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Prinz Eugen und die Türken

Von Dr. Bernhard R. Kroener

Die osmanische Heeresverfassung im ausgehenden 17. Jahrhundert

Das umfangreiche, etwa zweitausend Titel zählende Schrifttum zum Leben und zur Zeit Prinz Eugens verzeichnet keine Arbeit, die das Verhältnis des kaiserlichen Generalissimus zu seinen osmanischen Kontrahenten beleuchtet. Seit dem Beginn seiner Staatlichkeit befand sich das christliche Europa in einer ständigen, wenn auch unterschiedlich intensiven Auseinandersetzung mit den Kräften des Islam. Das konfessionsübergreifende, theologisch begründete Bild vom Türken als dem "Erbfeind der Christenheit" erhielt durch die zweifache Bedrohung Wiens und damit des Heiligen Römischen Reiches eine zusätzliche Verschärfung, die auch der Kriegführung dieser Zeit ihren Stempel aufdrückte. Machtpolitische Interessen im Mantel theologischer Rechtfertigung verwoben sich mit der der frühneuzeitlichen Gesellschaft eigenen Fremdenfeindlichkeit und einem aus Angst geborenen Haß zu einer Ideologie der Vernichtung, in der Gedanken der Verständigung und eines kulturellen Austauschs keinen Platz fanden. Ebenso erwiesen sich aber auch die muslimischen Eliten in ihrer aus einem religiösen Überlegenheitsgefühl gespeisten Selbstisolation unfähig, die Welt der "Ungläubigen" als eine der ihren gleichwertige anzuerkennen.

Das kaiserliche Heer, das sich, verstärkt durch Kontingente des Reiches und seines polnischen Verbündeten und begleitet von einer Anzahl junger europäischer Edelleute, anschickte, den Erfolg von Wien (1683) für weitere Eroberungen auszunutzen, befand sich psychologisch in einer eigenartig ambivalenten Situation. So fühlten sich die christlichen Soldaten durch die vernichtende Niederlage, die sie dem türkischen Heer vor Wien bereitet hatten, zwar angespornt, doch blieben sie noch lange in einer irrationalen Furcht vor einem überraschenden Gegenangriff der osmanischen Massenarmeen befangen. Dieses Spannungsverhältnis prägte in den Feldzügen der folgenden Jahre auch den Charakter der habsburgischen Operationsplanung. Die unmittelbare Bedrohung seines Herrschaftszentrums und der damit zwangsläufig verbundene Prestigeverlust veranlaßten Kaiser Leopold I. nunmehr energisch, die Besetzung und militärische Sicherung des strategischen Glacis der Erblande im Südosten und damit die Rückeroberung Ungarns voranzutreiben. Damit wandte die kaiserliche Kriegführung gegenüber ihrem osmanischen Gegner erstmalig das Prinzip der strategischen Offensive an.

In den weitgehend wegelosen und dünnbesiedelten ungarischen Ebenen konnten die Armeen von etwa dreißigtausend Mann nicht aus dem Lande ernährt werden. In größerem Umfang ließen sich Versorgungsgüter aber nur auf dem Wasserweg transportieren. Die Donau und ihre Nebenflüsse bildeten daher zwangsläufig das logistische Rückgrat aller Operationen. Da für den Nachschub der osmanischen Heere die gleichen Voraussetzungen galten, entbrannte der Kampf stets um die den Wasserweg säumenden türkischen Festungen. Wer die Donau kontrollierte, war auch Herr der umliegenden Landstriche. Die dominierende Rolle der festen Plätze zwang die kriegführenden Parteien automatisch, alle Kräfte zu ihrem Schutz und Entsatz aufzubieten. Damit sind die Grundbestandteile des österreichischen Offensivkonzepts bezeichnet, das in dieser Form bis weit ins 18. Jahrhundert Bestand hatte.

Die zeitgenössischen Schilderungen von der Entsatzschlacht bei Wien haben in ihrer stark propagandistischen Einfärbung stets den Eindruck vermittelt, als sei die osmanische Militärmacht am Kahlenberg vernichtend getroffen worden. Dabei wird nur zu leicht übersehen, daß die enormen personellen und materiellen Ressourcen der Hohen Pforte dem Zugriff der christlichen Heere auch weiterhin entzogen blieben. Noch sechzehn Jahre nach dem Rückzug vor Wien zeigten sich die Truppen des Padischah in der Lage, an vier Fronten, gegen Rußland, Polen, Österreich und die Signoria von Venedig, wenn auch nicht gleichzeitig, weiterzukämpfen.

Die Widerstandskraft, die das Osmanische Reich im ausgehenden 17. Jahrhundert besaß, resultierte aus seiner noch in der Schwäche beeindruckenden ökonomischen Leistungsfähigkeit, wie auch aus der geschmälerten, wenngleich ungebrochenen Wirkungskraft seiner zentralstaatlichen Verwaltungsorganisation. Die enorme Stoßkraft militant expansiver Kräfte im Islam, eine aus der Selbstisolation des osmanischen Staats erwachsende tiefverwurzelte Abneigung gegen die Welt der Ungläubigen und schließlich die zwar inzwischen verblassende Integrationskraft der Dynastie Osman schufen das geistige Klima einer noch Jahrzehnte fortdauernden türkischen Resistenz.

