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9. Juli 2010

Katyn 1943
Polens offene Wunde

Von Harald Steffahn

Nürnberger Prozeß, 14. Februar 1946. Der stellvertretende sowjetische Hauptankläger, Oberst J. W. Pokrowski, meldet sich zu Wort. "Ich möchte mich jetzt mit den Grausamkeiten beschäftigen, die von den Hitleristen gegenüber Angehörigen der polnischen Armee begangen wurden. Wir ersehen aus der Anklageschrift, daß eine der wichtigsten verbrecherischen Handlungen die Massenhinrichtung polnischer Kriegsgefangener war, die in den Wäldern von Katyn bei Smolensk von den deutschfaschistischen Eindringlingen vorgenommen wurde." In den folgenden dreizehn Tagen treten eine Reihe Zeugen auf, deutsche und ausländische. Die Äußerungen im Kreuzverhör der Ankläger und Verteidiger ergeben keine hinreichende Schulderkenntnis, keine eindeutigen Beweise. Alles bleibt ziemlich undurchsichtig. Aber Görings Verteidiger Otto Stahmer stellt immer wieder bohrende Fragen, bringt Zeugen der Anklage in Bedrängnis.

Schließlich verschwindet das Thema sang- und klanglos vom Tisch. Seit dem 26. Februar 1946 fällt in Nürnberg kein amtliches Wort mehr über Katyn. Später äußerte der stellvertretende amerikanische Hauptankläger Robert Kempner: "Wir haben Stahmer bewundert, daß er die Sowjets damals zwang, die Katyn-Anklage fallenzulassen." Und der US-Hauptankläger Robert Jackson ergänzte: "Ich habe schon in Nürnberg mit der Möglichkeit gerechnet, daß die Sowjets an Katyn schuld sind. Deshalb haben wir es abgelehnt, die Deutschen dafür schuldig zu sprechen."

Im geheimen Zusatzprotokoll zum Hitler-Stalin-Pakt, zum deutsch-sowjetischen Nichtangriffsabkommen vom 23. August 1939, war Ostmitteleuropa in beiderseitige Interessensphären aufgeteilt worden. Demgemäß marschierten Verbände der Roten Armee einen Monat später in Ostpolen ein, nachdem die Wehrmacht die polnischen Streitkräfte innerhalb von drei Wochen niedergeworfen hatte. 230 000 polnische Soldaten fielen in die Hände der Sowjets. Seit Hitler und Stalin, die Kumpane der Machtaufteilung, die halben Verbündeten im Polenkrieg, nun einander selber bekämpften, also seit dem 22. Juni 1941, waren die Polen mit einemmal Gesinnungsgenossen der Sowjets. Die Regierung in Moskau und die polnische Exilregierung in London schlossen einen Beistandspakt. Stalin entließ die Gefangenen, gestattete ihnen, eine Armee zu bilden, die - unter General Wladyslaw Anders - auf alliierter Seite kämpfte, allerdings nicht im Osten.

Aber merkwürdig: Viele tausend polnische Offiziere blieben unauffindbar, gaben kein Lebenszeichen, wurden nirgendwo mehr gesehen. In London führte man akkurate Listen über jeden verlorenen Sohn des unglücklichen Landes. Daraus ergab sich: Etwa 4500 von ihnen waren 1939 ins Gefangenenlager Kozelsk bei Kaluga verbracht worden, etwa 4000 nach Starobelsk bei Woroschilowgrad, 5400 nach Ostaschkow südlich der Waldai-Höhen (im Nordwesten). Von dieser dritten Gruppe auf einer Halbinsel im Seligersee müssen aber etliche abgezogen werden, die nicht im engeren Sinn zum Offizierskorps gehörten (Polizei und Zoll).

Die Sowjetzeitung Roter Stern, das Blatt der Armee, hatte im September 1940, zum ersten Jahrestag des Einmarsches, in aller Unbefangenheit genaue Gefangenenzahlen genannt, allerdings einander widersprechende. Darin war einmal von 9361 Offizieren die Rede, ein andermal von 12 000. So gilt wohl, daß zumindest nicht weniger als 9361 Offiziere in den drei genannten Lagern gefangengehalten worden waren; wahrscheinlicher ist die Zahl von 12 000. Sie kommt näher an die in London registrierte Gesamtziffer in den drei Lagern heran. Der Rest hätte dann aus anderen Gefangenen bestanden. Jedenfalls: Wo waren sie alle geblieben, diese insgesamt 13 900 Mann?

