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18. September
2009
Kronprinz Rudolf von
Österreich
1889: Die
Affäre Mayerling erschüttert die
Donaumonarchie
Von Franz
Herre
Österreich-Ungarn am Ende des
Jahres 1888: Soziale Konflikte nehmen zu, Parteien formieren
sich, der Nationalitätenstreit hat sich zugespitzt.
Wien am Anfang des Jahres 1889: Das neue Burgtheater ist
eröffnet, das Denkmal Maria Theresias eingeweiht, die
Ringstraße demonstriert staatliche Macht,
bürgerlichen Reichtum und kulturellen Glanz. Die
Hofburg am 29. Januar 1889: Die "Allerhöchste Hoftafel"
ist gedeckt.
Die Hauptperson des auf sechs Uhr
nachmittags angesetzten Familien-Diners im Hause Habsburg
ist der nun 58jährige Franz Joseph I., Kaiser von
Österreich und König von Ungarn. Der schon
ergraute Kaiserbart, der herrscherliche Strenge wie
patriarchalische Milde ausdrücken soll, kann die
Züge der Resignation in diesem Gesicht nicht verdecken.
Denn Glück hat er in den vierzig Jahren seiner
Regierung nicht gehabt. Er verlor die Kriege von
1859 gegen Frankreich und Italien und von 1866 gegen
Preußen und Deutschland; 1867 wurde sein Bruder,
Kaiser Maximilian von Mexiko, standrechtlich erschossen. Und
der Kaiser eines Vielvölkerreiches steht gegen die
nationalen und demokratischen Bewegungen des Jahrhunderts
mit dem Rücken zur Wand.
"Wenn man so manche Arbeit, Sorge,
so manchen Kummer hat wie ich, so ist ein zwangloses,
offenes und heiteres Aussprechen eine wahre Freude, und
deshalb sind mir die Augenblicke, die ich mit Ihnen
zubringen darf, so unendlich wert." Das schreibt Kaiser
Franz Joseph an seine Gesprächspartnerin Katharina
Schratt, eine Burgschauspielerin, die ihm zur
unentbehrlichen Freundin wird. Denn auch mit seiner Frau hat
er kein Glück gehabt. Elisabeth, eine geborene Herzogin
in Bayern, ist zu egozentrisch für eine Ehefrau und zu
extravagant für eine Kaiserin. 1854, also vor fast 35
Jahren, haben sie geheiratet, aber schon seit drei
Jahrzehnten ist sie kaum mehr zu Haus, durchschweift ruhelos
die Welt.
An diesem 29. Januar 1889 ist
Kaiserin Elisabeth zum Familien-Diner erschienen - mit ihren
51 Jahren noch immer eine schöne Frau. Heute ist sie
gern im Familienkreis. Denn die Verlobung ihrer
Lieblingstochter Marie Valerie mit dem Erzherzog Franz
Salvator von Toskana soll gefeiert werden. Und eine
Versöhnung zwischen ihrem einzigen Sohn, den
Kronprinzen Rudolf, und seiner Gemahlin Stephanie soll in
die Wege geleitet werden. Ihre Ehe, vor beinahe acht Jahren
geschlossen, ist schon seit einiger Zeit zerrüttet. Nun
soll ein Versuch unternommen werden, sie vor dem Zerbrechen
zu bewahren.
Kronprinzessin Stephanie,
vierundzwanzig, sieht man ihren Kummer an, was ihr auch noch
den letzten Rest von Charme genommen hat. Die blonde Tochter
des Königs von Belgien, in Brüssel "Rose von
Brabant" genannt, wird am Wiener Hof als die "flämische
Bäuerin" bezeichnet. Auch für diesen Abend hat sie
sich zu pompös angezogen. Ihre Unsicherheit kann das
nicht verdecken: "Als ich zum Familien-Diner in den Saal
trat, schien mir, als seien aller Augen auf mich gerichtet.