Rückgrat der Armee waren die zentralen Pfortentruppen (kapi kullari). Sie wurden durch feudale Provinzaufgebote und Auxiliarkorps ergänzt. Den Kern bildete die infanteristische Eliteformation der Janitscharen (yeni ceri = Neue Truppe). Aus der Knabenlese (Devsirme) entstanden, einem Tribut, der in Form von 12- bis 18jährigen Knaben von den osmanischen Untertanen christlichen Glaubens in unregelmäßigen Abständen erhoben wurde, bildeten sie zunächst eine zuverlässige Macht in den Händen der Sultane. Die ihnen gewährten Privilegien zogen jedoch seit dem ausgehenden 16. Jahrhundert immer stärker auch die Nachkommen muslimischer Würdenträger an. Der Weg zu einem eigenständigen, dem Einfluß des Herrschers weitgehend entzogenen, innenpolitischen Machtfaktor war damit vorgezeichnet. Bereits im Zeitalter Prinz Eugens leistete nur mehr ein geringer Teil des Janitscharenkorps Waffendienst im Heere.

Der größte Teil der türkischen Armeen formierte sich aus der leichten Kavallerie der Provinztruppen. In ihnen stellten über lange Zeit die Militärpfründer (Sipahi) das stärkste Kontingent. Berufssoldaten wie die Angehörigen der Pfortentruppen, erhielten für ihre Dienstleistung keinen Sold, sondern die Nutznießung einer staatlichen Pfründe (Timar). Waren die Timarli zunächst nur an schwertführende Muslime ausgegeben worden, so sah sich die Pforte im 17. Jahrhundert unter dem Druck wachsender fiskalischer Probleme gezwungen, einzelne Pfründe an zahlungskräftige lokale Notabeln, Steuerpächter und zur Befriedigung höfischer Interessengruppen zu veräußern, was die Zahl der verfügbaren Reiterkrieger erheblich reduzierte. Wachsender Steuerdruck ließ die bäuerliche Bevölkerung verarmen, schmälerte so die ökonomische Basis der noch verbliebenen Sipahi und minderte ihre Neigung zum Kriegsdienst. Die Aushöhlung des Timarsystems und der Verfall des Janitscharenkorps schwächten das Osmanische Reich nachhaltig und ließen einer Rückeroberung der an Habsburg verlorenen Provinzen letztlich keine Chance.

Der mit unerbittlicher Härte und Grausamkeit geführte Kampf zwischen Christen und Muslimen verleitete manch jungen Sproß der europäischen Aristokratie, in später Reminiszenz an die Traditionen abendländischen Rittertums im Kampf gegen den "Erbfeind der Christenheit" auf den Schlachtfeldern Ungarns kriegerischen Ruhm und Auszeichnung zu suchen. Die methodische Kriegführung der europäischen Mächte, die sich durch eine verstärkte Tendenz zu Technisierung, Bürokratisierung und Verwissenschaftlichung der "art de la guerre" auszeichnete, gab ihnen dazu an anderer Stelle nur wenig Gelegenheit.

Eugens Lehrmeister des Türkenkrieges

Auch Eugen, der nach abenteuerlicher Flucht aus Paris Anfang September 1683 beim kaiserlichen Entsatzheer vor Wien eintraf, bewegten ähnliche Gedanken. Der knapp zwanzigjährige junge Freiwillige ohne militärische Ausbildung und Erfahrung besaß am Hofe Leopolds wie auch bei der Armee von Anfang an einflußreiche Gönner und wohlwollende Verwandte, ohne deren Protektion sich der Aufstieg des landfremden Prinzen bei aller Tapferkeit sicherlich nicht so schnell und reibungslos vollzogen hätte. Seine Ernennung zum Obersten und Inhaber eines Dragonerregimentes nur wenige Monate nach seiner Ankunft am Kaiserhof erstaunte auch die Zeitgenossen und dürfte auf eine entsprechende Intervention seines Vetters, des Kurfürsten Max Emanuel von Bayern, bei Leopold zustande gekommen sein. Jeder junge adelige Volontär erlernte zu dieser Zeit die Regeln der Kriegskunst zumeist unter der Anleitung eines erfahrenen Feldherrn. Herzog Karl V. von Lothringen, der Schwager des Kaisers, stand als Organisator und operativer Kopf des alliierten Entsatzheeres durchaus gleichwertig neben dem siegreichen Polenkönig. In der Schule des Türkensiegers von 1664, Raimondo Montecuccoli, großgeworden, der, eine Ausnahme in seiner Zeit, nicht nur ein erfolgreicher Heerführer, sondern gleichzeitig der bedeutendste Militärtheoretiker der Epoche und einer der Väter der methodischen Kriegführung war, wirkte der um zwanzig Jahre ältere kaiserliche Generalissimus auf den jugendlichen Prinzen bedächtig, vorsichtig, fast zögernd. Eugen schloß sich daher von Anfang an eng an seine Vettern, den nahezu gleichaltrigen Max Emanuel und den um acht Jahre älteren Markgrafen Ludwig Wilhelm von Baden, an.

Der immer noch weitgehend mittellose junge Dragoneroberst mußte sich an der Spitze seines Regiments auszeichnen, wollte er in der militärischen Hierarchie auch nur annähernd so rasch avancieren wie seine regierenden Standesgenossen. Unter dem Kommando Max Emanuels, dessen von jugendlichem Feuer geprägte Unternehmungen eher als geniale, der Eingebung eines Augenblicks entsprungene Handstreiche denn als Ergebnis einer langfristig angelegten Feldzugsplanung erschienen, ließ sich dieses Ziel eher erreichen als unter den Augen des Lothringers.

