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1. Oktober
2005
1812: Die Konvention
von Tauroggen
Von Günther
Elbin
Nach Moskau
In der Nacht vom 23. auf den 24.
Juni 1812 überschritt Napoleons Grande Armee auf
breiter Front den russischen Grenzfluß Njemen (Memel)
- mit über 500 000 Mann, 100 000 Pferden und 1 100
Kanonen das gewaltigste Heeresaufgebot in der bisherigen
Geschichte. Nur etwa 250 000 Mann waren Franzosen, die
andere Hälfte rekrutierte sich aus Soldaten nahezu
aller Völker Europas. Zahlenmäßig besonders
stark vertreten waren die Hilfskorps aus Bayern und
Österreich, gefolgt von Preußen.
Erst am 16. August, sieben Wochen
nach Feldzugsbeginn, stellten sich die Russen nach
ermüdender Hinhaltetaktik bei Smolensk und am 5.
September bei Borodino, nurmehr knapp hundert Kilometer von
Moskau entfernt, zur Schlacht. Beide Male siegte Napoleon -
beide Male waren es klassische Pyrrhussiege, die keinerlei
Entscheidung brachten, doch auf beiden Seiten hohe Verluste
kosteten. Und immer noch zogen sich die Russen weiter nach
Osten zurück - "so Gott will bis zum Ural und noch
weiter", wie man im Stab des kriegserfahrenen Marschalls
Kutusow, des Oberbefehlshabers der Zarenarmee, zu sagen
pflegte, obgleich es dort, auch das muß erwähnt
werden, nicht nur Befürworter, sondern ebenso
zahlreiche Gegner dieses ewigen Zurückziehens gab.
Mit dieser Ausweichstrategie, zu der
sich rasch die Taktik der verbrannten Erde gesellte, hatte
Napoleon keineswegs gerechnet. Einen Blitzkrieg hatte er zu
führen gedacht, und zwar ohne allzu tief nach
Rußland einzudringen, mit einer oder zwei
Entscheidungsschlachten, die das russische Heer vernichten
und Zar Alexander I. friedenswillig machen sollten. "Wie
wenig der Korse mit einem ausgedehnten Feldzug in den Weiten
Rußlands rechnete wird auch daran deutlich, daß
seine Armee ohne Winterausrüstung in den Kampf zog.
Einen Blitzkrieg gedachte Napoleon zu führen - genauso
wie Adolf Hitler einhundertneunundzwanzig Jahre später,
was sich hier wie dort als entscheidender Irrtum erweisen
sollte." (Georg Florian)
Am 14. September besetzte das nur
noch rund einhunderttausend Mann zählende Gros der
Grande Armee Moskau, "diese im Goldglanz funkelnde Stadt,
der herrliche Vereinigungspunkt von Asien und Europa", wie
der französische Kriegsteilnehmer Graf Ségur
vermerkte. Der Kaiser bezog Quartier im Kreml. Das russische
Heer aber blieb nun, da ihm das französische nicht mehr
folgte, ein paar Meilen hinter Moskau stehen.
Bereits am 15. September, einen Tag
nach dem Einzug der Franzosen, flackerten überall in
Moskau Brände auf. Rasch griffen sie in der fast
ausschließlich aus Holzgebäuden bestehenden Stadt
um sich, und es dauerte bloß drei, vier Tage, bis
nahezu ganz Moskau in Flammen stand.
Napoleon saß im Kreml, schaute
auf die verglimmende Asche der Stadt, wartete auf eine
Antwort oder gar auf ein Friedensangebot des Zaren, doch
Alexander I. würdigte ihn keiner Antwort. Er hatte
inzwischen den Krieg gegen die Eindringlinge zum
"Vaterländischen Krieg" erklärt.
Rückzug in die
Katastrophe
Sechsundzwanzig Tage lang wartete
der Kaiser der Franzosen nutz- und tatenlos im Kreml.
Darüber verpaßte er den richtigen Zeitpunkt
für den Rückmarsch, und als er ihn dann am 10.
Oktober endlich antrat, hatten Krankheiten seine Armee bis
auf 80 000 Mann dezimiert, die Witterungsverhältnisse
spitzten sich dramatisch zu und sagten den Eindringlingen
den Kampf an. Zudem machte der Hunger zu schaffen.
Denn die Russen hatten auf ihrem
Rückzug nach Moskau rigoros die Taktik der verbrannten
Erde betrieben, und alles, was dem Feind hätte von
Nutzen sein können - Städte, Dörfer,
Gutshöfe, Bauerngehöfte, selbst die elendsten
Katen noch - unbarmherzig niedergebrannt, am Ende sogar
Moskau. Außerdem setzte der Regen ein und verwandelte
jeden Weg und Steg in grundlosen Schlamm, so auch Napoleons
Rückzugstraße nach Borodino und Smolensk.
Doch bald schlug das Wetter um. Ende
Oktober fror es Stein und Bein. Am 6. November fiel der
erste Schnee. Das Land bedeckte sich mit einem
"Leichentuch". Leo Tolstoj schrieb während der
Vorstudien zu seinem großen Epos "Krieg und Frieden"
an seine Frau Sophia: "Im nachhinein könnte man
wahrhaftig glauben, Gott selber hätte alles getan, die
Eindringlinge von der russischen Erde zu vertreiben. Denn
nicht immer hatten wir einen so kalten Winter wie 1812."
Auch Carl von Clausewitz, Kriegsteilnehmer auf russischer
Seite, sprach in seinem Buch "Der russische Feldzug von
1812" von einem "ungewöhnlich strengen Winter". Die
Metapher vom Schnee als Leichentuch feindlicher Armeen in
Rußland begann umzugehen. Jedenfalls waren es in
diesem Winter mehr noch als die Kugeln russischer Grenadiere
und die Lanzen der Kosaken der Frost, der Schnee, der Hunger
und die schier unmenschlichen Strapazen eines schnell zu
regelloser Flucht ausartenden Rückzugs, die Napoleons
Armee vernichten sollten.
