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20. August 2005

Die Dreikaiserschlacht
1805: Napoleons größter Sieg bei Austerlitz - der erste Blitzkrieg der Geschichte

Von Eckart Klessmann

"Daß die Schlacht von Austerlitz die Schlacht von Actium für Europa ist, nur vollständiger in ihren Folgen; daß Europa in Mähren seine Unabhängigkeit unwiederbringlich bis zur Eroberung der Barbaren verloren habe; daß nichts so sehr beweist, wie sehr diese Schlacht entscheidend war, als die Erbarmen und Verachtung erweckende Politik Rußlands seit dieser Schlacht, als die Folgen derselben. Daß sich hiewider nichts einwenden läßt, daß alle Gegenrede Dummheit und Prahlerei ist."

Starke Sätze, die Widerspruch nicht zulassen. Sie finden sich in einer Schrift, die im Sommer 1806 in Leipzig erschien und einiges Aufsehen erregte: "Der Feldzug von 1805 militärisch-politisch betrachtet, von dem Verfasser des Geistes des neueren Kriegssystems und des Feldzugs von 1800". Wer der Anonymus war, durfte für stadtbekannt gelten: Heinrich von Bülow.

In Theodor Fontanes Erzählung "Schach von Wuthenow" finden wir Heinrich von Bülow (53 Jahre alt, ein ehemaliger preußischer Stabsoffizier) als Gast im Salon der Frau von Carayon und an der Tafel des Prinzen Louis Ferdinand von Preußen wieder, wo über Bülows Darstellung der Schlacht von Austerlitz diskutiert wird.

Heinrich von Bülow stand in seiner hohen Einschätzung dieser Schlacht nicht allein. Auch die in Hamburg erscheinende Vierteljahrsschrift "Minerva" - damals das bedeutendste politische Journal Deutschlands - sah sofort das Außerordentliche des Ereignisses. "Die Schlacht bei Austerlitz", so schrieb ihr Herausgeber Johann Wilhelm von Archenholz (übrigens auch er ein ehemaliger preußischer Offizier), "erzeugte in ganz Deutschland eine so große Betäubung, daß selbst kluge Menschen sich nicht einmal die Mühe gaben, der Begebenheit nachzudenken. Je unglaublicher die Berichte und Sagen waren, je eher wurden sie geglaubt. Jetzt fängt das Unbegreifliche jener Schlacht und des ganzen Kriegs an, nach und nach begreiflich zu werden."

Der französische Sieg bei Austerlitz am 2. Dezember 1805 beendete einen nur etwas über drei Monate währenden Krieg, den Napoleon nicht gewollt hatte. Die österreichisch-russische Koalition, die im Herbst 1805 die Feindseligkeiten eröffnete, war von England initiiert und finanziert worden, wobei London im Zaren Alexander I. von Rußland einen nur allzu bereiten Partner fand. Der erst 28 Jahre alte Zar verstand sich als der Heilsbringer Europas, er begriff sich in jener messianischen Mission, die sich bis in unsere Tag hinein als bedeutendes Stimulans russischen Denkens erwiesen hat. Auch wenn der Krieg zwischen England und Frankreich 1803 wieder ausgebrochen war, so blieb das übrige Europa doch davon unberührt und genoß eine Zeit der Stabilität und des Friedens. Für die selbstauferlegte Friedensmission Alexanders bestand somit überhaupt kein Bedarf, umsoweniger, als dieser Frieden nach russischem Verständnis mit einer gewaltigen militärischen Offensive über die Völker hereinbrechen sollte.

Der unbequeme Napoleon, dem an einer militärischen Auseinandersetzung mit seinen Nachbarn nicht das geringste lag, sollte zur Strecke gebracht werden, genauer: Die Ideen der Französischen Revolution, die Napoleon zwar beendet zu haben vorgab, die sich aber durch seine Soldaten in Europa verbreitet hatten. Den russischen Armeen war aufgetragen, durch Preußen, das sich anschließen sollte, zu marschieren und alle deutschen Fürstentümer in einem Begeisterungsrausch für Alexander mitzureißen; Dänemark und Schweden würden dabeisein und natürlich auch Österreich. Italien sollte, ob es wollte oder nicht, befreit werden, und bei der Invasion Frankreichs, an deren Gelingen der Petersburger Messias nicht zweifelte, würden die Franzosen dankbar jubelnd Napoleons Joch in einer Volkserhebung abschütteln.

Österreich ließ sich nolens volens mitziehen, denn Wien gelüstete es nach der Revision der aus mehreren schweren Niederlagen erzwungenen Friedensschlüsse. Doch damit hatte es auch schon sein Bewenden. Preußen weigerte sich, der neuen Koalition beizutreten und verbot den russischen Durchmarsch durch Schlesien, wobei es zur Abschreckung Militär an der Grenze zusammenzog. Auch die übrigen Staaten zeigten für Alexanders Messianismus kein Verständnis. Warum sollten sie ausgerechnet für Englands und Rußlands Interessen den mühsam erworbenen Frieden aufs Spiel setzen?

England hingegen, mit Frankreich in einen See- und Handelskrieg verstrickt und seines Kurfürstentums Hannover durch französische Besetzung verlustig gegangen, brauchte den Krieg auf dem Festland. Napoleon hatte vor der Kanalküste bei Boulogne eine riesige Armee zusammengezogen, die täglich die Invasion Englands probte, und wenn deren Realisierung auch nicht besonders wahrscheinlich war, so war sie doch nicht gänzlich unmöglich.

