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18. September 2009

Kronprinz Rudolf von Österreich
1889: Die Affäre Mayerling erschüttert die Donaumonarchie

Von Franz Herre

Österreich-Ungarn am Ende des Jahres 1888: Soziale Konflikte nehmen zu, Parteien formieren sich, der Nationalitätenstreit hat sich zugespitzt. Wien am Anfang des Jahres 1889: Das neue Burgtheater ist eröffnet, das Denkmal Maria Theresias eingeweiht, die Ringstraße demonstriert staatliche Macht, bürgerlichen Reichtum und kulturellen Glanz. Die Hofburg am 29. Januar 1889: Die "Allerhöchste Hoftafel" ist gedeckt.

Die Hauptperson des auf sechs Uhr nachmittags angesetzten Familien-Diners im Hause Habsburg ist der nun 58jährige Franz Joseph I., Kaiser von Österreich und König von Ungarn. Der schon ergraute Kaiserbart, der herrscherliche Strenge wie patriarchalische Milde ausdrücken soll, kann die Züge der Resignation in diesem Gesicht nicht verdecken. Denn Glück hat er in den vierzig Jahren seiner Regierung nicht gehabt. Er verlor die Kriege vonKronprinz Rudolf 1859 gegen Frankreich und Italien und von 1866 gegen Preußen und Deutschland; 1867 wurde sein Bruder, Kaiser Maximilian von Mexiko, standrechtlich erschossen. Und der Kaiser eines Vielvölkerreiches steht gegen die nationalen und demokratischen Bewegungen des Jahrhunderts mit dem Rücken zur Wand.

"Wenn man so manche Arbeit, Sorge, so manchen Kummer hat wie ich, so ist ein zwangloses, offenes und heiteres Aussprechen eine wahre Freude, und deshalb sind mir die Augenblicke, die ich mit Ihnen zubringen darf, so unendlich wert." Das schreibt Kaiser Franz Joseph an seine Gesprächspartnerin Katharina Schratt, eine Burgschauspielerin, die ihm zur unentbehrlichen Freundin wird. Denn auch mit seiner Frau hat er kein Glück gehabt. Elisabeth, eine geborene Herzogin in Bayern, ist zu egozentrisch für eine Ehefrau und zu extravagant für eine Kaiserin. 1854, also vor fast 35 Jahren, haben sie geheiratet, aber schon seit drei Jahrzehnten ist sie kaum mehr zu Haus, durchschweift ruhelos die Welt.

An diesem 29. Januar 1889 ist Kaiserin Elisabeth zum Familien-Diner erschienen - mit ihren 51 Jahren noch immer eine schöne Frau. Heute ist sie gern im Familienkreis. Denn die Verlobung ihrer Lieblingstochter Marie Valerie mit dem Erzherzog Franz Salvator von Toskana soll gefeiert werden. Und eine Versöhnung zwischen ihrem einzigen Sohn, den Kronprinzen Rudolf, und seiner Gemahlin Stephanie soll in die Wege geleitet werden. Ihre Ehe, vor beinahe acht Jahren geschlossen, ist schon seit einiger Zeit zerrüttet. Nun soll ein Versuch unternommen werden, sie vor dem Zerbrechen zu bewahren.

Kronprinzessin Stephanie, vierundzwanzig, sieht man ihren Kummer an, was ihr auch noch den letzten Rest von Charme genommen hat. Die blonde Tochter des Königs von Belgien, in Brüssel "Rose von Brabant" genannt, wird am Wiener Hof als die "flämische Bäuerin" bezeichnet. Auch für diesen Abend hat sie sich zu pompös angezogen. Ihre Unsicherheit kann das nicht verdecken: "Als ich zum Familien-Diner in den Saal trat, schien mir, als seien aller Augen auf mich gerichtet. Kaiser und Kaiserin kamen mir mit der Frage nach dem Verbleib Rudolfs entgegen."

Denn von den 21 Tafelgästen sind alle da - bis auf einen, nicht den unwichtigsten an diesem Abend: den Kronprinzen Rudolf. Der Tafeldecker will schon sein Gedeck wegnehmen, doch der Vater, der Kaiser, meint, der Sohn könne ja noch im letzten Moment kommen. Es kommt Prinz Philipp von Sachsen-Coburg-Gotha, der Handküsse des Sohnes für den Vater überbringt, und die Entschuldigung: Seine kaiserliche und königliche Hoheit, der Kronprinz, habe sich auf der Kutschfahrt nach seinem Jagdschlößchen Mayerling im verschneiten Wienerwald einen Schnupfen geholt, der sich verschlimmert habe, weil in den selten geheizten Räumen die Öfen nicht richtig warm gemacht hätten.

