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9. Juli
2010
Katyn
1943
Polens offene
Wunde
Von Harald Steffahn
Nürnberger Prozeß, 14.
Februar 1946. Der stellvertretende sowjetische
Hauptankläger, Oberst J. W. Pokrowski, meldet sich zu
Wort. "Ich möchte mich jetzt mit den Grausamkeiten
beschäftigen, die von den Hitleristen gegenüber
Angehörigen der polnischen Armee begangen wurden. Wir
ersehen aus der Anklageschrift, daß eine der
wichtigsten verbrecherischen Handlungen die
Massenhinrichtung polnischer Kriegsgefangener war, die in
den Wäldern von Katyn bei Smolensk von den
deutschfaschistischen Eindringlingen vorgenommen wurde." In
den folgenden dreizehn Tagen treten eine Reihe Zeugen auf,
deutsche und ausländische. Die Äußerungen im
Kreuzverhör der Ankläger und Verteidiger ergeben
keine hinreichende Schulderkenntnis, keine eindeutigen
Beweise. Alles bleibt ziemlich undurchsichtig. Aber
Görings Verteidiger Otto Stahmer stellt immer wieder
bohrende Fragen, bringt Zeugen der Anklage in
Bedrängnis.
Schließlich verschwindet das
Thema sang- und klanglos vom Tisch. Seit dem 26. Februar
1946 fällt in Nürnberg kein amtliches Wort mehr
über Katyn. Später äußerte der
stellvertretende amerikanische Hauptankläger Robert
Kempner: "Wir haben Stahmer bewundert, daß er die
Sowjets damals zwang, die Katyn-Anklage fallenzulassen." Und
der US-Hauptankläger Robert Jackson ergänzte: "Ich
habe schon in Nürnberg mit der Möglichkeit
gerechnet, daß die Sowjets an Katyn schuld sind.
Deshalb haben wir es abgelehnt, die Deutschen dafür
schuldig zu sprechen."
Im geheimen Zusatzprotokoll zum
Hitler-Stalin-Pakt, zum deutsch-sowjetischen
Nichtangriffsabkommen vom 23. August 1939, war
Ostmitteleuropa in beiderseitige Interessensphären
aufgeteilt worden. Demgemäß marschierten
Verbände der Roten Armee einen Monat später in
Ostpolen ein, nachdem die Wehrmacht die polnischen
Streitkräfte innerhalb von drei Wochen niedergeworfen
hatte. 230 000 polnische Soldaten fielen in die Hände
der Sowjets. Seit Hitler und Stalin, die Kumpane der
Machtaufteilung, die halben Verbündeten im Polenkrieg,
nun einander selber bekämpften, also seit dem 22. Juni
1941, waren die Polen mit einemmal Gesinnungsgenossen der
Sowjets. Die Regierung in Moskau und die polnische
Exilregierung in London schlossen einen Beistandspakt.
Stalin entließ die Gefangenen, gestattete ihnen, eine
Armee zu bilden, die - unter General Wladyslaw Anders - auf
alliierter Seite kämpfte, allerdings nicht im Osten.
Aber merkwürdig: Viele tausend
polnische Offiziere blieben unauffindbar, gaben kein
Lebenszeichen, wurden nirgendwo mehr gesehen. In London
führte man akkurate Listen über jeden verlorenen
Sohn des unglücklichen Landes. Daraus ergab sich: Etwa
4500 von ihnen waren 1939 ins Gefangenenlager Kozelsk bei
Kaluga verbracht worden, etwa 4000 nach Starobelsk bei
Woroschilowgrad, 5400 nach Ostaschkow südlich der
Waldai-Höhen (im Nordwesten). Von dieser dritten Gruppe
auf einer Halbinsel im Seligersee müssen aber etliche
abgezogen werden, die nicht im engeren Sinn zum
Offizierskorps gehörten (Polizei und Zoll).