Zur gleichen Zeit beschäftigte sich Eugen mit Montecuccolis immer noch gültigen Lehrsätzen aus dem Feldzug von 1664. Vor allem Ludwig Wilhelm von Baden, der noch unter dem Kommando des alternden Feldherrn am Oberrhein gekämpft hatte und ihm in vielem nacheiferte, vermittelte dem jungen Savoyer einen lebendigen Eindruck des kriegstheoretischen Vermächtnisses seines großen Lehrmeisters. Bezogen auf die besondere Situation des Türkenkrieges ließ sich daraus die knappe Formel ableiten: Dem Gegner stets das Gesetz des Handelns aufzwingen, indem man, nicht ohne zuvor die eigenen Nachschublinien ausreichend gesichert zu haben, den Feldzug eröffnet. Durch die Bedrohung seiner Schlüsselfestungen den Feind dort zur Schlacht stellen, wo man ihn in günstiger Position erwarten kann. Doch Eugen, nach der Schlacht bei Gran zum General befördert, erhielt zunächst noch keine Gelegenheit, einen großen Kriegsplan auszuarbeiten. Der junge Offizier sollte sich vielmehr als mitreißender Einheitsführer in der Front bewähren. Seine persönliche Tapferkeit, die er schon bei der Belagerung und Erstürmung Ofens unter Beweis gestellt hatte, führte ihn wenig später bei Mohács, wo er den linken Flügel des kaiserlichen Heeres befehligte, in einer tollkühnen Attacke bis ins Herz des türkischen Lagers. Nach der Einnahme Belgrads, der "Vormauer des Christentums" auf dem Balkan, bei der Eugen schwer verwundet wurde, schien das Ende der osmanischen Herrschaft im Südosten greifbar nahe.

Die Kette von Niederlagen, durch die innerhalb weniger Jahre die türkische Gewalt über Ungarn nahezu hinweg gefegt worden war, traf das Selbstbewußtsein der Armee und hier vor allem der Janitscharen auf das Empfindlichste. Geblendet durch ein generationenlang aufgebautes Selbstwertgefühl, das in ihrer privilegierten gesellschaftlichen Position noch eine zusätzliche Steigerung erhielt, suchten diese Elitekämpfer die Schuld nicht in den eigenen Reihen, sondern schoben sie der Zentralgewalt zu. Unfähig zu einer tiefgreifenden Strukturreform des Heeres nach westlichem Vorbild, die allein das Blatt zu wenden vermochte, gleichzeitig aber ihre Entmachtung bedeutet hätte, nutzten die Janitscharen, gestützt durch die traditionalistische Haltung der sunnitischen Geistlichkeit, ihre innenpolitische Macht, akklamierten einen der ihren zum Großwesir und erreichten schließlich sogar den Thronverzicht Mehmeds IV. Die soziale Transformation des Janitscharenkorps, das sich aus einem militärischen Eliteverband mit ausschließlicher Treuebindung an den Sultan zu einer eigenständigen innenpolitischen Kraft entwickelt hatte, ließ die Führungsgewalt des Osmanischen Reiches zu einem Spielball rivalisierender Gruppeninteressen verkommen.

In den hieraus resultierenden Wirren wirkte die Ernennung von Fazil Mustafa Pascha zum Großwesir wie eine Garantieerklärung für innere Stabilität und außenpolitische Expansion. Unter den Großwesiren Köprülü Mehmed Pascha und seinem Sohn Achmed hatte das Reich wenige Jahrzehnte zuvor noch einmal zu altem Glanz zurückfinden können. Erneut schienen die Zeiten der Eroberersultane zurückzukehren, raffte sich die Pforte zu einem Gegenstoß auf dem Balkan auf. In einer kraftvollen Offensive eroberte sie Belgrad und warf die Kaiserlichen hinter die Donaulinie zurück. Verblüffend schnell hatte das Osmanische Reich unter der Führung eines energischen Großwesirs und charismatischen Seraskers seine innenpolitische Zerissenheit zumindest vorübergehend überwunden und damit den Beweis für die Überlebenskraft seines autoritären Zentralismus und die Belastbarkeit seiner personellen wie auch wirtschaftlichen Ressourcen geliefert. Im Zuge einer behutsam eingeleiteten Armeereform beabsichtigte Fazil unter Ausnutzung der zahlenmäßigen Überlegenheit des osmanischen Heeres und durch die Übernahme bestimmter taktischer Grundmuster der christlichen Kriegskunst, wie etwa der Verschanzung in günstiger Position und des Reiterangriffs über die Flügel, die Schlagkraft der Truppe zu erhöhen.

Der Tod des Großwesirs in der Schlacht von Slankamen (1691), die auf osmanischer Seite bereits erste erfolgversprechende Ansätze der taktischen Neuordnung gezeigt hatte, beendete alle Reformversuche. Habsburgs kräftezehrendes Engagement im Kampf gegen Ludwig XIV. zwang Wien eine hinhaltende Kriegführung gegen den weniger bedrohlich empfunden Gegner im Südosten auf und verschaffte damit der Pforte eine Atempause.

Erst der Friedensschluß von Rijswijk (1697) gab Leopold I. die Gelegenheit, seine militärischen Kräfte auf dem ungarischen Kriegsschauplatz wieder zu verstärken. Die hier eingesetzten kaiserlichen Truppen erwiesen sich aber nicht nur in ihrer Ausrüstung, sondern auch in ihrer inneren Struktur als für ein Angriffsvorhaben denkbar ungeeignet. Ständige Versorgungskrisen und das Ausbleiben eines stimulierenden Erfolges hatten die Soldaten zermürbt und demoralisiert. Ein österreichischer General fand in dieser Situation die treffende Formulierung: "Unsere Truppen haben ihre Kühnheit verloren und sie auf den Feind übertragen." Tatsächlich besaß die Pforte seit 1695 in Mustafa II. nach einem halben Jahrhundert wieder einen Sultan, der den "Heiligen Krieg" der Jagd vorzog.

