. Wo also offiziell
von freundschaftlichen Beziehungen und Gemeinsamkeiten
gesprochen wurde, ging es den ehemaligen Kriegsgegnern
Deutschlands im Westen wesentlich darum, einen Einfluß
auf Deutschland aufrechtzuerhalten, den ihnen früher
das Versailler Diktat sowie das Besatzungsrecht gegeben
hatte.
In welchem Maß das geschah,
hat die Geschichte der Vereinigung von West- und
Mitteldeutschland nach 1989 gezeigt.
In Artikel 7 des 1952 zwischen der
Bundesrepublik Deutschland sowie den Vereinigten Staaten,
Großbritannien und Frankreich unterzeichneten
"Deutschlandvertrages" war die Verpflichtung aller
Vertragspartner festgelegt, mit friedlichen Mitteln das
gemeinsame Ziel eines wiedervereinigten Deutschlands zu
verwirklichen. Dazu gab es keine Möglichkeit, solange
die kommunistische Herrschaft in Moskau und Ostberlin
unerschüttert war. Diese Lage änderte sich jedoch,
als mit Gorbatschow 1985 ein sowjetischer Politiker
Generalsekretär des Zentralkomitees der KPdSU wurde,
der ungewollt die kommunistische Diktatur erst ins Wanken
brachte und sie dann ebenso unbeabsichtigt beseitigte.
Gorbatschow gedachte, die Misere der sowjetischen Wirtschaft
und Landwirtschaft dadurch zu beseitigen, daß er der
Bevölkerung das Recht auf Kritik an
Mißständen einräumte, die angeblich die
Entfaltung des Sozialismus behinderten. Zwar sollte sich
diese Kritik nicht auf die sozialistische Ordnung an sich,
sondern nur auf persönliches Fehlverhalten einzelner
erstrecken, aber der Plan enthielt auch einen Verzicht auf
Gewalt und Drohung mit Gewalt, die bis dahin die
KP-Herrschaft ausschließlich stabilisiert hatten. Den
von Gorbatschow eingeräumten Spielraum benutzten Teile
der Bevölkerung jedoch nicht nur zur Benennung von
zweitrangigen Unzulänglichkeiten, sondern zu massiven
Angriffen auf die kommunistische Herrschaft insgesamt. Der
Kritik folgte die Organisation des Widerstandes. Gorbatschow
hätte die Kontrolle über die Entwicklung nur durch
die Rückkehr zu Gewaltmaßnahmen verhindern
können, aber dann hätte er das Scheitern seiner
Politik eingestehen und die Hoffnung auf westliche
Wirtschaftshilfe zur Überwindung der sowjetischen
Misere aufgeben müssen. So verpaßte er alle
Chancen, die kommunistische Macht noch einmal zu festigen.
Die Veränderungen in der
Sowjetunion hatten ähnliche Auswirkungen auch in den
anderen Ostblockländern. In der "Deutschen
Demokratischen Republik" Honeckers nahmen Demonstrationen
und eine Massenflucht der Bevölkerung immer mehr zu.
Das Auswechseln führender Funktionäre konnte eine
Änderung nicht mehr bewirken. Der Zerfall der
Staatsautorität, die Zahlungsunfähigkeit des
Regimes sowie der Zusammenbruch der Wirtschaft traten immer
deutlicher hervor, Streikbewegungen breiteten sich aus. Der
Wille der Bevölkerung, das politische Geschehen selber
zu gestalten, wurde ergänzt durch die Forderung nach
einer deutschen Wiedervereinigung.
In dieser Situation konnte die
deutsche Politik das im Grundgesetz festgeschriebene Gebot
der Wiedervereinigung zu erfüllen versuchen. Sie durfte
aber auch die Unterstützung ihrer Maßnahmen durch
die im Deutschlandvertrag dazu verpflichteten Länder
Frankreich, Großbritannien und die USA erwarten.
Helmut Kohl hat wiederholt hervorgehoben, daß es ohne
die Unterstützung der Vereinigten Staaten nicht
möglich gewesen wäre, den Zusammenschluß
Deutschlands bis zur Oder-Neiße-Linie zu erreichen.
Die Widerstände dagegen kamen, wenn man vom
italienischen Außenminister Giulio Andreotti und
seinem wiederholt abgegebenen Bekenntnis zu zwei deutschen
Staaten absieht, aus dem Westen vor allem von
französischer und englischer Seite. Dokumentiert hat
dies vor allem Horst Teltschik, Berater von Helmut Kohl, in
seinem 1991 erschienenen Buch "329 Tage - Innenansichten der
Einigung".