Die Sowjetzeitung Roter
Stern, das Blatt der Armee, hatte im September 1940, zum
ersten Jahrestag des Einmarsches, in aller Unbefangenheit
genaue Gefangenenzahlen genannt, allerdings einander
widersprechende. Darin war einmal von 9361 Offizieren die
Rede, ein andermal von 12 000. So gilt wohl, daß
zumindest nicht weniger als 9361 Offiziere in den drei
genannten Lagern gefangengehalten worden waren;
wahrscheinlicher ist die Zahl von 12 000. Sie kommt
näher an die in London registrierte Gesamtziffer in den
drei Lagern heran. Der Rest hätte dann aus anderen
Gefangenen bestanden. Jedenfalls: Wo waren sie alle
geblieben, diese insgesamt 13 900 Mann?
Stalin schweigt
Am 14. November 1941 gelingt es dem
polnischen Botschafter in Moskau, Jan Kot, zu Stalin
vorzudringen. Der Diplomat erläutert, daß im
Frühjahr 1940, so wisse man bei der polnischen
Exilregierung, die Offiziere aus den Lagern Kozelsk und
Starobelsk fortgebracht worden seien. "Es besteht eine
undurchdringliche Mauer zwischen uns und diesen
weggebrachten Männern." Kein einziger sei wieder
aufgetaucht. Vom dritten Lager macht er keine Angaben.
Nun folgt eine unheimliche Szene.
Stalin läßt sich mit der Zentrale der
Geheimpolizei NKWD, wie sie damals hieß, verbinden.
"Hier Stalin. Sind alle Polen aus den Gefängnissen
freigelassen worden?" Nach acht Minuten, während der
Diktator mit seinem Besucher über andere Dinge spricht,
kommt die telephonische Antwort. Der Kremlherr hört sie
sich schweigend an - und erwähnt das Thema
gegenüber dem gespannt wartenden Botschafter mit keinem
Wort mehr . . .
In den folgenden Wochen und Monaten
intervenierte die polnische Exilregierung unter
Ministerpräsident Wladyslaw Sikorski beharrlich bei den
sowjetischen Behörden und bei Stalin direkt, um Licht
in das Dunkel um die verschollenen Landsleute zu
bringen. Nur ausweichende Antworten wurden den Polen zuteil.
Ein dunkler Verdacht schlich sich bei den Exilpolen ein,
doch fühlten sie sich außerstande, den
verbündeten Sowjets mit unnachsichtiger Entschiedenheit
entgegenzutreten, solange die Sowjetunion die Last des
Krieges selber mit aller Härte trug. Auch das
Gastrecht, das die Repräsentanten des unterworfenen
Volkes in London genossen, gebot ihnen Zurückhaltung.
Auf deutscher Seite wußte man
nichts von den drängenden Sorgen der Polen um ihre
verschwundene Heereselite. Auch war das Schicksal von
mehreren tausend slawischen "Untermenschen" kein Gegenstand
von Bedeutung für germanische "Herrenmenschen". Noch
nicht. Indessen geschahen aber seltsame Dinge. Anschaulich
berichten darüber Joe Heydecker und Johannes Leeb im
Katyn-Kapitel ihres Buches über den Nürnberger
Prozeß.
Im Sommer 1942, ein Jahr nach der
Eroberung von Smolensk, arbeiteten Baueinheiten der
Organisation Todt in dieser Gegend. Unter ihnen waren zehn
Polen, die von einem hier wohnenden Landsmann auf angebliche
Grabstellen aufmerksam gemacht wurden. Heimlich gruben sie
an der angegebenen Stelle nach und stießen auf
Gebeine. Sie deckten den Fundort wieder zu und
schmückten ihn mit einem Birkenkreuz. Dabei blieb es
zunächst.