Zenta und der Verfall des Janitscharenkorps

In dieser Lage berief Wien den jetzt vierunddreißigjährigen Prinzen Eugen zum Nachfolger des glücklosen Kurfürsten Friedrich August von Sachsen, der es nie vermocht hatte, seine beträchtlichen militärischen Ambitionen mit seinem mangelnden Talent zu versöhnen. Die erst spät erreichte Marschbereitschaft des kaiserlichen Heeres ließ zunächst einen offensiven Kriegsplan aussichtslos erscheinen. Daher riet der Kaiser seinem designierten Oberbefehlshaber, keine "operation offensive" ins Auge zu fassen, sondern "sich nach des Feindes Andamenten zu dirigieren".

Der Padischah, den die Erfolge des letzten Feldzuges beflügelten, beabsichtigte zunächst, die Kaiserlichen von der Donaulinie abzudrängen. Dann änderte er aber kurzentschlossen seine Pläne und wandte sich gegen Siebenbürgen. Eugen erfuhr erst durch einen gefangenen Pascha, den er persönlich verhörte und dem er drohte, er werde ihn in Stücke schlagen lassen, wenn er sein Wissen nicht preisgebe, von der neuen Stoßrichtung des osmanischen Heeres. Diese Episode, deren Inhalt die Überlieferung zweifellos drastisch akzentuiert hat, beleuchtet grell die völlige Abwesenheit wechselseitig akzeptierter Normen bei der Behandlung des jeweiligen Gegners. Für den mit den Wertvorstellungen der europäischen Adelsgesellschaft vertrauten Eugen bedeutete es keinen Widerspruch, einen osmanischen Würdenträger in einer Weise mit dem Tode zu bedrohen, als habe er einen serbischen Wegelagerer vor sich.

Nach einigen Gewaltmärschen traf das kaiserliche Heer bei Zenta auf die türkische Hauptmacht, als diese gerade im Begriff war, die Theiß auf einer Kriegsbrücke zu überqueren. Während der Sultan, die Kavallerie, die Artillerie und ein Teil der Bagage bereits das gegenüberliegende Ufer erreicht hatten, befand sich die Masse der Infanterie noch an der westlichen Brückenrampe. Auf engstem Raum zusammengedrängt, getrennt vom Gros ihrer Artillerie und ohne Hoffnung auf Entsatz durch die Reiterei, wurde das türkische Fußvolk durch die halbkreisförmig angetretenen kaiserlichen Regimenter buchstäblich zermalmt. Dem Blutrausch der christlichen Soldaten fielen neben dem Großwesir Elmas Mohammed Pascha auch die Wesire von Adana, Anatolien und Bosnien sowie 25 000 bis 30 000 osmanische Offiziere und Soldaten zum Opfer. Eugen verlor dagegen an Toten nur 28 Offiziere und 400 Mann. Vergleicht man die Verluste beider Seiten miteinander, so erweist sich zweifelsfrei, daß das kaiserliche Heer - weit über die Notwendigkeit des unmittelbaren Kampfgeschehens hinaus - bei Slankamen wie bei Zenta eine Armee von mehr als 20 000 Mann aus Mordlust ausgelöscht hat.

Von diesem Aderlaß konnten sich die Janitscharen, vor allem qualitativ, auf Jahrzehnte hinaus nicht mehr erholen. Da die Chance zu einer Reform nach westlichem Muster vertan war, besiegelten eine mangelhafte Verbandsausbildung, waffentechnischer Konservatismus und die Unfähigkeit der militärischen Führung zu einer Taktik verbundener Waffen und rascher Umgruppierung in kritischer Lage ihren Untergang trotz vielfach bezeugten persönlichen Mutes.

Dagegen begründete Zenta Eugens dauerhaften Feldherrnruhm. Durch seine Begabung, eine günstige Situation zu erkennen und rasch vorteilhaft zu nutzen, löste er sich endgültig aus dem Schatten seiner Präzeptoren. Die Souveränität, mit der er Entscheidungen traf, wenn notwendig auch gegen den Rat seiner Unterführer und anderslautende Weisungen des Hofkriegsrates, stellt ihn weit über die Methodiker seiner Zeit und rückt ihn in dieser Beziehung in die Nähe Friedrichs des Großen, der in ihm sein Vorbild sah. Das Geheimnis seines Erfolges beruhte, wie Eugen selbst einmal feststellte, in einer wirkungsvollen Kombination von Planung und Berechnung einerseits und Kühnheit andererseits. Kein Wunder, daß viele der am Gängelband einer bürokratisierten und verlangsamten Operationsführung hängenden, den starren Regeln der methodischen Kriegskunst unterworfenen Zeitgenossen seine Feldzüge als disparat und ihn selbst als Hasardeur bezeichneten.

