LEITSEITE | ARCHIV-DEUTSCH | ARCHIV-ENGLISCH | DEUTSCHE VERLUSTE | DEUTSCHE GESCHICHTE | SPENDEN | BRIEFKASTEN | KONTAKT
|
Aus der Quelle
geschöpft: Von Alfred Toepfer Ich bin Jahrgang 1894 und einer von zwei Millionen Kriegsfreiwilligen im Ersten Weltkrieg. Im Frühjahr 1916 wurde ich Kompanieführer einer Maschinengewehrkompanie. Dreimal wurde ich verwundet. Nach meiner letzten Verwundung wurde ich am 8. November 1918 aus dem Lazarett in Stettin entlassen. Meine Heimkehr führte mich am 9. November 1918 über Berlin, es war der Tag des Untergangs des Kaiserreichs. Der Ausrufung der Republik folgten schwere politische Unruhen überall in Deutschland. Der Zugverkehr von und nach Berlin ruhte. Durchreisende und beurlaubte Offiziere wurden aufgefordert, sich sofort bei der Kommandantur zu melden. Dort wurde mir ein Hotel zugewiesen, und dabei blieb es. Linksradikale Sozialisten und Kommunisten beherrschten die Straße. Soldaten wurden entwaffnet, Offizieren die Achselstücke abgerissen. Bei der Truppe bildeten sich Soldatenräte, in der Wirtschaft Arbeiterräte - alles nach sowjetischem Vorbild. Nach einer Woche wurde der Zugverkehr wieder aufgenommen. Ich fuhr sofort nach Hause, d. h. nach Hamburg. Die Fronttruppen im Westen rüsteten sich sofort nach dem Waffenstillstand zur Heimkehr in Fußmärschen. Trotz meiner nicht völlig geheilten Verwundung war ich entschlossen, zur Fronttruppe zurückzukehren. Von ihr erwartete ich die Wiederherstellung der Ordnung in der Heimat. Da ich mich in der Heimat nicht mehr als Offizier bewegen konnte, fuhr ich in Mannschaftsuniform und mit Tornister nach Belgien. Dort lag mein Regiment - aber wo, das konnte mir keiner sagen. Nach siebentägiger Wanderung von 300 Kilometern hatte ich mein Regiment und meine Kompanie wiedergefunden. Der Meldung beim Regimentskommandeur folgte ein freudiges Wiedersehen mit allen Leuten meiner Kompanie. Vier einfache Soldaten stellten sich als Soldatenräte vor. Diese habe ich sofort ohne Schwierigkeiten mit Freifahrtscheinen in die Heimat entlassen. Der Rückmarsch in Richtung Köln erfolgte in völliger Ordnung, in guter Stimmung und bei ausreichender Verpflegung. Meine Kompanie verfügte seit mehr als zwei Jahren über drei Milchkühe. Die hatten uns - was unglaublich erscheint - bei allen Vor- und Rückmärschen im Westen und Osten begleitet und die Verpflegung der Kompanie entsprechend verbessert. Im rechtsrheinischen Gebiet wurde der Rückmarsch der Division auf unbestimmte Zeit gestoppt zur Weiterfahrt mit der Eisenbahn. Ich schlug dem Regimentskommandeur die Fortsetzung des Rückmarsches für die drei Maschinengewehrkompanien vor. Er stimmte zu in Erwartung einer einwandfreien Ordnung. Die einzelne Kompanie hatte damals eine Stärke von 100 Mann. Im Morgengrauen brachen wir am nächsten Tag unter Aufsicht des Regimentskommandeurs in tadelloser Ordnung mit einer großen schwarz-weiß-roten Fahne auf. In zwei Wochen erreichten wir Hamburg. An den Elbbrücken wurden wir von einer kleinen Mannschaft mit roten Fahnen empfangen und ungestört zu den Altonaer Kasernen geführt. Wir waren wieder zu Hause. Unmittelbar vor Weihnachten machten wir drei große Abschiedsfeiern. Unsere Kühe und das Rote Kreuz lieferten alle Zutaten zum Festessen, zu dem auch alle Verwandten eingeladen waren. Nach dem Weihnachtsurlaub folgte Anfang Januar 1919 die ordnungsgemäße Entlassung bei der Heimattruppe in Flensburg. Ende Dezember 1918 bzw. Anfang Januar 1919 war die allgemeine Demobilisierung der Truppen von der Westfront abgeschlossen. Die örtliche