Doch kursierten Gerüchte
über Erschießungen und hielten sich
hartnäckig. Schließlich waren die Wälder um
Smolensk, gerade hier bei Katyn, beliebte Ausflugsziele der
Stadtbewohner gewesen. Was immer hier geschehen war, es
konnte nicht völlig geheim geblieben sein. Im Winter
1942/43 sah der Oberst Friedrich Ahrens vom
Nachrichtenregiment 537 einen Wolf. Er ging seinen Spuren
nach und fand Scharrstellen an dem Birkenkreuz. Da
Menschenknochen zutage kamen, das Grab selber aber nicht
identifizierbar war, benachrichtigte der Oberst, dem die
Sache verdächtig vorkam, den Kriegsgräberoffizier
der Division.
Der 13. April 1943
Eines Tages, der Winter ist zu Ende,
erscheint der Gerichtsmediziner Professor Dr. Buhtz aus
Breslau und erklärt dem Oberst, er müsse im
Auftrag der Heeresgruppe Mitte Ausgrabungen vornehmen. Sie
enden mit einer furchtbaren Entdeckung: Lauter
Massengräber mit ermordeten polnischen Offizieren
werden freigelegt. Noch während der Exhumierung meldet
das Deutsche Nachrichten-Büro am 13. April 1943: "Ein
grauenvoller Fund, der vor kurzem von deutschen
militärischen Stellen am Kosegory-Hügel, 20
Kilometer westlich von Smolensk an der Straße
Smolensk-Witebst, gemacht wurde, gibt einen ebenso
erschütternden wie einwandfreien Aufschluß
über den Massenmord an mehr als zehntausend Offizieren
aller Grade, darunter zahlreiche Generale, der ehemaligen
polnischen Wehrmacht." Sie seien heimlich von der GPU (NKWD)
umgebracht worden.
Goebbels spricht in seinem Tagebuch
sogar von 12 000 Ermordeten. Der Fundort selber gibt "nur"
4143 Leichen frei. Die Offiziere waren, wie sich
herausstellt, allesamt aus dem Lager Kozelsk hierher
transportiert worden. Der Reichspropagandaminister
triumphiert. Der Fall Katyn werde "nun in größtem
Stil in der antibolschewistischen Propaganda eingesetzt. Wir
haben neutrale Journalisten und polnische Intellektuelle an
die Fundstelle führen lassen. Die Berichte, die aus dem
Ausland darüber hereinkommen, sind grauenerregend. Ich
gebe Anweisung, dies Propagandamaterial in weitestem Umfang
auszunutzen." Und zynisch fügt er hinzu: "Wir werden
davon einige Wochen leben können."
Neben dem Frohlocken auf
nationalsozialistischer Seite weckt die Sensation, je nach
dem Standort, Entsetzen beziehungsweise Verlegenheit.
Fassungslos verfolgen die Exilpolen in London die
Enthüllungen, die ihren schlimmsten Verdacht
bestätigen. Zur Stunde, da die deutsche
Propagandamaschine angelassen wird, sitzt der polnische
Regierungschef gerade mit Premierminister Churchill beim
Lunch. Sikorski teilt seinem Gastgeber mit, er besitze "eine
Fülle von Beweisen" für die Schuld der Sowjets.
Churchill, der sofort die schlimmen und weittragenden Folgen
für die Harmonie unter den Verbündeten
ermißt, versucht zu mäßigen: "Wenn sie tot
sind, wird alles, was Sie tun, sie doch nicht wieder
lebendig machen."
Außenminister Anthony Eden
berichtet dem Kabinett bald darauf am 19. April (an dem Tag
beginnt der verzweifelte Aufstand der Juden im Warschauer
Ghetto), er habe "alles Mögliche getan, um die Polen
dazu zu bringen, dies als ein deutsches Propagandastück
zu betrachten, das Zwietracht unter den Alliierten säen
sollte". Seine Bemühungen sind vergeblich.
". . . zu spät, Herr
Churchill!"
In welchem Dilemma sich die
Engländer befanden, versuchte der Dramatiker Rolf
Hochhuth in seinem Stück "Soldaten" szenisch zu
beleben.
