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25. April
2005
Ein Heiliger Vater mit
Frauen und Kindern
Der
berüchtigte Renaissance-Papst Alexander VI.
Von Dr. Renate
Schober
Habemus papam! Als diese
Freudenbotschaft für die Christenheit am 11. August des
Jahres 1492 wie ein Lauffeuer durch Rom ging, kannte der
Jubel keine Grenzen. Nur knappe drei Wochen nach dem Tode
Innozenz' VIII. hatte das Konklave soeben den spanischen
Kardinal Rodrigo Borgia zum neuen Papst gewählt,
einstimmig und offenbar zur größten Zufriedenheit
aller. Die Römer waren so hingerissen von der
Entscheidung, daß einer der Kardinäle den
schwergewichtigen Rodrigo hochheben mußte wie eine
Trophäe, ehe er ihn als Alexander VI. auf dem Thron in
der Peterskirche absetzen konnte. Und so ging es bis zur
Krönung weiter, die Feierlichkeiten wollten schier kein
Ende nehmen. Rom, inzwischen voll von Pilgern und
Delegationen aus aller Welt, glich einem Meer von Blumen,
Altären und Triumphbogen. Am Ende brauchte Alexander
für seinen Krönungsritt vom Petersplatz zum
Lateran geschlagene zwölf Stunden, weil fast kein
Durchkommen war durch die Massen der Jubelnden. Als er sein
Ziel dann erreicht hatte, fiel der Gefeierte erst einmal in
Ohnmacht: nicht aus Erschöpfung, sondern vor
Entzücken über das großartige Fest.
Es war ja auch ein wirklich
schönes Entrée für einen Mann, der als das
Monster der Papstgeschichte gilt. Wenn der Name Borgia
fällt, erinnert sich doch jeder sofort an die
unterhaltsamen Stunden in Religions- und
Geschichtsunterricht, in denen es
um dieses Scheusal ging: Von widerlicher Geld- und Machtgier
war da die Rede, von abstoßender Lasterhaftigkeit und
von der Kinderschar, die er als Rodrigo mitbrachte und als
Alexander noch vergrößerte - unmoralisch und
brutal auch sie; ganz der unheilige Vater, der seiner Brut
überdies mit Erfolg beibrachte, daß eine Prise
Gift oft Wunder tut im Leben. Kurz: Wir kennen Alexander VI.
als üblen Schandfleck der Kirche und neigen daher auch
zu der Annahme, daß er die große Ausnahme auf
dem Apostolischen Stuhl war.
Rodrigo Borgia hatte, bis er darauf
Platz nahm, insgesamt fünf Päpsten als Vizekanzler
der Kurie gedient: seinem Onkel Kalixt III., dem er das
einträgliche Amt verdankte, Pius II., Paul II., Sixtus
IV. und Innozenz VIII., seinem unmittelbaren Vorgänger.
Als Innozenz gestorben war, hieß es in Rom, in seinem
Sarg lägen "Schmutz, Völlerei, Habgier und
Faulheit" begraben. Vor ihm hatte Sixtus den
gewinnbringenden Ablaß für Tote erfunden und die
Inquisition in Kastilien sanktioniert - so daß es auch
wirklich genug Tote gab. Außerdem ging er in seiner
Familienmacht-Politik so weit, das berühmte Attentat
auf Lorenzo de Medici im Dom von Florenz anzuzetteln. Paul
II. wiederum ließ aufmüpfige Humanisten in der
Engelsburg einkerkern und foltern; dafür hatte er keine
Frauengeschichten, was man von Pius II. nicht sagen konnte.
Onkel Alfonso Borgia schließlich, der päpstliche
Kalixt, war noch der harmloseste in dieser illustren Reihe -
er sorgte lediglich für die krönende
Abschlußnummer, für die Ausnahme, die die Regel
bestätigte.