Unter dem 30.11.1989 zitiert
Teltschik die Erklärung des französischen
Verteidigungsministers Chevenement im Figaro: "Weder die
UdSSR noch die USA wünschen heute eine Auflösung
der Pakte und eine Wiedervereinigung Deutschlands."
Daß dies für Frankreich in nicht geringerem
Maße gegolten haben dürfte, belegt die von
Teltschik am 9. 12. 1989 notierte Bemerkung an Mitterand,
"kein Staat in Europa könne es sich leisten, ohne
Berücksichtigung des Gleichgewichts und der
gegenwärtigen Realitäten zu handeln". Da eine
Vereinigung von West- und Mitteldeutschland dieses
Gleichgewicht in der Tat stören würde,
müßte man folglich auf sie verzichten. Nach
Teltschiks Eintragung vom 12. 12. 1989 nennt der
französische Außenminister Dumas "zwei Prinzipien
für eine dauerhafte Lösung der deutschen Frage:
Das Recht der Deutschen, in voller Freiheit die Entscheidung
über ihre Zukunft zu treffen, und die Bereitschaft der
anderen europäischen Staaten, diese Entscheidung zu
akzeptieren." Was aus der in voller Freiheit getroffenen
Entscheidung der Deutschen wird, wenn die anderen
europäischen Staaten das Ergebnis nicht akzeptieren,
was die volle Freiheit in diesem Fall also wert ist, ist bei
Dumas ebensowenig nachzulesen wie die Rechtsgrundlage, die
es den anderen europäischen Staaten erlauben soll, sich
in deutsche Angelegenheiten einzumischen.
Laut Eintragung vom 4. Januar 1990
ist Mitterand gegen die Vereinigung von West- und
Mitteldeutschland, weil dadurch die Position und Politik
Gorbatschows gefährdet werden könnten. Dabei
bezieht er sich auf seinen Besuch bei Gorbatschow, den er am
6. Dezember 1989 in Kiew abstattete und der von der
Tagespresse als Versuch gedeutet wurde, den sowjetischen
KP-Chef zu einer energischen Haltung gegen die sich
abzeichnende deutsche Wiedervereinigung zu veranlassen: "In
seiner Antwort spricht Mitterand von zwei Problemen: Dem
russischen und dem deutschen. Sie seien miteinander
verknüpft. Die nationalistischen Elemente in der
Sowjetunion würden in der deutschen Frage nicht
nachgeben. Das Schicksal Gorbatschows sei damit verbunden,
auch wenn dieser allmählich Verständnis entwickeln
könne, wenn man geschickt vorgehe. Die Einigung
Deutschlands dürfe nicht zu einer Verhärtung
innerhalb der Sowjetunion führen. In Kiew sei
Gorbatschow wegen der überstürzten Eile besorgt
gewesen."
Die Absicht, die "Stabilität in
Europa" nicht durch eine deutsche Wiedervereinigung zu
"gefährden", muß Mitterand auch bei dem Treffen
mit Gorbatschow in Kiew zum Ausdruck gebracht haben.
Jedenfalls berichtet dies der damalige sowjetische
Botschafter in Ost-Berlin, Kotschemassow, nach der
Eintragung Teltschiks vom 11.12.1989. Kotschemassow habe
hinzugefügt: "Ähnliches gelte auch für
Margaret Thatcher."
Diese Einstellung ergibt sich auch
aus einer Notiz Teltschiks vom 18. 11. 1989: "Die englische
Premierministerin stimmt dem sowjetischen Präsidenten
zu, daß eine riskante Instabilität nicht
auszuschließen sei und deshalb geordnete Schritte zur
Wahrung der Stabilität und Besonnenheit notwendig
seien." Wie lange man aus englischer Sicht dann auf eine
deutsche Wiedervereinigung warten soll, läßt sich
diesen Ausführungen nicht entnehmen. Ob sie aus der
Sicht von Thatcher überhaupt erlaubt sein darf, ist
nach einem dem Wall Street Journal gegebenen und bei
Teltschick am 26.1.1990 notierten Interview fraglich:
"Wenn die deutsche Einheit zu
schnell käme, so erklärt sie, würde das
möglicherweise enorme Probleme für Gorbatschow
schaffen, der darüber eventuell stürzen
könnte, was eine Katastrophe für alle wäre.