Stalin schweigt

Am 14. November 1941 gelingt es dem polnischen Botschafter in Moskau, Jan Kot, zu Stalin vorzudringen. Der Diplomat erläutert, daß im Frühjahr 1940, so wisse man bei der polnischen Exilregierung, die Offiziere aus den Lagern Kozelsk und Starobelsk fortgebracht worden seien. "Es besteht eine undurchdringliche Mauer zwischen uns und diesen weggebrachten Männern." Kein einziger sei wieder aufgetaucht. Vom dritten Lager macht er keine Angaben.

Nun folgt eine unheimliche Szene. Stalin läßt sich mit der Zentrale der Geheimpolizei NKWD, wie sie damals hieß, verbinden. "Hier Stalin. Sind alle Polen aus den Gefängnissen freigelassen worden?" Nach acht Minuten, während der Diktator mit seinem Besucher über andere Dinge spricht, kommt die telephonische Antwort. Der Kremlherr hört sie sich schweigend an - und erwähnt das Thema gegenüber dem gespannt wartenden Botschafter mit keinem Wort mehr . . .

In den folgenden Wochen und Monaten intervenierte die polnische Exilregierung unter Ministerpräsident Wladyslaw Sikorski beharrlich bei den sowjetischen Behörden und bei Stalin direkt, um Licht in das Dunkel um die verschollenen Landsleute zu bringen. Nur ausweichende Antworten wurden den Polen zuteil. Ein dunkler Verdacht schlich sich bei den Exilpolen ein, doch fühlten sie sich außerstande, den verbündeten Sowjets mit unnachsichtiger Entschiedenheit entgegenzutreten, solange die Sowjetunion die Last des Krieges selber mit aller Härte trug. Auch das Gastrecht, das die Repräsentanten des unterworfenen Volkes in London genossen, gebot ihnen Zurückhaltung.

Auf deutscher Seite wußte man nichts von den drängenden Sorgen der Polen um ihre verschwundene Heereselite. Auch war das Schicksal von mehreren tausend slawischen "Untermenschen" kein Gegenstand von Bedeutung für germanische "Herrenmenschen". Noch nicht. Indessen geschahen aber seltsame Dinge. Anschaulich berichten darüber Joe Heydecker und Johannes Leeb im Katyn-Kapitel ihres Buches über den Nürnberger Prozeß.

Im Sommer 1942, ein Jahr nach der Eroberung von Smolensk, arbeiteten Baueinheiten der Organisation Todt in dieser Gegend. Unter ihnen waren zehn Polen, die von einem hier wohnenden Landsmann auf angebliche Grabstellen aufmerksam gemacht wurden. Heimlich gruben sie an der angegebenen Stelle nach und stießen auf Gebeine. Sie deckten den Fundort wieder zu und schmückten ihn mit einem Birkenkreuz. Dabei blieb es zunächst.

Doch kursierten Gerüchte über Erschießungen und hielten sich hartnäckig. Schließlich waren die Wälder um Smolensk, gerade hier bei Katyn, beliebte Ausflugsziele der Stadtbewohner gewesen. Was immer hier geschehen war, es konnte nicht völlig geheim geblieben sein. Im Winter 1942/43 sah der Oberst Friedrich Ahrens vom Nachrichtenregiment 537 einen Wolf. Er ging seinen Spuren nach und fand Scharrstellen an dem Birkenkreuz. Da Menschenknochen zutage kamen, das Grab selber aber nicht identifizierbar war, benachrichtigte der Oberst, dem die Sache verdächtig vorkam, den Kriegsgräberoffizier der Division.

Der 13. April 1943

Eines Tages, der Winter ist zu Ende, erscheint der Gerichtsmediziner Professor Dr. Buhtz aus Breslau und erklärt dem Oberst, er müsse im Auftrag der Heeresgruppe Mitte Ausgrabungen vornehmen. Sie enden mit einer furchtbaren Entdeckung: Lauter Massengräber mit ermordeten polnischen Offizieren werden freigelegt. Noch während der Exhumierung meldet das Deutsche Nachrichten-Büro am 13. April 1943: "Ein grauenvoller Fund, der vor kurzem von deutschen militärischen Stellen am Kosegory-Hügel, 20 Kilometer westlich von Smolensk an der Straße Smolensk-Witebst, gemacht wurde, gibt einen ebenso erschütternden wie einwandfreien Aufschluß über den Massenmord an mehr als zehntausend Offizieren aller Grade, darunter zahlreiche Generale, der ehemaligen polnischen Wehrmacht." Sie seien heimlich von der GPU (NKWD) umgebracht worden.

