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7. Januar
2004
Philosemitische
Dummheiten:
Die Juden - kein
Volk?
Von Ulf
Köster
Den Begriff "Antisemitismus" kennt
in Deutschland nahezu jedes Kind. Über das
Gegenstück, den Philosemitismus, wird fast gar nicht
gesprochen. Der Brockhaus definiert Philosemitismus als
"Liebe zu den Semiten". Gemeint ist das Bemühen von
Nichtjuden, dem Judentum ausschließlich positive
Seiten abzugewinnen, sich gar mit ihm zu identifizieren.
Sucht der Antisemitismus im Juden regelmäßig das
Schlechte, sehen Philosemititen im Juden stets das Gute.
Beide Positionen lassen Differenzierungen kaum zu und
bevorzugen das extreme Pauschalurteil. Auf breite Ablehnung
stößt aber allein der Antisemitismus. Dagegen
wird der Philosemitismus nicht nur akzeptiert, sondern als
Thema gar nicht erst zugelassen. Die Folge: eine
unausgewogene, schlagseitige Wahrnehmung
deutsch-jüdischer Probleme.
"Rassistisches
Stereotyp"
Bekanntlich kann sich in der
öffentlichen Debatte niemand seine Verteidiger
aussuchen. Das gilt auch für den Fall Hohmann. Geradezu
blindwütig warfen sich philosemitische Kommentatoren
für das vermeintlich angegriffene Judentum in die
Bresche. Die (goldrichtige) Aussage des Fuldaer
Bundestagsabgeordneten, daß weder die Juden noch die
Deutschen ein "Tätervolk" sind, wurde mit der
Behauptung pariert, die Juden seien überhaupt gar kein
Volk. In einem Leitkommentar zum Fall Hohmann behauptete die
"Süddeutsche Zeitung" aus der Feder ihres Redakteurs
Kurt Kister, die Bezeichnung der Juden als "Volk" sei ein
"rassistisches Stereotyp" (SZ, Nr. 261/03).
In gleichem Blatt meldete sich aus
Veitshöchheim Professor Dr. Dr. h.c. mult. Norbert
Richard Wolf zu Wort. Der 60 Jahre alte Gelehrte
katholischer Konfession unterrichtet germanistische
Linguistik, also Sprachwissenschaft. Für Wolf ist die
Bezeichnung der Juden als Volk "offen dargelegter Rassismus"
und "offen dargelegter Antisemitismus" (SZ Nr. 257/03). "Was
ist ein Jude?", fragt Wolf und antwortet selber: "ein Mensch
mit einer bestimmten
Religionszugehörigkeit". Mehr nicht. Dann schiebt der
Professor noch die rhetorische Frage nach: "Würde
Hohmann die Protestanten oder die Katholiken ein ,Volk'
nennen?"
Gefragt werden müßte
freilich etwas ganz anderes: Wer schützt die Juden
gegen solche Interpreten? Würde man Kister und Wolf
beipflichten, müßte man auch Paul Spiegel des
Antisemitismus zeihen. Denn der Präsident des
Zentralrats der Juden in Deutschland schrieb am 30. Oktober
2003 in einem Gastbeitrag für die BILD-Zeitung: "Wir
Juden sind keine Rasse, sondern ein Volk." Diese Aussage
deckt sich mit dem, was in nahezu jedem Lexikon nachzulesen
ist - hier wiederum der Brockhaus:
"Trotz aller Wechselfälle der
Geschichte und der Zerstörung ihrer staatlichen
Existenz haben die Juden ihre Identität als Volk
bewahrt. Die zahlreichen Konversionen (Übertritte) zum
Judentum ließen sie aber - anthropologisch gesehen -
zu einem Rassengemisch werden. Die Juden sind keine
biologische, sondern eine durch Geschichte und gemeinsames
Schicksal, Religion und Volkszugehörigkeit geformte
Einheit."
Nach rabbinischem Gesetz ist Jude,
wer von einer jüdischen Mutter geboren oder nach festen
Regeln zum Judentum übergetreten ist. Aus der
biologischen Ableitung von der Mutter hat sich über die
Jahrtausende eine starke ethnische Prägung ergeben. Die
Übertritte von Nichtjuden zum Judentum waren zwar
zahlreich, wie der Brockhaus schreibt, aber insgesamt nicht
wesensverändernd. Es ist gewiß keine
antisemitische Despektierlichkeit, eher ein Ausdruck der
Bewunderung, dem Judentum eine erstaunliche Kontinuität
zu bescheinigen. Nur wenigen Völkern ist die Bewahrung
ihrer Identität so bruchlos und umfassend gelungen.