Die deutsche Einheit könne nur verwirklicht werden,
wenn alle anderen Verpflichtungen berücksichtigt
würden. Sie könnte sonst alles destabilisieren,
was in höchstem Maße unfair gegenüber
Gorbatschow wäre, der all dies erst ermöglicht
habe. Harsche Kritik übt sie an der Bundesregierung:
Kohl und Genscher sollten ihrer Meinung nach ihre engen
nationalistischen Ziele der längerfristigen Sicht der
Bedürfnisse Europas unterordnen. Man müsse ihnen
diese weitsichtigere Vision eintrichtern. Die deutsche
Einheit, so erklärt die britische Prernierministerin
schließlich, zerstöre das wirtschaftliche
Gleichgewicht der EG, in der Westdeutschland schon heute
dominiere"
Es scheint also nicht nur die etwas
seltsam anmutende Fürsorge zu sein, zu der man sich in
London gegenüber einem kommunistischen Funktionär
verpflichtet fühlt. Was außerdem "all dies" sein
soll, was man Gorbatschow zu diese Zeitpunkt zu verdanken
habe, ist auch nicht so leicht zu erkennen. Teltschik
jedenfalls hält fest, was Gorbatschow so alles für
die deutsche Einheit getan hat oder tun ließ.
Am 9.12.1989 notiert er: "In Moskau
bekräftigt Präsident Gorbatschow vor dem ZK-Plenum
der KPdSU noch einmal die sowjetische Position in der
deutschen Frage und erklärt, daß die Sowjetunion
die DDR 'nicht im Stich lassen' werde. Sie sei ihr
strategischer Verbündeter im Warschauer Pakt. 'Es
muß von den nach dem Krieg entstandenen
Realitäten ausgegangen werden, zu denen die Existenz
zweier souveräner deutscher Staaten zählt. Ein
Abrücken davon bringt die Gefahr einer Destabilisierung
mit sich." Daß er von dieser Position dann doch
langsam abrückt, obwohl er nacheinander
Erklärungen für die Neutralisierung und gegen die
NATO-Zugehörigkeit eines vereinigten Deutschlands
abgibt und abgeben läßt, gegen den Beitritt des
SED-Staats zur Bundesrepublik Deutschland nach Art. 23 des
Grundgesetzes und gegen eine Wirtschafts- und
Währungsunion, erklärt sich nicht nur aus dem
immer deutlicher werdenden Zerfall der kommunistischen
Herrschaft in Ost-Berlin. Gorbatschow benötigt von Bonn
umfangreiche Lebensmittellieferungen "zu
Freundschaftspreisen" (auf Kredit) und weitere finanzielle
Unterstützungen, um seine Perestroika überhaupt
finanzieren zu können. Als er schließlich doch
der Vereinigung und NATO-Zugehörigkeit Deutschlands
zustimmt, ist, nach Teltschik, ein "finanzielles Paket
für Gorbatschow zentraler Bestandteil des
Gesamtergebnisses". Mit anderen Worten: In höchster
Bedrängnis und somit gegen eigene Überzeugungen
hat Gorbatschow den Ersten Sozialistischen Staat der
Arbeiter und Bauern auf deutschem Boden verkaufen
müssen.