Natürlich war der französische Geheimdienst schon früh recht genau über das informiert, was sich da im Osten zusammenbraute. Napoleon bereitete sich sehr sorgfältig auf den drohenden Krieg vor. Ohne durch größere militärische Bewegungen der Öffentlichkeit zu zeigen, daß er gut informiert war, strukturierte er seine Armee neu für die zu erwartende Auseinandersetzung. Als dann am 8. September die österreichischen Truppen ohne Kriegserklärung in das mit Frankreich verbündete Bayern einfielen und besetzten, war der casus belli gegeben, und der vor aller Welt angegriffene Napoleon ließ seinen sorgfältig vorbereiteten Feldzugsplan anlaufen, wobei er - anders als die Österreicher - über ein dichtgeknüpftes Netz von Informanten verfügte, die ihn unablässig mit Nachrichten versorgten. Während die Armeekorps der Marschälle Davout, Soult, Ney und Lannes den Rhein überquerten, dazu die Kavallerieverbände Murats und die Kaisergarde (sie war sogar mit Wagen an die deutsche Grenze gebracht worden), stießen von Norden die Korps der Marschälle Marmont und Bernadotte auf Süddeutschland vor, wobei die Truppen Bernadottes ohne Skrupel das preußische Gebiet um Ansbach durchquerten, was in Preußen - wo man gerade den Russen den Durchmarsch durch Schlesien verweigert hatte - zu verständlicher Empörung führte. Ehe die Österreicher, die ziemlich phantastische Vorstellungen von Napoleons Absichten hatten, überhaupt begriffen, was da vor sich ging, war eine ganze österreichische Armee in Ulm eingekesselt und mußte am 20. Oktober kapitulieren. Damit war der Weg ins österreichische Kernland frei.

Napoleons Führung in diesem Feldzug, dem ersten Blitzkrieg der Geschichte, hat bis heute die einhellige Bewunderung der Historiker gefunden. Die entscheidenden Pluspunkte, ohne die der Sieg von Austerlitz unmöglich gewesen wäre, lassen sich so zusammenfassen: Noch nie zuvor in der Militärgeschichte spielte der Faktor Zeit eine so entscheidende Rolle, war er so überlegt einkalkuliert worden als wichtiger Teil des Gesamtkonzepts. Napoleon überrumpelte seine Gegner durch eine Schnelligkeit, wie sie die anderen, recht schwerfälligen Armeen nicht kannten und daher auch nicht erwarteten. Dies war nicht allein dadurch möglich, daß der französische Soldat in Eilmärschen bei einem Minimum an Gepäck (das meiste wurde den Soldaten auf Wagen nachgefahren) zu einer Tagesleistung von 80 Kilometern fähig war, was keine andere Armee damals schaffte. Schon deswegen nicht, weil alle anderen einen riesigen Versorgungstroß mit sich schleppten. Napoleons Soldaten führten nur das Nötigste an Nahrungsmitteln mit sich und versorgten sich im übrigen aus dem besetzten Land. Aber noch etwas ganz anderes erlaubte und ermöglichte Napoleon das hohe Tempo. Die Grande Armee, wie Napoleon sie nannte, war in Armeekorps gegliedert, von denen jedes ein Heer für sich war mit allen Waffengattungen und der Fähigkeit, sich rasch zu bewegen. Die Korps operierten in einem Abstand von 24 Stunden voneinander, d. h. jedes Korps war imstande, sich binnen eines Tages mit einem anderen zu vereinigen, falls es der Kaiser befahl. Hinzu kam eine pausenlose Aufklärungstätigkeit durch leichte Reiterei (Husaren und Jäger) zwischen allen Korps und die Vorbereitung aller militärischen Aktivitäten durch bestes Kartenmaterial und ein eigenes topographisches Büro, das alle topographischen Besonderheiten der jeweiligen Kriegsschauplätze berechnete, zeichnete und vorausbestimmte. Ein großer Schwarm von Ordonnanzen war unablässig zwischen Napoleons Hauptquartier und den Korps unterwegs, so daß der Kommunikationsfluß zu keiner Stunde abriß und Napoleon imstande war, blitzschnell neue Dispositionen zu treffen, wenn es eine veränderte Lage erforderte.

Diese ganz außerordentliche Beweglichkeit wäre allerdings kaum in dieser Weise möglich gewesen, wenn nicht die Intelligenz des französischen Soldaten der aller anderen europäischen Armeen überlegen gewesen wäre. Die Soldaten Napoleons waren an Selbständigkeit gewöhnt, besaßen für gewöhnlich ein eigenes, gutes Urteil, ein beachtliches Maß an Improvisationstalent und ein unerschütterliches Vertrauen zu ihrem Kaiser, das sie zu Höchstleistungen anspornte. Der französische Soldat war "motiviert", wie wir heute sagen, er wußte, wofür er kämpfte, und sein hoher Idealismus machte ihm die Strapazen leichter. Die Mängel, von denen selbstverständlich auch Napoleons Armee nicht frei war, konnten dadurch immer wieder ausgeglichen werden.