Kaiser und Kaiserin kamen mir mit der Frage nach dem
Verbleib Rudolfs entgegen."
Denn von den 21 Tafelgästen
sind alle da - bis auf einen, nicht den unwichtigsten an
diesem Abend: den Kronprinzen Rudolf. Der Tafeldecker will
schon sein Gedeck wegnehmen, doch der Vater, der Kaiser,
meint, der Sohn könne ja noch im letzten Moment kommen.
Es kommt Prinz Philipp von Sachsen-Coburg-Gotha, der
Handküsse des Sohnes für den Vater
überbringt, und die Entschuldigung: Seine kaiserliche
und königliche Hoheit, der Kronprinz, habe sich auf der
Kutschfahrt nach seinem Jagdschlößchen Mayerling
im verschneiten Wienerwald einen Schnupfen geholt, der sich
verschlimmert habe, weil in den selten geheizten Räumen
die Öfen nicht richtig warm gemacht hätten.
Er ist dem Familien-Diner
ferngeblieben, doch niemand sitzt am Tisch, der nicht an ihn
gedacht hätte, an den Kronprinzen Rudolf von
Österreich, den nun dreißigjährigen Sohn des
Kaiserpaares und Thronerben des Reiches. Anlaß zum
Nachdenken und Stoff zum Reden hat er schon lange gegeben.
In Affären ist er seit Jahren verstrickt - nun sollte
er zur Hauptfigur der Haupt- und Staatsaffäre Mayerling
werden.
"Unheilig ist die Stille, wie die
Stille vor einem Gewitter." Das schrieb Rudolf zum
Jahreswechsel 1888/89 seinem Freund Moriz Szeps, dem
liberalen Chefredakteur des Neuen Wiener Tagblatts,
der - wie so viele Intellektuelle in Österreich-Ungarn
- Jude war. Freund Szeps antwortete: "In der Schwüle
nicht zu ermatten, für die Zeit der Tat den Geist und
den Arm stark zu erhalten, das ist die Aufgabe, die Seine
Kaiserliche Hoheit sich gesetzt haben ... Man weiß,
daß Sie Großes wollen, Großes zu leisten
befähigt sind - und wo man das nicht weiß, ahnt
man es. Deshalb werden Sie schon jetzt mit den verschiedenen
Mitteln bekämpft, vertritt man Ihnen die Zukunftswege
..."
Das war das Lob, das war die Sorge
eines Freundes - eines Liberalen, der hoffte, daß ein
junger Kaiser Rudolf moderner und beweglicher sein
würde als der alte Kaiser Franz Joseph, und der
befürchtete, daß man ihn entmutigen könnte,
bevor er noch zum Zuge käme. Doch die aufmunternden
Worte trafen einen Müden und Resignierten, der keine
Zukunft mehr vor sich sah.
An seinem 30. Geburtstag, am 21.
August 1888 - vor einem halben Jahr also - hatte Kronprinz
Rudolf an Moriz Szeps geschrieben: "Dreißig Jahre sind
ein großer Abschnitt; viel Zeit ist vorüber, mehr
oder weniger nützlich zugebracht, doch leer an wahren
Taten und Erfolgen. Wir leben in einer schleppenden und
versumpften Zeit. Und jedes Jahr jetzt macht mich
älter, weniger frisch und weniger tüchtig, denn
die notwendige alltägliche Arbeit, das ewige
Sich-Vorbereiten und die stete Erwartung großer,
umgestaltender Zeiten erschlaffen die Schaffenskraft."