Haben so die europäischen
Nachbarn der Vereinigung West- und Mitteldeutschlands erst
dann zugestimmt, als ihr der Zerfall des SED-Staats keine
andere Wahl ließ, so haben sie in anderer Hinsicht
gemeinsam und konsequent gegen deutsche Interessen
gehandelt. Das Deutsche Reich hat völkerrechtlich auch
nach der Kapitulation der Deutschen Wehrmacht 1945 in den
Grenzen von 1937 fortbestanden, und dazu gehörten auch
seine Ostgebiete jenseits von Oder und Neiße unter
polnischer Verwaltung. Gewiß hat es mehr als einen
Minister in Bonn gegeben, der für einen Verzicht auf
diese Provinzen mit dem Argument plädierte, Polen
müsse in sicheren Grenzen leben können - was daran
zweifeln läßt, ob er sein Gehalt vom deutschen
Steuerzahler erhält und sich in seinem Amtseid
verpflichtet hat, seine ganze Kraft dem Wohl des deutschen
Volkes zu widmen, seinen Nutzen zu mehren und Schaden von
ihm zu wenden. Aber selbst, wenn es diese
Verzichtserklärungen nicht gegeben hätte,
wäre gegen den Widerstand aller nur denkbaren Staaten
eine Einbeziehung der deutschen Ostgebiete in den
Vereinigungsvorgang nicht zu bewerkstelligen gewesen. Hinter
vorgehaltener Hand konnte man damals in Bonn hören, man
sei zum formellen Verzicht auf die Ostgebiete gezwungen
worden, wenn man die deutsche Vereinigung bis zur
Oder-Neiße Linie gewollt habe. Mit anderen Worten
drückte das Helmut Kohl, wie von Teltschik notiert, am
13. Juni 1990 so aus:
"Mit aller Deutlichkeit weist Kohl
darauf hin, daß es in West und Ost keinen einzigen
Partner gebe, der nicht die Anerkennung der
Oder-Neiße-Grenze fordere. Wer also die
Bundestagsentschließung über die Anerkennung der
Oder-Neiße-Grenze ablehne, solle ihm sagen, wie er die
Einheit Deutschlands erreichen wolle, zumal klar sei,
daß es keinen Friedensvertrag geben werde. Er
räume ein, daß die polnische Haltung nicht
erfreulich sei. Die Alternative laute: Die Einigung
Deutschlands in den bekannten Grenzen erreichen oder die
Zwei-Plus-Vier-Verhandlungen (über die deutsche
Einheit) scheitern zu lassen. Er bitte die anwesenden
Kollegen sehr herzlich, jetzt den Weg zur deutschen Einheit
zu gehen. Was er vorschlage, sei die einzige
Möglichkeit, sie zu erreichen."
Deutlicher, als er dies im
Gespräch mit anderen Parlamentariern getan hat, konnte
Kohl nicht beschreiben, welcher Zwang auf Deutschland vor
der Zustimmung zur Teilvereinigung ausgeübt worden ist.
Das galt nicht nur für England und Frankreich, die sich
bei jeder Gelegenheit als Anwalt Polens betätigten.
Kohl sagte weiter: "In den USA gebe es eine große
Welle der Deutschfreundlichkeit, aber in der Grenzfrage
stoße man auf eine Stahlwand." Und: "Entweder wir
bestätigen die bestehende Grenze, oder wir verspielen
heute und für jetzt unsere Chance zur deutschen
Einheit", so Kohl am 21.6.1990.
Die Zustimmung zur Vereinigung
Deutschlands bis zur Oder-Neiße-Linie war von der
Sowjetunion, den USA, England und Frankreich im "Vertrag
über die abschließende Regelung in bezug auf
Deutschland" vom 12.9.1990, dem sogenannten
"Zwei-plus-Vier-Vertrag", also nur durch einen formellen
Verzicht auf die deutschen Ostgebiete zu erhalten. Die hier
unterzeichnete Regelung zum Nachteil Deutschlands
könnte nicht präziser formuliert sein:
"Artikel 1:
(1) Das vereinte Deutschland wird
die Gebiete der Bundesrepublik Deutschland, der Deutschen
Demokratischen Republik und ganz Berlins umfassen. Seine
Außengrenzen werden die Grenzen der Deutschen
Demokratischen Republik und der Bundesrepublik
Deutschland sein und werden am Tage des Inkrafttretens
dieses Vertrages endgültig sein. Die
Bestätigung des endgültigen Charakters der
Grenzen der Bundesrepublik Deutschlands ist ein
wesentlicher Bestandteil der Friedensordnung in Europa.
(2) Das vereinte Deutschland und
die Republik Polen bestätigen die zwischen ihnen
bestehende Grenze in einem völkerrechtlich
verbindlichen Vertrag.
(3) Das vereinte Deutschland hat
keinerlei Gebietsansprüche gegen andere Staaten und
wird solche auch nicht in Zukunft erheben. Die
Regierungen der Bundesrepublik Deutschland und der
Deutschen Demokratischen Republik werden sicherstellen,
daß die Verfassung des vereinten Deutschland
keinerlei Bestimmungen enthalten wird, die mit diesen
Prinzipien unvereinbar sind. Dies gilt dementsprechend
für die Bestimmungen, die in der Präambel und
in den Artikeln 23 Satz 2 und 146 des Grundgesetzes
für die Bundesrepublik Deutschland niedergelegt
sind.