Goebbels spricht in seinem Tagebuch sogar von 12 000 Ermordeten. Der Fundort selber gibt "nur" 4143 Leichen frei. Die Offiziere waren, wie sich herausstellt, allesamt aus dem Lager Kozelsk hierher transportiert worden. Der Reichspropagandaminister triumphiert. Der Fall Katyn werde "nun in größtem Stil in der antibolschewistischen Propaganda eingesetzt. Wir haben neutrale Journalisten und polnische Intellektuelle an die Fundstelle führen lassen. Die Berichte, die aus dem Ausland darüber hereinkommen, sind grauenerregend. Ich gebe Anweisung, dies Propagandamaterial in weitestem Umfang auszunutzen." Und zynisch fügt er hinzu: "Wir werden davon einige Wochen leben können."

Neben dem Frohlocken auf nationalsozialistischer Seite weckt die Sensation, je nach dem Standort, Entsetzen beziehungsweise Verlegenheit. Fassungslos verfolgen die Exilpolen in London die Enthüllungen, die ihren schlimmsten Verdacht bestätigen. Zur Stunde, da die deutsche Propagandamaschine angelassen wird, sitzt der polnische Regierungschef gerade mit Premierminister Churchill beim Lunch. Sikorski teilt seinem Gastgeber mit, er besitze "eine Fülle von Beweisen" für die Schuld der Sowjets. Churchill, der sofort die schlimmen und weittragenden Folgen für die Harmonie unter den Verbündeten ermißt, versucht zu mäßigen: "Wenn sie tot sind, wird alles, was Sie tun, sie doch nicht wieder lebendig machen."

Außenminister Anthony Eden berichtet dem Kabinett bald darauf am 19. April (an dem Tag beginnt der verzweifelte Aufstand der Juden im Warschauer Ghetto), er habe "alles Mögliche getan, um die Polen dazu zu bringen, dies als ein deutsches Propagandastück zu betrachten, das Zwietracht unter den Alliierten säen sollte". Seine Bemühungen sind vergeblich.

". . . zu spät, Herr Churchill!"

In welchem Dilemma sich die Engländer befanden, versuchte der Dramatiker Rolf Hochhuth in seinem Stück "Soldaten" szenisch zu beleben.

Sikorski: Viertausend von vierzehntausend sind gefunden; die Elite meiner Offiziere, und dem Ministerpräsidenten Polens soll verwehrt sein, zu fragen, wer der Mörder ist?

Churchill: Da Sie es wissen: Um Polens willen, fragen Sie nicht jetzt! . . . Ich bitte Sie inständig im Namen unserer gemeinsamen Pflicht Hitler niederzuwerfen - schweigen Sie zu Katyn! Verschieben Sie die Untersuchung - ich bitte Sie! Nicht in diesem fürchterlichen Jahr.

Sikorski: Zu spät - es ist zu spät, Herr Churchill! Premierminister: ich habe Ihnen namens der polnischen Regierung amtlich mitzuteilen, daß mein Botschafter heute früh in Genf dem Schweizer Roten Kreuz die Untersuchung der Gräber von Katyn -

Churchill: Nein! Nein! Nein!

Da das nationale Polen von der Schuld der Sowjets überzeugt war und ohne Rücksicht auf die Waffenbruderschaft eine internationale Untersuchung unter Aufsicht des Roten Kreuzes beantragte, versuchte der Kreml, aus der fatalen Situation auf bestmögliche Weise herauszukommen. Der Angriff erschien da als die beste Verteidigung. "Hitlers polnische Komplizen", lautete die bezeichnende Schlagzeile der Prawda vom 20. April 1943. In dem Artikel wurde behauptet, die fraglichen polnischen Gefangenen seien in der Umgebung von Smolensk zum Straßenbau eingesetzt gewesen und hätten beim Herannahen der Deutschen nicht mehr evakuiert werden können. So seien sie den Feinden in die Hände gefallen und - da man sie jetzt tot aufgefunden habe - also von ihnen ermordet worden. Sikorski und die Exilpolen insgesamt wurden als Verleumder hingestellt. Die Sowjetregierung begnügte sich nicht mit Beschimpfungen durch die parteiamtliche Presse, sondern brach die Beziehungen zur polnischen Exilregierung ab.