Der Sohn eines nüchternen,
allzu nüchternen Vaters und einer phantasievollen,
allzu phantasievollen Mutter war schon als Kind ein
Problemkind gewesen: nervös und vorlaut, frühreif,
ein "Wolkenkraxler" wie der besorgte Vater meinte. Im Kopf
schon des Fünfzehnjährigen bewegten sich Gedanken,
die ungewöhnlich für einen kaiserlichen Prinzen
waren, und der Erbe einer Monarchie brachte Vorstellungen zu
Papier, die den Monarchen wie die Monarchisten schockieren
mußten: "Das Königtum steht da, eine
mächtige Ruine, die von heute auf morgen bleibt, doch
endlich sinken wird. Jahrhunderte hat es gehalten, und
solang das Volk sich blind leiten ließ, war es gut,
doch jetzt ist seine Aufgabe zu Ende, frei sind alle
Menschen, und beim nächsten Sturm sinkt diese Ruine."
Die Privilegien eines kaiserlichen
Prinzen nahm Rudolf selbstverständlich für sich in
Anspruch. Mit einundzwanzig war er bereits Oberst, mit
dreißig Feldmarschall-Leutnant und Generalinspektor
der Infanterie. Er trug schöne Uniformen, und 1879, im
Festspiel zur Silberhochzeit der Eltern, posierte er in
mittelalterlichem Kostüm, als König Rudolf I. von
Habsburg. Kurz vorher hatte er freilich ein Testament
abgefaßt, in dem es hieß: "Unsere Zeit erfordert
neue Ansichten, Reaktion ist überall, besonders aber in
Österreich, der erste Schritt zum Untergang.
Diejenigen, die Reaktion predigen, sind die
gefährlichsten Feinde, sie habe ich immer verfolgt, vor
ihnen warne ich!"
Derartiges hatte man von einem
Habsburger noch nicht vernommen, und schon wurde angenommen,
ein Liberaler, vielleicht sogar ein Demokrat, wüchse
hier dem Thron entgegen. Er war ein Schüler des
liberalen Nationalökonomen Karl Menger, er war in
England gewesen, pflegte Verbindungen mit französischen
Republikanern, schrieb Reisebücher und Leitartikel
für das Neue Wiener Tagblatt, anonym
selbstredend, und erklärte seinem Freund Szeps:
"Denselben Zielen streben wir zu, und wenn auch die Zeiten
sich momentan verschlimmern, wenn auch Rückschritt,
Fanatismus, Verrohung der Sitten und ein Zurückgehen
auf alte, längst überwunden geglaubte
Zustände Platz zu greifen scheinen, wir vertrauen doch
auf eine schöne große Zukunft..."
Doch zwischen den Worten und dem
Leben Rudolfs klaffte ein immer größer werdender
Widerspruch. Er beteiligte sich selber an der von ihm
beklagten Verrohung der Sitten, und schon bald sah er
für sich persönlich keine Zukunft mehr. Zusehends
verschlechterte sich das Verhältnis zu seinem Vater,
der sich immer weniger vorstellen konnte, daß ein
Mann, der sich selber nicht beherrschen konnte, einmal
über andere herrschen sollte. Auf den naheliegenden
Gedanken, ihn in die Pflicht und Verantwortung zu nehmen,
ihm Regierungsaufgaben anzuvertrauen, kam er nicht; denn
dies war in diesem Hause und für diesen Vater
undenkbar. Zum Konflikt reichte es nicht, nur zur Klage des
Sohnes: "Ich sehe die schiefe Ebene, auf der wir
abwärtsgleiten. Lebe den Dingen sehr nahe, kann aber in
keiner Weise etwas tun, darf nicht einmal laut reden, das
sagen, was ich fühle und glaube."
Es konnte kaum ausbleiben, daß
er selber auf die schiefe Bahn geriet und immer weiter
abglitt. Nach dem Freudenbecher des Lebens hatte er schon
sehr früh gegriffen, immer mehr liebte er Wein, Weib
und Gesang, und er nützte die ihm gebotenen Mittel und
Möglichkeiten bis zur Neige aus.
Die Ehe mit der zu kühlen und
langweiligen Stephanie von Belgien wurde ihm zunehmend
lästig. Am 2. September 1883 kam ein Kind, kein
Thronerbe, sondern die Tochter Elisabeth. Dabei blieb es.