Beklagt wurde diese Regel bereits
von so manchem Renaissance-Zeitgenossen, wie etwa Francesco
Guicciardini. Der berühmte Humanist und
Geschichtsschreiber aus Florenz beschrieb in seiner
Storia d'Italia von 1567, wie weit sich die
Päpste seit ihrer Rückkehr aus Avignon von den
geistlichen Ursprüngen entfernt und emanzipiert hatten:
"Zu irdischer Macht erhoben, ließen sie mit der Zeit
davon ab, an die Gesundheit der Seele und die
göttlichen Gebote zu denken, und richteten all ihr
Sinnen und Trachten auf weltlichen Ruhm. Ihre Sorge und ihre
Geschäfte galten nicht mehr einer heiligen
Lebensführung, der Vertiefung des Glaubens, der
Frömmigkeit und der Nächstenliebe, sondern den
Heeren und Kriegen gegen die Menschen (während sie das
Meßopfer mit blutigen Gedanken und blutigen
Händen darbrachten), der Anhäufung von
Reichtümern, neuen Gesetzen, neuen Listen, neuen
Winkelzügen, um von allen Seiten Geld einzusammeln. Die
Reichtümer, die es bei ihnen und am ganzen Hofe gab,
waren auf Pomp, Luxus und unredliche Gebräuche,
verwerfliche Gelüste und Genüsse
zurückzuführen. Nicht ein Gedanke wurde an die
Nachfolger oder an die ewige Würde des Pontifikats
verschwendet; stattdessen trachteten sie in ihrem
schändlichen Ehrgeiz danach, ihren Söhnen, Neffen
und Verwandten nicht nur zu unermeßlichen
Reichtümern, sondern auch zu Fürstentümern
und Königreichen zu verhelfen."
So also sah er aus, der historische
Rahmen des Borgia-Papstes. Daß er sogar aus dem noch
fallen würde, ahnten in den festlichen Augusttagen von
1492 nur wenige. Und er selbst ahnte es wohl am
allerwenigsten. Alexander war überglücklich als
Papst. In Ohnmacht fiel er zwar nur in Ausnahmefällen
wie nach dem triumphalen Krönungsritt, aber man merkte
ihm seine ungetrübte Freude auch so an. Der
Zweiundsechzigjährige schien täglich jünger
zu werden, seine Triefaugen leuchteten und sein dynamisches
Auftreten ließ vergessen, daß er etliche Pfunde
zuviel durch den Vatikan trug.
Andere Belastungen kannte er ohnehin
nicht. Mit der Tatsache zum Beispiel, daß er das
Konklave bis auf den letzten Kardinal gekauft hatte, wurde
Alexander spielend fertig. Und zwar nicht nur deshalb, weil
die Simonie damals zur Papstwahl gehörte wie der
Weihrauch zum Hochamt; für Alexander stand darüber
hinaus völlig außer Frage, daß er wie
geschaffen war für den päpstlichen Thron. Und wenn
er den üblichen Postenschacher im Konklave mit Bravour
für sich entschieden hatte, bewies das nur seine
konkurrenzlose Überlegenheit.
Tatsächlich war er nicht nur
finanziell bestens vorbereitet und den anderen Kandidaten
überlegen. Rodrigo Borgia hatte sich in seiner Zeit als
Vizekanzler zwar bereichert, so gut es ging, gleichzeitig
aber auch eine imponierende Kompetenz erworben. Klug und
redegewandt von Natur aus, verschaffte sich das
Protektionskind Kalixt' III. mit den Jahren einen Respekt,
der seinen Fähigkeiten galt, nicht seiner Herkunft. Er
war der erste "moderne" Verwaltungschef der Kurie, mit einer
Disziplin und einer Effizienz, die niemand sonst bewies im
Rom des Quattrocento.
Dazu die Historikerin Susanne
Schüller-Piroli: "Fürsten und Staatsmänner
seiner Epoche lasen und schrieben meist sehr wenig oder gar
nicht. Wurden sie von Leseeifer erfaßt, so griffen sie
zu klassischen Autoren oder zu Lobgedichten und
Andachtsbüchern. Rodrigo Borgia hingegen las wie ein
moderner Bürokrat Akten, Briefe, Berichte, lernte sie
mit Randbemerkungen und Notizen zu versehen und sich selbst
schriftliche Promemorias und Konzepte anzulegen."
