1. Februar 2010

Thorsten Ehrenberg im Gespräch mit dem Islam-Experten Prof. Dr. Peter Scholl-Latour
Problem Afghanistan in wenigen Sätzen
Die Taliban und die Gründe ihres Erfolgs, vor allem eine Idee, wie die Nato da raus kommen könnte, ohne den Taliban das Feld zu überlassen.

Wer sind eigentlich die Taliban, Herr Scholl-Latour?
"Talib" ist arabisch und bedeutet "Schüler". Es ist eine radikal-islamische Widerstandsbewegung, hervorgegangen aus in Flüchtlingslagern internierten Koranschülern. Sie sind von den amerikanischen und pakistanischen Geheimdiensten CIA und ISI organisiert und ausgebildet worden, um Ende der Achtziger-Jahre nach dem Abzug der russischen Besatzer in Afghanistan für Ordnung zu sorgen. Doch anders als geplant errichteten sie einen islamistischen Gottesstaat - und bekämpfen bis heute die "ungläubigen" westlichen Besatzer im Land, die ihr autoritäres Regime in Kabul 2001 gestürzt hatten.

Warum sind sie so gefährlich?
Wegen ihrer "Hit and Run"-Taktik. Wenn sie spüren, dass sie dem Gegner unterlegen sind, flüchten sie in ihre Berge, wo sie keiner findet. Wenn sie merken, dass der Gegner schwächer wird, dann schlagen sie wieder mit Überfällen zu.

Woher dieser Fanatismus?
Der Koran sagt, dass Glauben und Gesellschaft eins sein sollen. Islamisten wie die Taliban greifen da zu brutalen Mitteln: grausame Strafen, Geschlechtertrennung, Kampf gegen Ungläubige.

Wie groß ist ihr Rückhalt im Volk?
Nicht sehr groß. Denn im Koran steht auch der Satz: "Es gibt keinen Zwang in der Religion." Das weiß die große Mehrheit der Afghanen - deswegen sind die Taliban nicht sonderlich beliebt. Aber sie sind bewaffnet - und nachts herrschen sie allein, wenn sich die internationalen Garnisonen in ihren Lager-Festungen verbarrikadieren. Man muss sich mit den Taliban gut stellen, um zu überleben.

Warum ist es denn so schwer, sie zu schnappen?
Die kann man gar nicht schnappen! Erstens ist das gebirgige Gelände unübersichtlich und bietet unzählige Verstecke, um nach einem Angriff quasi spurlos zu verschwinden. Sie sind mit Maultieren und Pferden unterwegs, da kommen reguläre Truppen mit Panzern und schweren Fahrzeugen einfach nicht hinterher. Zweitens schlüpfen sie im Volk der Paschtunen, um das es hier geht, immer wieder unter.

Einfach so?
Es ist ein ehernes, heiliges Gesetz der Gastfreundschaft, eine Frage der Ehre: "Du kannst mich töten, aber ich werde meinen Gast nicht ausliefern." Selbst wenn ein Feind in seinem Hause oder Zelt Schutz sucht, muss ihn der Besitzer mit seinem eigenen Leben
verteidigen.

Die USA waren im Taliban-Afghanistan einmarschiert, um nach dem 11. September Al-Qaida-Terroristen auszuschalten. Seither ist Krieg, es gab Abertausende Opfer, die Taliban verloren die Städte - ist diese "Gastfreundschaft" der schlichte Grund dafür, dass sie Osama bin Laden nicht ausgeliefert haben?
Genau, und das gilt bis heute. Die Afghanen sind Terroristen wie Al-Qaida und die Taliban eigentlich leid. Sie wollen nicht, dass von ihrem Land Anschläge ausgehen - auch am 11. September war ja kein einziger Afghane beteiligt. Sie hätten unsägliche Opfer verhindern können - aber paschtunisches Gastrecht ist Gastrecht, Ehre ist Ehre. Auch wenn 25 Millionen Dollar auf den Flüchtigen ausgesetzt sind.

Woher haben die Taliban ihre Waffen?
Geld haben sie durch die Opium-Ernte -genau wie jene Stammes-Kriegsherren übrigens, die aufseiten der Amerikaner stehen. Die Waffen stammen überwiegend aus dem angrenzenden Pakistan, wo die Taliban enge Verbündete haben. Da gibt es eine Komplizenschaft innerhalb der Paschtunen, denen sie meist angehören und die auf beiden Seiten der künstlich gezogenen Grenze leben.

Wie groß ist der Einfluss der Taliban auf den Alltag in Afghanistan?
Sie bestimmen außerhalb der großen Städte de facto alles, und sie kontrollieren mittlerweile 80 Prozent des Landes. Dort herrscht das islamische Gesetz der Scharia, und auch öffentliche Steinigungen gibt es wieder, wenngleich nicht in riesigen Stadien inszeniert, wie zur Zeit der Taliban-Herrschaft in Kabul.

Das heißt zum Beispiel, Mädchen dürfen nicht zur Schule gehen?
Die gehen nirgendwo mehr zur Schule, mit Ausnahme von zwei, drei Städten vielleicht. Der frühere Verteidigungsminister Jung hat mir gegenüber gesessen und behauptet, wir hätten 5000 Mädchenschulen geschaffen. Da kann man nur bitter lachen - eine glatte Lüge.

Bringt es etwas, mit den "gemäßigten" Taliban zu verhandeln, wie Verteidigungsminister zu Guttenberg fordert?
Es bleibt uns gar nichts anderes übrig. Die einzige Möglichkeit, aus dem Schlamassel herauszukommen, ist, mit dem Gegner zu sprechen - und nicht mit den eigenen Marionetten, womit ich die schwache Karzai-Regierung in Kabul meine. Außerhalb der Hauptstadt ist die nämlich absolut machtlos. Wobei es grundsätzlich beinahe unmöglich erscheint, eine Führungsfigur zu finden, die bei allen Bevölkerungsgruppen und den verfeindeten Stämmen Afghanistans anerkannt wäre. Das Land ist ein Vielvölkerstaat - und darüber hinaus auch noch religiös äußerst vielschichtig.

Langfristig wollen alle ihre Truppen aus Afghanistan abziehen. Und dann?
Wenn die US-Truppen abziehen, werden die Taliban sofort in Kabul präsent sein, quasi automatisch. Die warten nur drauf.

Was also tun?
Damit der Abzug nicht zur Katastrophe wird wie in Vietnam, wäre es klug, die NATO-Truppen übergangsweise durch eine internationale Friedenstruppe zu ersetzen, möglichst aus verlässlichen, gemäßigten islamischen Staaten wie Marokko, Indonesien oder der Türkei. Gerade die Türken sind beliebt in Afghanistan. Das könnte für eine gewisse Stabilität
sorgen ...

... die die Region dringend braucht.
Richtig. Denn wenn der Krieg aufs benachbarte Pakistan mit seinen Atomraketen und diesem Verbrecher Zardari als Präsidenten übergreift, dann gnade uns Gott. Die Pakistani sind teilweise fanatische Hysteriker, die den Taliban sehr nahe stehen. Das unberechenbare Pakistan ist für den Weltfrieden weitaus gefährlicher als etwa der Iran - auch wenn uns Amerika das Gegenteil weismachen will.


Quelle: Staats- und Wirtschaftspolitische Gesellschaft e.V. Hamburg

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