Rudolf ging mehr und mehr seine eigenen Wege, liebte das
Lotterleben: Frauen, Alkohol, auch Morphium. Er holte sich
einen Tripper, steckte seine Frau an, die nun keine Kinder
mehr bekommen konnte, und beide hatten nun einen Grund,
nicht mehr miteinander zu verkehren.
Das alles blieb nicht unbemerkt. Der
Wiener Bürgermeister Cajetan Felder sorgte sich "...
über das sich immer heftiger entwickelnde Temperament
des Kronprinzen, über sein barsches Benehmen gegen
seine Umgebung und deshalb
seine immer mehr schwindende Beliebtheit, seinen Hang zu
wechselnden Galanterien, seine üble Gesellschaft, seine
immer mehr sich steigernde Entfremdung vom Familienleben."
Konfidenten, wie in Wien die
Polizeiagenten hießen, beschatteten ihn auf Schritt
und Tritt. Einer berichtete über sein Verhältnis
zu Mizzi Kaspar, einer stadtbekannten Kokotte, mit der er
sich zusammen angeblich erschießen wollte.
"Vom 'Erschießen' sprach
Erzherzog Rudolf seit Sommer 1888. Er machte auch der Mizzi
den Vorschlag, sich mit ihr im Husarentempel (bei
Mödling) zu erschießen. Mizzi lachte darüber
und glaubte es auch nicht, als er ihr Montag, den 28. Januar
1889 sagte, er werde sich in Mayerling erschießen ...
Erzherzog Rudolf äußerte sich gegenüber
Mizzi wiederholt, aber erst immer nach dem Sommer 1888 - es
erheische seine Ehre, daß er sich erschieße.
Warum es seine Ehre erheische, detaillierte er nicht
näher."
Die Historiker rätseln noch
immer daran herum. Die Motive der Affäre Mayerling, des
Selbstmordes des Kronprinzen, sind bis ins Letzte nicht
geklärt und werden wohl auch nie geklärt werden.
Anzunehmen ist, daß der Dreißigjährige sich
am Ende fühlte, der Lebensgierige
lebensüberdrüssig geworden war, Schluß
machen wollte. Todessehnsucht überkam den
körperlich ausgezehrten, moralisch abgesunkenen, mit
Gott und der Welt, dem Vater und dessen
Österreich-Ungarn zerfallenen Rudolf.
Schon 1885 schrieb er in sein
Tagebuch: "Ich suche von Zeit zu Zeit nach einer
Gelegenheit, einen Sterbenden zu sehen und seine letzten
Atemzüge zu belauschen. Es ist dies für mich immer
ein merkwürdiger Anblick, und von allen Personen, die
ich sterben gesehen habe, ist jede auf eine andere Weise
gestorben."
Mizzi Kaspar, die lebenslustige
Wienerin, lachte ihn aus, als er sie bat, mit ihm in den Tod
zu gehen. Da er aber nicht allein sterben wollte, und da er
mit einer Frau sterben wollte, sah er sich anderweitig um.
Er fand das, was er suchte, in der siebzehnjährigen
Baronesse Mary Vetsera. So wird sie vom Mayerling-Forscher
Ernst von der Planitz vorgestellt: "Die Baronesse war nicht
eigentlich, was man eine Schönheit nennt, am wenigsten
eine edle, vornehme Schönheit; das Wort Schopenhauers
vom 'Knalleffekt der Natur' paßt selten so gut wie
hier; von der üppigen, früh erblühten
Gestalt, dem hübschen Gesichtchen mit den zuckenden
Lippen, dem kecken Stumpfnäschen, den feucht
schimmernden blauen Augen ging ein Hauch heißer
Sinnlichkeit aus ..."