Er ist dem Familien-Diner ferngeblieben, doch niemand sitzt am Tisch, der nicht an ihn gedacht hätte, an den Kronprinzen Rudolf von Österreich, den nun dreißigjährigen Sohn des Kaiserpaares und Thronerben des Reiches. Anlaß zum Nachdenken und Stoff zum Reden hat er schon lange gegeben. In Affären ist er seit Jahren verstrickt - nun sollte er zur Hauptfigur der Haupt- und Staatsaffäre Mayerling werden.

"Unheilig ist die Stille, wie die Stille vor einem Gewitter." Das schrieb Rudolf zum Jahreswechsel 1888/89 seinem Freund Moriz Szeps, dem liberalen Chefredakteur des Neuen Wiener Tagblatts, der - wie so viele Intellektuelle in Österreich-Ungarn - Jude war. Freund Szeps antwortete: "In der Schwüle nicht zu ermatten, für die Zeit der Tat den Geist und den Arm stark zu erhalten, das ist die Aufgabe, die Seine Kaiserliche Hoheit sich gesetzt haben ... Man weiß, daß Sie Großes wollen, Großes zu leisten befähigt sind - und wo man das nicht weiß, ahnt man es. Deshalb werden Sie schon jetzt mit den verschiedenen Mitteln bekämpft, vertritt man Ihnen die Zukunftswege ..."

Das war das Lob, das war die Sorge eines Freundes - eines Liberalen, der hoffte, daß ein junger Kaiser Rudolf moderner und beweglicher sein würde als der alte Kaiser Franz Joseph, und der befürchtete, daß man ihn entmutigen könnte, bevor er noch zum Zuge käme. Doch die aufmunternden Worte trafen einen Müden und Resignierten, der keine Zukunft mehr vor sich sah.

An seinem 30. Geburtstag, am 21. August 1888 - vor einem halben Jahr also - hatte Kronprinz Rudolf an Moriz Szeps geschrieben: "Dreißig Jahre sind ein großer Abschnitt; viel Zeit ist vorüber, mehr oder weniger nützlich zugebracht, doch leer an wahren Taten und Erfolgen. Wir leben in einer schleppenden und versumpften Zeit. Und jedes Jahr jetzt macht mich älter, weniger frisch und weniger tüchtig, denn die notwendige alltägliche Arbeit, das ewige Sich-Vorbereiten und die stete Erwartung großer, umgestaltender Zeiten erschlaffen die Schaffenskraft."

Der Sohn eines nüchternen, allzu nüchternen Vaters und einer phantasievollen, allzu phantasievollen Mutter war schon als Kind ein Problemkind gewesen: nervös und vorlaut, frühreif, ein "Wolkenkraxler" wie der besorgte Vater meinte. Im Kopf schon des Fünfzehnjährigen bewegten sich Gedanken, die ungewöhnlich für einen kaiserlichen Prinzen waren, und der Erbe einer Monarchie brachte Vorstellungen zu Papier, die den Monarchen wie die Monarchisten schockieren mußten: "Das Königtum steht da, eine mächtige Ruine, die von heute auf morgen bleibt, doch endlich sinken wird. Jahrhunderte hat es gehalten, und solang das Volk sich blind leiten ließ, war es gut, doch jetzt ist seine Aufgabe zu Ende, frei sind alle Menschen, und beim nächsten Sturm sinkt diese Ruine."

Die Privilegien eines kaiserlichen Prinzen nahm Rudolf selbstverständlich für sich in Anspruch. Mit einundzwanzig war er bereits Oberst, mit dreißig Feldmarschall-Leutnant und Generalinspektor der Infanterie. Er trug schöne Uniformen, und 1879, im Festspiel zur Silberhochzeit der Eltern, posierte er in mittelalterlichem Kostüm, als König Rudolf I. von Habsburg. Kurz vorher hatte er freilich ein Testament abgefaßt, in dem es hieß: "Unsere Zeit erfordert neue Ansichten, Reaktion ist überall, besonders aber in Österreich, der erste Schritt zum Untergang. Diejenigen, die Reaktion predigen, sind die gefährlichsten Feinde, sie habe ich immer verfolgt, vor ihnen warne ich!"