Bald danach, am 4. Juli, kam Sikorski bei einem Flugzeugabsturz nahe Gibraltar ums Leben. Großen gerichtlichen Ärger hat dem Dramatiker Hochhuth die Behauptung eingetragen, Churchill und der britische Geheimdienst hätten diesen Absturz herbeigeführt. Der "Brockhaus" begnügt sich mit der vorsichtigeren Zeile, wonach die Todesumstände "nicht völlig geklärt sind". Jedenfalls schwächte der tödliche Absturz des energischen Politikers die polnische Exilregierung nachhaltig. Für den Gang der Dinge um Katyn aber war der Flugzeugabsturz längst bedeutungslos geworden; sie liefen selbsttätig weiter. Auf zwei Ebenen beanspruchen sie unser besonderes Interesse: auf der politischen in London und auf der gerichtsmedizinischen in Katyn.

Das verräterische Datum

Ohne Rücksicht auf eigene Skrupel und Zweifel steuerte die britische Regierung in eiserner Staatsraison den Kurs der Bündnistreue. Der östliche Alliierte mußte geschont und entlastet werden. So formulierte Eden am 4. Mai im Unterhaus, "daß Großbritannien keinesfalls wünsche, irgend jemanden außer dem gemeinsamen Feind mit der Schuld für diese Ereignisse zu belasten". Der Außenminister beklagte "den Zynismus, mit dem die Nazis, die selber Hunderttausende unschuldiger Polen und Russen umgebracht haben, die Geschichte von einem Massenmord dazu benutzen, die Einigkeit unter den Alliierten zu stören".

In der Tat hatten Edens Worte den Anschein der Berechtigung für sich. Zu viele Schandtaten der deutschen Etappe waren damals, fünfzehn Monate nach der "Wannsee-Konferenz", schon im Ausland bekannt; die Vernichtung der jüdischen Bevölkerung Europas war in vollem Gange. Stalinistische Verbrechen hatten längst nicht den Bekanntheitsgrad wie heute, sondern waren unter dem Tarnnetz eines lautlos rotierenden, riesigen Sicherheitssystems verborgen. Sollten also die Deutschen nicht auch für Katyn verantwortlich sein und lediglich die Methode "Haltet den Dieb!" anwenden? Der Verdacht lag nahe.

Doch die Engländer dachten nicht so, wie sie redeten. Anfang der siebziger Jahre hat Nicholas Lord Bethell, Autor eines Buches über die Auslieferung russischer Flüchtlinge an die Sowjets durch die britische Administration, die Akten des Außenministeriums im Hinblick auf die Frage "Katyn" geprüft. Und dabei kam er zu der bemerkenswerten Feststellung, "daß es schon damals, im Gegensatz zu den Worten Edens, keinen einzigen führenden britischen Politiker gab, der nicht von der Schuld der Russen überzeugt gewesen wäre".

Owen O'Malley, Botschafter Seiner Majestät bei der polnischen Exilregierung, hatte zu jener Zeit bereits Zugang zu dem Beweismaterial Sikorskis und fertigte daraus einen Untersuchungsbericht. Der Bericht wurde - und das spricht nun wieder für die geistige Unabhängigkeit der englischen Demokraten selbst im Krieg - gedruckt und als Umlaufsache dem König und den Kabinettsmitgliedern zur Kenntnis gegeben. Veröffentlicht wurde er natürlich nicht.

Als wichtigstes Indiz für die These, daß die Deutschen mit diesem Verbrechen nichts zu tun haben konnten, nennt der Bericht die Tatsache, daß der Briefverkehr der Offiziere mit ihren Familien im Frühjahr 1940 plötzlich abbrach. O'Malley, der in Bezug auf Katyn fälschlich auch von der Zahl 10 000 ausgeht, schreibt einleuchtend: "Die Deutschen eroberten Smolensk im Juli 1941. Man wird keine einfache Antwort auf die Frage finden, warum es keinem einzigen der 10 000 Offiziere, falls er die Zeit vom Mai 1940 bis zum Juli 1941 überlebt haben sollte, gelungen ist, irgendein Wort an seine Familie durchzubekommen."