Das war auch unerläßlich, denn der russisch-österreichischen Armee von etwa einer halben Million Soldaten standen nur 260 000 Franzosen gegenüber, wobei allerdings zu sagen ist, daß in den ersten Wochen des Feldzugs den Österreichern insgesamt etwa 250 000 und den Russen rund 100 000 Soldaten zur Verfügung standen, doch auch damit besaßen sie eine numerische Überlegenheit, zudem waren russische Reserven auf dem Marsch. Diese Überlegenheit reduzierte sich aber sofort, weil die alliierte Generalstabsarbeit umso miserabler aussah. Nicht nur, daß deren militärische Führung überhaupt nicht Napoleons Tempo einkalkuliert hatte, es gab auch noch ein ganz anderes Problem mit der Zeit: Die Differenz von zehn Tagen zwischen österreichischem und russischem Kalender blieb unberücksichtigt, so daß der vom Generalstab ausgearbeitete Terminplan von Anfang an für Makulatur gelten durfte, aber das merkten die Stabsoffiziere erst, als sie die Ereignisse schon überholt hatten.

Die Ereignisse: Ende Oktober mußten alle österreichischen Einheiten zwischen Ulm, Regensburg, Passau und Innsbruck entweder kapitulieren oder sich zersprengen und auflösen lassen. In weniger als vier Wochen hatte Napoleon 57 000 österreichische Soldaten außer Gefecht gesetzt, ohne daß es überhaupt auch nur zu einer einzigen Schlacht gekommen war. Die zahlreichen Gefangenen - allein in Ulm hatten 20 000 die Waffen strecken müssen - fanden Beschäftigung in der französischen Landwirtschaft, wo sie weit besser ernährt und auch menschlicher behandelt wurden als in ihrer eigenen Armee, was die Kampfmoral der österreichischen Soldaten nicht gerade stärkte. Die gewaltigen österreichischen Magazinbestände an Waffen, Munition, Bekleidung, Schuhen und Nahrungsmitteln versorgten die Grande Armee aufs beste. Die französischen Soldaten, die unter dem verregneten Herbst zu leiden hatten, erfüllten diese Erfolge mit Stolz, Begeisterung und guter Moral.

Die russischen Soldaten, die in Österreich standen, zeigten sich schon demoralisiert, ehe sie überhaupt ins Feuer geschickt wurden. Ihr Oberbefehlshaber Kutusow zog sich am liebsten zurück. Hier und da kam es zu kurzen Gefechten mit der russischen Nachhut und am 11. November zu einem größeren bei Dürnstein. Hier hätte Kutusow, bei gewaltiger Überlegenheit, fast einen Sieg über die französische Avantgarde des Marschalls Mortier errungen, die nur mit knapper Not entkam (am übernächsten Tag besetzten Murats Kavallerieverbände bereits Wien), aber diesen Erfolg auszunutzen, war dem nicht besonders intelligenten russischen General nicht gegeben, weder jetzt noch sieben Jahre später.

Am 23. November besetzten die Franzosen Brünn. Napoleons Situation war überaus prekär. Seine von der pausenlosen Verfolgung erschöpfte Armee zählte nur noch 53 000 einsatzfähige Soldaten, während die Russen gerade durch Reserven verstärkt worden waren und über fast 86 000 Soldaten verfügten. Als weit gefährlicher aber erwies sich die Bedrohung durch Preußen, das mobilgemacht hatte und mit fast 200 000 Soldaten an seinen Grenzen stand. Preußen, das Bernadottes Durchmarsch durch Ansbacher Gebiet nicht vergessen hatte, bot "bewaffnete Vermittlung" an, ein höchst verwaschener Begriff, der in der Praxis nichts anderes bedeutete, als daß der Sieger in der kommenden Auseinandersetzung mit Preußen als Alliiertem rechnen durfte, und als den Sieger betrachtete Preußen insgeheim die österreichisch-russische Koalition. Preußens Minister Haugwitz erschien in Napoleons Hauptquartier, um preußische Forderungen vorzutragen. Napoleon beschied ihn, er habe jetzt anderes zu tun, Haugwitz möge in Wien auf ihn warten, was der eingeschüchterte Minister auch zwei Wochen lang brav tat.

In dieser aufs äußerste angespannten Lage wußte Napoleon, was zu tun war. Hier in Böhmen mußte der Krieg mit einer gewaltigen Entscheidungsschlacht beendet werden. Jede Woche, die dieser Feldzug dauerte, konnte die Position der Franzosen nur nachhaltig schwächen, nur ein rascher Sieg konnte Preußen einschüchtern und vom Kriegseintritt fernhalten. Also begann Napoleon sofort damit, alle Truppen zusammenzuziehen.

Und die kamen in Eilmärschen von Wien herauf, jeder nur einigermaßen verfügbare Soldat war gefordert. Am Abend des 1. Dezember 1805 standen auf dem vorgesehenden Schlachtfeld bei Austerlitz oder in dessen Nähe insgesamt 72 700 Soldaten und 139 Geschütze der Grande Armee. Russen und Österreicher hatten 85 490 Soldaten mit 318 Geschützen zusammengezogen und fühlten sich angesichts ihrer klaren Überlegenheit sehr siegesgewiß.