Derartiges hatte man von einem Habsburger noch nicht vernommen, und schon wurde angenommen, ein Liberaler, vielleicht sogar ein Demokrat, wüchse hier dem Thron entgegen. Er war ein Schüler des liberalen Nationalökonomen Karl Menger, er war in England gewesen, pflegte Verbindungen mit französischen Republikanern, schrieb Reisebücher und Leitartikel für das Neue Wiener Tagblatt, anonym selbstredend, und erklärte seinem Freund Szeps: "Denselben Zielen streben wir zu, und wenn auch die Zeiten sich momentan verschlimmern, wenn auch Rückschritt, Fanatismus, Verrohung der Sitten und ein Zurückgehen auf alte, längst überwunden geglaubte Zustände Platz zu greifen scheinen, wir vertrauen doch auf eine schöne große Zukunft..."

Doch zwischen den Worten und dem Leben Rudolfs klaffte ein immer größer werdender Widerspruch. Er beteiligte sich selber an der von ihm beklagten Verrohung der Sitten, und schon bald sah er für sich persönlich keine Zukunft mehr. Zusehends verschlechterte sich das Verhältnis zu seinem Vater, der sich immer weniger vorstellen konnte, daß ein Mann, der sich selber nicht beherrschen konnte, einmal über andere herrschen sollte. Auf den naheliegenden Gedanken, ihn in die Pflicht und Verantwortung zu nehmen, ihm Regierungsaufgaben anzuvertrauen, kam er nicht; denn dies war in diesem Hause und für diesen Vater undenkbar. Zum Konflikt reichte es nicht, nur zur Klage des Sohnes: "Ich sehe die schiefe Ebene, auf der wir abwärtsgleiten. Lebe den Dingen sehr nahe, kann aber in keiner Weise etwas tun, darf nicht einmal laut reden, das sagen, was ich fühle und glaube."

Es konnte kaum ausbleiben, daß er selber auf die schiefe Bahn geriet und immer weiter abglitt. Nach dem Freudenbecher des Lebens hatte er schon sehr früh gegriffen, immer mehr liebte er Wein, Weib und Gesang, und er nützte die ihm gebotenen Mittel und Möglichkeiten bis zur Neige aus.

Die Ehe mit der zu kühlen und langweiligen Stephanie von Belgien wurde ihm zunehmend lästig. Am 2. September 1883 kam ein Kind, kein Thronerbe, sondern die Tochter Elisabeth. Dabei blieb es. Rudolf ging mehr und mehr seine eigenen Wege, liebte das Lotterleben: Frauen, Alkohol, auch Morphium. Er holte sich einen Tripper, steckte seine Frau an, die nun keine Kinder mehr bekommen konnte, und beide hatten nun einen Grund, nicht mehr miteinander zu verkehren.

Das alles blieb nicht unbemerkt. Der Wiener Bürgermeister Cajetan Felder sorgte sich "... über das sich immer heftiger entwickelnde Temperament des Kronprinzen, über sein barsches Benehmen gegen seine Umgebung und Mary Vetseradeshalb seine immer mehr schwindende Beliebtheit, seinen Hang zu wechselnden Galanterien, seine üble Gesellschaft, seine immer mehr sich steigernde Entfremdung vom Familienleben."

Konfidenten, wie in Wien die Polizeiagenten hießen, beschatteten ihn auf Schritt und Tritt. Einer berichtete über sein Verhältnis zu Mizzi Kaspar, einer stadtbekannten Kokotte, mit der er sich zusammen angeblich erschießen wollte.

"Vom 'Erschießen' sprach Erzherzog Rudolf seit Sommer 1888. Er machte auch der Mizzi den Vorschlag, sich mit ihr im Husarentempel (bei Mödling) zu erschießen. Mizzi lachte darüber und glaubte es auch nicht, als er ihr Montag, den 28. Januar 1889 sagte, er werde sich in Mayerling erschießen ... Erzherzog Rudolf äußerte sich gegenüber Mizzi wiederholt, aber erst immer nach dem Sommer 1888 - es erheische seine Ehre, daß er sich erschieße. Warum es seine Ehre erheische, detaillierte er nicht näher."