Herrschaft lag überall mehr oder weniger in den Händen von linkssozialistischen und kommunistischen Gruppen. Daneben herrschten in der Wirtschaft und bei Truppenresten Arbeiter- und Soldatenräte. Die oberste politische Führung in Berlin lag zum Glück, wenn auch zeitweise schwer verunsichert durch riesige Straßendemonstrationen, bei Männern wie Ebert, Scheidemann und Noske mit dem nötigen Schutz durch Frontsoldaten. Am 19. Januar 1919 wurde die Wahl zur deutschen Nationalversammlung in Weimar erfolgreich durchgeführt. Ebert wurde Präsident, Scheidemann Reichskanzler und Noske Reichswehrminister. Noske hatte nach der Demobilisierung und unmittelbar vor der Nationalversammlung zur Bildung von Freikorps aus den alten Soldaten zum Schutz der Nationalversammlung und zur allgemeinen Wiederherstellung der Ordnung aufgerufen. In allen deutschen Ländern wurden Freikorps aufgestellt - vorwiegend natürlich in Berlin. Ich fuhr nach Berlin und sah mir die verschiedenen neuen militärischen Einheiten an. Ich meldete mich beim Landesjägerkorps des Generals Maercker. Es war mir durch ausgezeichnete Ordnung, Disziplin und offenbar hervorragende Führung aufgefallen. Ich wurde Führer der berittenen Maschinengewehrabteilung bei der Kavallerie des Landesjägerkorps. Noske hatte wohl den gleichen guten Eindruck von General Maercker und seiner Truppe. So wurde dieser nach Weimar zum Schutz der Nationalversammlung und zur Wiederherstellung der Ordnung in Mitteldeutschland befohlen. Der Empfang in Weimar durch die Bevölkerung und die Abgeordneten war ausgesprochen freundlich. Meine Maschinengewehrabteilung besetzte alle großen Zufahrtsstraßen nach Weimar bei den benachbarten Dörfern. Störungsversuche wurden erfolgreich abgewehrt. Dann blieb es ruhig. Die Nationalversammlung konnte wirksam und ungestört im Weimarer Nationaltheater ihren wichtigen Auftrag erfüllen. Unter Zurücklassung beschränkter Sicherungen wurde das Landesjägerkorps dann in Divisionsstärke nach zwei Monaten zur Wiederherstellung der Ordnung und Beseitigung diktatorischer linksradikaler Herrschaft nacheinander nach Halle, Leipzig, Magdeburg, Braunschweig, Helmstedt sowie nach etlichen Nebenorten und besetzten Gutshöfen beordert. Die Besetzung dieser Städte erfolgte immer in gebührender Ordnung und mit großer Vorsicht. Der Gegner trat uns nirgendwo offen und in Massen gegenüber, sondern mit Feuerüberfällen von Dächern, aus Privatwohnungen und anderen Deckungen. Unsere Verluste waren im allgemeinen beschränkt. Die Gegner wurden in größerer Zahl immer der Obrigkeit übergeben. Unsere mustergültige Disziplin und Ordnung, aber auch Noskes Schießbefehl gegen Aufständische, die mit der Waffe in der Hand angetroffen wurden, wirkten in der Regel auf die Gegner entmutigend, andererseits aber beruhigend auf die Einwohnerschaft, von der wir überall mit großer Dankbarkeit und, soweit dies damals möglich war, Gastfreundschaft aufgenommen wurden. Das Volk fühlte sich von Unterdrückung, Unsicherheit und Terror befreit. Nach etwa sechs Wochen kamen wir nach Weimar zurück. Kurze Zeit danach wurde Naumburg/Saale unser Standquartier. Von dort aus gab es nur kleine, unbedeutende Feldzüge nach Gotha, Erfurt, Eisenach usw. Zwischenzeitlich herrschte normaler straffer militärischer Dienst bei guter Kameradschaft, Unterkunft und Verpflegung. General Maerckers Persönlichkeit, sein korrektes Offizierskorps und die gute zuverlässige Mannschaft prägten auch das Verhalten gegenüber der Bevölkerung. Antisemitische Handlungen und Propaganda waren, wie bei den alten