Mit der Ausstrahlung eines
Bürokraten war er freilich nicht geschlagen. Der
temperamentvolle Spanier kam überall gut an: beim Volk,
im persönlichen Gespräch und in diplomatischer
Mission. Daß er nicht nur ein praktizierender Egoist
war, sondern ein bekennender, tat seinem Charme keinen
Abbruch, im Gegenteil. Immer im reinen mit sich und der
Welt, hatte dieser Mann bei aller Skrupellosigkeit etwas
Naives und Zutrauliches, so daß selbst seine
späteren Feinde mitunter Sympathie empfinden
mußten für das gerissene Glückskind im
Vatikan. Seine Religiosität erschöpfte sich in dem
festen Glauben, der ganz besondere Liebling des lieben
Gottes zu sein - und damit traf er den Nerv seiner Zeit,
zunächst jedenfalls.
So war es also kein Wunder,
daß 1492 alles für den neuen Papst sprach - zumal
die Hinterlassenschaft Innozenz' VIII. geradezu nach einem
Verwaltungschef vom Schlage des Borgia verlangte. Auf
Alexander kam nicht wenig Arbeit zu, als er das Erbe seines
nur namentlich unschuldigen Vorgängers antrat; (Der
Name Innozenz leitet sich vom Lateinischen her und bedeutet
"unschuldig" oder auch "rechtschaffen") doch es dauerte
nicht lange, und der fleißige Profi hatte sie
erfolgreich bewältigt. Sogar der Kirchenhistoriker
Franz Xaver Seppel, der ansonsten nur mit "Empörung und
Scham" über den Borgia-Papst berichtet, findet da ein
gutes Wort für ihn: "Die Anfänge der Regierung
Alexanders VI. ließen zunächst Günstiges
erwarten. Es wurde der Unordnung gesteuert, die in Rom in
der Zeit der Erkrankung Innozenz' VIII. und der Sedisvakanz
überhand genommen hatte, und für strenge
Rechtspflege gesorgt; durch Sparsamkeit in der
päpstlichen Haushaltung sollte der Finanznot gesteuert
werden. Es fehlte auch nicht an löblichen
Versprechungen, für Erhaltung der Ruhe in Italien und
für die Einigung der Christenheit gegen die Türken
wirken zu wollen."
Was nun die Ruhe in Italien betraf,
so konnte der Papst sie schwerlich "erhalten", weil es sie
nicht mehr gab. Als Alexander gewählt wurde, war
Lorenzo de Medici, die Symbolfigur des inneritalienischen
Friedens, bereits seit vier Monaten tot. Il Magnifico hatte
Florenz die Erinnerung an eine glänzende Ära
hinterlassen, einen unfähigen Nachfolger und einen
fanatischen Feind, den Bettelmönch Savonarola. Der
eine, Piero de Medici, war nicht in der Lage, die Politik
seines Vaters fortzusetzen, der andere bekämpfte sie
mit allen Mitteln. So sah es aus in Florenz beim Amtsantritt
Alexanders; das Zentrum der segensreichen balance of
power zwischen den italienischen Stadtstaaten spielte in
den nächsten Jahren nur noch eine periphere Rolle -
sehr zur Freude des französischen Königs. Karl
VIII. nämlich erhob Ansprüche auf den Thron von
Neapel und konnte deshalb nur profitieren von der
Uneinigkeit der Italiener. Die ging so weit, daß Karl
1494 schließlich mit Billigung Mailands in Italien
einmarschierte und dort nicht nur von Savonarola als
"allerchristlichster König" begeistert empfangen wurde.