Die Historiker rätseln noch immer daran herum. Die Motive der Affäre Mayerling, des Selbstmordes des Kronprinzen, sind bis ins Letzte nicht geklärt und werden wohl auch nie geklärt werden. Anzunehmen ist, daß der Dreißigjährige sich am Ende fühlte, der Lebensgierige lebensüberdrüssig geworden war, Schluß machen wollte. Todessehnsucht überkam den körperlich ausgezehrten, moralisch abgesunkenen, mit Gott und der Welt, dem Vater und dessen Österreich-Ungarn zerfallenen Rudolf.

Schon 1885 schrieb er in sein Tagebuch: "Ich suche von Zeit zu Zeit nach einer Gelegenheit, einen Sterbenden zu sehen und seine letzten Atemzüge zu belauschen. Es ist dies für mich immer ein merkwürdiger Anblick, und von allen Personen, die ich sterben gesehen habe, ist jede auf eine andere Weise gestorben."

Mizzi Kaspar, die lebenslustige Wienerin, lachte ihn aus, als er sie bat, mit ihm in den Tod zu gehen. Da er aber nicht allein sterben wollte, und da er mit einer Frau sterben wollte, sah er sich anderweitig um. Er fand das, was er suchte, in der siebzehnjährigen Baronesse Mary Vetsera. So wird sie vom Mayerling-Forscher Ernst von der Planitz vorgestellt: "Die Baronesse war nicht eigentlich, was man eine Schönheit nennt, am wenigsten eine edle, vornehme Schönheit; das Wort Schopenhauers vom 'Knalleffekt der Natur' paßt selten so gut wie hier; von der üppigen, früh erblühten Gestalt, dem hübschen Gesichtchen mit den zuckenden Lippen, dem kecken Stumpfnäschen, den feucht schimmernden blauen Augen ging ein Hauch heißer Sinnlichkeit aus ..."

Der Inhalt ihres kleinen und kurzen Lebens wurde Rudolf, der Kronprinz, der Liebhaber. Schon ihre Mutter, Helene Vetsera, hatte dem jungen Rudolf nachgestellt. Ihre Tochter verfiel ihm ganz. Am Anfang stand ein Liebesbrief, den sie kurzerhand an ihn schrieb: "Ich sagte ihm, daß ich ihn liebe, und daß ich nur den einen Wunsch hätte, ihn zu sprechen. Ob er mir eine Zusammenkunft bewilligen wolle. Ein postlagernder Brief unter der und der Nummer würde mich erreichen ... Er teilte mir mit, daß jede Nacht um 12 Uhr ein Fiaker eine Stunde lang in der Salesianergasse warten würde ... Ich wurde fast ohnmächtig vor Freude, als ich ihn an meiner Seite wußte. Ich fühlte mich wie im Himmel. Wir sprachen von tausend Dingen. Er war gerade so anbetungswürdig, wie ich ihn mir vorgestellt habe." Sie müsse ihm ihre Liebe weihen, weil er sich so unglücklich fühle, sagte Mary zur Gräfin Larisch, einer Nichte der Kaiserin Elisabeth, welche die Verbindung anknüpfen und pflegen half. Mary Vetsera wurde im Herbst 1888 schwanger. Stephanie war die Liaison nicht verborgen geblieben. Am 27. Januar 1889, während eines Empfangs beim deutschen Botschafter, erlaubte sich die Liebhaberin einen Affront gegen die Ehefrau.

Gräfin Larisch berichtet: Als Stephanie während des Empfangs an Mary vorbeischritt, blickte die Baronesse der Kronprinzessin, anstatt in einem Hofknicks zu ersterben, "voll ins Gesicht, ohne sie zu grüßen. Die Augen der beiden Frauen trafen sich. Die Zuschauer blickten verdutzt drein, und gerade als jeder gespannt wartete, was jetzt erfolgen würde, stampfte Mary einmal, dann noch einmal mit dem Fuße auf und warf den Kopf mit einer Bewegung tiefster Verachtung zurück."