Im Spätjahr 1697, gut ein Jahr bevor der letzte Türkenkrieg des 17. Jahrhunderts im Frieden von Karlowitz seinen Abschluß finden sollte, unternahm Eugen mit einer etwa 6 500 Mann starken Heeresabteilung einen Streifzug nach Bosnien. In diesem Unternehmen, dessen Anlage und Durchführung noch deutlich die Handschrift des unerschrockenen Reiterführers, nicht aber des großen Feldherrn trug, beschloß Eugen das erste Kapitel seiner militärischen Karriere. Der tiefe Vorstoß in die osmanischen Balkanprovinzen diente in Hinblick auf die bevorstehenden Friedensverhandlungen der Demonstration habsburgischer Stärke und damit bereits einem strategisch-politischen Zweck. Über seinen Ablauf sind wir durch einen ausführlichen, von Eugen selbst verfaßten "Journal de la marche" ausgezeichnet informiert. Noch einmal entrollt sich das schauerliche Panorama christlich-osmanischer Kriegführung. Dazu gehörten, von Eugen angeordnet und verantwortet, die Plünderung und Brandschatzung der offenen Stadt Sarajevo sowie die Versklavung zahlreicher türkischer Frauen und Kinder. Auf seinem Rückmarsch ließ das kaiserliche Expeditionskorps alle türkischen Ansiedlungen entlang seiner Route in Flammen aufgehen. Was ein Jahrzehnt zuvor im Rheintal als ein Verbrechen gegen die Normen des Kriegsrechtes angesehen wurde und den Namen des weitaus unbeteiligteren Ezéchiel de Mélac über Jahrhunderte zum Symbol staatlich legitimierten militärischen Banditentums stilisierte, erschien gegenüber dem "Erbfeind der Christenheit" durchaus nicht als Makel. Eugens "Journal" liest sich streckenweise wie die Beschreibung einer Strafexpedition spanischer Conquistadores in der Neuen Welt.

Obwohl die Pforte seit langem als vollgültiges Mitglied im politischen Konzert der europäischen Mächte mitwirkte, entfalteten in der machtpolitisch orientierten Expansionspolitik gegen den osmanischen Staat vielfach irrationale und anachronistische Kräfte ihr verhängnisvolles Wirken. Im Kampf gegen die "barbarische Nation", so Eugens eigene Worte, bildeten die Motive einer religiös inspirierten "Reconquista" zusammen mit einem zivilisatorischen Überlegenheitsgefühl, das inzwischen die Angst vor dem fremdartigen Feind ersetzt hatte, einen brisanten Motivationsschub.

Wandlungen des Feindbildes

Der Frieden von Karlowitz (1699), durch den das Osmanische Reich erstmals eine Provinz abtreten mußte und damit aus dem Zirkel der europäischen Großmächte ausschied, während Habsburg seinen Platz einnahm, verschärfte die innenpolitischen Spannungen in der Türkei und führte schließlich zum Sturz des Sultans. Die militärischen Mißerfolge des Padischah schwächten die Integrationskraft des osmanischen Zentralstaates, dessen Regionalisierung dadurch noch zusätzlich beschleunigt wurde. Gleichzeitig erreichte der soziale Strukturwandel im Janitscharenkorps durch die offizielle Gewährung der Heiratserlaubnis seinen Abschluß. Aus dem asketischen, der Machtstaatsidee der Dynastie Osman und ihren expansionistischen Zielen verpflichteten militärischen Männerorden war endgültig ein konkurrierender innenpolitischer Machtfaktor geworden. Die Reformfeindlichkeit der politischen und religiösen Eliten wie auch die zumeist ökonomisch orientierten zentrifugalen Kräfte, die das Reich im Innern und von der Peripherie her bedrohten, drängten zwangsläufig immer wieder zu gewaltsamen außenpolitischen Aktionen.

Die Erfolge, die die Pforte gegen Rußland und Venedig errang, ließen die Bestimmungen des Karlowitzer Friedens bald obsolet werden. Noch war Habsburg, dessen Truppen erst kurz zuvor in beklagenswertem Zustand aus dem Spanischen Erbfolgekrieg zurückgekehrt waren, nicht in der Lage, den Entscheidungskampf um die Machtverteilung auf dem Balkan wieder aufzunehmen. Indem Eugen die machtpolitischen Interessen Österreichs den bestehenden Bündnispflichten überordnete, verzögerte der Prinz, inzwischen Präsident des Hofkriegsrates und Generalleutnant des Kaisers, den als unvermeidlich angesehenen Waffengang so lange, bis er aus einer Position der Stärke heraus den Kampf wagen konnte.

Als die kaiserlichen Rüstungen weitgehend abgeschlossen waren, übermittelte man dem Großwesir Damad Ali die ultimative Forderung, den Karlowitzer Frieden wiederherzustellen. Die Pforte reagierte auf diese Provokation wie erwartet und ließ Truppen auf Belgrad marschieren. Erstmals seit Süleyman dem Prächtigen wurde dem Osmanischen Reich auf dem Balkan von seinem Gegner der Krieg aufgezwungen. Das Heer, das der Großwesir heranführte, unterschied sich in seiner Qualität erheblich von denen, die bei Slankamen und Zenta untergegangen waren. Der Finanzbedarf der vergangenen Kriege hatte das Timarsystern weitgehend ausgehöhlt und damit das Rückgrat der türkischen Kavallerie erheblich geschwächt. Die Auxiliarkorps und die Aufgebote der feudalen Provinzgouverneure (B?glerb?gi) besaßen nicht dieselbe Kampfmotivation und Interessenidentität wie die in das Militärpfründensystem der osmanischen Dynastie eingebundenen Sipahi. Durch die wachsende Verelendung der bäuerlichen Bevölkerung nahm außerdem das Räuberunwesen in allen Teilen des Reiches sprunghaft zu. Nur noch unter Einsatz starker Kräfte ließen sich die rückwärtigen Verbindungen der türkischen Armee ausreichend sichern.