Für den allerchristlichsten
Papst bedeutete das eine schwere Niederlage, denn Alexander
hatte bis zuletzt mit allen Mitteln versucht, die
französische Invasion abzuwenden. Daß eine
Heilige Liga, die er im Frühjahr 1493 gegen die
Franzosen auf die Beine stellte, im entscheidenden Moment
auseinanderfiel, spricht jedoch weder gegen seine Absichten
noch gegen sein diplomatisches Geschick. Immerhin war es ihm
gelungen, die alten Rivalen Mailand und Venedig
zusammenzuspannen - wobei Ludovico Sforza, der
unberechenbare Herzog von Mailand, durch
zweckmäßig hergestellte Familienbande gewonnen
wurde: Alexander hatte seine schöne Tochter Lucrezia
zum rechten Zeitpunkt in den Sforza-Clan einheiraten lassen!
Was ein kluger und traditionsreicher Schachzug war - auf
Dauer aber nichts brachte, weil Ludovico Sforza den
Spieß einfach umdrehte. Er lief letztlich doch zu den
Franzosen über und sein Neffe, der gehätschelte
Gatte Lucrezias, spionierte für ihn die Pläne des
Schwiegervaters aus. Gleichzeitig hatte sich eine Fronde von
feindlichen Kardinälen formiert, die in Frankreich
Klage führte über Alexander und einen Gegenpapst
forderte - an ihrer Spitze Giuliano della Rovere, der
spätere Julius II. Keine schöne Situation also
für den Papst, den alle für so durchtrieben
hielten und der doch nicht damit rechnete, daß dieses
stolze Italien sich selbst verraten würde. Am Ende
blieb ihm nichts anderes übrig, als den Franzosen zu
Sylvester 1494 freiwillig die Tore Roms zu öffnen.
"Karls VIII. Truppen waren so
zahlreich, daß es sechs Stunden dauerte, bis die
letzten von ihnen hinter ihm die Porta dei Popolo
durchschritten hatten. Nach Einbruch der Nacht strahlte Rom
im Lichterglanz unzähliger Fackeln und Freudenfeuer.
Nur der Vatikan jenseits des Tibers blieb im Dunkel. Das
kleine Häuflein von Getreuen, welches bei Alexander VI.
ausharrte, wußte ihm keinen besseren Rat als die
Flucht hinter die morschen Mauern der Engelsburg." In dem
von Susanne Schüller-Piroli beschriebenen Szenario lag
eine Demütigung, die dem immer erfolgreichen und
selbstbewußten Borgia fremd war und ihn
ungeschützt treffen mußte.
Doch Alexander bewies
Standvermögen. Der ganz besondere Liebling des lieben
Gottes gab auch in dieser unseligen Situation nicht auf und
brachte 1495 innerhalb weniger Monate eine zweite Heilige
Liga zustande, der nun auch der spätere Kaiser
Maximilian sowie Spanien angehörten. Damit
konfrontiert, zog der französische König sich
schleunigst aus Italien zurück; seine Stellung in
Neapel brach zusammen wie ein Kartenhaus, und der von ihm
vertriebene Herrscher konnte auf seinem Thron wieder Platz
nehmen als wäre nichts gewesen.
Für Alexander aber war die
Geschichte nicht zu Ende. Er hatte in den Dezembertagen des
Jahres 1494 seine Lektion gelernt und zog daraus eine
Konsequenz, die sein Leben veränderte. Von nun an
nämlich verließ er sich nur noch auf seine
Familie, also auf die vier anerkannten, bereits erwachsenen
Kinder Cesare, Juan, Lucrezia und Jofre. Mit ihrer Hilfe und
zu ihren Gunsten sollte der Kirchenstaat so mächtig
werden, daß ihm die kurzsichtige Interessenpolitik der
Herren von Mailand, Florenz, Neapel und Venedig nichts mehr
anhaben konnte. Alexander VI. verabschiedete sich damals
auch von den Idealen italienischer Unabhängigkeit, die
seine Diplomatie zunächst eindeutig bestimmt hatten.
