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19. Januar 2007

Ein Diskussionsbeitrag zur "Gesundheitsreform":
Konsequenter Zynismus

Von Dr. Angelika Willig

Seit letztem Sommer ist die "Langemarck-Halle" im Berliner Olympiastadion in restaurierter Form wieder zu besichtigen. Eine Frage, die sich dem Besucher stellt, erhält ihre Antwort auf den offiziellen Schautafeln im Vorraum: Was hat überhaupt eine Gefallenengedenkstätte im Sportstadion zu bedeuten? Die Auskunft der Museumspädagogen lautet, wie nicht anders zu erwarten: Die "Militaristen" und ganz besonders die Nationalsozialisten nutzten den Sport als Wehrertüchtigung sowie Willensschulung für zukünftige Krieger (und Soldatenmütter). Die gesamte "Volksgesundheit", erfährt man, stand damals schon im Dienst des geplanten totalen Krieges. Bilder von turnenden Mädchen und Männern im Dauerlauf bekommen in Verbindung mit den Fahnen und Sprüchen der Langemarck-Halle eine dämonische Aura: "Ihr heiligen grauen Reihen, geht unter Wolken des Ruhms und tragt die blutigen Weihen des heimlichen Königtums!"

Mit anderen Worten: Gesundheit ist keine Privatsache. In diesem Licht erscheint die leidige "Gesundheitsreform" als große friedensstiftende Maßnahme. Denn Gesundheit soll - das ist der gemeinsame Nenner aller verwirrenden Reformvorschläge - noch mehr als in den vergangenen Jahrzehnten zur Privatangelegenheit jedes einzelnen werden.

Teure "Wohlstandskrankheiten"

Es stimmt: Das Gesundheitssystem der späten Bundesrepublik war nicht mehr zu halten, eine Reform ist unumgänglich. Hätte man einfach so weitergemacht, wie viele sich das wünschen, dann zahlte bald jeder gleich die Hälfte seines Einkommens an die Krankenkassen. Die ständig steigenden Kosten sind nicht nur eine Folge der großzügigen Ausländer-Versicherung, obwohl es natürlich ein Skandal ist, was hier passiert. Ein Skandal ist aber auch, daß inzwischen ein Großteil der Gesundheitskosten auf das Konto sogenannter "Wohlstandskrankheiten" geht. Übergewicht, Fehlernährung, Bewegungsmangel, Drogen aller Art und nicht zuletzt der explodierende Anteil psychischer Krankheiten sind ein Faß ohne Boden. Mit immer mehr Medikamenten und medizinischen Maßnahmen sind diese Fehlentwicklungen nicht in den Griff zu bekommen.

Die Medizin funktioniert - auch wenn das dem Bild der Fernsehserien und Kitschromane widerspricht - inzwischen weitgehend nach kapitalistischen Kriterien. Und zwar schon vor der neoliberalen Gesundheitsreform, nur daß dazu bislang die Beiträge der Pflichtversicherten ausreichten. Bequem machten es sich darin nicht nur türkische Großfamilien, sondern auch Berufshypochonder und Kurliebhaber, die das "Angebot" in seiner ganzen Fülle nutzten.

Unschuldige Opfer

Der Dumme war, wie bei Ulrich Wickert formuliert, wieder einmal der ehrliche Beitragszahler, der das Glück oder Pech hatte, fast nie krank zu werden oder sogar aus eigenem Antrieb einen gesunden Lebenswandel führte. Kein Wunder, daß viele von diesen "Leistungsträgern" als CDU- oder FDP-Wähler inzwischen auch für eine Privatisierung eintreten.

Die Privatisierung hat hier wie auf anderen Gebieten den Charme eines konsequenten Zynismus: Wenn im Wohlstandsparadies BRD schon jeder so krank sein konnte, wie er wollte, dann soll das, bitte, auch jeder selbst bezahlen. Das Problem ist nur, daß es auch Leute gibt, die tatsächlich und ohne eigene Schuld ernsthaft erkranken. Diese einzelnen, für die das Kassenmodell eigentlich gedacht ist, werden nun zu seinen grausamen Opfern.

Das gleiche Prinzip tritt aber überall ein, wo einerseits zwar die Gemeinschaft "sozial" haften soll, der einzelne jedoch in seinem Handeln völlig "frei" bleibt. Im Grunde krankt das gesamte Konzept der "sozialen Marktwirtschaft", wie es in den fetten Jahren praktiziert wurde, an der einseitigen Leistung der Gemeinschaft und der mangelhaften Verpflichtung des einzelnen.

"Völliges Wohlbefinden"

Man hat dem 1945 importierten "American way of life" einfach eine soziale Note angeklebt und damit einen Widerspruch geschaffen, der eines Tages aufbrechen mußte. Denn der Staat sollte zwar "helfen", doch was der Staat eigentlich ist, und was er von jedem einzelnen fordern kann, dieses Thema gehörte bereits in den Bereich des politischen Tabus. Auf diese Weise mußte irgendwann das passieren, was jetzt passiert ist: Das rein amerikanische Modell des Liberalismus erweist sich gegenüber dem hinkenden Sozialstaat als funktionstüchtiger.

Wer das als Härte beklagt, muß sich nun als "sentimental" bezeichnen lassen. Und sentimental ist in der Tat die Definition der Weltgesundheitsorganisation WHO, wonach Gesundheit einen "Zustand völligen subjektiven Wohlbefindens" bedeute. Danach müßte die Kasse auch eine Schönheits-OP bezahlen, wenn die Patientin sich anders eben nicht "wohlfühlt" und das gegebenenfalls durch einen (von ihr bezahlten) Therapeuten bescheinigen läßt.

Diese Art von "Menschlichkeit" wird heute vom internationalen Konkurrenzkampf gnadenlos eingeholt. Und damit sind wir wieder beim "Militarismus": Gesundheit ist nun mal kein individuelles Hobby, sondern ein Hauptfaktor in der nationalen Selbstbehauptung - wenn nicht im Krieg, dann spätestens bei den Lohnnebenkosten.

Gegen die "Kriegslogik" in unseren Krankenzimmern hilft keine sozialdemokratische Nostalgie, sondern nur das Argument der Nachhaltigkeit. Was die Neoliberalen vorschlagen, ist ein kurzfristiges Verheizen der Noch-Leistungsfähigen, ohne für einen breiten Nachschub zu sorgen. Wer große Potentiale an "Humanressourcen" infolge einer unzureichenden medizinischen Versorgung, Gesundheitsaufklärung und Sportförderung einfach verrotten läßt, handelt nicht nur unsozial, sondern auch unökonomisch, wenn man unter Ökonomie nicht nur schnelle Gewinne versteht. Medizin darf ruhig kosten, weil es sich um eine Existenzfrage des einzelnen und der Gemeinschaft handelt. Die Investitionen sind jedoch nur dann sinnvoll, wenn die Kontrolle darüber nicht nur bei den Vorteilsnehmern liegt, sondern auch bei der Gesamtheit.

"Dein Körper gehört deinem Volk" könnte auch ein Spruch fürs Olympiagelände sein. Später hieß es "Mein Bauch gehört mir", und der Rest ist persönliches Spielzeug. Wer das meint, soll für die Reparatur seines Privatbesitzes auch selbst die Kosten übernehmen. Das klingt durchaus logisch. Insofern ist die "Gesundheitsreform" genau das, was wir verdient haben.


Quelle: Nation & Europa

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