Der Inhalt ihres kleinen und kurzen
Lebens wurde Rudolf, der Kronprinz, der Liebhaber. Schon
ihre Mutter, Helene Vetsera, hatte dem jungen Rudolf
nachgestellt. Ihre Tochter verfiel ihm ganz. Am Anfang stand
ein Liebesbrief, den sie kurzerhand an ihn schrieb: "Ich
sagte ihm, daß ich ihn liebe, und daß ich nur
den einen Wunsch hätte, ihn zu sprechen. Ob er mir eine
Zusammenkunft bewilligen wolle. Ein postlagernder Brief
unter der und der Nummer würde mich erreichen ... Er
teilte mir mit, daß jede Nacht um 12 Uhr ein Fiaker
eine Stunde lang in der Salesianergasse warten würde
... Ich wurde fast ohnmächtig vor Freude, als ich ihn
an meiner Seite wußte. Ich fühlte mich wie im
Himmel. Wir sprachen von tausend Dingen. Er war gerade so
anbetungswürdig, wie ich ihn mir vorgestellt habe." Sie
müsse ihm ihre Liebe weihen, weil er sich so
unglücklich fühle, sagte Mary zur Gräfin
Larisch, einer Nichte der Kaiserin Elisabeth, welche die
Verbindung anknüpfen und pflegen half. Mary Vetsera
wurde im Herbst 1888 schwanger. Stephanie war die Liaison
nicht verborgen geblieben. Am 27. Januar 1889, während
eines Empfangs beim deutschen Botschafter, erlaubte sich die
Liebhaberin einen Affront gegen die Ehefrau.
Gräfin Larisch berichtet: Als
Stephanie während des Empfangs an Mary vorbeischritt,
blickte die Baronesse der Kronprinzessin, anstatt in einem
Hofknicks zu ersterben, "voll ins Gesicht, ohne sie zu
grüßen. Die Augen der beiden Frauen trafen sich.
Die Zuschauer blickten verdutzt drein, und gerade als jeder
gespannt wartete, was jetzt erfolgen würde, stampfte
Mary einmal, dann noch einmal mit dem Fuße auf und
warf den Kopf mit einer Bewegung tiefster Verachtung
zurück."
Was hatte der Baronesse den Mut
gegeben, sich diesen für höfische
Verhältnisse unerhörten Affront zu leisten?
Später glaubte man feststellen zu können,
daß sie bereits dem vergötterten Rudolf
zugesichert hatte, mit ihm in den nächsten Tagen
gemeinsam in den Tod zu gehen. Einen eisernen Ring mit
Initialen, die "In Liebe vereint bis in den Tod" bedeuteten,
hatte sie von ihm erhalten, und ein Medaillon, worin sich
ein Stückchen Leinwand mit einem Blutstropfen befand.
Die Siebzehnjährige hatte auch schon ihr Testament
gemacht.
Ihr Liebhaber hatte am 26. Januar
eine Auseinandersetzung mit dem Vater gehabt. Was zwischen
ihnen gesprochen und gestritten wurde, ist Geheimnis
geblieben. Aber es ist anzunehmen, daß ihm der Vater
Vorhaltungen über seinen Lebenswandel machte. Es wird
behauptet, der Kaiser habe den Kronprinzen zitiert, weil er
vom Papst erfahren habe, daß Rudolf hinter seinem
Rücken die Annullierung seiner Ehe betreibe, um die
Baronesse Vetsera heiraten zu können. Auch politische
Differenzen zwischen dem Kaiser und dem Kronprinzen
wären zur Sprache gekommen, wurde vermutet - obschon
man nach der Eigenart Franz Josephs anzunehmen geneigt ist,
daß der mit dem Sohne, den er von den
Regierungsgeschäften peinlichst fernhielt, kaum
politische Streitgespräche führen mochte.