An Siegeszuversicht mangelte es auch Napoleon nicht. Er konnte sich auf die hohe Kampfmoral und erprobte Tapferkeit seiner Truppen verlassen, und natürlich waren ihm die großen organisatorischen Schwächen des Gegners bekannt. In ihrem ganzen Ausmaß aber wohl doch nicht, denn er konnte nicht wissen, daß beim Aufmarsch der russisch-österreichischen Armee auf dem Schlachtfeld chaotische Verhältnisse eingerissen waren. Längst nicht alle Regimenter hatten die ihnen zugewiesenen Stellungen finden können, russische und österreichische Kolonnen kreuzten sich beim Aufmarsch, und das Hauptquartier hatte am Vorabend der großen Auseinandersetzung Mühe, sich ein Bild von den tatsächlichen Verhältnissen zu schaffen.

Aber Napoleon wußte, daß der Gegner ihn unterschätzte und damit rechnete, mit einem nachdrücklichen Angriff ihn sehr rasch aus seinen Positionen zu werfen und ihm dann den Rückzug auf der von Brünn nach Wien führenden Straße abzuschneiden. Also beschloß er, durch einige Maßnahmen dem Gegner Zeichen der Schwäche und der Unsicherheit vorzutäuschen. Der in der Mitte des Schlachtfelds liegende Höhenzug, der Pratzen, war von französischer Kavallerie besetzt worden. Wahrscheinlich nur deshalb, damit die Alliierten genötigt werden sollten, den Pratzen zu umgehen und den rechten französischen Flügel anzugreifen. Napoleon gab Befehl, den Pratzen demonstrativ zu räumen und dem Gegner ängstliches Verhalten, ja sogar mögliche Rückzugsabsichten zu suggerieren.

Auf St. Helena in der Verbannung erinnerte sich Napoleon (er diktierte seine Memoiren in der dritten Person): "Napoleon sah von der Höhe seines Biwaks aus, wie die russische Armee zu seiner unbeschreiblichen Freude sich, auf zwei Kanonenschußweiten von den französischen Vorposten, in Bewegung setzte, um seinen rechten Flügel zu umgehen. Da sah er, bis zu welchem Grade Anmaßung und Unkenntnis der Kriegskunst die Führer dieser tapferen Armee verwirrt hatten, und er rief mehrmals aus: 'Vor morgen Abend gehört dieses Heer mir!' Auf seiten des Feindes herrschte ein anderes Gefühl. Er näherte sich den französischen Feldwachen bis auf Pistolenschußweite und zog in einem Flankenmarsch, auf einer Linie von achtzehn Kilometern Länge, an der französischen Armee vorbei, die ihre Stellung nicht verlassen zu wollen schien. Er hatte nur die eine Angst, daß die französische Armee ihm entwischte. Auf französischer Seite wurde alles getan, um die Russen in diesem Gedanken zu bestärken. Fürst Murat ließ ein kleines Kavalleriekorps in die Ebene vorrücken, es aber in Eile wieder zurücknehmen, als ob er über die ungeheuren Streitkräfte des Feindes erschrocken sei. So kam alles dazu, um den russischen General zu veranlassen, bei seinem schlecht berechneten Manöver zu beharren."

In der Tat: Eine so außerordentlich günstige Höhenstellung vor den Augen des Gegners ohne ersichtliche Not zu räumen (es sei denn, man sei von der kommenden Niederlage schon fest überzeugt), konnte nicht anders denn als Verzagtheit gedeutet werden. Daß es aber ein genialer Schachzug war, erkannte niemand, weil ja Russen wie Österreicher den Sieg schon sicher wähnten. Sofort also rückten die Allierten nach und besetzten den Pratzen.

"Die feindliche Linie bot ein imposantes Bild", erinnerte sich später der Baron de Comeau. "Unbeweglich krönte sie die Höhen. . . Ihre Front wurde von Jägern, Husaren und leichter Artillerie gedeckt. Über 2000 Geschütze (!) standen bereit, loszudonnern. Massen herrlich anzusehender Reiterei waren in der zweiten Linie auszumachen. Die russische Front stand offen, und in bestimmten Abständen wurde die grüne Linie der russischen Infanterie von unbeweglichen Kosakengruppen und in Weiß uniformierten Kavallerieregimentern unterbrochen."

Die Räumung des Pratzen war eine genial gestellte Falle. Denn um die Höhen zu besetzen, mußten die Alliierten ihr Zentrum schwächen, ja geradezu gefährlich ausdünnen, und genau das hatte sich Napoleon von ihnen erhofft. Und da das alliierte Hauptquartier bei den Franzosen Anzeichen zum Rückzug zu bemerken schien, wurde der linke alliierte Flügel noch verstärkt, was bedeutete, daß noch mehr Truppen abgezogen wurden. Napoleons Adjutant Thiard erlebte einen äußerst aufgeräumten Chef: "Er rieb sich voller Freude ein paarmal die Hände, und es schien, als sagte er zu sich selbst: 'Nun habe ich sie!' oder 'Nun entkommen sie mir nicht mehr!'"