Was hatte der Baronesse den Mut gegeben, sich diesen für höfische Verhältnisse unerhörten Affront zu leisten? Später glaubte man feststellen zu können, daß sie bereits dem vergötterten Rudolf zugesichert hatte, mit ihm in den nächsten Tagen gemeinsam in den Tod zu gehen. Einen eisernen Ring mit Initialen, die "In Liebe vereint bis in den Tod" bedeuteten, hatte sie von ihm erhalten, und ein Medaillon, worin sich ein Stückchen Leinwand mit einem Blutstropfen befand. Die Siebzehnjährige hatte auch schon ihr Testament gemacht.

Ihr Liebhaber hatte am 26. Januar eine Auseinandersetzung mit dem Vater gehabt. Was zwischen ihnen gesprochen und gestritten wurde, ist Geheimnis geblieben. Aber es ist anzunehmen, daß ihm der Vater Vorhaltungen über seinen Lebenswandel machte. Es wird behauptet, der Kaiser habe den Kronprinzen zitiert, weil er vom Papst erfahren habe, daß Rudolf hinter seinem Rücken die Annullierung seiner Ehe betreibe, um die Baronesse Vetsera heiraten zu können. Auch politische Differenzen zwischen dem Kaiser und dem Kronprinzen wären zur Sprache gekommen, wurde vermutet - obschon man nach der Eigenart Franz Josephs anzunehmen geneigt ist, daß der mit dem Sohne, den er von den Regierungsgeschäften peinlichst fernhielt, kaum politische Streitgespräche führen mochte.

Jedenfalls machte die Unterredung zwischen Kaiser und Kronprinz - die letzte, die sie hatten - auf Rudolf einen niederschmetternden Eindruck. Sophie von Planker-Klaps, die Kammerfrau der Kronprinzessin, erzählte:

"Am 26. Januar 1889, ungefähr um 9 Uhr früh, befand ich mich in einem Garderobenzimmer in der Hofburg, als der Kronprinz auf dem Wege nach seinem Appartement durchkam. Er war in Parade und sah fürchterlich verstört, geradezu verfallen aus, und die Hand, in der er den Generalshut hielt, zitterte sichtbar. Ich fragte den Kammerdiener Beck später, was denn geschehen sei und hörte, daß der Kronprinz bei Seiner Majestät in Audienz war; es müsse etwas Schreckliches gegeben haben, denn der Kaiser soll gesagt haben: 'Du bist nicht würdig, mein Nachfolger zu werden!"'

Nun seien alle Bande zwischen dem Kaiser und ihm zerrissen, soll Rudolf am 27. Januar seinem Freund Moriz Szeps erklärt haben. Jedenfalls war Rudolf einen Tag später, am 28. Januar 1889, auf dem Wege zu seinem Lustschlößchen Mayerling, das seine Todesstätte werden sollte. Für ihn und Mary Vetsera, die er zu diesem letzten Rendezvous mitgenommen hatte. Nachdem die Larisch die Vetsera heimlich zu Rudolf gebracht hatte, bekam sie es auf einmal mit der Angst zu tun. Sie informierte den Polizeipräsidenten über das Verschwinden der Baronesse Vetsera, und deren Absicht, sich das Leben zu nehmen.

Baron Franz von Krauss legte eine Akte an, die laufend dicker wurde. Das Ersuchen der Gräfin Larisch, in Mayerling, wo sie das Paar vermutete und wo es auch am Nachmittag des 28. Januar eingetroffen war, vorbeugend polizeilich einzugreifen, wurde negativ beschieden: "Ich konnte hierauf nur bemerken, daß Mayerling außerhalb des Polizeireviers gelegen ist, ich daher nicht in der Lage sei, dort amtszuhandeln oder nachzuforschen ... Die Polizei hat im Hofgebäude Mayerling nichts zu suchen."

Am 29. Januar - einen Tag nach der Ankunft Rudolfs und Marys in Mayerling, wo ihr Zusammensein nur der engsten Dienerschaft bekannt war - war das Familien-Diner in der Hofburg angesetzt. Rudolf blieb in Mayerling, mit seinem Freund Graf Josef Hoyos-Sprinzenstein, während er seinen Schwager, Prinz Philipp von Sachsen-Coburg-Gotha, nach Wien geschickt hatte, mit seiner Entschuldigung.