Das Janitscharenkorps verfügte zwar nach wie vor über kampfgeübte Einheiten, doch war ihre Zahl gegenüber früheren Kriegen drastisch zurückgegangen. Der kaiserliche Resident Fleischmann zeichnete sicher ein übertriebenes Bild, als er im Frühjahr 1715 über den Aufmarsch des türkischen Heeres gegen die Markusrepublik schrieb: " . . . die ganze Armee beläuft sich auf 74 000 Mann (59 200 zu Fuß, 14794 zu Pferd), mehr einem Lumpengesindel als streitbaren Leuten gleichend, unter denen kein Einziger anzutreffen, welcher eine Attaque zu führen, die Artillerie zu kommandieren, oder sonst das, was zur Belagerung nöthig zu tun tauglich. Mithin sie auf keine Weise im Stande sind, eine regelmäßige, wohlbesetzte und sonst keinen Abgang leidende Festung mit Force der Waffen zu erobern." Vergleicht man diese geringschätzige Charakteristik mit der uns aus dem Türkenjahr 1683 überlieferten, ängstlich übertreibenden Beurteilung des osmanischen Heeres, so wird deutlich, wie wenig von der Bedrohung übriggeblieben war, die einst jede feindliche Widerstandskraft gelähmt hatte.

Wie in den vorangegangenen Feldzügen erschien die türkische Armee auch 1716 erst spät auf dem Kriegsschauplatz. Nahezu ein Vierteljahr benötigten die von Damad Ali geführten Truppen und ihr riesiger Troß, um die etwa 700 Kilometer lange Strecke zwischen Istanbul und Belgrad zurückzulegen. Anfang August, als das Korn auf dem Halm stand und die Versorgung des Heeres in den damals bevölkerungsarmen und wirtschaftlich wenig leistungsfähigen Landstrichen Ungarns und des Banats gesichert schien, drangen seine Vorhuten bei Karlowitz auf habsburgisches Gebiet vor.

Der Großwesir, den seine Erfolge gegen die schwachen Kräfte Venedigs hatten selbstbewußt werden lassen, beabsichtigte, den Feldzug mit einer Belagerung der Feste Peterwardein zu eröffnen. Ein rascher Sieg über ein kaiserliches Streifcorps, wobei ein Feldmarschall-Leutnant Graf Breuner in Gefangenschaft geriet, stimmte das osmanische Heer siegesgewiß. Die Entsatzschlacht, die Eugen gegen die Mehrheit der Generale und ohne einen Entschluß seines Kriegsrates abzuwarten, im Morgengrauen des 5. August 1716 begann, fand die Kaiserlichen in einer äußerst ungünstigen Position. Die Türken hatten sich in vorteilhafter, etwas erhöhter Position verschanzt, während das christliche Heer aus einem engen, durch die versumpften Donauufer links und die Mauern der Festung rechts begrenzten Aufmarschraum heraus angreifen mußte.

Der Prinz hatte zwar gegen den zahlenmäßig stärkeren Gegner von vornherein den Vorteil der Überraschung zu seinen Gunsten miteinkalkuliert, doch konnte er nicht verhindern, daß seine im Zentrum aufgestellte Infanterie durch die kühnen und erfolgreichen Gegenstöße der Janitscharen erheblich in Bedrängnis geriet. Erst ein energisch vorgetragener Kavallerieangiff über den linken Flügel in den Rücken des Gegners führte zu einer Krise bei den osmanischen Sturmtruppen, die der Großwesir nicht mehr stabilisieren konnte. Die Unfähigkeit der türkischen Führung zu hinhaltender Verteidigung und zu geordnetem Rückzug rissen das Heer erneut in die Katastrophe und den Großwesir in den Tod. Das völlige Versagen der osmanischen Kavallerie, die die Janitscharen schutzlos auf dem Schlachtfeld zurückließ, erwies die Unzuverlässigkeit der aus christlichen Walachen, Krimtataren, Ägyptern und asiatischen Freiwilligen bestehenden berittenen Hilfsvölker, deren sich die Pforte bedienen mußte, um die Lücken zu schließen, die der Verfall des Timarsystems unter den Sipahis hatte entstehen lassen.

Während das Offizierkorps des christlichen Heeres dem türkischen Gegner mit einer gewandelten Einstellung gegenübertrat, blieb die Masse der Soldaten noch immer befangen in einer blutrünstigen, antitürkischen Vorstellungswelt. Stimuliert durch einen jahrhundertealten Volksglauben, die Flugschriftenliteratur der letzten Jahrzehnte und nicht zuletzt durch die zündenden Aufrufe ihrer Feldprediger, erschlugen die Soldaten Eugens 10 000, nach anderen Quellen sogar 30 000 türkische Soldaten, während ihre eigenen Verluste noch kaum 5 000 Mann betrugen. Nach der Schlacht notierte einer der kaiserlichen Offiziere in sein Tagebuch: "Wir haben nicht mehr als zwanzig Gefangene bekommen, indem unsere Leute viel zu blutgierig waren und Alles massacriert haben." Im türkischen Lager, nahe beim Zelt des Großwesirs, fanden die siegreichen Soldaten die Leichen von Feldmarschall-Leutnant Breuner und etwa 200 seiner Gefährten, denen ihre osmanischen Bewacher noch in letzter Minute die Köpfe heruntergesäbelt hatten. Das Los der Verwundeten und Gefangenen war auf beiden Seiten so grausam, daß viele von ihnen lieber den Tod auf dem Schlachtfeld gefunden hätten. Im türkischen Heer hielt sich auch noch zu Beginn des 18. Jahrhunderts mancherorts die Sitte, jeden Soldaten, der den Kopf eines ungläubigen Feindes brachte, mit einem Goldstück zu belohnen. Die christlichen Gefangenen, sofern sie nicht als Offiziere die Chance erhielten, von ihren Verwandten freigekauft zu werden, starben vielfach an Entkräftung, noch bevor man sie als Sklaven verkaufen oder auf den Ruderbänken der Galeeren festschmieden konnte. Nicht besser erging es den türkischen Gefangenen in christlichem Gewahrsam. In Wien, München und anderen Orten fand man sie in großer Zahl beim Bau von Befestigungsanlagen, Schlössern und Kanälen. Ein Freikauf kam nur selten zustande, ein großzügiger Gefangenenaustausch fand erstmalig im Zuge der Verhandlungen von Karlowitz statt. Mangelkrankheiten, Sumpffieber und durch die klimatische Veränderung bedingte Infektionen nahmen den meisten unter ihnen jede Hoffnung auf eine Rückkehr. An den geraubten türkischen Kindern ließ man ganz im Sinne christlicher Überzeugung keinen Versuch der Bekehrung zum rechten Glauben aus.