"Die eine Armee floh, die andere
verfolgte sie", heißt es in "Krieg und Frieden".
Kosaken voraus, rechts und links, ganze Schwärme,
plötzlich auftauchend, zustoßend und wieder
verschwindend, und im Rücken die russischen Bataillone,
denen man ebenfalls nicht entkommen konnte. Wer liegenblieb,
wurde gefangengenommen oder, viel häufiger, einfach
niedergemacht.
Den zu Tode Erschöpften war endlich alles
gleichgültig. Sie legten sich in den tiefen Schnee,
schlossen die Augen, schliefen ein und starben. Aber auch
den Russen wurde nichts geschenkt. Die Verfolgung war kein
militärischer Spaziergang, sondern nicht minder ein
Leidensweg.
Am 18. November teilte Napoleon
seinem Außenminister in Paris, dem Herzog von Bassano,
mit: "Seit dem letzten Brief ist unsere Lage ganz verdorben.
Frost und schreckliche Kälte haben fast alle unsere
Pferde getötet - über 30 000! Wir waren
genötigt, 300 Geschütze und eine große
Anzahl von Munitionswagen zu verbrennen. Viele Soldaten sind
durch die Kälte liegengeblieben." Und aus "Szanivki am
rechten Ufer der Beresina" schrieb der Kaiser am 29.
November, zwei Tage nach dem mörderischen Übergang
über die von Eisschollen bedeckte Beresina, den
"niemand je vergessen wird, der davonkam", erneut an den
Außenminister: "Bald werden wir in Wilna sein. Aber
werden wir uns halten können? Verpflegung, Verpflegung,
Verpflegung! Es wäre mir lieb, wenn sich in Wilna kein
ausländischer Gesandter befände. Denn die Armee
ist weiß Gott nicht in dem Zustand, daß man sie
vorzeigen könnte."
In Wahrheit hatte die Grande Armee
als kriegsverwendungsfähiger Truppenverband schon
aufgehört zu bestehen. Von zahlreichen Regimentern gab
es keinen einzigen Überlebenden mehr, von Divisionen
schleppten sich häufig bloß noch ein paar
Handvoll zerlumpter, kranker, verwundeter, halbverhungerter
und halberfrorener Elendsgestalten nach Westen, und von
Armeekorps gab es, wenn es hoch kam, lediglich ein paar
hundert Mann, die noch ein Gewehr zu tragen vermochten. Ende
Dezember endlich erreichte, was sich noch dahinschleppen
konnte, bei 30 Grad Kälte die russische Grenze am
Njemen - Bilder des Jammers, ein "Lemurenzug".
Bereits am 5. Dezember hatte der
Kaiser die Trümmer seines Heeres im Stich gelassen.
"Ihr höchster Befehlshaber hüllte sich in seinen
Pelz, setzte sich in seinen Schlitten, verließ seine
Kameraden und eilte davon", liest man in "Krieg und
Frieden". Am späten Abend des 18. Dezember oder in der
Nacht, jedenfalls bei völliger Dunkelheit und "heimlich
wie ein Dieb", traf Napoleon wohlbehalten in Paris ein.
Wenige Tage darauf schrieb ihm aus Polen Marschall Berthier:
"Sire, die Armee gibt es nicht mehr, alles ist verloren." Im
Hofbulletin dagegen hieß es: "Seine Majestät der
Kaiser befinden sich bei bester Gesundheit." In Paris
herrschte in den Vorweihnachtstagen von 1812, anders als im
fernen Rußland, mildes Wetter. In den Gärten der
Tuilerien blühten die letzten Rosen.
Ein ungeliebtes
Zweckbündnis
Verglichen mit dem Gros der Grande
Armee kamen das österreichische Hilfskorps an seiner
Südflanke und das preußische an der Nordflanke
wesentlich glimpflicher davon. Beide operierten seitab und
fern des Hauptgeschehens. Ohne nennenswerte
Gefechtstätigkeit zu entfalten, lag das
preußische Korps, das der Armeegruppe Macdonald
unterstellt war und von Generalmajor Hans David Ludwig Yorck
befehligt wurde, seit Mitte August vor der russischen
Festung Riga, während die Armeegruppe Macdonald selbst
in Kurland war und sich das Hauptquartier in dem knapp
fünfzig Kilometer südwestlich von Riga entfernten
Mitau befand. Die Untätigkeit der Preußen war
verständlich. Schließlich war es nicht der Wille
ihres Königs gewesen, der das Hilfskorps nach
Rußland, bis Riga und an die untere Düna
geführt hatte, sondern das ungeliebte
Zweckbündnis, das Napoleon dem 1806 bei Jena und
Auerstedt vernichtend geschlagenen Königreich
Preußen aufgezwungen hatte. In frischer Erinnerung war
überdies noch die preußisch-russische
Waffenbrüderschaft des Winters 1806/07, zudem
besaßen die preußischen Offiziere drüben
auf russischer Seite so manchen Kameraden, mit denen sie oft
noch vor kaum mehr als einigen Monaten im gleichen Regiment
gedient hatten, bis diese dann, um nicht unter Napoleon
kämpfen zu müssen, vor Beginn des
Rußlandfeldzugs das preußische Heer verlassen
hatten und in das russische eingetreten waren - wie etwa der
nunmehr russische Oberstleutnant Carl von CIausewitz. Doch
auch dies kam vor: Clausewitz beispielsweise, seit Anfang
des Jahres 1812 in der Armee des Zaren, hatte zwei
Brüder, die beide als Offiziere im preußischen
Hilfskorps dienten - der eine als Hauptmann, der andere als
Major.