Weder Entstaatlichung noch Zerstreuung über die Welt
brachte die Juden zur Selbstaufgabe. Sie blieben sich treu,
assimilierten sich kaum und regenerierten sich auch nach
heftiger Verfolgung meist schnell.
Auserwähltes
Volk
Eine der Stärken jüdischen
Selbstbewußtseins ist der Glaube, ein
"auserwähltes Volk" zu sein - ein Volk, nicht nur eine
Glaubensgemeinschaft. Gott habe "die Menschheit in Israel
und die anderen Völker geteilt", schreibt der
Jerusalemer Rabbiner Eliahu Avichail in seinem Standardwerk
über die Grundlagen des Judentums. Sollte das ein
"rassistisches Stereotyp" (Kister) sein, dann wäre es
nicht dem Antisemitismus anzukreiden, sondern dem
jüdischen Selbstverständnis. So schreibt der
amerikanisch-israelische Geschichtsprofessor Bryan Mark Rigg
in seinem Buch über "Hitlers jüdische Soldaten"
(Schöningh-Verlag, Paderborn 2003): "Für viele
Juden spielt die Religion bei der Definition ihres Judentums
eine geringe oder überhaupt keine Rolle. Für sie
bedeutet das Judentum zuerst und vor allem eine ethnische
Bindung (d.h. die Zugehörigkeit zum jüdischen
Volk)."
Auch die Vizepräsidentin des
Zentralrats der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch,
beharrte jetzt in einem Interview der Zeitschrift "Das
Parlament" (Nr. 47-48/03) auf der Exklusivität des
Judentums und erteilte Liberalisierungsforderungen eine
Absage: "Wir sind an bestimmte Regeln gebunden. Dies sind
die Regeln der Halacha, des jüdischen
Religionsgesetzes. Wir sind kein Verein, der nach Belieben
Mitgliedschaften erteilen kann."
Dahinter steckt die Furcht,
daß die sprunghaft wachsenden jüdischen Gemeinden
in Deutschland durch russische Einwanderer überfremdet
werden könnten, Einwanderer, die sich aus Gründen
sozialer Vorteilssuche als Juden ausgeben, aber nicht dem
Schoß einer jüdischen Mutter entstammen.
Wäre das Judentum ähnlich konstruiert wie die
christlichen Kirchen, müßte sich Frau Knobloch
vor neuen Mitgliedern nicht ängstigen. Doch ein Volk
ist etwas anderes als eine überstaatliche
Religionsgemeinschaft. Wer dies ignoriert, kann dem Judentum
nicht gerecht werden, auch nicht bei besten philosemitischen
Vorsätzen.
Angriff auf völkische
Identität
Wie absurd es ist, im Judentum
lediglich die Religion zu sehen, zeigt sich auch in der
Existenz der sogenannten "Judenchristen", also jener Juden,
die sich zum Christentum bekennen. Sie empfinden es als
Angriff auf ihre völkische Identität, wenn man
jüdisches Leben auf das mosaische Bekenntnis reduziert.
Zudem gibt es eine Vielzahl glaubensloser, atheistischer und
dennoch bewußter Juden. Das müßten
eigentlich auch Leute wie Kister und Wolf wissen. Wenn sie
schon das Judentum in oberflächlicher Manier mit der
katholischen oder der evangelischen Kirche vergleichen, dann
sei ihnen gesagt: Kein Deutscher wird durch Kirchenaustritt
zum Nichtdeutschen. Und kein Jude durch Atheismus zum
Nichtjuden.
"Ich bin im Jahr 1911 aus dem
Judentum ausgetreten", schrieb Kurt Tucholsky 1935 im
schwedischen Exil, um sogleich hinzuzufügen: "Ich
weiß, daß man das gar nicht kann." Dazu gibt es
in den USA neuerdings auch genetische Forschungsprojekte, in
denen jüdische Wissenschaftler nachweisen, wie sich
Erbanlagen des Stammes Juda über Tausende von Jahren
erhalten und fortgeschrieben haben. Man ist stolz auf diese
Kontinuität.
Da wirkt es eigentlich nur noch
komisch, wenn deutsche Meinungsmacher den Juden gegen deren
Willen den Volkscharakter abzusprechen versuchen.