Sikorski:
Viertausend von vierzehntausend sind gefunden; die Elite
meiner Offiziere, und dem Ministerpräsidenten Polens
soll verwehrt sein, zu fragen, wer der Mörder ist?
Churchill: Da Sie es
wissen: Um Polens willen, fragen Sie nicht
jetzt! . . . Ich bitte Sie inständig im Namen
unserer gemeinsamen Pflicht Hitler niederzuwerfen -
schweigen Sie zu Katyn! Verschieben Sie die Untersuchung
- ich bitte Sie! Nicht in diesem fürchterlichen
Jahr.
Sikorski: Zu spät -
es ist zu spät, Herr Churchill! Premierminister: ich
habe Ihnen namens der polnischen Regierung amtlich
mitzuteilen, daß mein Botschafter heute früh
in Genf dem Schweizer Roten Kreuz die Untersuchung der
Gräber von Katyn -
Churchill: Nein! Nein!
Nein!
Da das nationale Polen von der
Schuld der Sowjets überzeugt war und ohne
Rücksicht auf die Waffenbruderschaft eine
internationale Untersuchung unter Aufsicht des Roten Kreuzes
beantragte, versuchte der Kreml, aus der fatalen Situation
auf bestmögliche Weise herauszukommen. Der Angriff
erschien da als die beste Verteidigung. "Hitlers polnische
Komplizen", lautete die bezeichnende Schlagzeile der
Prawda vom 20. April 1943. In dem Artikel wurde
behauptet, die fraglichen polnischen Gefangenen seien in der
Umgebung von Smolensk zum Straßenbau eingesetzt
gewesen und hätten beim Herannahen der Deutschen nicht
mehr evakuiert werden können. So seien sie den Feinden
in die Hände gefallen und - da man sie jetzt tot
aufgefunden habe - also von ihnen ermordet worden. Sikorski
und die Exilpolen insgesamt wurden als Verleumder
hingestellt. Die Sowjetregierung begnügte sich nicht
mit Beschimpfungen durch die parteiamtliche Presse, sondern
brach die Beziehungen zur polnischen Exilregierung ab.
Bald danach, am 4. Juli, kam
Sikorski bei einem Flugzeugabsturz nahe Gibraltar ums Leben.
Großen gerichtlichen Ärger hat dem Dramatiker
Hochhuth die Behauptung eingetragen, Churchill und der
britische Geheimdienst hätten diesen Absturz
herbeigeführt. Der "Brockhaus" begnügt sich mit
der vorsichtigeren Zeile, wonach die Todesumstände
"nicht völlig geklärt sind". Jedenfalls
schwächte der tödliche Absturz des energischen
Politikers die polnische Exilregierung nachhaltig. Für
den Gang der Dinge um Katyn aber war der Flugzeugabsturz
längst bedeutungslos geworden; sie liefen
selbsttätig weiter. Auf zwei Ebenen beanspruchen sie
unser besonderes Interesse: auf der politischen in London
und auf der gerichtsmedizinischen in Katyn.
Das verräterische
Datum
Ohne Rücksicht auf eigene
Skrupel und Zweifel steuerte die britische Regierung in
eiserner Staatsraison den Kurs der Bündnistreue. Der
östliche Alliierte mußte geschont und entlastet
werden. So formulierte Eden am 4. Mai im Unterhaus,
"daß Großbritannien keinesfalls wünsche,
irgend jemanden außer dem gemeinsamen Feind mit der
Schuld für diese Ereignisse zu belasten". Der
Außenminister beklagte "den Zynismus, mit dem die
Nazis, die selber Hunderttausende unschuldiger Polen und
Russen umgebracht haben, die Geschichte von einem Massenmord
dazu benutzen, die Einigkeit unter den Alliierten zu
stören".