Noch im Spätjahr 1716 zwang Eugen nach einer sechswöchigen Belagerung, während der die weitgehend aus Holz errichtete Stadt fast gänzlich niederbrannte, die Festung Temesvar, den Schlüssel des Banates, zur Kapitulation. Die Übergabeverhandlungen leiteten eine neue Phase in der Geschichte des habsburgisch-osmanischen Gegensatzes ein. Das Zeitalter der Vernunft, die Säkularisierung des Geistes, welche der Toleranz gegenüber fremden Kulturen und religiösen Überzeugungen erst den Boden bereitete, brachte auch die "clementia" eines christlichen Feldherrn gegenüber seinen türkischen Gegnern zur Geltung. Anders als in der offenen Feldschlacht vermochte die Führung des christlichen Heeres die Truppe von Willkürakten zurückzuhalten, so daß die türkische Bevölkerung und die osmanische Besatzung die Stadt unter freiem Geleit verlassen konnten.

Belgrad - die Regelwidrigkeit als Methode

Der neue Großwesir Chalil Pascha, der den an seinen Wunden verstorbenen Damad Ali ersetzt hatte, trat ein schweres Erbe an. Die Armee war demoralisiert. Zum erstenmal konnte der notwendige personelle Ersatz nicht mehr gestellt werden. Viele Soldaten verliefen sich, noch bevor sie Edirne (Adrianopel), den traditionellen Sammelplatz des osmanischen Heeres, erreicht hatten. Waffen und Gerät waren zum größten Teil veraltet oder fehlten völlig. Die Artillerie, die allein bei Peterwardein und Temesvar über dreihundert Geschütze verloren hatte, konnte nur noch mit Mühe aus den entfernten asiatischen Arsenalen ergänzt werden. Daher verzögerte sich der Abmarsch der neu aufzustellenden Armee von Woche zu Woche, verlor der Großwesir kostbare Zeit.

Eugen, der die Wegnahme Belgrads, der bedeutendsten Donaufestung nördlich des Eisernen Tores, als das wichtigste Ziel des Feldzuges von 1717 ansah, erschien bereits im Juni unter den Mauern der Stadt und schloß sie von der Landseite her ein. Als das türkische Entsatzheer Anfang August Belgrad erreichte und eine Anhöhe im Osten der Stadt besetzte, geriet die kaiserliche Armee zwischen zwei Feuer. Chalil Pascha, weitaus weniger von kriegerischem Geist erfüllt als sein Vorgänger, beabsichtigte seinerseits, die Belagerer einzuschließen und auszuhungern. Der Zustand des osmanischen Heeres, dessen Elitetruppen in der Stadt eingeschlossen waren, ließ einen Sturmangriff auf das christliche Lager nicht ratsam erscheinen. Im Ungewissen über die Pläne des Großwesirs und im Hinblick auf dessen günstige Position zögerte Prinz Eugen den schließlich unvermeidlichen Angriff auf die türkischen Verschanzungen von Tag zu Tag hinaus.

Die europäischen Höfe beobachteten gespannt die Lage auf dem südöstlichen Kriegsschauplatz, wo inzwischen gravierende Versorgungsmängel die Situation des kaiserlichen Heeres einem kritischen Punkt zutrieben. Nicht nur die Neider des Prinzen in Wien verglichen seine Lage mit der, die 1683 Kara Mustafa und seine Armee in die Katastrophe geführt hatte. Auch die Niederlage, die wenige Jahre zuvor der junge, hitzköpfige Schwedenkönig Karl XII. bei Poltawa gegen die bis dahin wenig beachtete Armee Peters des Großen in einer ähnlichen Position erlitten hatte, stand den Zeitgenossen noch deutlich vor Augen. Im Gegensatz zur Schlacht am Kahlenberg konnte aber eine Niederlage vor Belgrad den Bestand des Habsburger Staates nicht mehr ernsthaft gefährden. Triumph oder Versagen berührten daher viel unmittelbarer den Ruf des verantwortlichen kaiserlichen Generalissimus.

Nach dem Erfolgsrezept des Vorjahres entschloß sich Eugen - offenbar wieder ohne Beteiligung des Kriegsrates - zu einem Überraschungsangriff auf die Stellungen des türkischen Entsatzheeres. Das Prinzip der Überrumpelung bot im Kampf gegen osmanische Truppen schon deshalb eine Siegeschance, da ihre Führung nicht in der Lage war, im Sinne westlicher Kriegskunst die in Unordnung geratenen Verbände neu zu ordnen und zurückweichende Truppen aufzuhalten. Der muslimische Krieger blieb ein kühner, bisweilen sogar fanatischer Einzelkämpfer. Die Vorstellung vom Kismet, der schicksalhaften Prädestination des Individuums, und die jenseitigen Verheißungen, die der Koran den präsumptiven Opfern des "Heiligen Krieges" vermittelte, führten ebenso häufig zu mythischer Todessehnsucht wie zu kopfloser Flucht.