Napoleon wußte, wie er mit seinen Soldaten umgehen mußte, und er wußte, wie wichtig es war, ihre Moral durch persönliches Engagement zu stärken. Er hatte auf einer mitgeführten kleinen Felddruckerei eine Proklamation vervielfältigen und verteilen lassen, die am Abend des 1. Dezember unter die Truppen verteilt und vorgelesen wurde: "Soldaten! Ihr habt die russische Armee vor euch, die herbeigeeilt ist, um die österreichische Armee für die Niederlage von Ulm zu rächen. Es sind dieselben Truppen, die ihr bei Hollabrunn geschlagen und bis hierher verfolgt habt. - Die Stellungen, die wir besetzt halten, sind stark. Während der Feind meinen rechten Flügel umgeht, bietet er mir seine Flanke zum Angriff dar. - Soldaten! Ich werde selbst die Führung eurer Bataillone übernehmen. Ich werde dem Feuer fernbleiben, wenn ihr mit gewohnter Tapferkeit Unordnung und Verwirrung in die feindlichen Reihen bringt; wenn aber der Sieg nur einen Augenblick zweifelhaft wäre, dann würdet ihr euren Kaiser in den ersten Reihen fechten sehen, denn der Sieg kann uns nicht ausbleiben an einem Tage, wo es sich um die Ehre der französischen Infanterie handelt, die so sehr mit der Ehre der ganzen Nation verwachsen ist. Gebt acht, daß sich eure Reihen nicht lichten, auch nicht unter dem Vorwand, Verwundete wegzuführen; möge jeder einzelne von dem Gedanken durchdrungen sein, daß diese Söldner Englands, die von so großem Haß gegen unser Volk erfüllt sind, besiegt werden müssen. - Dieser Sieg wird den Feldzug beenden, wir können Winterquartiere beziehen und neue Heere, die in Frankreich in Bildung begriffen sind, heranziehen. Dann werde ich einen Frieden schließen, der meines Volkes, eurer und meiner würdig sein wird."

Marcellin de Marbot, als junger Kavallerieoffizier Teilnehmer der Schlacht, beschreibt in seinen Memoiren eine eindrucksvolle Inszenierung, für die Napoleon so viel Sinn besaß: "Am Abend ließ er sein Hauptquartier hinter dem Zentrum des französischen Heeres aufschlagen an einem Punkt, von welchem aus das Auge die Biwaks der beiden Gegner sowie das ganze Gebiet umfaßte, auf dem sich die Schlacht am folgenden Tage abspielen sollte. Außer einer elenden Scheune war dort keinerlei Gebäude vorhanden. Dahin verbrachte man nun die Tische und Karten des Kaisers, der sich an einem gewaltigen Feuer inmitten seines zahlreichen Generalstabs und seiner Leibgarde dort einrichtete. Zum Glück lag kein Schnee; so legte ich mich denn, der heftigen Kälte ungeachtet, auf den Boden nieder, wo ich bald fest einschlief; allein nach kurzer Ruhe hieß es wieder zu Pferde steigen, um den Kaiser auf seinem Besichtigungsritt zu begleiten. Der Mond schien nicht, und ein dichter Nebel vermehrte noch die nächtliche Finsternis, so daß es schwer war, vorwärts zu kommen. Da kamen die Jäger vom kaiserlichen Gefolge auf den Gedanken, Fackeln aus strohumwickelten Fichtenstangen anzuzünden, was uns sehr gute Dienste leistete. An dem Schein dieser Fackeln erkannten die Truppen schon aus der Entfernung unschwer den kaiserlichen Generalstab, und wie mit einem Zauberschlag flammten nun plötzlich bei allen unsren Wachtfeuern Tausende von Fackeln in den Händen der begeisterten Truppen auf. Dabei klangen dem Kaiser tausendstimmige Hochrufe entgegen; war ja doch der folgende Tag der Jahrestag seiner Krönung, was jedem als ein glückverheißendes Zusammentreffen erschien. Dazu ertönte endlich noch das Spiel zahlreicher französischer Regimentsmusiken, und alles dieses zusammen mußte auf die Feinde einen überwältigenden Eindruck machen. In unsern Biwaks herrschte lauter Freude, Lichterglanz und Leben, auf feindlicher Seite dagegen war alles düster und totenstill."

Diese Szene ist mehrfach beschrieben und von Bacler d'Albe, dem Chef des topographischen Büros im Generalstab, auch gemalt worden. General Thiébault ergänzt Marbots Bericht: "Gegen Abend wurde unserer Armee bekannt gemacht, daß die Schlacht bevorstehe. Besonders ein Satz des betreffenden Tagesbefehls elektrisierte die Truppen; das war die Eröffnung, daß der Kaiser sich darauf beschränken werde, ihre Bewegungen zu leiten, so lange sie seine Hoffnungen rechtfertigen, daß er sich aber dem Schlimmsten aussetzen werde, wenn sie das nicht täten. Kaum war dieser Befehl vorgelesen, als der Kaiser inkognito und ohne Begleitung an den Linien mehrerer Regimenter entlang ging; doch wurde er sehr bald erkannt und der Gegenstand der begeistertsten Kundgebungen. 'Wir geloben dir, daß du morgen nur mit den Augen zu fechten brauchst!' rief ihm ein Soldat des 28. Regiments zu."

Die Soldaten besaßen absolutes Vertrauen in das Feldherrngenie ihres Kaisers und hatten allen Grund dazu. Napoleons Armee und ihr Generalstab hatten sich in den zurückliegenden Wochen als präzis und zuverlässig erwiesen, was Fehler natürlich nie ausschloß. Vor allem aber waren die Truppen motiviert. Frankreich war angegriffen worden, und eine Niederlage, so fern der Heimat, würde katastrophale Folgen nach sich ziehen. Der französische Soldat wußte daher, wofür er kämpfte, aber wußte es auch der österreichische und der russische?