In der Tat hatten Edens Worte den
Anschein der Berechtigung für sich. Zu viele
Schandtaten der deutschen Etappe waren damals, fünfzehn
Monate nach der "Wannsee-Konferenz", schon im Ausland
bekannt; die Vernichtung der jüdischen Bevölkerung
Europas war in vollem Gange. Stalinistische Verbrechen
hatten längst nicht den Bekanntheitsgrad wie heute,
sondern waren unter dem Tarnnetz eines lautlos rotierenden,
riesigen Sicherheitssystems verborgen. Sollten also die
Deutschen nicht auch für Katyn verantwortlich sein und
lediglich die Methode "Haltet den Dieb!" anwenden? Der
Verdacht lag nahe.
Doch die Engländer dachten
nicht so, wie sie redeten. Anfang der siebziger Jahre hat
Nicholas Lord Bethell, Autor eines Buches über die
Auslieferung russischer Flüchtlinge an die Sowjets
durch die britische Administration, die Akten des
Außenministeriums im Hinblick auf die Frage "Katyn"
geprüft. Und dabei kam er zu der bemerkenswerten
Feststellung, "daß es schon damals, im Gegensatz zu
den Worten Edens, keinen einzigen führenden britischen
Politiker gab, der nicht von der Schuld der Russen
überzeugt gewesen wäre".
Owen O'Malley, Botschafter Seiner
Majestät bei der polnischen Exilregierung, hatte zu
jener Zeit bereits Zugang zu dem Beweismaterial Sikorskis
und fertigte daraus einen Untersuchungsbericht. Der Bericht
wurde - und das spricht nun wieder für die geistige
Unabhängigkeit der englischen Demokraten selbst im
Krieg - gedruckt und als Umlaufsache dem König und den
Kabinettsmitgliedern zur Kenntnis gegeben.
Veröffentlicht wurde er natürlich nicht.
Als wichtigstes Indiz für die
These, daß die Deutschen mit diesem Verbrechen nichts
zu tun haben konnten, nennt der Bericht die Tatsache,
daß der Briefverkehr der Offiziere mit ihren Familien
im Frühjahr 1940 plötzlich abbrach. O'Malley, der
in Bezug auf Katyn fälschlich auch von der Zahl 10 000
ausgeht, schreibt einleuchtend: "Die Deutschen eroberten
Smolensk im Juli 1941. Man wird keine einfache Antwort auf
die Frage finden, warum es keinem einzigen der 10 000
Offiziere, falls er die Zeit vom Mai 1940 bis zum Juli 1941
überlebt haben sollte, gelungen ist, irgendein Wort an
seine Familie durchzubekommen."
Schon da wird also der Finger auf
jene Wunde gelegt, die alle Propagandakünstler der
alliierten Seite mit Worten nicht heilen konnten: die
zeitliche Bruchstelle im Frühjahr 1940. Da die
Hinrichtungskommandos viel zu eilig arbeiteten, um die
Taschen ihrer Opfer zu leeren (die Auftraggeber ja auch nie
mit einer späteren Entdeckung - durch wen auch? -
rechneten), hinterließen sie der
Untersuchungskommission wichtige Aufschlüsse
nichtmedizinischer Art. Die bei den Leichen vorgefundenen
Dokumente, Tagebücher, Briefe, Zeitungen stammen aus
dem Zeitraum vom Herbst 1939 bis zum Frühjahr 1940. Die
letzte nachweisbare Tagesangabe ist die einer sowjetischen
Zeitung vom 22. April 1940. Mit diesem verräterischen
Datum, und anderen, läßt sich die Tragödie
von Katyn, dicht bei einem Erholungsheim des NKWD mit
Schießstand und Kino, auf den April 1940 fixieren. Es
war genau die Zeit, in der die Offiziere nach exilpolnischer
Kenntnis aus den Lagern, zumindest aus Kozelsk und
Starobelsk, abtransportiert worden waren.