Schon da wird also der Finger auf jene Wunde gelegt, die alle Propagandakünstler der alliierten Seite mit Worten nicht heilen konnten: die zeitliche Bruchstelle im Frühjahr 1940. Da die Hinrichtungskommandos viel zu eilig arbeiteten, um die Taschen ihrer Opfer zu leeren (die Auftraggeber ja auch nie mit einer späteren Entdeckung - durch wen auch? - rechneten), hinterließen sie der Untersuchungskommission wichtige Aufschlüsse nichtmedizinischer Art. Die bei den Leichen vorgefundenen Dokumente, Tagebücher, Briefe, Zeitungen stammen aus dem Zeitraum vom Herbst 1939 bis zum Frühjahr 1940. Die letzte nachweisbare Tagesangabe ist die einer sowjetischen Zeitung vom 22. April 1940. Mit diesem verräterischen Datum, und anderen, läßt sich die Tragödie von Katyn, dicht bei einem Erholungsheim des NKWD mit Schießstand und Kino, auf den April 1940 fixieren. Es war genau die Zeit, in der die Offiziere nach exilpolnischer Kenntnis aus den Lagern, zumindest aus Kozelsk und Starobelsk, abtransportiert worden waren.

Die Munition war deutsch

Die internationale Untersuchungskommission beschränkte sich allerdings nicht darauf, die Prawda zu entziffern. Den Gerichtsmedizinern waren die bewährten Methoden der Fachdisziplin wichtiger. Aus dem Zustand der Leichen gelangten sie aber zum gleichen Ergebnis. Die Toten hatten drei Jahre in der Erde gelegen.

Obwohl das internationale Ärztekollegium übereinstimmend zu diesem Beweisabschluß kam, gab es im Berliner Propagandaministerium dennoch Momente der Unsicherheit. Am 8. Mai 1943 mußte Goebbels nämlich im Tagebuch notieren: "Leider ist in den Gräbern von Katyn deutsche Munition gefunden worden. Es muß noch aufgeklärt werden, wie sie dort hingekommen ist. Entweder handelt es sich um Munition, die von uns während der Zeit des gütlichen Übereinkommens an die Sowjetrussen verkauft worden ist, oder die Sowjets haben selbst diese Munition hineingeworfen."

Natürlich war die zweitgenannte Möglichkeit abwegig, gerade wegen der sonstigen Sorglosigkeit der Mörder: Warum falsche Spuren legen, wenn richtige nicht gelöscht werden? Mit der Alternative aber lag Goebbels richtig. Tatsächlich hatte die Firma Genschow in Karlsruhe-Durlach, auf deren Namen die Geschosse hinwiesen, einst im Rahmen des Rapallo-Vertrages Munition in den Osten geliefert. Goebbels durfte nach unerquicklichen Augenblikken wieder beruhigt sein.

Ein Grundsatzproblem der Wahrheitsfindung bleibt zu erörtern, die Frage der Unabhängigkeit der Untersuchenden. Elf der zwölf Ärzte gehörten den besetzten oder mit Deutschland verbündeten Ländern an. Bei jedem Gutachtergremium solcher Zusammensetzung ist erfahrungsgemäß Mißtrauen gerechtfertigt. Konnte das Schlußprotokoll unter Druck ein "erwünschtes" Ergebnis gehabt haben?

Wäre nicht die Summe der übrigen Einzelheiten schon schlüssig genug, so bürgt als wesentlichste Beweisstütze für die Seriosität des Schlußberichtes der Name François Naville. Der hochangesehene Genfer Gerichtsmediziner war der einzige Neutrale in dem Ärzteteam. Er hatte nicht nötig, den Nazis zuliebe von der erkannten Wahrheit abzurücken. Als er im Januar 1947 vom Großen Rat des Kantons Genf zu den Vorgängen von Katyn vernommen wurde, stellte der Rat hinterher fest, Naville habe damals "seinem Berufsstand gemäß gehandelt". Das aber hieß: Er hatte unbeeinflußt und aus rein fachlicher Überzeugung geurteilt. Auch nach Navilles Überzeugung waren die polnischen Offiziere im April 1943 schon drei Jahre tot.