Jedenfalls machte die Unterredung
zwischen Kaiser und Kronprinz - die letzte, die sie hatten -
auf Rudolf einen niederschmetternden Eindruck. Sophie von
Planker-Klaps, die Kammerfrau der Kronprinzessin,
erzählte:
"Am 26. Januar 1889, ungefähr
um 9 Uhr früh, befand ich mich in einem
Garderobenzimmer in der Hofburg, als der Kronprinz auf dem
Wege nach seinem Appartement durchkam. Er war in Parade und
sah fürchterlich verstört, geradezu verfallen aus,
und die Hand, in der er den Generalshut hielt, zitterte
sichtbar. Ich fragte den Kammerdiener Beck später, was
denn geschehen sei und hörte, daß der Kronprinz
bei Seiner Majestät in Audienz war; es müsse etwas
Schreckliches gegeben haben, denn der Kaiser soll gesagt
haben: 'Du bist nicht würdig, mein Nachfolger zu
werden!"'
Nun seien alle Bande zwischen dem
Kaiser und ihm zerrissen, soll Rudolf am 27. Januar seinem
Freund Moriz Szeps erklärt haben. Jedenfalls war Rudolf
einen Tag später, am 28. Januar 1889, auf dem Wege zu
seinem Lustschlößchen Mayerling, das seine
Todesstätte werden sollte. Für ihn und Mary
Vetsera, die er zu diesem letzten Rendezvous mitgenommen
hatte. Nachdem die Larisch die Vetsera heimlich zu Rudolf
gebracht hatte, bekam sie es auf einmal mit der Angst zu
tun. Sie informierte den Polizeipräsidenten über
das Verschwinden der Baronesse Vetsera, und deren Absicht,
sich das Leben zu nehmen.
Baron Franz von Krauss legte eine
Akte an, die laufend dicker wurde. Das Ersuchen der
Gräfin Larisch, in Mayerling, wo sie das Paar vermutete
und wo es auch am Nachmittag des 28. Januar eingetroffen
war, vorbeugend polizeilich einzugreifen, wurde negativ
beschieden: "Ich konnte hierauf nur bemerken, daß
Mayerling außerhalb des Polizeireviers gelegen ist,
ich daher nicht in der Lage sei, dort amtszuhandeln oder
nachzuforschen ... Die Polizei hat im Hofgebäude
Mayerling nichts zu suchen."
Am 29. Januar - einen Tag nach der
Ankunft Rudolfs und Marys in Mayerling, wo ihr Zusammensein
nur der engsten Dienerschaft bekannt war - war das
Familien-Diner in der Hofburg angesetzt. Rudolf blieb in
Mayerling, mit seinem Freund Graf Josef Hoyos-Sprinzenstein,
während er seinen Schwager, Prinz Philipp von
Sachsen-Coburg-Gotha, nach Wien geschickt hatte, mit seiner
Entschuldigung.
Graf Hoyos hatte am andern Tag, am
30. Januar 1889, auch eine Nachricht in die Wiener Hofburg
zu überbringen - eine Hiobsbotschaft: "Nachdem wir - am
Abend des 29. Januar - geraucht hatten, und es etwa 9 Uhr
geworden war, zog sich der Kronprinz, bemerkend, daß
er seinen Schnupfen pflegen müsse, mit gewohnter
Herzlichkeit die Hand reichend und gute Nacht
wünschend, zurück. Ich konnte nicht ahnen,
daß ich die Hand zum letzten Mal geschüttelt
hatte."
Am Morgen des 30. Januar 1889
meldete der Kammerdiener: Seine Kaiserliche Hoheit habe auf
das Klopfen an der Zimmertür nicht reagiert. Die
Tür sei von innen verschlossen. Nun erst erfuhr Graf
Hoyos, daß die Baronin Vetsera mit dem Kronprinzen im
Schlafzimmer sei. Inzwischen war Prinz Philipp von Wien
zurückgekehrt, und beide beschlossen, die
Schlafzimmertüre aufbrechen zu lassen.
"Kammerdiener Loschek, der in das
Gemach blickte, erklärte, daß beide als Leichen
im Bett lägen. Er erklärte, daß sich keine
Spur von Leben in den Körpern befinde, der Kronprinz
über den Bettrand gebeugt liege, eine große
Blutlache vor sich, und der Tod voraussichtlich durch
Vergiftung mit Zyankali erfolgt sei, da hierbei solche
Blutstürze vorkämen."