Die Munition war deutsch
Die internationale
Untersuchungskommission beschränkte sich allerdings
nicht darauf, die Prawda zu entziffern. Den
Gerichtsmedizinern waren die bewährten Methoden der
Fachdisziplin wichtiger. Aus dem Zustand der Leichen
gelangten sie aber zum gleichen Ergebnis. Die Toten hatten
drei Jahre in der Erde gelegen.
Obwohl das internationale
Ärztekollegium übereinstimmend zu diesem
Beweisabschluß kam, gab es im Berliner
Propagandaministerium dennoch Momente der Unsicherheit. Am
8. Mai 1943 mußte Goebbels nämlich im Tagebuch
notieren: "Leider ist in den Gräbern von Katyn deutsche
Munition gefunden worden. Es muß noch aufgeklärt
werden, wie sie dort hingekommen ist. Entweder handelt es
sich um Munition, die von uns während der Zeit des
gütlichen Übereinkommens an die Sowjetrussen
verkauft worden ist, oder die Sowjets haben selbst diese
Munition hineingeworfen."
Natürlich war die zweitgenannte
Möglichkeit abwegig, gerade wegen der sonstigen
Sorglosigkeit der Mörder: Warum falsche Spuren legen,
wenn richtige nicht gelöscht werden? Mit der
Alternative aber lag Goebbels richtig. Tatsächlich
hatte die Firma Genschow in Karlsruhe-Durlach, auf deren
Namen die Geschosse hinwiesen, einst im Rahmen des
Rapallo-Vertrages Munition in den Osten geliefert. Goebbels
durfte nach unerquicklichen Augenblikken wieder beruhigt
sein.
Ein Grundsatzproblem der
Wahrheitsfindung bleibt zu erörtern, die Frage der
Unabhängigkeit der Untersuchenden. Elf der zwölf
Ärzte gehörten den besetzten oder mit Deutschland
verbündeten Ländern an. Bei jedem Gutachtergremium
solcher Zusammensetzung ist erfahrungsgemäß
Mißtrauen gerechtfertigt. Konnte das
Schlußprotokoll unter Druck ein "erwünschtes"
Ergebnis gehabt haben?
Wäre nicht die Summe der
übrigen Einzelheiten schon schlüssig genug, so
bürgt als wesentlichste Beweisstütze für die
Seriosität des Schlußberichtes der Name
François Naville. Der hochangesehene Genfer
Gerichtsmediziner war der einzige Neutrale in dem
Ärzteteam. Er hatte nicht nötig, den Nazis zuliebe
von der erkannten Wahrheit abzurücken. Als er im Januar
1947 vom Großen Rat des Kantons Genf zu den
Vorgängen von Katyn vernommen wurde, stellte der Rat
hinterher fest, Naville habe damals "seinem Berufsstand
gemäß gehandelt". Das aber hieß: Er hatte
unbeeinflußt und aus rein fachlicher Überzeugung
geurteilt. Auch nach Navilles Überzeugung waren die
polnischen Offiziere im April 1943 schon drei Jahre tot.
1946 und 1952 haben polnische und
amerikanische Untersuchungen gleichfalls die Sowjets
für schuldig erklärt. Der Krakauer Staatsanwalt
Roman Martini ermittelte sogar die Namen der NKWD-Offiziere,
die die Exekution befehligt hatten. Ihr Chef sei ein Mann
namens Burjanow gewesen, eigens aus Moskau entsandt. Kaum
hatte Dr. Martini seinen Untersuchungsbericht dem polnischen
Justizministerium überreicht, da wurde er, am 12.
März 1946, von zwei jugendlichen Mitgliedern der
Gesellschaft für polnisch-sowjetische Freundschaft
ermordet. So hatte Katyn in den beiden polnischen
Wahrheitssuchern Sikorski und Martini seine letzten Opfer
gefunden, Nr. 4144 und 4145 . . .