Den Preußen gegenüber
stand in und hinter Riga eine Division unter dem Kommando
des Generalmajors von Essen. Sie gehörte zum knapp
dreißigtausend Mann starken Armeekorps des Generals
Fürst Sayn-Wittgenstein, der ein wenig weiter
östlich, an der mittleren Düna, "seinen eigenen
Krieg führte", wie es später Clausewitz
ausdrückte. Dort focht er im Verlauf des Feldzugs
wiederholt und durchaus erfolgreich gegen die
zahlenmäßig überlegenen Korps der
Marschälle Oudinot, Victor und St. Cyr, band auf diese
Weise starke feindliche Kräfte, so auch die Armeegruppe
Macdonald mitsamt ihren Preußen, und hielt sie von der
eigentlichen Offensive Napoleons gegen Moskau fern.
Außerdem deckte er St. Petersburg.
Die Protagonisten von
Tauroggen
Sayn-Wittgensteins
Generalquartiermeister jedoch war der Generalmajor Hans -
russisch: Iwan Iwanowitsch - von Diebitsch, ein
gebürtiger Schlesier, der in der
königlich-preußischen Kadettenanstalt in Berlin
erzogen worden war, und Generalstabsoffizier bei Diebitsch
schließlich war Carl von Clausewitz, der nachmalige
große Militärtheoretiker und Verfasser des noch
heute nicht überholten Standardwerks "Vom Kriege".
Mit Yorck, Diebitsch und Clausewitz
aber hat man die Protagonisten der Konvention von Tauroggen
beisammen: dieses mutigen Unternehmens von ungeheurer
politischer und militärischer Tragweite sowohl für
die allernächste Zukunft als auch für die
folgenden sieben oder acht Jahrzehnte und das nicht allein
für Preußen und Rußland, sondern für
ganz Europa. Friedrich von Schubert, russischer General der
Infanterie, Chef des Militärtopographischen Dienstes
und Ehrenmitglied der Akademie der Wissenschaften, der den
Feldzug von 1812 als junger Ordonnanzoffizier mitgemacht
hatte, nannte die Konvention von Tauroggen "das erste
Beispiel in der Geschichte, daß ein kommandierender
General den Befehlen seines Souverains entgegen ein Abkommen
mit dem Feinde schließt, seine selbständige
Politik betreibt und seinen Monarchen zwingt, dieser Politik
zu folgen . . . - ein für Staaten höchst
gefährliches, mit nichts zu entschuldigendes Beispiel,
dem man keinen anderen Namen geben kann als den des
Hochverrats."
Im gleichen Atemzug aber fuhr
Schubert fort: "Trotz dem, was mir mein Verstand und meine
Vernunft sagten, welche die Tat Yorcks für ein
Verbrechen erklärten, konnte ich mich nicht enthalten,
sie dennoch schön zu finden und sie ihm zu verzeihen."
Carl von Clausewitz äußerte sich über die
Person des Generalmajors von Yorck aus eigener langer
Bekanntschaft folgendermaßen: "Der General war ein
Mann von einigen 50 Jahren, ausgezeichnet durch Bravour und
kriegerische Tüchtigkeit. Er hatte in seiner Jugend in
den holländischen Kolonien gedient, sich also in der
Welt umgesehen und den Blick des Geistes erweitert. Ein
heftiger, leidenschaftlicher Wille, den er aber in
anscheinender Kälte, ein gewaltiger Ehrgeiz, den er in
beständiger Resignation bewirkt, und ein starker,
kühner Charakter zeichnen diesen Mann aus. General
Yorck ist ein rechtschaffener Mann, aber er ist finster,
gallsüchtig und versteckt, und darum ist er ein
schlimmer Untergebener. Persönliche Anhänglichkeit
ist ihm ziemlich fremd, was er tut, tut er seines Rufes
willen und weil er von Natur tüchtig ist. Das
Schlimmste ist, daß er bei einer Maske von Derbheit
und Geradheit im Grunde sehr versteckt ist . . . Er war
unbedenklich einer der ausgezeichnetsten Männer unserer
Armee. Scharnhorst, welcher seine hohe Brauchbarkeit in
einer Zeit, wo sich wenige brauchbar gezeigt hatten, um so
wichtiger hielt, als sich damit eine große Abneigung
gegen die Franzosen verband, hat sich mit ihm immer auf
einem freundschaftlichen Fuß zu halten gesucht,
obgleich in Yorck immer ein unterdrücktes Gift gegen
ihn kochte. Von Zeit zu Zeit schien es losbrechen zu wollen.
Scharnhorst aber tat, als bemerkte er es nicht, und schob
ihn überall hin, wo ein Mann seiner Art nützlich
werden konnte."
Hans David Ludwig Yorck wurde am 26.
September 1759 in Potsdam geboren. Nach der
preußischen Niederlage 1806 bei Jena und Auerstedt
erwarb dieser stockkonservative Preuße sich unter
Scharnhorst und Gneisenau - obwohl er keineswegs zu den
Heeresreformern zählte und er beispielsweise den
Gedanken an eine allgemeine Volksbewaffnung, zu der es dann
1813 kommen sollte, erbittert ablehnte - große
Verdienste bei der Reorganisation des preußischen
Heeres. Im Freiheitskrieg von 1813 kämpfte er unter
Blücher erfolgreich an der Katzbach, ermöglichte
durch ein Gefecht bei Wartenburg in der Nähe von
Merseburg Marschall Blüchers Übergang über
die Eibe und war in der Sylvesternacht von 1813
maßgeblich am Rheinübergang von Kaub beteiligt.
Nach dem Krieg wurde er zum General der Infanterie
befördert, erhielt das Generalkommando in Schlesien und
wurde unter Beilegung des Namens "von Wartenburg" in den
Grafenstand erhoben. 1821 zum Feldmarschall ernannt, starb
Ludwig Graf Yorck von Wartenburg am 4. Oktober 1830 auf
seinem Gut Klein-Oels bei Breslau.