Fronttruppen allgemein, unbekannt. Sie kamen erst später deutlich auf mit Hitler, nachdem er aus der Haft entlassen war. Mein Freund Karl Schinkel, Hamburg, schrieb mir im Herbst 1919: "Alfred, es wird Zeit, daß Du nach Hamburg in Deinen kaufmännischen Beruf zurückkehrst, Du verlierst sonst alle Chancen." Meine Antwort: "Karl, ich komme, sobald ich von allgemeiner Sicherheit und Ordnung in Deutschland überzeugt bin. Aber vielleicht kannst Du mir schon kleine geschäftliche Chancen geben. Ich habe gute Beziehungen zu benachbarten Landwirten." Seine Antwort: "Wir können nur Stroh, Heu und Runkelrüben handeln, alles andere wird noch zwangsbewirtschaftet." Meinem Kommandeur sagte ich: "Ich möchte mich langsam wieder auf meinen Beruf umstellen. Geben Sie mir bitte jede Woche einen Tag Urlaub mit meinem Burschen und beiden Pferden zu geschäftlichen Besuchen von Landwirten." Er war einverstanden. Am 10. November 1919 gab es das erste Geschäft über 100 Zentner Stroh. Dem folgten alle ein bis zwei Wochen etwas größere Geschäfte. Ich plante für den Dezember 1919 meinen Abschied, da völlige Ruhe herrschte - nicht nur in Mitteldeutschland. Doch Ende November überraschte uns ein unerwarteter Zwischenfall: Ein paar tausend Arbeiter hatten in Suhl im Thüringer Wald die auf Jagdgewehre umgestellten alten Gewehrfabriken gestürmt. Wir zogen sofort, fast eine Woche lang, über den verschneiten Rennsteig nach Suhl. Die Entwaffnung der Arbeiter klappte mit geringen Verlusten. Nach etlichen Tagen ging es wieder heimwärts nach Naumburg. Kurz vor Weihnachten verabschiedete ich mich endgültig von der Truppe und ihrer Führung nach vielen bunten, erfolgreichen, aber auch belastenden Erlebnissen. Anfang 1920 wurde im Einvernehmen mit den Siegermächten die Deutsche Reichswehr mit 100 000 Berufssoldaten aufgestellt. Dazu wurden wesentliche Teile der Freikorps verwendet. Man hatte auch mir nahegelegt zu bleiben. Mein Entschluß zur Rückkehr in meinen Beruf blieb jedoch bestehen, trotz aller Freude neben Sorgen und Mühen, die mir die Mithilfe zum Aufbau einer freiheitlichen demokratischen Ordnung in Deutschland bereitet haben. Meine geschäftliche Tätigkeit in Hamburg entwickelte sich ab Ende 1919 schnell und erfreulich. Einige Kameraden der Schwadron wollten als Mitarbeiter zu mir kommen. Ich habe sie gern aufgenommen. Mit Stolz und Freude denke ich an das Landesjägerkorps, an General Maercker und seine Soldaten zurück. Sie haben zur Beseitigung der kommunistischen Bedrohung und zur Vermeidung einer sozialistischen Hungerkatastrophe sowie zur Sicherung einer parlamentarisch-demokratischen politischen Ordnung ihren Teil beigetragen. Ebert und Noske gebühren Hochachtung und Dank. Mein Erlebnis der Zeitgeschichte geht jedoch über die Zeit vom Ersten Weltkrieg und Nachkrieg hinaus. Weiter zurück liegt meine Aufnahme in der Jugendbewegung, bin ich doch wahrscheinlich das älteste ehemalige Mitglied des Wandervogel e. V. und kann noch zurückblicken auf das berühmte Treffen auf dem Hohen Meißner am 13. Oktober 1913. Meine besondere Liebe und manche Hilfeleistung für die Lüneburger Heide entsprang der bis heute gebliebenen Freude an der Landschaft des Hermann Löns. Der Aufbau meiner Firma, einer der größten im internationalen Agrarhandel, gestattet mir, alljährlich über meine Stiftungen zahlreichen Gelehrten, Künstlern, qualifizierten Jugendlichen sowie sozialen Institutionen und wissenschaftlichen Gesellschaften Preise oder Stipendien zukommen zu lassen, die u. a. deren weitere Arbeit fördern.
Weiterführend: |