Graf Hoyos hatte am andern Tag, am 30. Januar 1889, auch eine Nachricht in die Wiener Hofburg zu überbringen - eine Hiobsbotschaft: "Nachdem wir - am Abend des 29. Januar - geraucht hatten, und es etwa 9 Uhr geworden war, zog sich der Kronprinz, bemerkend, daß er seinen Schnupfen pflegen müsse, mit gewohnter Herzlichkeit die Hand reichend und gute Nacht wünschend, zurück. Ich konnte nicht ahnen, daß ich die Hand zum letzten Mal geschüttelt hatte."

Am Morgen des 30. Januar 1889 meldete der Kammerdiener: Seine Kaiserliche Hoheit habe auf das Klopfen an der Zimmertür nicht reagiert. Die Tür sei von innen verschlossen. Nun erst erfuhr Graf Hoyos, daß die Baronin Vetsera mit dem Kronprinzen im Schlafzimmer sei. Inzwischen war Prinz Philipp von Wien zurückgekehrt, und beide beschlossen, die Schlafzimmertüre aufbrechen zu lassen.

"Kammerdiener Loschek, der in das Gemach blickte, erklärte, daß beide als Leichen im Bett lägen. Er erklärte, daß sich keine Spur von Leben in den Körpern befinde, der Kronprinz über den Bettrand gebeugt liege, eine große Blutlache vor sich, und der Tod voraussichtlich durch Vergiftung mit Zyankali erfolgt sei, da hierbei solche Blutstürze vorkämen."

So meldete der nach Wien geeilte Graf Hoyos in der Hofburg die Zyankali-Version des Kammerdieners als Todesursache. Eine Ärztekommission stellte aber dann fest, daß Revolverschüsse die Todesursache waren. Kronprinz Rudolf habe sich mit einem Revolver in die Schläfe geschossen. Und zuvor seine Geliebte Mary Vetsera erschossen, sicherlich mit deren Einwilligung - aber durch seine Hand vom Leben zum Tod befördert. Der Kronprinz nicht nur ein Selbstmörder, sondern auch ein Mörder!

Der Kaiser war wie versteinert. Er hatte keinen Abschiedsbrief erhalten. Der Mutter hatte der Sohn eingestanden: Er wisse sehr gut, daß er nicht würdig gewesen wäre, ihr Sohn zu sein. Die Gattin erhielt ein paar Abschiedsworte: "Liebe Stephanie! Du bist von meiner Gegenwart und Plage befreit; werde glücklich auf Deine Art. Sei gut für die arme Kleine, die das Einzige ist, was von mir übrigbleibt ... Ich gehe ruhig in den Tod, der allein meinen guten Namen retten kann."

Am 5. Februar 1889 wurde der von eigener Hand gestorbene Kronprinz Rudolf von Österreich nach habsburgischer Hofetikette in der Kapuzinergruft beigesetzt. Mary Vetsera, die durch die Hand ihres Liebhabers umgekommen war, wurde in aller Heimlichkeit in Heiligenkreuz, in der Nähe von Mayerling, beerdigt. Sie hatte einen Abschiedsbrief an ihre Schwester hinterlassen: "Wir gehen beide selig in das ungewisse Jenseits. Denk hie und da an mich. Sei glücklich und heirate nur aus Liebe. Ich konnte es nicht tun, und da ich dieser Liebe nicht widerstehen konnte, so gehe ich mit ihm. Deine Mary. PS. Weine nicht um mich, ich gehe fidel hinüber."

Der Versuch des Hofes und der Regierung, die fatalsten Umstände der Affäre Mayerling totzuschweigen, führte zum gegenteiligen Ergebnis: einer eigentlich bis heute nicht beendeten Suche nach den tatsächlichen Begebenheiten und den wahrscheinlichsten Motiven. Es begann mit unglaublichen Geschichten. Rudolf sei das Opfer eines sogenannten "amerikanischen Duells" geworden, wozu er wegen der Verführung der Prinzessin Auersperg durch deren Bruder gezwungen worden sei; er habe die schwarze Kugel gezogen und sich deshalb binnen sechs Monaten töten müssen. Auch wurde behauptet, Rudolf sei von einem Förster, der ihn in flagranti mit seiner Frau erwischte, mit einem Bierkrügl erschlagen worden. Noch 1980 wurde eine neue Version verbreitet, vom österreichischen Arzt Gerd Holler: Mary Vetsera sei in Mayerling an den Folgen einer mißglückten Abtreibung gestorben, worauf sich Rudolf erschossen habe. Aber auch hier fehlen die letzten Beweise.