Ausgerechnet Professor Wolfgang Benz, Leiter des Zentrums
für Antisemitismusforschung in Berlin und
Beiratssprecher des Holocaust-Denkmals, bestreitet den
jüdischen Anteil an der bolschewistischen Revolution in
Rußland:
"Es stimmt ja alles nicht, was
Hohmann sagt. Hier werden Leute wie Trotzki oder Sinowjew zu
Juden bestimmt, die sich selber überhaupt nicht so
fühlten. Trotzki hat die Weltrevolution nicht als Jude
ausgerufen, sondern als russischer Revolutionär.
Daß er aus der jüdischen Tradition kam, spielt da
keine Rolle. Leute wie Goebbels oder jetzt Hohmann treiben
diese Leute in ein Judentum zurück, das die längst
verlassen hatten. Es ist nationalsozialistische Methode, zu
sagen: Wer Jude ist, bestimmen wir" (Interview des
"Hamburger Abendblattes", 12.11.03).
Freilich übt sich auch Benz in
jener Disziplin. Woher will er wissen, wie sich Trotzki, der
eigentlich Bronstein hieß, und Sinowjew (richtig:
Apfelbaum) 1917 fühlten? Überhaupt geht es nicht
um Gefühle, sondern um Fakten. Lenins Rat der
Volkskommissare umfaßte 22 Mitglieder: 17 Juden, drei
Russen und je einen Georgier und Armenier. In der
jüdischen Literatur der damaligen Jahre schwingt
ausgesprochene Freude über den hohen eigenen
Revolutionsanteil mit. Man sah darin einen emanzipatorischen
Durchbruch. Erst sehr viel später, als die Verbrechen
des Bolschewismus nicht mehr zu leugnen waren, verflog
dieser Stolz.
Bei der Bewertung von NS-Verbrechen
kamen Benz und Kollegen noch nicht auf die Idee, daß
beispielsweise Himmler und Heydrich nicht als Deutsche,
sondern allein als Nationalsozialisten gehandelt
hätten. Volkszugehörigkeit und NS-Ideologie
verschwimmen in der deutschen Vergangenheitsbewältigung
fast völlig. Die Deutschen als vermeintliches
"Tätervolk" sehen sich einer Kollektivhaftung
ausgesetzt, während niemand - auch Hohmann nicht - von
jüdischen Tätern irgendwelche Ableitungen auf das
jüdische Volk vornimmt. Auch Russen, Georgier und
Armenier fühlen sich für "ihre" Sowjetkommissare
nicht verantwortlich.
Dagegen hielt man es in Deutschland
nach 1945 für selbstverständlich, die Steuergelder
aller Deutschen für Wiedergutmachungszahlungen
herzunehmen, sogar die Steuergelder von NS-Opfern und
ehemaligen Widerstandskämpfern. Alle hafteten kollektiv
für die Taten einiger. Und es gab keinen
Moral-Philosophen à la Benz, der den Tätern
bescheinigt hätte, sie seien bloß als
Nationalsozialisten, nicht als Deutsche
anzusprechen.
Niemand will dieses Haftungsmodell
auf die Juden übertragen. Nicht einmal die aktuellen
israelischen Staatsverbrechen (bis hin zur öffentlich
zelebrierten Ermordung palästinensischer Politiker)
haben irgend jemanden veranlaßt, eine jüdische
oder auch nur israelische Kollektivverantwortung zu
konstruieren. Die Schuld bleibt bei den jeweiligen
Tätern. Nirgendwo sonst. Auch insofern ist es eine
überflüssige philosemitische Fürsorglichkeit,
den Juden die von ihnen selbst beanspruchte Volkseigenschaft
abzusprechen, nur um sie nicht einmal theoretisch in die
Nähe des "Tätervolk"-Verdikts kommen zu
lassen.
Israel versteht sich übrigens,
wie jeder weiß, als "Heimstatt des jüdischen
Volkes" - nicht als Versammlungsort einer
Religionsgemeinschaft. Und Charlotte Knobloch bezeichnet
Israel in dem schon zitierten Interview als "geistige Heimat
der Juden" - auch derjenigen, die in Deutschland leben. Die
jeweilige Staatsbürgerschaft ist demnach kein
Hinderungsgrund. Bevor man sich also zum Verteidiger und
Freund des Judentums aufschwingt, sollte man dessen
Selbstverständnis wenigstens in groben Umrissen kennen.
Guter Wille reicht für ein glaubwürdiges Mandat
nicht aus.
Quelle: Nation &
Europa
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