Eugen seinerseits wagte den Angriff gegen einen höher postierten, zahlenmäßig überlegenen Feind über ein nebelverhangenes, von Gräben durchzogenes Gelände nur deshalb, weil er auf die Exaktheit der drillmäßig eingeübten Bewegungen seiner Armee, die auch in kritischen Lagen eine gewisse Sicherheit vor Panikreaktionen bot, vertrauen konnte. Das in den Schlachten des Spanischen Erbfolgekrieges geschulte Offizierkorps verstand es, die Befehle seines Feldherrn reaktionsschnell auf dem Gefechtsfeld umzusetzen. Daher gelang bei Belgrad trotz mancher Widrigkeiten erneut das Prinzip der Überraschung, zwang der massierte Einsatz von Kavallerie über einen Flügel den Gegner schließlich zum Rückzug.

Anders als bei Peterwardein und in allen vorangegangenen Schlachten führte der Großwesir sein Heer geordnet vom Schlachtfeld. Da Eugen seinem geschlagenen Widersacher bewußt die Gelegenheit zum Rückzug bot, ein Massaker an den türkischen Soldaten daher unterblieb, ergab sich auch bei den beiderseitigen Verlusten erstmals keine gravierende Diskrepanz. Als jede Hoffnung auf Entsatz aufgegeben werden mußte, bot auch der Verteidiger von Belgrad, der Serasker Mustafa Pascha, Kapitulationsverhandlungen an, die ihm auf der Grundlage des Übergabeakkords von Temesvar gewährt wurden. Der ehrenvolle Abzug der Besatzung und der türkischen Bevölkerung rettete dem Sultan Achmed III. den wertvollsten Teil seines Heeres.

Mit dem Doppelsieg von Belgrad, den Friedrich der Große später als Beispiel einer zum höchsten Erfolg führenden "Regelwidrigkeit" gegen die Dogmen der methodischen Kriegführung bezeichnen sollte, hatte Eugen den Gipfel seines Feldherrnruhmes erreicht. Wie viele Zeitgenossen und spätere Bewunderer verkannte übrigens auch der Preußenkönig die besonderen taktisch-operativen Bedingungen der Türkenkriege. Als er 1757, dem Beispiel Eugens folgend, vor Prag dem herannahenden Entsatzheer entgegentrat, mußte er bei Kolin schmerzhaft erfahren, daß Feldmarschall Daun nicht mit dem Großwesir und die österreichische Armee des Siebenjährigen Krieges nicht mit dem osmanischen Heer verglichen werden konnten.

Die Einnahme Belgrads und damit das Ende einer fast zweihundertjährigen türkischen Bedrohung ließ in den Erblanden keine spezifische "Türkenmode" entstehen, die in allen westeuropäischen Staaten zum festen Stilrepertoire des Rokoko gehörte. Das expansive Sendungsbewußtsein der "monarchia austriaca" bedurfte noch bis zum Ende des 18. Jahrhunderts eines negativen Türkenbildes als Stimulans einer heroischen Apotheose der Kaisermacht. Zweifellos wußte sich darin die Krone in Übereinstimmung mit breiten Bevölkerungsschichten. Die entsprechenden Zeugnisse, die die Volkskultur des 18. Jahrhunderts in den betroffenen Gebieten hervorgebracht hat, zeigten - wenn auch mit unterschiedlicher Intensität - , wie tief und schmerzhaft sich die unmittelbaren Erfahrungen mit den türkischen Eroberern im Bewußtsein der Bevölkerung eingegraben hatten. So wurde auch Eugen, der stets in Frankreich den Hauptfeind des Erzhauses Österreich gesehen hatte, in einer primär politisch verstandenen Allegorie zum großen Türkensieger, traten hinter dem Triumph von Belgrad die Erfolge von Turin, Höchstädt, Oudenaarde und Malplaquet zurück.

Für das Osmanische Reich hingegen bedeutete der Frieden von Passarowitz (1718) den Beginn der "Tulpenzeit" (Lále devri), einer - wenn auch zunächst noch vorübergehenden - Reformära mit westlichen Vorbildern.

LITERATURHINWEISE:
1. Allmayer-Beck, J./Lessing, E.: Die kaiserlichen Kriegsvölker. Von Maximilian I. bis Prinz Eugen. München 1978.
2. Braubach, M.: Prinz Eugen von Savoyen. Eine Biographie. 5 Bde. München 1963-1965.
3. Heiss G./Klingenstein G. (Hrsg.): Das Osmanische Reich und Europa 1683-1789. Konflikt, Entspannung und Austausch (= Wiener Beiträge zur Geschichte der Neuzeit 10). München 1983.
4. Kerchnawe, H.: Prinz Eugen von Savoyen. Eine militärbiographische Studie. Amsterdam/Berlin/Wien 1944.
5. Maluz, J.: Das Osmanische Reich. Grundlinien seiner Geschichte. Darmstadt 1985.
6. Wentzke, P.: Feldherr des Kaisers. Leben und Taten Herzog Karls V. von Lothringen. Leipzig 1943.

Dr. Berhard R. Kroener, Jahrgang 1948, Studium der Neueren Geschichte, Klassischen Archäologie und Politikwissenschaft an den Universitäten Bonn und Paris. Seit 1978 Mitarbeiter am Militärgeschichtlichen Forschungsamt in Freiburg. Lehrbeauftragter an der Universität Freiburg. Veröffentlichungen zur europäischen Militärgeschichte der frühen Neuzeit und zur Geschichte der deutsch-französischen Beziehungen.


Quelle: DAMALS - Das Geschichtsmagazin
Heft 2/Februar 1986

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