Von einer sorgfältigen Vorbereitung konnte auf alliierter Seite keine Rede sein. Die Soldaten kämpften ohne Begeisterung, und das Vertrauen in ihre Führung, die ihnen bisher nur Rückzüge befohlen hatte, war gering. Den riesigen Militärapparat, den Napoleon wie ein Musikinstrument virtuos beherrschte, wußte der alliierte Generalstab nicht zu handhaben, wobei die enormen Sprachschwierigkeiten immer wieder Verständigungsprobleme schufen. Der Fehler der alliierten Führung bestand aber auch in der abwegigen Meinung, die Initiative zu besitzen und das Gesetz des Handelns allein zu bestimmen. Sie sahen Napoleon in der Defensive und praktisch schon geschlagen.

Um sieben Uhr am 2. Dezember 1805, als die Schlacht eröffnet wurde, lag starker Nebel über dem Land, der Napoleons Bewegungen maskierte. Denn sein Plan zielte auf die Erstürmung des Pratzen, von dessen Anhöhen die alliierten Truppen in Richtung auf die Franzosen herabstiegen, keines Angriffs gewärtig. Der Kampf hatte im Süden bei Telnitz begonnen, dort wollten die Alliierten durchbrechen, um die Verbindung über die Straße Brünn-Wien zu durchtrennen. Napoleon ließ dem Gegner die Illusion, indem er gerade dort nur weit unterlegene Kräfte postiert hatte, die einzig die Alliierten hinhalten sollten, was auch gut gelang. Überall in den Weinbergen saßen französische Tirailleurs, die mit gutgezieltem Feuer den vorrückenden Feind irritierten und vornehmlich dessen Offiziere beschossen, während sie selbst in ihren Deckungen kaum zu treffen waren. Der Kampf bei Telnitz und

Sokolnitz nahm zu, immer mehr alliierte Regimenter wurden an diesen Frontabschnitt geschickt, da sie in der Mitte keine Gefahr wähnten.

Um 8.30 Uhr rückte die Infanterie des Marschalls Soult gegen den Pratzen vor. Über den Höhen klarte es auf, und die Sonne kam durch, aber dort, wo die Hauptmasse der Grande Armee stand, lag immer noch Nebel über der Senke, und als die Alliierten sahen, was da über die Hänge hinaufrückte, war es auch schon zu spät. Allein 56 000 Soldaten hatten die Alliierten nach und nach an ihren linken Flügel abkommandiert, der mit großer Übermacht auf den rechten der Franzosen drückte und ihn auch zurückschob, doch darüber war das Zentrum gänzlich vernachlässigt worden, weil offenbar niemand sich eine Offensivbewegung der Franzosen hatte vorstellen können, und wenn, dann am allerwenigsten dort. Als Kutusow erkannte, was sich nun anbahnte, versuchte er seine nach Süden geschickten Reserven zurückzuholen, indes zu spät. Um die Mittagszeit waren Soults Soldaten die Herren des Pratzen, während das Korps des Marschalls Lannes und die Kavallerie Murats das russische Korps des Generals Bagration samt der österreichischen Kavallerie unter General Liechtenstein zurückwarfen.

Diese schwere Niederlage im Zentrum - bei der die Alliierten den größten Teil ihrer Artillerie verloren - und auf ihrem rechten Flügel konnten die Alliierten auf ihrem linken Flügel keineswegs ausgleichen. Zwar waren hier die Franzosen zurückgedrängt worden, was Napoleon vorausgesehen und bewußt einkalkuliert hatte, aber sie konnten sich halten und bekamen immer wieder Reserve-Einheiten, über die Napoleon, der seine Truppen sehr sparsam eingesetzt hatte, ausreichend verfügte.

Nicht hingegen die Alliierten. Ihnen blieb nur noch die russische Kaisergarde, zehntausend der schönsten Elitesoldaten, geführt von Großfürst Konstantin. Der erste Angriff der russischen Garde war erfolgreich: Sie warf die Franzosen zurück, die Garde-Kürassiere ritten das französische 4. Linien-Infanterie-Regiment vollständig nieder, erbeuteten den Regimentsadler und zwangen die Franzosen zu wilder Flucht. General Ségur, Adjutant Napoleons berichtet: "Wie rasend stürmte es fast über uns und über Napoleon dahin; alle unsere Bemühungen, es aufzuhalten, blieben fruchtlos. Die Unglücklichen hatten ganz und gar den Kopf verloren und hörten und sahen nichts mehr. Auf unsere Vorwürfe, daß sie das Schlachtfeld und ihren Kaiser im Stich ließen, antworteten sie nur mit dem mechanisch ausgestoßenen Rufe 'Vive l'empereur!', was sie jedoch nicht hinderte, desto schneller zu entfliehen. Napoleon lächelte nur mitleidig und sagte dann mit verächtlicher Gebärde: 'Laßt sie laufen!' Mitten in diesem furchtbaren Getümmel verlor er sein kaltes Blut nicht und schickte Rapp zu der Kavallerie seiner Garde."