Unterdrückte Wahrheit hat eine
unangenehme Eigenschaft: Sie läßt nicht locker,
sie will ans Licht. 1956, als erstmals eine - noch
vorübergehende - Entstalinisierung in Rußland
begann, als der Umklammerungsgriff des vorgeschriebenen
Geschichtsbildes auch von den Polen zu weichen schien, wurde
unser Thema augenblicklich wieder wach. Die Führung der
Vereinigten Polnischen Arbeiterpartei, so schrieb der
Spiegel im August 1956, "drängt immer
nachdrücklicher darauf, daß die Regierung der
Sowjetunion den Katyn-Fall offiziell als ein stalinistisches
Verbrechen eingesteht".
Das geschah nicht. Nikita
Sergejewitsch Chruschtschow hatte zwar in einer Geheimrede
auf dem XX. Parteitag der KPdSU mit Stalin abgerechnet,
diesen Komplex aber nicht erwähnt. Außerdem waren
- ganz allgemein - zu viele im Lande zu wenig interessiert
an einer Aufarbeitung der Vergangenheit. Das eigene Mittun
so vieler scheute die Durchleuchtung. So versickerte der
Reformversuch wie ein Rinnsal im Wüstensand. Erst mit
Gorbatschow, dreißig Jahre danach, kam neue Hoffnung
auf, daß die Stalinzeit insgesamt in einem
Prozeß rückhaltloser Diskussion historisch
durchlüftet werde. Im März dieses Jahres forderten
neunundfünfzig polnische Intellektuelle in einem
offenen Brief, die Wahrheit über Katyn müsse in
Rußland bekanntgemacht werden.
Dabei ist merkwürdig, daß
das makabre Schlagwort immer allein im Raum des Fragens und
Forschens steht. Was ist mit den vielen Tausenden, die
ebenfalls verschollen sind, aber nie gefunden wurden?
Daß sie alle, die in den drei erwähnten Lagern
gefangengehalten worden waren, "mit größter
Wahrscheinlichkeit noch im Frühjahr 1940 ermordet"
wurden, vermutete der Osteuropa-Historiker Gotthold Rhode
zuletzt im März 1988 in der Frankfurter Allgemeinen.
Die deutsche Zufallsentdeckung 1943 hat also nur den dritten
Teil eines Dreifach-Verbrechens ans Licht gebracht. Da Katyn
nicht sehr weit von Kozelsk entfernt liegt, könnte man
folgern, daß die anderen Massengräber ebenfalls
im Umkreis der einstigen polnischen Gefangenenlager zu
finden wären: in der Ukraine um Woroschilowgrad und im
Gebiet der Waldai-Höhen im Nordwesten.
Wird der Schleier auch von diesen
anderen Untaten gehoben werden? Wird sowjetische
Selbstüberwindung, falls sie Katyn eingesteht,
weitergehen bis zu einem Totalgeständnis? Gibt man
einen Mord zu, solange die Leiche nicht entdeckt ist? Und
wer sollte sie noch entdecken außer fremden Eroberern,
die wir dem geprüften russischen Volk nie wieder
wünschen wollen. Auf dem Warschauer Stadtfriedhof wurde
im April 1985 ein Denkmal errichtet mit der von der
polnischen Regierung initiierten Inschrift: "Den polnischen
Soldaten, Opfern des Hitlerfaschismus, die in der Erde von
Katyn ruhen." Wem nützte - im Jahre 1985! - solche
Verfälschung der Wahrheit, wo doch jeder Pole die
Tatsachen kennt? Von einem Protest der Bundesregierung in
Bonn ist nichts bekanntgeworden, so daß man glauben
darf, er sei aus falscher Rücksichtnahme auf das
belastete deutsch-polnische Verhältnis von vornherein
unterblieben. Übrigens brachten polnische Demonstranten
im August desselben Jahres 1985 ein Transparent in den
Nationalfarben Rot und Weiß an dem Denkmal an. Die
Aufschrift lautete: "Die Wahrheit wird siegen!"
Quelle: DAMALS - Das
Geschichtsmagazin
September 1988
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