Als fähigen Truppenführer
und tapferen Soldaten, aber ebenso als schroffen und
schwierigen Charakter haben nicht wenige Zeitgenossen Yorck
geschildert. Ein freundlicheres Charakterbild hingegen
entwarf Clausewitz von dem russischen Generalmajor von
Diebitsch: "Von Geburt Preuße, war Diebitsch schon als
junger Mensch von dem preußischen Kadettenhause in den
russischen Dienst gekommen und durch die Karriere bei der
Garde und im Generalstab schnell bis zum Obersten gestiegen,
so daß er im Laufe des Feldzugs von 1812 schon in
seinem 27. Jahre General wurde. . . Er war von Jugend auf
fleißig gewesen und hatte für sein Fach gute
Kenntnisse erworben. Feurig, brav und unternehmend, von
raschem Entschluß, großer Festigkeit, etwas
dreist und herrisch, die anderen mit sich fortreißend,
dabei sehr ehrgeizig - so war der General Diebitsch . . ."
Außerdem rühmte Clausewitz Diebitschs "edles
Herz" und nennt ihn "offen und redlich, ohne die Spur der
Intrige".
Geboren wurde Hans Carl Friedrich
von Diebitsch am 13. Mai 1785 als Sohn des späteren
russischen Generalmajors Hans Carl Ehrenfried von Diebitsch
und seiner Ehefrau Marie Antoinette von Erkert in
Großleipe in Schlesien. Erzogen wurde er, wie schon
erwähnt, in der preußischen Kadettenanstalt in
Berlin bis zu seinem 16. Lebensjahr. 1801 verließ er
die Anstalt und trat als Fähnrich in das russische
Garderegiment Samonowsky ein. 1805, inzwischen Leutnant, zog
er mit dem Regiment ins Feld und kämpfte gegen die
Franzosen in der Schlacht von Austerlitz, in der er
verwundet wurde. Als nach der preußischen
Unglücksschlacht von Jena und Auerstedt die Russen den
Preußen im Spätherbst zu Hilfe kommen, ist auch
Diebitschs Regiment wieder dabei und kämpft bei
Guttstadt, Heilsberg und Friedland, wo er sich als Hauptmann
durch besondere Tapferkeit auszeichnete und den russischen
Georgs- und den Wladimirorden sowie den preußischen
Orden Pour le mérite erhielt. Das Jahr 1810 sah den
erst Fünfundzwanzigjährigen bereits als
Oberstleutnant.
Im September 1811 wurde er Oberst
und bei Ausbruch des napoleonischen Rußlandfeldzugs
zum Generalmajor und Quartiermeister im Stab
Sayn-Wittgensteins ernannt. Im Oktober 1812 übernahm er
die Vorhut des Sayn-Wittgensteinschen Armeekorps, einer aus
Kavallerie- und Kosakeneinheiten bestehenden Truppe von nur
vierzehnhundert Mann, mit der er später die
Rückzugsbewegungen der Armeegruppe Macdonald
beobachtete. Im weiteren Verlauf des Krieges gegen Napoleon
zog er an der Seite des Feldmarschalls Sayn-Wittgenstein in
Berlin ein, nahm an der Schlacht von Möckern teil und
verdiente sich auf dem Schlachtfeld von Leipzig die
Beförderung zum Generalleutnant. Zweimal zog er mit den
russischen Truppen in Paris ein; 1814 und nach Napoleons
Rückkehr von Elba nochmals 1815. Nach dem Krieg wurde
er Chef des Generalstabes der 1. Armee in Mohilew am Dnjepr,
begleitete jedoch Zar Alexander I. auf zahlreichen Reisen im
In- und Ausland. Als der Zar 1825 in Taganrog starb,
ernannte ihn sein Nachfolger, Zar Nikolaus, bei seiner
Krönung in Moskau zum General der Infanterie. 1825
wurde Hans von Diebitsch in den Grafenstand erhoben.
In der Folgezeit kämpfte er in
dem 1828 ausgebrochenen russisch-türkischen Krieg als
Oberbefehlshaber der 1. Armee auf dem Balkan, schlug die
Türken bei Silistria und nahm Silistria und kurz darauf
Adrianopel ein. Am 22. September 1828 wurde er zum
Feldmarschall ernannt. Seinem Namen durfte er bald den
Ehrennamen "Sabalkansky" - Überwinder des Balkans -
beifügen, so daß er sich nun Graf von
Diebitsch-Sabalkansky nennen konnte. 1831 kämpfte er
gegen die polnischen Aufständischen bei Ostrolenka,
erkrankte jedoch an der Cholera und starb in Kleczewo am 28.
Mai 1831. Seine Leiche wurde zu Schiff nach St. Petersburg
gebracht und dort auf dem Wolkowo-Friedhof beigesetzt. Bis
1917 gab es in der russischen Armee ein Infanterieregiment,
das zu seinem Andenken "Regiment Graf Diebitsch-Sabalkansky"
hieß. Verheiratet war Iwan Iwanowitsch von Diebitsch
mit einer Baronesse von Tornan, einer Nichte des russischen
Feldmarschalls Barclay de Tolly.
Und nun der dritte Protagonist der
Konvention von Tauroggen, die als Schlußpunkt des
mißglückten napoleonischen Rußlandfeldzugs
eine neue, nachnapoleonische Zeit einläutete und das
Gesicht und den politischen Kurs Europas in den folgenden
Jahrzehnten bestimmte. Von Carl von Clausewitz ist die Rede.