So meldete der nach Wien geeilte
Graf Hoyos in der Hofburg die Zyankali-Version des
Kammerdieners als Todesursache. Eine Ärztekommission
stellte aber dann fest, daß Revolverschüsse die
Todesursache waren. Kronprinz Rudolf habe sich mit einem
Revolver in die Schläfe geschossen. Und zuvor seine
Geliebte Mary Vetsera erschossen, sicherlich mit deren
Einwilligung - aber durch seine Hand vom Leben zum Tod
befördert. Der Kronprinz nicht nur ein
Selbstmörder, sondern auch ein Mörder!
Der Kaiser war wie versteinert. Er
hatte keinen Abschiedsbrief erhalten. Der Mutter hatte der
Sohn eingestanden: Er wisse sehr gut, daß er nicht
würdig gewesen wäre, ihr Sohn zu sein. Die Gattin
erhielt ein paar Abschiedsworte: "Liebe Stephanie! Du bist
von meiner Gegenwart und Plage befreit; werde glücklich
auf Deine Art. Sei gut für die arme Kleine, die das
Einzige ist, was von mir übrigbleibt ... Ich gehe ruhig
in den Tod, der allein meinen guten Namen retten kann."
Am 5. Februar 1889 wurde der von
eigener Hand gestorbene Kronprinz Rudolf von Österreich
nach habsburgischer Hofetikette in der Kapuzinergruft
beigesetzt. Mary Vetsera, die durch die Hand ihres
Liebhabers umgekommen war, wurde in aller Heimlichkeit in
Heiligenkreuz, in der Nähe von Mayerling, beerdigt. Sie
hatte einen Abschiedsbrief an ihre Schwester hinterlassen:
"Wir gehen beide selig in das ungewisse Jenseits. Denk hie
und da an mich. Sei glücklich und heirate nur aus
Liebe. Ich konnte es nicht tun, und da ich dieser Liebe
nicht widerstehen konnte, so gehe ich mit ihm. Deine Mary.
PS. Weine nicht um mich, ich gehe fidel hinüber."
Der Versuch des Hofes und der
Regierung, die fatalsten Umstände der Affäre
Mayerling totzuschweigen, führte zum gegenteiligen
Ergebnis: einer eigentlich bis heute nicht beendeten Suche
nach den tatsächlichen Begebenheiten und den
wahrscheinlichsten Motiven. Es begann mit unglaublichen
Geschichten. Rudolf sei das Opfer eines sogenannten
"amerikanischen Duells" geworden, wozu er wegen der
Verführung der Prinzessin Auersperg durch deren Bruder
gezwungen worden sei; er habe die schwarze Kugel gezogen und
sich deshalb binnen sechs Monaten töten müssen.
Auch wurde behauptet, Rudolf sei von einem Förster, der
ihn in flagranti mit seiner Frau erwischte, mit einem
Bierkrügl erschlagen worden. Noch 1980 wurde eine neue
Version verbreitet, vom österreichischen Arzt Gerd
Holler: Mary Vetsera sei in Mayerling an den Folgen einer
mißglückten Abtreibung gestorben, worauf sich
Rudolf erschossen habe. Aber auch hier fehlen die letzten
Beweise.
Wahrscheinlich ist, daß Rudolf
zuerst Mary und dann sich selber erschossen hat. Was die
Motive betrifft, so werden persönliche wie politische
angenommen. Am unwahrscheinlichsten ist die These, der
Kronprinz sei in eine ungarische Verschwörung gegen den
Kaiser verstrickt gewesen und habe die Konsequenzen ziehen
müssen.