1946 und 1952 haben polnische und amerikanische Untersuchungen gleichfalls die Sowjets für schuldig erklärt. Der Krakauer Staatsanwalt Roman Martini ermittelte sogar die Namen der NKWD-Offiziere, die die Exekution befehligt hatten. Ihr Chef sei ein Mann namens Burjanow gewesen, eigens aus Moskau entsandt. Kaum hatte Dr. Martini seinen Untersuchungsbericht dem polnischen Justizministerium überreicht, da wurde er, am 12. März 1946, von zwei jugendlichen Mitgliedern der Gesellschaft für polnisch-sowjetische Freundschaft ermordet. So hatte Katyn in den beiden polnischen Wahrheitssuchern Sikorski und Martini seine letzten Opfer gefunden, Nr. 4144 und 4145 . . .

Unterdrückte Wahrheit hat eine unangenehme Eigenschaft: Sie läßt nicht locker, sie will ans Licht. 1956, als erstmals eine - noch vorübergehende - Entstalinisierung in Rußland begann, als der Umklammerungsgriff des vorgeschriebenen Geschichtsbildes auch von den Polen zu weichen schien, wurde unser Thema augenblicklich wieder wach. Die Führung der Vereinigten Polnischen Arbeiterpartei, so schrieb der Spiegel im August 1956, "drängt immer nachdrücklicher darauf, daß die Regierung der Sowjetunion den Katyn-Fall offiziell als ein stalinistisches Verbrechen eingesteht".

Das geschah nicht. Nikita Sergejewitsch Chruschtschow hatte zwar in einer Geheimrede auf dem XX. Parteitag der KPdSU mit Stalin abgerechnet, diesen Komplex aber nicht erwähnt. Außerdem waren - ganz allgemein - zu viele im Lande zu wenig interessiert an einer Aufarbeitung der Vergangenheit. Das eigene Mittun so vieler scheute die Durchleuchtung. So versickerte der Reformversuch wie ein Rinnsal im Wüstensand. Erst mit Gorbatschow, dreißig Jahre danach, kam neue Hoffnung auf, daß die Stalinzeit insgesamt in einem Prozeß rückhaltloser Diskussion historisch durchlüftet werde. Im März dieses Jahres forderten neunundfünfzig polnische Intellektuelle in einem offenen Brief, die Wahrheit über Katyn müsse in Rußland bekanntgemacht werden.

Dabei ist merkwürdig, daß das makabre Schlagwort immer allein im Raum des Fragens und Forschens steht. Was ist mit den vielen Tausenden, die ebenfalls verschollen sind, aber nie gefunden wurden? Daß sie alle, die in den drei erwähnten Lagern gefangengehalten worden waren, "mit größter Wahrscheinlichkeit noch im Frühjahr 1940 ermordet" wurden, vermutete der Osteuropa-Historiker Gotthold Rhode zuletzt im März 1988 in der Frankfurter Allgemeinen. Die deutsche Zufallsentdeckung 1943 hat also nur den dritten Teil eines Dreifach-Verbrechens ans Licht gebracht. Da Katyn nicht sehr weit von Kozelsk entfernt liegt, könnte man folgern, daß die anderen Massengräber ebenfalls im Umkreis der einstigen polnischen Gefangenenlager zu finden wären: in der Ukraine um Woroschilowgrad und im Gebiet der Waldai-Höhen im Nordwesten.

Wird der Schleier auch von diesen anderen Untaten gehoben werden? Wird sowjetische Selbstüberwindung, falls sie Katyn eingesteht, weitergehen bis zu einem Totalgeständnis? Gibt man einen Mord zu, solange die Leiche nicht entdeckt ist? Und wer sollte sie noch entdecken außer fremden Eroberern, die wir dem geprüften russischen Volk nie wieder wünschen wollen. Auf dem Warschauer Stadtfriedhof wurde im April 1985 ein Denkmal errichtet mit der von der polnischen Regierung initiierten Inschrift: "Den polnischen Soldaten, Opfern des Hitlerfaschismus, die in der Erde von Katyn ruhen." Wem nützte - im Jahre 1985! - solche Verfälschung der Wahrheit, wo doch jeder Pole die Tatsachen kennt? Von einem Protest der Bundesregierung in Bonn ist nichts bekanntgeworden, so daß man glauben darf, er sei aus falscher Rücksichtnahme auf das belastete deutsch-polnische Verhältnis von vornherein unterblieben. Übrigens brachten polnische Demonstranten im August desselben Jahres 1985 ein Transparent in den Nationalfarben Rot und Weiß an dem Denkmal an. Die Aufschrift lautete: "Die Wahrheit wird siegen!"


Quelle: DAMALS - Das Geschichtsmagazin
September 1988

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