Er stammte aus einer Familie, die in
Sachsen, im benachbarten Thüringen und vermutlich auch
in Schlesien beheimatet war und vorwiegend Pastoren und
Theologieprofessoren hervorgebracht hatte. Erst sein Vater
wurde Offizier, und zwar im Heer Friedrichs des
Großen; zu einem bedeutenden Rang brachte er es
indessen nicht, lediglich zum Hauptmann, schied jedoch
bereits am Ende des Siebenjährigen Krieges aus
gesundheitlichen Gründen aus und erhielt eine Stelle
als Steuer-Einnehmer in Burg bei Magdeburg. Seine Söhne
schickte er in die preußische Armee. Der am 1. Juni
1780 geborene Carl beispielsweise war schon 1793 mit erst 13
Jahren als Fahnenjunker bei der Belagerung von Mainz dabei.
Mit 15 wurde er Leutnant; später sollte er sagen: "Ich
bin in der preußischen Armee aufgewachsen." In den elf
Friedensjahren bis 1806, die dem 1795 mit dem Basler Frieden
endenden Koalitionskrieg gegen das revolutionäre
Frankreich folgten, stieg Carl von Clausewitz bis zum
Stabskapitän auf. Anfänglich lag er in Neuruppin
in Garnison, bald jedoch wurde er zur Allgemeinen
Kriegsschule - der preußischen Militärakademie -
in Berlin versetzt, wo er Lieblingsschüler des
Heeresreformers Scharnhorst und bald darauf Adjutant des
Prinzen August von Preußen wurde. In dieser Zeit
lernte er die Hofdame Marie Gräfin Brühl kennen,
seine zukünftige Frau. "Es wird eine vorbildliche Ehe",
schreibt Wilhelm Ritter von Schramm, "freilich kinderlos,
aber mit einer solchen Teilnahme der Gattin an den Arbeiten
des Kriegsphilosophen, daß Marie von Clausewitz in der
Lage ist, später das Werk 'Vom Kriege' herauszugeben -
gewiß ein einzigartiger Fall in der
Militärgeschichte ."
1806 geriet Clausewitz gemeinsam mit
dem Prinzen August von Preußen in französische
Kriegsgefangenschaft. Auf der Heimreise von Frankreich im
folgenden Jahr begleitete er den Prinzen auf dessen Umweg
über Schloß Coppet am Genfer See, wo beide
Gäste Madame de Staels waren, die gerade an "De l'
Allemagne" arbeitete und Prinz August sich unglücklich
in einen anderen Gast verliebte, in die schöne Julie
Recamier. 1809 wurde Clausewitz Major im Generalstab und
unter Beibehaltung seiner Stellung als Bürochef
Scharnhorsts - des damaligen Generalstabschefs und
Inspekteurs des Festungswesens - Lehrer an der
Kriegsakademie. Nach dem Abschluß des
Zwangsbündnisses Preußens mit Napoleon jedoch
verließ Clausewitz die preußische Armee und
begab sich "mit einigen Empfehlungsschreiben versehen nach
Wilna, wo sich das Hauptquartier des Kaisers Alexander
befand". Als Oberstleutnant mit einem Jahressold von 1900
Talern trat er in die russische Armee ein, wo er dem
Generalmajor von Diebitsch attachiert wurde. Im Jahre 1815
trat er als Oberst wieder unter preußische Fahnen und
wurde nach dem Krieg Chef des Generalstabs des III. Korps in
Koblenz. Bald darauf berief man ihn, inzwischen
Generalmajor, als Direktor an die Berliner Kriegsakademie.
"In den folgenden Jahren konnte", so wieder Ritter von
Schramm, "das Werk heranreifen, das den Krieg politisch
fixiert und mit dem Licht der philosophischen Vernunft und
der Menschenkenntnis tief in sein Wesen hineinleuchtet.
Viele Teile davon sind im stillen Wohnzimmer der Frau von
Clausewitz geschrieben. So war sie dann auch in der Lage . .
., das freilich noch unvollendete Werk der
Öffentlichkeit zu übergeben."
Im Jahr 1830 wurde Clausewitz aus
Berlin abkommandiert und zur 2. Artillerieinspektion nach
Breslau versetzt, doch nur für kurze Zeit, denn noch im
gleichen Jahr holte sich ihn nach Ausbruch des polnischen
Aufstandes Feldmarschall Graf Gneisenau als Chef des Stabes
zu der von ihm kommandierten Observationsarmee an der
preußisch-russischen Grenze. Aber als am 23. August
1831 Feldmarschall Gneisenau in Posen an der Cholera starb,
kein Vierteljahr nach dem jenseits der Grenze Feldmarschall
Diebitsch der Cholera erlegen war, kehrte Clausewitz am 7.
November nach Breslau zurück, wo er freilich schon am
16. November starb - ebenfalls an der Cholera.
Psychologische
Kriegführung
Während des napoleonischen
Rußlandfeldzugs hatte es russischerseits schon
frühzeitig Versuche gegeben, "die Deutschen", womit in
Erinnerung an die antinapoleonische Waffenbrüderschaft
von 1806/07 vornehmlich die Preußen gemeint waren, dem
Kaiser der Franzosen abspenstig zu machen. Ganz im Stil
moderner psychologischer Kriegführung wandte sich
Marschall Barclay de Tolly bereits am 4. Juli 1812, nur zehn
Tage nach Feldzugsbeginn, mit folgendem Aufruf an sie:
"Deutsche! Vergessen auch viele aus
euren oberen Ständen ihre Pflichten gegen ihr
Vaterland, so ist doch die Mehrheit eures Volkes bieder,
tapfer und des Druckes der Tyrannei überdrüssig.
Seid Gott und dem Vaterlande treu, folgt dem Ruf des
Vaterlandes und der Ehre, genießt die Belohnung eures
Mutes und eurer Aufopferung und schüttelt die Fesseln
des korsischen Tyrannen ab - oder beugt euch auch
fürderhin unter das Joch der Unterdrückung, das
auf euch lastet. Dann aber werdet ihr untergehen in Schande,
Elend und Erniedrigung, und der Spott der Menschheit und der
Fluch eurer Nachkommen wird auf euch ruhen!"