In ihrer Rudolf-Biographie kommt die
österreichische Historikerin Brigitte Hamann zu einem
differenzierten Urteil: "Die Schwäche, Verzweiflung,
Krankheit, die Isolation in der kaiserlichen Familie, am Hof
und in der Politik, die zerstörten Hoffnungen, jemals
den Thron zu besteigen und ein friedliches liberales Europa
mitschaffen zu können ..., die tiefe Kluft zum Denken
des übermächtigen Vaters, der nach Rudolfs Meinung
dem Untergang zusteuerte und einem großen Krieg ...,
der das übernationale Reich Österreich-Ungarn
zerstören würde ..., aber auch die Erkenntnis
eigener Schuld und Unzulänglichkeit und zum
Schluß der unwägbare Einfluß des
euphorischen Mädchens, das mit ihm sterben wollte - all
dies war wohl geeignet, die Entscheidungsfähigkeit
derart einzuengen, daß es in einer schwachen Stunde zu
einem so grauenhaften Ende kommen konnte."
In ihrer Biographie "Stephanie.
Kronprinzessin im Schatten von Mayerling" meint die
österreichische Historikerin Irmgard Schiel: "Man hat
das bayerische Erbe für Rudolfs anfällige
Verfassung verantwortlich gemacht. Seine
Gemütskrankheit aber war österreichischer Natur.
Im 'Land der Tänzer und Geiger', in dem die
Selbstmordrate eine der höchsten in Europa ist, scheint
zu den Nationaleigenschaften wie Charme, Gemütlichkeit,
Daseinsfreude und Musikalität auch Depression,
Pessimismus und Todessehnsucht zu gehören ... Rudolfs
Selbstmord war nur der letale Ausgang einer sehr
österreichischen Krankheit: des Leidens am Leben."
Das klingt nach Arthur Schnitzler,
dem österreichischen Dichter der Jahrhundertwende, der
eine Wiener Jugend beschrieb, die "lebensfroh und zu Tode
betrübt war, die mit dem Leben und dem Tod spielte, die
rational im Denken und sentimental im Fühlen war, stets
in Liebeshändel verstrickt, und jede Stunde bereit, in
süßer Wonne Abschied zu nehmen."
In der bereits 1928 erschienenen
klassischen Biographie "Das Leben des Kronprinzen Rudolf"
von Oskar von Mitis, die 1971 von dem Wiener Historiker Adam
Wandruszka neu herausgegeben und in ihrem Urteil im
großen und ganzen bestätigt wurde, heißt es
eher im Ton von Joseph Roth, dem Dichter des
"Radetzkymarsches" und des Untergangs des
Vielvölkerreiches: "Rudolfs Tod bedeutete nicht den
Untergang der Habsburgermonarchie, aber er starb, weil
dieses Reich dem Tod verfallen war. In dem Menschenschicksal
des Thronerben verkörperte sich zum letzten Mal die
Hoffnung auf eine glückliche Zukunft des Staates und
zugleich schon der tiefe Pessimismus, daß nichts mehr
zu retten sei."
LITERATURHINWEISE:
Hamann, Brigitte: Rudolf - Kronprinz und Rebell. Wien
1978.
Herre, Franz: Kaiser Franz Joseph von
Österreich. Sein Leben - seine Zeit. Köln 1978.
Auch als Heyne-Taschenbuch, München 1988.
Mitis, Oskar von: Das Leben des Kronprinzen Rudolf.
Wien 1971.
Schiel, Irmgard: Stephanie. Kronprinzessin im
Schatten von Mayerling. Stuttgart 1978.
Dr. Franz
Herre, geboren 1926, hat sich als Historiker und
Publizist vor allem mit Biographien zur Geschichte des 19.
Jahrhunderts einen Namen gemacht. Er veröffentlichte u.
a. "Metternich" (1983), "Moltke" (1984), "Ludwig II."
(1986), "Kaiser Friedrich III." (1987), "Napoleon Bonaparte"
(1988).
Quelle: DAMALS - Das
Geschichtsmagazin
Jan 1989
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