Jetzt stand für ihn fest,
daß er sich den französischen
Herrschaftsansprüchen nicht noch einmal widersetzen
würde; daß heißt, Alexander strebte hinfort
eine Verständigung mit den ausländischen Feinden
der Unabhängigkeit Italiens an. Von ihnen erhoffte er
sich nun den Rückhalt, den er für die
Verwirklichung seiner ehrgeizigen Familienpläne
brauchte.
Familienplanung hatte der Borgia nie
betrieben, und so brachte er es in seinem Leben auf
mindestens zehn Kinder, die alle versorgt sein wollten. Dazu
kamen - wenn auch erst in zweiter Linie - die Mütter
der geliebten Sprößlinge, wobei Alexander gerade
hier einen Familiensinn bewies, der nicht
selbstverständlich war in Rom. Denn gegen eine
anständige Orgie oder eine Liaison hatten damals zwar
nur die wenigsten Purpurträger etwas einzuwenden - wohl
aber gegen Beziehungen, die den Genuß
überdauerten. Da ging es im Hause Borgia anders zu:
Vannozza de Cattanei - die Mutter Cesares, Juans, Lucrezias
und Jofres - galt auch dann noch als geschätztes
Familienmitglied, als Rodrigo schon längst eine neue,
jüngere Geliebte hatte. Diese wiederum, Giulia Farnese,
führte er ungezwungen als seine quasi-legitime
Partnerin im Vatikan ein.
"Deshalb wurde Giulia in ganz
Italien als die 'Hure des Papstes' und die 'Braut Christi'
bekannt. Sie war eine blendende Schönheit, 'Herz und
Augen' des Papstes, wie ein Diplomat es ausdrückte,
ohne die er nicht leben konnte. Mit ihren päpstlichen
Beziehungen hatte sie keine Schwierigkeiten, ihrem Bruder,
dem künftigen Paul III., einen roten Hut zu vermitteln,
was ihm den Titel 'Unterrock-Kardinal' eintrug."
Die von Peter de Rosa so
geschilderte Giulia sollte ihrem Freund und Gönner noch
drei Kinder schenken: Laura, Giovanni und Rodrigo.
Verheiratet war sie zwar mit Orsino Orsini, doch der
wußte sich zurückzuhalten und hatte auch nichts
dagegen, daß die ihm Angetraute im Palast von S. Marco
in Portico lebte, der Residenz von Lucrezia Borgia. Von dort
aus kamen den Papst "die Kinder", wie er Tochter und
Geliebte der Einfachheit halber nannte, fast jeden Abend im
Vatikan besuchen. Und daß es den beiden Damen in der
Dependance auch tagsüber an nichts fehlte, dafür
sorgte der zärtliche Vater schon.
"Er dachte an alles, was ihrem
Wohlergehen und ihrer Bequemlichkeit diente. Da man ihm sehr
häufig Leckerbissen von auswärts für seine
Tafel als Geschenk sandte, schickte er ihnen die Kapaune,
Fische und Käse Norditaliens, die Weine und das Wild
des Südens hinüber. Den Teilnehmern blieb eine
Fronleichnamsprozession unvergeßlich, da sie trotz des
strömenden Regens hinter ihm um den ganzen Petersplatz
ziehen mußten, weil er Lucrezia und Giulia versprochen
hatte, den Weg an ihrem Haus vorbei zu nehmen"
(Schüller-Piroli).
Angesichts dieser Verhältnisse
wurden mit den Jahren selbst im freizügigen Rom Stimmen
laut, die von einem Skandal sprachen. Man munkelte
schließlich sogar, Alexanders Zärtlichkeit
für Lucrezia habe einen ganz bestimmten Grund! Das
Stichwort "Blutschande" konnten die Römer freilich nur
selten klar artikulieren, da ihnen allein bei dem Gedanken
schon das Wasser im Mund zusammenlief. Und Alexander scherte
sich ohnehin nicht darum: "Rom ist eine freie Stadt, wo
jeder denken und schreiben kann, was ihm beliebt. Es wird
viel Schlimmes über mich erzählt, aber ich mache
mir nichts draus."