(4) Die Regierungen der
Französischen Republik, des Vereinigten
Königreichs Großbritannien und Nordirland, der
Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken und der
Vereinigten Staaten von Amerika nehmen die entsprechenden
Verpflichtungen und Erklärungen der Regierungen der
Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen
Demokratischen Republik förmlich entgegen und
erklären, daß mit deren Verwirklichung der
endgültige Charakter der Grenzen des vereinten
Deutschland bestätigt wird."
Wenig später führten
Verhandlungen zwischen den Mitgliedern der Europäischen
Gemeinschaften zum Vertrag von Maastricht, der unter anderem
über die Schaffung einer gemeinsamen europäischen
Währung auch zur Beseitigung der Deutschen Mark
führen soll. Diese Vereinbarung wurde von Helmut Kohl
als Maßnahme dargestellt, von der sich Deutschland,
wie von einem vereinten Europa überhaupt, erhebliche
Vorteile versprechen könne.
Im Ausland wurde der Zweck dieses
Vertrages jedoch wesentlich anders dargestellt, namentlich
von den Politikern Frankreichs, dessen Bevölkerung zu
einer Entscheidung über das Maastrichter Abkommen
aufgerufen wurde.
So berichtet DER SPIEGEL in seiner
Ausgabe vom 31.8.1992: "Verbreitet ist die Furcht, daß
Maastricht das Gewicht Deutschlands auf Kosten Frankreichs
stärken werde. Mitterand und auch bürgerliche
Vertragsbefürworter versuchen, das Gegenteil glaubhaft
zu machen: Nur durch eine Wirtschafts- und
Währungsunion könne Deutschland im Zaum gehalten,
die Macht der Deutschen Bundesbank gebrochen werden." Die
Stellungnahme eines ehemaligen französischen
Ministerpräsidenten beschreibt die Süddeutsche
Zeitung am 1.9.1992 so: "Michel Rocard, Anwärter auf
Mitterands Nachfolge, mahnt die Franzosen, durch ihr Ja
Deutschland vor seinen Dämonen zu schützen." Einen
Tag später schreibt sie: "Altpremier Michel Rocard sah
Kriegsgefahr heraufziehen: Wenn die Europäische Union
scheitern sollte, warnte der Präsidentschaftskandidat
der französischen Sozialisten, werde Deutschland seine
historischen und geographischen Neigungen wiederfinden.
Gestützt auf seine triumphierende Mark würde es
sich erneut nach Osten wenden. Für Europa werde sich
Berlin nur noch interessieren, um ihm seinen
ökonomischen Willen aufzuzwingen. Die Folgen, so
Rocard, wären nicht auszumalen. 'Es ist noch gar nicht
lange her, daß wir im Krieg waren.' ... Auch der
bürgerliche Oppositionsführer Giscard d'Estaing
sah die deutsche Vorherrschaft über Europa drohen und
erklärte, Maastricht sei die politische Antwort der
Europäer auf die deutsche Wiedervereinigung." Weitere
Stellungnahmen französischer Politiker
veröffentlichte DER SPIEGEL am 7.9.1992: "Die
Einbindung der Deutschen in Europa sei
unerläßlich, argumentierte etwa der frühere
Premier Michel Rocard, eben um die Deutschen vor ihren alten
Dämonen zu bewahren, vor der Rückkehr zu
romantisch-irrationalen Kräften."
"Da es nicht mehr durch seinen
Status einer besiegten Macht gehemmt werde, glaubt
Transportminister Jean-Louis Bianco, ehemals
Generalsekretär des Elysees und Intimus des
Staatschefs, findet Deutschland alle seine Dämonen
wieder." "Eine Ablehnung des Vertrages", warnte
Premierminister Pierre Beregovoy, "wäre gleichbedeutend
mit deutscher Autonomie sowie einer Scheidung zwischen
Deutschland und Frankreich. Die Folge: Fürchterliches
sei zu erwarten." Bianco empfahl seinen Landsleuten die
Zustimmung zum Maastrichter Vertrag auch mit den Worten:
"Die einzigen, die in der Währungsunion zu verlieren
haben, sind die Deuschen: Sie müssen die Macht der Mark
teilen." (DER SPIEGEL, 14.9.1992).