Wahrscheinlich ist, daß Rudolf zuerst Mary und dann sich selber erschossen hat. Was die Motive betrifft, so werden persönliche wie politische angenommen. Am unwahrscheinlichsten ist die These, der Kronprinz sei in eine ungarische Verschwörung gegen den Kaiser verstrickt gewesen und habe die Konsequenzen ziehen müssen.

In ihrer Rudolf-Biographie kommt die österreichische Historikerin Brigitte Hamann zu einem differenzierten Urteil: "Die Schwäche, Verzweiflung, Krankheit, die Isolation in der kaiserlichen Familie, am Hof und in der Politik, die zerstörten Hoffnungen, jemals den Thron zu besteigen und ein friedliches liberales Europa mitschaffen zu können ..., die tiefe Kluft zum Denken des übermächtigen Vaters, der nach Rudolfs Meinung dem Untergang zusteuerte und einem großen Krieg ..., der das übernationale Reich Österreich-Ungarn zerstören würde ..., aber auch die Erkenntnis eigener Schuld und Unzulänglichkeit und zum Schluß der unwägbare Einfluß des euphorischen Mädchens, das mit ihm sterben wollte - all dies war wohl geeignet, die Entscheidungsfähigkeit derart einzuengen, daß es in einer schwachen Stunde zu einem so grauenhaften Ende kommen konnte."

In ihrer Biographie "Stephanie. Kronprinzessin im Schatten von Mayerling" meint die österreichische Historikerin Irmgard Schiel: "Man hat das bayerische Erbe für Rudolfs anfällige Verfassung verantwortlich gemacht. Seine Gemütskrankheit aber war österreichischer Natur. Im 'Land der Tänzer und Geiger', in dem die Selbstmordrate eine der höchsten in Europa ist, scheint zu den Nationaleigenschaften wie Charme, Gemütlichkeit, Daseinsfreude und Musikalität auch Depression, Pessimismus und Todessehnsucht zu gehören ... Rudolfs Selbstmord war nur der letale Ausgang einer sehr österreichischen Krankheit: des Leidens am Leben."

Das klingt nach Arthur Schnitzler, dem österreichischen Dichter der Jahrhundertwende, der eine Wiener Jugend beschrieb, die "lebensfroh und zu Tode betrübt war, die mit dem Leben und dem Tod spielte, die rational im Denken und sentimental im Fühlen war, stets in Liebeshändel verstrickt, und jede Stunde bereit, in süßer Wonne Abschied zu nehmen."

In der bereits 1928 erschienenen klassischen Biographie "Das Leben des Kronprinzen Rudolf" von Oskar von Mitis, die 1971 von dem Wiener Historiker Adam Wandruszka neu herausgegeben und in ihrem Urteil im großen und ganzen bestätigt wurde, heißt es eher im Ton von Joseph Roth, dem Dichter des "Radetzkymarsches" und des Untergangs des Vielvölkerreiches: "Rudolfs Tod bedeutete nicht den Untergang der Habsburgermonarchie, aber er starb, weil dieses Reich dem Tod verfallen war. In dem Menschenschicksal des Thronerben verkörperte sich zum letzten Mal die Hoffnung auf eine glückliche Zukunft des Staates und zugleich schon der tiefe Pessimismus, daß nichts mehr zu retten sei."


LITERATURHINWEISE:
Hamann, Brigitte: Rudolf - Kronprinz und Rebell. Wien 1978.
Herre, Franz: Kaiser Franz Joseph von Österreich. Sein Leben - seine Zeit. Köln 1978. Auch als Heyne-Taschenbuch, München 1988.
Mitis, Oskar von: Das Leben des Kronprinzen Rudolf. Wien 1971.
Schiel, Irmgard: Stephanie. Kronprinzessin im Schatten von Mayerling. Stuttgart 1978.

Dr. Franz Herre, geboren 1926, hat sich als Historiker und Publizist vor allem mit Biographien zur Geschichte des 19. Jahrhunderts einen Namen gemacht. Er veröffentlichte u. a. "Metternich" (1983), "Moltke" (1984), "Ludwig II." (1986), "Kaiser Friedrich III." (1987), "Napoleon Bonaparte" (1988).


Quelle: DAMALS - Das Geschichtsmagazin
Jan 1989

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