Jetzt galt es, die Überlegenheit seiner eigenen Garde zu demonstrieren, an deren Spitze sich Napoleons Adjutant, General Jean Rapp, setzte, der sich erinnerte: "Wir stürzten uns zunächst auf die Artillerie; die Geschütze wurden sofort genommen; die Kavallerie wurde geworfen, sie entfloh in voller Unordnung; so ging es mitten durch unsere zusammengehauenen Karrees hindurch, die nicht verwundeten Soldaten sammelten sich. Nach einer kurzen Pause, während der eine Schwadron Grenadiere zu Pferd als Verstärkung zu mir gestoßen war, begann der Tanz von neuem. Es kam zu einem furchtbaren Handgemenge, die Unerschrockenheit der unsrigen aber überwand alle Hindernisse. Die Russen lösten schließlich ihre Reihen auf und wandten sich zur Flucht. Der Zar und der Kaiser von Österreich waren Zeugen der Vorgänge: Auf einer Höhe unweit des Schlachttheaters sahen sie, wie diese russische Garde, von der man den Sieg erwartet hatte, durch eine kleine Schar tapferer Franzosen in Stücke gehauen ward. Die Kanonen, das Gepäck, Fürst Repnin waren in unseren Händen!"

Erstmals wurden bei diesem Angriff auch die rund hundert Mamelucken der Garde in den Kampf geführt, deren rasiermesserscharf geschliffene Säbel so manchem russischen Reiter buchstäblich den Kopf kosteten. Am Ende dieses Gefechts hatte die russische Kaisergarde aufgehört zu existieren; was nicht am Boden lag, kam in die Gefangenschaft, nur wenigen gelang die Flucht. Die Franzosen kostete diese furiose Attacke 21 Tote und 83 Verwundete, angesichts der sonst in jener Zeit üblichen Verluste eine ungewöhnlich niedrige Zahl, vor allem im Hinblick auf den durchschlagenden Erfolg.

Mit der Vernichtung der russischen Garde, die als letzte Eingreifreserve nun nicht mehr verfügbar war, hatte Napoleon die Schlacht für sich entschieden. Kurz nach 14 Uhr machten die französischen Truppen, nachdem sie das feindliche Zentrum durchstoßen hatten, eine Rechtsschwenkung und fielen nun dem alliierten Flügel in die Flanke. Hier, im Süden des Schlachtfelds, war es den Alliierten nicht gelungen, getreu ihrem ursprünglichen Plan durchzubrechen; das Armeekorps des tüchtigen Marschalls Davout hielt stand, mehr noch, es schickte sich an, die ihm gegenüberstehenden Russen einzukesseln. Der nun von den Höhen des Pratzen geführte Flankenangriff der Divisionen Saint-Hilaires und Vandamms traf die Sokolnitz verteidigende russische Infanterie mit voller Wucht. Ihre große Tapferkeit nützte den Russen gar nichts. In dem nun von allen Seiten auf sie niederprasselnden Feuerhagel, der ihnen schwerste Verluste zufügte, brach ihr Widerstand schnell zusammen. Sokolnitz und Telnitz mußten geräumt werden.

Um 16.30 Uhr erloschen die Kampfhandlungen mehr und mehr. Zur Austerlitz-Legende gehört bis heute, die geschlagenen Russen, fast eingeschlossen, hätten versucht, über die zugefrorenen Teiche von Satschan und Möllnitz zu entkommen, seien aber quasi wie Pharaos Streitmacht im Wasser versunken. In Napoleons Siegesbulletin klingt das so: "Das feindliche Korps, das umzingelt und von allen Höhen geworfen worden war, geriet in eine Niederung und wurde in einen See gedrängt. Der Kaiser begab sich mit 20 Kanonen dorthin. Das Korps wurde aus allen Stellungen geworfen, und man gewahrte das furchtbare Schauspiel, wie man es bei Abukir gesehen hatte. 20 000 Mann (!) stürzten sich ins Wasser und ertranken in den Seen. Aus der Mitte der riesigen Seen hörte man die Schreie der Tausende von Menschen, die nicht mehr gerettet werden konnten."

So entstehen Märchen. Fast alle französischen Offiziere, die bei Austerlitz dabei waren, haben es genauso in ihren Memoiren erzählt. Napoleon habe das tragende Eis der Seen zerschießen lassen, als die Russen mit Mann und Roß und Wagen mitten darauf gewesen seien. Nichts davon ist wahr.

Die von Napoleon als "riesige Seen" bezeichneten Gewässer waren zwei eher flache und verschlammte Teiche, in denen zu ertrinken es schon einiger Mühe bedurft hätte. Zwar hatte es gefroren, aber die Eisdecke war viel zu dünn, um auch nur einen einzigen Menschen zu tragen, geschweige denn einen ganzen Artilleriepark. Auf Befehl Napoleons ließ General Suchet einige Tage später diese Teiche untersuchen. Er entdeckte darin drei getötete Russen, die alle durch Schußverletzungen ums Leben gekommen waren. Auch österreichische Militärhistoriker haben schon sehr früh auf die völlige Unhaltbarkeit dieser Legende hingewiesen, aber sie beflügelt eben die Phantasie der Menschen ähnlich wie der angebliche Massentod der Russen in den Masurischen Seen 1914, deren Todesschreie man tagelang hatte hören wollen. Noch 1960 zeigte der Film "Austerlitz" von Abel Gance in dramatischen Bildern den russischen Massenexitus zwischen berstenden Eisschollen.