Auch in den folgenden Wochen und
Monaten ließ es die russische Führung nicht an
Aufforderungen an Yorck fehlen, "von der französischen
Sache abzufallen". Diese Aufforderungen liefen auf ein
Neutralitätsabkommen hinaus, stießen freilich bei
Yorck einstweilen noch auf taube Ohren, zumal sich wie die
gesamte Armeegruppe Macdonald auch das preußische
Hilfskorps in hervorragendem Zustand befand, nur
vergleichsweise geringe Ausfälle zu beklagen hatte und
selbst noch im Dezember 1812 knapp 18000 Mann zählte -
eine Verlustquote von nur ungefähr zehn Prozent. Erst
als im Mitauer Hauptquartier die Kunde vom Brand Moskaus und
der Flucht der Grande Armee sich zuerst nur als
Gerücht, bald jedoch als verbürgte Nachricht
verbreitete, und vollends als am 10. Dezember die
unbezweifelbare Kunde von der Flucht Napoleons und dem
Untergang seiner Armee eintraf, sah Yorck, wie dringend nun
die Notwendigkeit war, zu handeln und seine Preußen
vor einem ähnlichen Schicksal zu bewahren. Doch bereits
am 26. November hatte Yorck auf ein neuerliches russisches
Neutralitätsangebot hin an Sayn-Wittgenstein
geschrieben, er sei von Kind an Soldat gewesen und mit den
"Verschlingungen der Politik" unvertraut. Weiter schrieb er,
daß "bei so großen Veränderungen die
Schritte der Armee mit der inneren Politik in
Übereinstimmung gebracht werden müssen". Im
Klartext: Yorck wünschte zuerst zu ergründen, wie
sein König über ein Neutralitätsabkommen des
preußischen Korps mit den Russen denke. Deshalb
schickte er seinen Adjutanten, einen Major von Seydlitz,
nach Berlin, der jedoch mit leeren Händen
zurückkehrte. Denn weder vom König noch aus seiner
engsten Umgebung war eine Stellungnahme zu erhalten gewesen.
Friedrich Wilhelm III. zögerte wie immer, wenn klare
Entscheidungen nötig waren. Das hinderte ihn freilich
andererseits nicht, Yorck bis an sein Lebensende die
"Eigenmächtigkeit von Tauroggen" persönlich
nachzutragen. Yorck dagegen ertrug das mit einem
Achselzucken.
Auf dem Weg nach Tauroggen
Dann aber brach am 19. Dezember
Macdonald mit seinen Franzosen in zwei Kolonnen zum
Rückzug auf und räumte Kurland. Yorck folgte am
nächsten Tag mit seinen Preußen und blieb auch in
der Folgezeit ein bis zwei Tagesmärsche hinter
Macdonald zurück. Sogleich aber hatte sich General von
Diebitsch mit der Vorhut der Sayn-Wittgensteinschen Armee an
Yorcks Fersen geheftet. Diese lediglich 1400 Mann starke und
von Diebitsch persönlich geführte Truppe - mehr
Beobachtungsabteilung als Vorhut - bestand aus Teilen des
Regiments Grodno-Husaren, drei Kosaken-Sotnien, einer kaum
noch Schwadronsstärke besitzenden Abteilung reitender
Jäger sowie einer reitenden Batterie von sechs
Geschützen.
Der Rückzug ging in
südwestlicher Richtung über Mitau, Schaulen,
Koltinjani und Stulgi zum Njemen und zur preußischen
Grenze - es war nahezu derselbe Weg wie auf dem Vormarsch im
Sommer. Carl von Clausewitz, der sich an der Seite
Diebitschs befand, schrieb in seinem schon erwähnten
Buch über den russischen Feldzug von 1812: "Der Marsch
war
ziemlich schnell, denn die beiden ersten Kolonnen, welche
den 19. Dezember aufgebrochen waren, erreichten
Piktupöhnen (an der russisch-polnischen Grenze),
welches 30 Meilen von Mitau ist, in acht Tagen. Unter diesen
Umständen kam General Yorck, der erst den 20. abends
von Mitau abmarschierte und ein großes Fuhrwesen mit
sich führte, zwei Tagesmärsche von Marschall
Macdonald ab. Er erreichte nämlich erst den 25. abends
die Gegend von Koltinjani, an diesem Tag aber war der
Marschall schon sechs Meilen davon . . ."
Am 24. Dezember schickte Diebitsch
einen Parlamentär zu Yorck, und am Abend des 25. - dem
Weihnachtstag - kam es zur ersten Begegnung der beiden
Generale. Sie fand sechs Meilen von Koltinjani auf der
Straße nach Tilsit "zwischen den Vorposten" statt. In
einer unveröffentlichten handschriftlichen Aufzeichnung
im Diebitschschen Familienarchiv heißt es in
weitgehender Übereinstimmung mit dem erwähnten
Buch von Clausewitz über diese Begegnung:
"Am Weihnachtstage spät abends
trafen Yorck und Diebitsch zum ersten Mal zwischen den
Vorposten zusammen. Diebitsch hatte seine Truppen so
verdeckt als möglich aufgestellt, aber er war edel
genug zu sagen, was er an Truppen habe und nicht habe; er
erklärte Yorck, daß er nicht daran denken
könne, den Weg wirklich zu sperren, daß er
allerdings alles Mögliche tun werde, ihm seinen Train,
seine Artilleriefahrzeuge und vielleicht einen großen
Teil seiner Artillerie abzunehmen. Es war natürlich,
daß diese Bemerkungen nicht entscheidend sein konnten.