Mit derselben Unbekümmertheit,
mit der er sein Privat- und Familienleben offenlegte, hatte
dieser Papst vom ersten Tag seines Pontifikats an alles
getan, um seine erwachsenen Kinder mit materiellen Segnungen
auszustatten. Die Macht des Papstes sicherte seiner Familie
vorteilhafte Ehen, Titel und Besitztümer. Punktum! An
dieser Praxis fand Alexander absolut nichts
Ehrenrühriges, und er konnte sich dabei ja auch auf die
ehrwürdige Tradition seiner Vorgänger berufen.
Bei den Zeitgenossen hielt sich die
Empörung über den Nepotismus des Borgia-Papstes
deshalb zunächst noch in Grenzen, auch als er seinen
gerade siebzehnjährigen Sohn Cesare 1493 in das
Kardinalskollegium aufnahm und ihm das reiche Erzbistum
Valencia zuschanzte. Erst als Alexander daran ging, mit
Hilfe Cesares und unter dessen Einfluß den ganzen
Kirchenstaat in Familienbesitz zu nehmen, verlor seine
väterliche Fürsorge den Anstrich der
Renaissance-Normalität. Der
Florentiner Historiker Francesco Guicciardini, damals
Condottiere der päpstlichen Armee, schrieb dazu in sein
geheimes Tagebuch, Cesare sei geboren worden, "damit es in
der Welt einen Mann gibt, der niedrig genug ist, die
Pläne seines Vaters Alexanders VI. auszuführen".
Plan Nummer eins - den
französischen König als Verbündeten zu
gewinnen - konnte bereits 1498 in die Tat umgesetzt werden,
nachdem Karl VIII. gestorben war und sein Nachfolger Ludwig
XII. unbedingt geschieden werden wollte. Alexander beeilte
sich, diesem Wunsch nachzukommen und erhielt dafür die
Zusicherung, die er unbedingt wollte: "Der
Allerchristlichste König würde nicht nur
fürderhin dem Heiligen Vater gegen alle seine
Widersacher mit Geld und Soldaten zu Hilfe eilen, sondern
auch seinem ältesten Sohne ein schönes
französisches Fürstentum verleihen und ihm eine
Prinzessin seines Hauses zur Frau geben"
(Schüller-Piroli).
Der erwähnte "älteste
Sohn" war Cesare, der Kardinal, der nun also heiraten
sollte. Ein unerhörter Vorgang, auch für
römische Verhältnisse. Doch die Borgias
ließen sich durch das Befremden der Kurie nicht
beirren. Am 17. August 1498 wurde Cesare von den geistlichen
Gelübden befreit und konnte somit seine weltliche
Karriere antreten, wie es der Geheimvertrag mit dem
französischen König vorsah. Als die Truppen
Ludwigs XII. kurze Zeit danach in Italien einfielen, um
Ludovico Sforza endgültig aus Mailand zu vertreiben,
kämpfte Cesare, der frischgebackene Herzog von Valence,
an der Seite seiner französischen Verwandtschaft. Doch
nur manchmal. Denn in der Hauptsache führte Cesare im
Auftrag Alexanders einen eigenen Krieg: den berühmten
Borgia-Krieg gegen die Lehensträger im Kirchenstaat. Im
Windschatten der Franzosen eroberte er Stück für
Stück die ganze Romagna, also die größte
Provinz des Kirchenstaates; anschließend kamen das
Herzogtum Urbino und Camerino an die Reihe; und überall
verbreiteten der Papstsohn und seine Soldateska weit mehr
Angst und Schrecken als jede ausländische Macht.
Il papa aber, die Frohnatur im
Vatikan, jubelte bei jedem Sieg Cesares, gleichgültig
auf welche Weise er ihn errungen hatte. Daß dieser
Sohn keinen Mord, keine Grausamkeit, keine Heimtücke
und keinen Verrat scheute, um seine Ziele zu erreichen,
schien Alexander nicht zu berühren. Die Borgias waren
auf dem besten Wege, eine erbliche Herrschaft in, wenn nicht
über Italien zu gründen. Das allein zählte
jetzt. Unbarmherzig, gnadenlos und seelenruhig ließ
der Papst den Sohn deshalb gewähren - auch wenn dem
kongenialen Vater längstens dämmerte, daß
Cesare sich verselbständigt hatte.