Aber wenn auch keine 20 000 Russen ertranken, so waren die Verluste der Alliierten dennoch gewaltig: Die Russen verloren 13 735 Tote und Verwundete, 9767 gerieten in französische Gefangenschaft. Die Österreicher zählten 4236 Tote und Verwundete und verloren 1686 Gefangene. Außerdem erbeuteten die Franzosen 186 Geschütze und 400 Fahrzeuge. Demgegenüber blieben Napoleons Verluste ungewöhnlich niedrig: 1305 Tote, 6940 Verwundete und 537 Gefangene. Trotz seiner numerischen Unterlegenheit hatte der Kaiser einige Einheiten überhaupt nicht einsetzen müssen: die Garde-Infanterie und die Hälfte des 1. Armeekorps (Marschall Bernadotte) brauchten nicht einen einzigen Schuß abfeuern.

Der Sieger traf sich am 4. Dezember um 14 Uhr mit dem österreichischen Kaiser Franz I., und man einigte sich auf einen Waffenstillstand; schon am 27. Dezember wurde der Frieden von Preßburg daraus. Rußland blieb daran unbeteiligt; der Zar sann auf Rache und bekam sie 1807, als er, nun an der Seite des ebenso glücklosen Preußen, ein weiteres Mal gegen Napoleon kämpfte und noch einmal eine empfindliche Niederlage hinnehmen mußte.

Die Schlacht von Austerlitz hatte weitreichende Folgen. Preußen, das nach langem Zögern und Zaudern endlich aktiv geworden war, bekam von Napoleon drastisch demonstriert, was er von dem preußischen Pokerspiel hielt. Er diktierte in Wien dem hilflosen Grafen Haugwitz Bedingungen wie einem Besiegten, nahm ihm Gebiete ab und schenkte dafür großzügig Hannover, das rechtmäßig immer noch England gehörte, und nötigte Preußen auch, Hannover militärisch zu besetzen, um es mit England zu verfeinden. Österreich mußte Venedig, Friaul, Dalmatien und Istrien an Napoleons Königreich Italien abtreten; Bayern und Württemberg wurden zu Königreichen erhoben und mit kräftigem Gebietszuwachs zusätzlich belohnt; Baden, um ein Mehrfaches vergrößert, durfte sich nun Großherzogtum nennen.

Napoleon, gewohnt, in seinen stilistisch brillanten Bulletins die Legendenbildung zu fördern, verfaßte am Tag nach der Schlacht im Schloß von Austerlitz einen seiner berühmten Tagesbefehle. Aber er tat noch etwas wichtigeres, was in den Geschichtsbüchern meist nicht erwähnt wird: Er bestimmte zugleich in einem Dekret die Zahlung lebenslanger Pensionen für die Witwen aller gefallenen Franzosen und ernannte deren Kinder zu kaiserlichen Adoptivkindern, deren Ausbildung und Unterhalt dem Staat aufgetragen wurde.

Komponisten schrieben Austerlitz-Symphonien, Dichter reimten ihre Oden, und Maler und Graphiker machten sich ans Werk mit einem Eifer wie nie zuvor. Die bedeutendste poetische Darstellung der Schlacht aber gelang nicht einem Franzosen, sondern einem Russen: Leo Tolstoi in seinem 1869 vollendeten Roman "Krieg und Frieden".

Tolstoi schrieb aus der Distanz des Spätergeborenen und des Russen, also Angehörigen jenes Volkes, das 1812 unter Napoleons Feldzug so schwer hatte leiden müssen. Den Zeitgenossen fehlte selbstverständlich jene Distanz.

So konnte Heinrich von Bülow Austerlitz in seinen Folgen der Schlacht von Actium vergleichen, was, wie wir heute wissen, gänzlich unhaltbar ist. Ja, Bülow ging sogar so weit, zu behaupten: "Ich bin also überzeugt, daß das Französische Reich von der Vorsehung zur Oberherrschaft bestimmt ist, wenn auch die andern der äußern Form nach sollten bestehen bleiben."

Das mochte für den vom Sieg Geblendeten momentan so erscheinen. Aber zehn Jahre später war Napoleons Laufbahn endgültig beendet, und den zehnten Jahrestag seines größten Sieges mußte der Geschlagene von Waterloo in der Verbannung auf St. Helena begehen.


LITERATURHINWEISE:
1. Bülow, Heinrich von: Der Feldzug von 1805 militärisch-politisch betrachtet. Leipzig 1806.
2. Chandler, David: The Campaigns of Napoleon. London 1967.
3. Duffy, Christopher: Die Schlacht bei Austerlitz. München 1979.
4. Mayerhoffer v. Vedropolje, Eberhard: Die Schlacht bei Austerlitz. Wien 1912.
5. Rüstow, W.: Der Krieg von 1805. Zürich 1859.
6. Stutterheim, Carl Freiherr v.: Die Schlacht bei Austerlitz. Hamburg 1806.

Eckart Klessmann, Jahrgang 1933, lebt als freier Schriftsteller in Hamburg. Er veröffentlichte u. a. "Deutschland unter Napoleon in Augenzeugenberichten" (1965), "Die Befreiungskriege in Augenzeugenbericht" (1966), "Prinz Louis Ferdinand von Preußen" (1972), "Geschichte der Stadt Hamburg" (1981), "E. T. A.Hoffmann" (1988), "Napoleon" (1988).

Quelle: DAMALS - Das Geschichtsmagazin
Heft 3/März 1990

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