Mitte September 1992 kommentierte LE
FIGARO (Paris): "Die Gegner des Maastrichter Vertrages
befürchten auch, daß die Einheitswährung und
die europäische Zentralbank die Vorherrschaft der Mark
und der Bundesbank zementieren. Aber genau das Gegenteil ist
der Fall. Wenn der Vertrag zur Anwendung kommt, wird
Deutschland mit den anderen die Macht über die
Devisenmärkte teilen müssen, die es heute manchmal
mißbräuchlich einsetzt, um dem Ausland die Kosten
für die Wiedervereinigung aufzubürden.
Deutschland muß zahlen, hieß es in den
zwanziger Jahren. Heute zahlt Deutschland: Maastricht, das
ist dasselbe wie der Versailler Friedensvertrag ohne Krieg."
Kann also das französische
Bestreben, Deutschland durch Einbindung in europäische
Verträge seiner Selbständigkeit zu berauben, nicht
deutlicher gemacht werden, empfiehlt die ehemalige britische
Premierministerin Thatcher eine andere Konzeption: die
weitestgehende Selbständigkeit europäischer
Staaten, um handlungsfähig bleiben und sich
gegebenenfalls gegen Deutschland zusammenschließen zu
können. Helmut Kohl bestätigte diese Absicht im
Rheinischen Merkur am 19.6.1992: "Jüngste
Äußerungen einer früheren Kollegin von mir
zeugen hingegen von einem tiefen Mißverständnis
der politischen Ziele Deutschlands. Wenn behauptet wird, das
wiedervereinigte Deutschland sei zu groß geworden, um
nur einer unter den vielen Spielern Europas zu sein, und die
europäische Integration, die nur Deutschlands Macht
stärke, sei historisch überholt, dann kommt darin
ein tiefes Unverständnis für die politischen
Entwicklungen und Notwendigkeiten am Ende dieses
Jahrhunderts zum Ausdruck. Das Konzept eines losen Verbundes
unabhängig handlungsfähiger Staaten, die
nötigenfalls koalitionsfähig gegen Deutschland
sind, ist jedenfalls ein Rückgriff auf überholte
Konzepte, die hinter die Politik und die Zeit Winston
Churchills zurückfallen, der in seiner berühmten
Züricher Rede von 1946 für die Vereinigten Staaten
von Europa eingetreten ist."
1990 kam es also zu einer
Vereinigung von West- und Mitteldeutschland, die zuerst
verhindert werden sollte und der Frankreich, England und die
Sowjetunion erst dann zustimmten, als ihnen die Entwicklung
im SED-Staat keine andere Wahl mehr ließ; die
Sowjetunion tat es auch, um sich dafür hoch
entschädigen zu lassen. Aber von allen nichtdeutschen
Ländern, die an den Vereinbarungen beteiligt waren,
wurde der Verzicht Deutschlands auf seine Ostgebiete
erzwungen. England, Frankreich und die USA handelten so,
obwohl sie mit der Bundesrepublik Deutschland, nicht aber
mit Polen verbündet waren und sich 1952 zur
Wiedervereinigung Deutschlands verpflichtet hatten. Sie
taten das ohne Rücksicht auf die Souveränität
der Bundesrepublik Deutschland und auf die Tatsache,
daß sie sich als Mitglieder der Vereinten Nationen
auch zum Selbstbestimmungsrecht der Völker bekannt
hatten. Aber das galt, wie schon nach dem Ersten Weltkrieg,
für Deutsche nicht. So brachte das Jahr 1990
nachträglich die Legitimierung eines der brutalsten
Verbrechen dieses Jahrhunderts: Die Ermordung, Enteignung
und Vertreibung unzähliger Deutscher, die
rücksichtslose Mißachtung ihres Willens, der
erzwungene Verzicht auf Siedlungsgebiete, die niemals
russisch, polnisch oder tschechisch gewesen waren.
Und so hat das Jahr 1990 auch
gezeigt, was jahrzehntelange Beteuerungen von
europäischer Freundschaft und Zusammenarbeit wert sind,
was Deutschland von sogenannten Verbündeten zu halten
hat, denen es im Rahmen einer europäischen Kooperation
immer mehr Kompetenzen übertrug. Es hat gezeigt,
daß es die traditionsreiche Politik einer
Bekämpfung Deutschlands immer noch gibt. Nicht nur
die Ostdeutschen und Sudetendeutschen sind wieder einmal
ihre Opfer geworden.
Quelle: Rolf-Josef
Eibicht/Anne Hipp: DER VERTREIBUNGS-HOLOCAUST
(Seiten 197-211)
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