|
4. Juni
2009
Vorsicht,
Paranoia!
Von Harald Neubauer
Leser dieser Zeilen sind echte
Glückspilze. Denn sie leben noch. Sie haben
Rinderwahnsinn, SARS und Vogelgrippe überstanden, sind
weder durch Nematoden im Fisch noch durch Acrylamid in den
Kartoffelchips dahingerafft worden. Und nun trotzen sie auch
noch der Schweinegrippe. Wer hätte ein solches
Maß an Widerstandskraft erwartet? Vielleicht
überleben einige von uns sogar die Klimakatastrophe.
Doch im Ernst: Unter allen
Ansteckungskrankheiten scheint die Paranoia am
virulentesten. Sie verbreitet sich nicht
altmodisch-mühselig durch Niesen, Küssen,
Händeschütteln, sondern blitzschnell über
Kabel und Satellit. Sie fällt uns beim Fernsehen an,
beim Surfen im Internet, beim Aufschlagen der Morgenzeitung.
Innerhalb weniger Stunden rast sie um die Welt, erfaßt
als erstes Journalisten und Politiker, die sich dann als
Verbreitungshelfer mächtig ins Zeug legen.
Gegen die Paranoia kann man sich
nicht impfen lassen; sie verändert ständig ihre
Gestalt, wechselt die Symptome. Mal bewirkt sie - harmlos -
den Kauf von Atemmasken, mal - weniger harmlos - die
millionenfache Ausrottung von Mitgeschöpfen. Stets
tritt sie schubweise auf, ist auf Abwechslung bedacht: Dem
einen verhagelt sie die Lust am Sonntagsbraten, dem anderen
verheißt sie ein Ertrinken in den Sturzfluten
abschmelzender Polkappen. Man weiß heute nicht, was
ihr morgen einfällt.
Am erstaunlichsten an der Paranoia
ist ihre Unabhängigkeit von Zahlen, Fakten, Relationen.
Beispiel Schweinegrippe. Man muß lange suchen, um eine
Virus-Krankheit mit weniger Todesopfern zu finden: knapp 70
von immerhin 6,75 Milliarden Menschen. Nicht gerade ein
Konjunkturprogramm für Sargtischler. Jede
gewöhnliche Grippewelle kostet Jahr für Jahr
allein in Deutschland einige tausend Infizierte das Leben;
weltweit sind es 500 000. Da wüßte man schon
gern, weshalb es ausgerechnet die Schweinegrippe mit solcher
Wucht in die Schlagzeilen katapultiert hat.
Wenigstens die "Heilbronner Stimme"
grunzt in der Hysterie nicht mit und schreibt: "Nach ein
paar Tagen, wenn die Panikmacher ihr Pulver verschossen
haben und sich Nüchternheit breitmacht, bleibt noch
eine Frage: Wer profitiert eigentlich von all den Warnungen
und Mahnungen?" Ja, wer wohl? Auf alle Fälle
Journalisten, die mit Schreckensmeldungen Auflage machen und
Einschaltquoten hochtreiben. Des weiteren tatsächliche
und vermeintliche Experten, die ständig Alarm schlagen
müssen, weil sich mit Entwarnungen keine Steuergelder
abgreifen lassen. Auch der pharmazeutischen Industrie kommen
staatliche Produktionsaufträge, etwa für
"Tamiflu", nicht gerade ungelegen.
Vor allem aber Politiker profitieren
von den sich häufenden Angstkampagnen. Und zwar in
doppelter Hinsicht. Wer sich schon an der Schweinegrippe
verenden sieht, interessiert sich für andere
Schweinereien eher weniger. Mit dem Sensenmann debattiert
man nicht über die Wirtschafts- und Finanzkrise oder
darüber, daß die Staatsverschuldung
plötzlich zwölfmal (!) so hoch ist, wie 2008 im
Bundestag angekündigt. Das letzte Hemd hat eh keine
Taschen.
Und dann ist da schließlich
noch das Gefühl, dankbar sein zu müssen - dankbar
für die wundersame Rettung in letzter Minute. War das
Krisenmanagement unserer Politiker nicht wieder famos? Keine
Leichenberge, keine Pandemie - das "Killer-Virus" hat
Reißaus genommen, als es sich der Bilder von der
Vogelgrippe erinnerte: bundesdeutsche Minister in
weißen Kampfanzügen zwischen lauter totem
Federvieh, wild entschlossen, jede weitere
Luftraumverletzung mit schwerer Flak abzuwehren. Solche
Szenen suggerieren Tatkraft und Kompetenz, beeindrucken
Ente, Schwein und Wähler.
Um nicht mißverstanden zu
werden: Vorsorge gegen Seuchen und Naturkatastrophen ist
notwendig. Und eine selbstverständliche
Politikeraufgabe. Was aber zunehmend nervt, ist das
exaltierte Weltuntergangsgerede, mit dem von den konkreten
Problemen abgelenkt wird. Da werden Gefahren und Feindbilder
beschworen, die mit der Lebenswirklichkeit der meisten
Menschen nichts zu tun haben.
Die Wahrscheinlichkeit, der
Schweinegrippe zu erliegen oder ins Ozonloch zu stolpern,
ist jedenfalls nicht annähernd so groß wie die
Gefahr, im Zuge aktueller Politik um Arbeitsplatz, Sparbuch
und Rente gebracht zu werden. Und die Frage, ob in 100 oder
200 Jahren die Durchschnittstemperaturen im multi-ethnischen
Deutschland um ein bis zwei Grad höher liegen,
dürfte der Zuwanderer-Mehrheit aus Afrika und Asien
keine Schweißperlen auf die Stirn treiben. Zumindest
hier ist Entwarnung angesagt.
Quelle: Nation &
Europa
|