Der Hauptgegenstand der Unterredung war vielmehr die
gänzliche Vernichtung der Grande Armee, und daß
die russischen Generale angewiesen seien, bei vorkommenden
Fällen die Preußen nicht wie eigentliche Feinde
zu behandeln, sondern in Rücksicht auf die
früheren freundschaftlichen Beziehungen beider
Mächte und die Wahrscheinlichkeit, daß dieselben
nun bald erneuert werden würden, mit ihnen jedes
freundschaftliche Abkommen zu treffen, welches dieselben
wünschen könnten. Diebitsch erklärte
demgemäß, daß er bereit sei, mit General
Yorck einen Neutralitätsvertrag einzugehen und zu dem
Behufe die militärischen Vorteile, welche er über
ihn habe, aufzugeben."
Yorck machte sich seine Entscheidung
nicht leicht. Das preußische Hilfskorps aus dem
Untergang der Grande Armee, der sich bereits vollzogen
hatte, herauszuhalten und durch eine Übereinkunft mit
dem russischen Gegner Möglichkeiten für einen
künftigen politischen Frontwechsel vorzubereiten, war
die eine Sache - die andere hingegen war: Ohne Zustimmung
des Königs im Krieg ein Abkommen mit dem Feind zu
schließen, eine selbständige Politik zu
betreiben, den König vor vollendete Tatsachen zu
stellen und ihn zu zwingen, dieser Politik zu folgen . . .
Vermutlich war es Clausewitz, der in mehreren Unterredungen
Yorck eine andere Betrachtungsweise darlegte: Es gehe nicht
um ein Waffenbündnis mit den Russen auf eigene Faust,
was einer Meuterei gleichgekommen wäre, es gehe
vielmehr allein um die Neutralität der
preußischen Truppen, und im übrigen läge
alles Spätere im Ermessen des Königs von
Preußen und des Zaren von Rußland.
In diesem Sinne wurde endlich auch
der Text der Konvention abgefaßt, und in diesem Sinne
schrieb Yorck nach Abschluß der Konvention auch an
seinen König, wobei er betont, daß er nach Lage
der Dinge gezwungen gewesen sei, "mit dem General-Major von
Diebitsch im Dienste S. M. des Kaisers Alexander die
Convention abzuschließen, die ich anliegend Ew. M. zu
Füßen zu legen die Ehre habe. In der vollen
Überzeugung, daß ich bei dem Fortmarschieren die
Existenz des Armee-Corps aufs Spiel gesetzt und den Verlust
seiner Artillerie und seines Gepäcks herbeigeführt
hätte, wie die Erfahrung es bei der Großen Armee
gezeigt hat, glaubte ich als treuer Untertan E. M. nur Ihren
Vorteil zu Rate ziehen zu dürfen ohne Rücksicht
auf den Ihres Alliierten . . . Ew. Maj. lege ich willig
meinen Kopf zu Füßen, wenn Sie mein Handeln
tadelnswert finden sollten. Ich werde dennoch in dem letzten
Augenblick die süße Gewißheit haben zu
denken, daß ich als treuer Untertan sterbe, als wahrer
Preuße, als ein Mann endlich, der nur das Beste des
Vaterlandes wollte."
Dem Marschall Macdonald jedoch
teilte er ebenfalls nach Abschluß der Konvention mit:
"Die preußischen Truppen werden ein neutrales Corps
bilden und sich keine Feindseligkeiten gegen eine der beiden
Parteien erlauben. Die kommenden Ereignisse, welche durch
die Unterhandlungen zwischen den kriegführenden
Mächten herbeigeführt werden dürften, werden
ihr ferneres Schicksal bestimmen."
In den folgenden Tagen nach dem
ersten Zusammentreffen zwischen Yorck und Diebitsch am
Weihnachtsabend auf der Heerstraße nach Tilsit hatte
es zwischen den russisch-preußischen Linien, falls man
überhaupt von "Linien" sprechen kann, denn der Marsch
ging ja weiter, ein reges Hinundher gegeben. Carl von
Clausewitz, der als Preuße Yorcks besonderes Vertrauen
genoß, führte die meisten Verhandlungen, er
entwarf auch den Text der Konvention, der freilich
verschiedentlich geändert, umgeschrieben und
präzisiert wurde, weil Yorck immer wieder neue
Einwände vorbrachte. Endlich, am 29. Dezember, reichte
er nach einem erneuten langen Gespräch mit Clausewitz
diesem die Hand und sagte: "Ihr habt mich. Sagt dem General
Diebitsch, daß wir uns morgen früh auf der
Mühle von Poscherun sprechen wollen, und daß ich
jetzt bereit bin, mich von den Franzosen und ihrer Sache zu
trennen." Clausewitz eilte daraufhin "ganz beglückt" zu
Diebitsch nach Wilkischken zurück.
Die Konvention von Tauroggen
Der nächste Tag war ein
Mittwoch, 30. Dezember 1812. Das Treffen sollte morgens um
acht Uhr stattfinden. Clausewitz führt in seinem Buch
nur an, daß Yorck in der Poscheruner Mühle mit
seinem Chef des Stabes Oberst von Roeder und seinem
Adjutanten Major von Seydlitz erschien, während
Diebitsch von Clausewitz und dem ebenfalls aus Preußen
stammenden Ordonnanzoffizier Graf Friedrich von Dohna
begleitet wurde, "so daß sich bei dieser Verhandlung
lauter geborene Preußen befanden". Den Verlauf der
historischen Zusammenkunft dagegen schildert er nicht. Das
geschieht jedoch in den Diebitschschen Familienpapieren: "Am
Morgen war Diebitsch von Clausewitz und Dohna begleitet wie
verabredet in der Poscheruner Mühle, Yorck nicht . . .