In Niccolo Machiavellis
berühmten Buch vom Fürsten kann man es nachlesen:
Alexander war zwar erst knapp über siebzig und weder
kränklich noch senil, aber Cesare rechnete
beständig mit dem Tod des Vaters und traf jede nur
mögliche Vorsorge, um dem Nachfolger, dem neuen Papst
nicht hilflos ausgeliefert zu sein. Seine Feinde hatte er
ermorden lassen, die römischen Edelleute und das
Kardinalskollegium hatte er mit bewährten
Borgia-Mitteln auf seine Seite gezogen, und gleichzeitig
hatte er damit begonnen, mit der Toskana ein Land
außerhalb des Kirchenstaats zu erobern. Nur auf eines
war er nicht vorbereitet: daß es bei den Borgias fast
eine Doppelbeerdigung gegeben hätte. "Am selben Tage,
da Julius II. zum Papst erwählt ward, sagte er zu mir,
er hätte an alles gedacht, was beim Tode seines Vaters
hätte geschehen können, und gegen alles Mittel
gefunden; nur daran hätte er nie gedacht, daß er
bei diesem Tode selbst sterbenskrank sein könnte."
Aus Machiavellis Bericht geht nicht
hervor, welche Krankheit es war, die Vater und Sohn
gleichzeitig niederwarf. Der kluge Florentiner sprach nur
über das, was er wußte. Und wie Alexander zu Tode
gekommen ist und mit ihm um ein Haar auch Cesare, weiß
bis heute niemand. Lediglich Spekulationen sind seit
Jahrhunderten im historischen Umlauf. Die einen unterstellen
einen schiefgegangenen Giftmord der Borgias selber, die
anderen einen gezielten, und die dritten sprechen von
Malaria. Klar ist nur, daß Alexander am 11. August
1503 ein Jubiläumsbankett zum elften Jahrestag seiner
Papsterhebung gab und daß am Morgen des 12. August
sowohl ihn als auch Cesare schwerste Übelkeit und hohes
Fieber befielen. Während der achtundzwanzigjährige
Sohn aber wieder zu Kräften kam, hatte der Papst der
Krankheit nichts mehr entgegenzusetzen: "Stundenlang lag er
auf seinem Bett, mit blutunterlaufenen Augen und gelbem
Gesicht, und konnte nicht schlucken. Seine Haut wurde
streifig wie die eines Tigers und begann sich
abzuschälen. Das Fett an seinem Bauch verflüssigte
sich. Magen und Gedärme bluteten."
So drastisch der Krankheitsbericht
von Peter de Rosa ist, so drastisch war auch die Therapie
der Ärzte. Sie traktierten den Patienten mit
Brechmitteln und täglichem Aderlaß, was seinen
Zustand mit Sicherheit noch verschlimmert hat. Am Abend des
18. August 1503 starb Alexander VI., übel zugerichtet
und zum Himmel stinkend, aber versehen mit den Heiligen
Sterbesakramenten und der Zuversicht, auch den Jüngsten
Tag glücklich zu bestehen.
LITERATURHINWEISE:
1. Rosa, Peter de: Gottes erste Diener. München
1989.
2. Schimmelpfennig. B.: Das Papsttum. Darmstadt 1988.
3. Schüller-Piroli, Susanne: Die Borgia-Päpste
Kalixt III. und Alexander VI. München 1980.
Dr. Renate
Schober, 1947 in München geboren, Studium
der Geschichte. Sie arbeitet seit 1979 als Redakteurin beim
Bayerischen Rundfunk in der Wissenschaftsredaktion.
Quelle: DAMALS -
Das Geschichtsmagazin
Heft 9/September 1992
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