Mehr als eine Stunde hatte man gewartet, da endlich kam
Yorck, von Roeder und Seydlitz begleitet, sehr gemessen und
kalt. In gespannter Stimmung verhandelte man die Artikel,
die Seydlitz niederschrieb, nicht ohne scharfe Differenzen
bei einzelnen Punkten . . . Doch endlich war die Konvention
fertig, ins Reine geschrieben und unterzeichnet. Eine
Umarmung der Generale schloß die Szene."
Von Malern ist diese Szene
häufig wiedergegeben worden: Vor einem groben Tisch
stehen die beiden Generale und reichen sich fest die Hand.
Im Hintergrund sieht man Mahlwerke und
Mühlengebälk, während auf dem Tisch eine
Schreibfeder und ein Schriftstück liegen - der Vertrag,
der zwar in der Poscheruner Mühle geschlossen wurde,
aber als Konvention von Tauroggen in die Geschichte einging.
Poscherun war ein winziges Nest in einer ebenen Landschaft
mit Birken und Kopfweiden, nahe dem Njemen, wogegen einen
Katzensprung weiter im Nordosten Tauroggen lag, ein
litauisches Landstädtchen mit dazumal knapp zweitausend
Einwohnern.
Die Konvention von Tauroggen besteht
aus nur sieben kurzen Artikeln und liest sich eher wie ein
Freundschaftsvertrag als ein Abkommen zwischen zwei
kriegführenden Parteien. Ein günstigerer Vertrag
ist von einer stärkeren einer schwächeren Seite
nur selten zugebilligt worden. Die wichtigsten sind die
Artikel I und II.
Der Artikel I, nach dem sich die
Preußen unbehelligt auf ostpreußisches Gebiet
zurückziehen konnten, lautet: "Das preußische
Korps besetzt den Landstrich innerhalb des königlichen
Territoriums längs der Grenze von Memel und Nimmersatt
bis zu dem Weg von Woinuta nach Tilsit; von Tilsit macht
ferner die Straße über Schillupischken und
Melauken nach Labiau, die Städte dieser Straße
eingeschlossen, die Grenze desjenigen Territoriums, welches
dem Korps hierdurch eingeräumt (wird). Das Kurische
Haff schließt an der anderen Seite dieses Territorium,
welches während der preußischen Besetzung als
völlig neutral erklärt und betrachtet wird . . ."
Der Artikel II besagt: "In diesem in
vorstehendem Artikel bezeichneten Landstrich bleibt das
preußische Korps bis zu den eingehenden Befehlen Sr.
Majestät des Königs von Preußen neutral
stehen, verpflichtet sich aber, wenn Se. Majestät den
Zurückmarsch des Korps zur französischen Armee
befehlen sollten, während eines Zeitraums von zwei
Monaten, vom heutigen Tage an gerechnet, nicht gegen die
kaiserlich-russische Armee zu dienen."
Diesen Befehl erteilte der
König freilich nie. Die Geschichte nahm ihren Lauf, wie
Yorck und Diebitsch es erhofft hatten: 1813 brach der
Freiheitskrieg aus und preußische, russische und
österreichische Heere beendeten die napoleonische
Herrschaft. Die Konvention von Tauroggen aber leitete eine
lange Phase preußisch-russischer Freundschaft ein, die
erst 1890 mit der Kündigung des von Bismarck
geschlossenen Rückversicherungsvertrags endete. In den
Jahrzehnten zuvor war Preußen-Deutschland zur
europäischen Großmacht aufgestiegen, doch
hätte es ohne das wohlwollend neutrale Rußland im
Rücken weder die siegreichen Kriege von 1864 und 1866
und schon gar nicht den Deutsch-Französischen Krieg von
1870/71 führen können, an dessen Ende die
Gründung des Deutschen Reiches stand.
Der Abstieg begann sodann mit der
Aufkündigung jenes Rückversicherungsvertrages im
Jahr 1890. Den Weg bergab markierten schon bald der Erste
und der Zweite Weltkrieg, in denen Rußland
beziehungsweise die Sowjetunion zu Deutschlands Gegnern
zählte. Am Ende stand die Teilung des Deutschen Reiches
in zwei Staaten unterschiedlicher Gesellschaftsordnung. Zwar
hatte man nach 1945 sowjetischerseits aus freilich
höchst durchsichtigen Motiven versucht, durch
Beschwörung des "Geistes von Tauroggen" die alte
deutsch-russische Freundschaft wiederzubeleben, aber die
Zeit, die gesellschaftlichen Verhältnisse und die
politischen Umstände waren ganz andere geworden. Der
Geist von Tauroggen war erloschen. Geblieben ist dagegen das
Beispiel, das Hans David Ludwig von Yorck allen Soldaten zu
jeder Zeit gab - daß der Offizier Mut zu
selbständigem Handeln zu zeigen hat, wenn eine
entscheidende Stunde kommt. Ein solches Beispiel veraltet
nie - im Zeitalter der weltvernichtenden Atomwaffen weniger
denn je.
LITERATURHINWEISE:
Droysen, J. G.: Das Leben des Feldmarschalls Graf Yorck von
Wartenburg. 1913. 11. Aufl.
Elze, W.: Der Streit um Tauroggen. 1926.
Schramm, W. von: Clausewitz. Leben und Werk.
1976.
Günther
Elbin, Jahrgang 1924, hat sich durch seine
Tätigkeit am Rundfunk und als Mitarbeiter mehrerer
Zeitschriften einen Namen gemacht, wobei er vor allem
historische und kunsthistorische Themen behandelt. Er
veröffentlichte u. a. die Bücher "Literat und
Feldmarschall" - Briefe und Erinnerungen des Fürsten
Charles Joseph de Ligne, 1735-1814" (1979), "Am Niederrhein"
(1979).
Quelle: DAMALS - Das
Geschichtsmagazin
Heft 12/Dezember 1987
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