|
Philosemitische
Dummheiten: Den Begriff "Antisemitismus" kennt in Deutschland nahezu jedes Kind. Über das Gegenstück, den Philosemitismus, wird fast gar nicht gesprochen. Der Brockhaus definiert Philosemitismus als "Liebe zu den Semiten". Gemeint ist das Bemühen von Nichtjuden, dem Judentum ausschließlich positive Seiten abzugewinnen, sich gar mit ihm zu identifizieren. Sucht der Antisemitismus im Juden regelmäßig das Schlechte, sehen Philosemititen im Juden stets das Gute. Beide Positionen lassen Differenzierungen kaum zu und bevorzugen das extreme Pauschalurteil. Auf breite Ablehnung stößt aber allein der Antisemitismus. Dagegen wird der Philosemitismus nicht nur akzeptiert, sondern als Thema gar nicht erst zugelassen. Die Folge: eine unausgewogene, schlagseitige Wahrnehmung deutsch-jüdischer Probleme. "Rassistisches Stereotyp" Bekanntlich kann sich in der öffentlichen Debatte niemand seine Verteidiger aussuchen. Das gilt auch für den Fall Hohmann. Geradezu blindwütig warfen sich philosemitische Kommentatoren für das vermeintlich angegriffene Judentum in die Bresche. Die (goldrichtige) Aussage des Fuldaer Bundestagsabgeordneten, daß weder die Juden noch die Deutschen ein "Tätervolk" sind, wurde mit der Behauptung pariert, die Juden seien überhaupt gar kein Volk. In einem Leitkommentar zum Fall Hohmann behauptete die "Süddeutsche Zeitung" aus der Feder ihres Redakteurs Kurt Kister, die Bezeichnung der Juden als "Volk" sei ein "rassistisches Stereotyp" (SZ, Nr. 261/03). In gleichem Blatt meldete sich aus Veitshöchheim Professor Dr. Dr. h.c. mult. Norbert Richard Wolf zu Wort. Der 60 Jahre alte Gelehrte katholischer Konfession unterrichtet germanistische Linguistik, also Sprachwissenschaft. Für Wolf ist die Bezeichnung der Juden als Volk "offen dargelegter Rassismus" und "offen dargelegter Antisemitismus" (SZ Nr. 257/03). "Was ist ein Jude?", fragt Wolf und antwortet selber: "ein Mensch mit einer bestimmten Religionszugehörigkeit". Mehr nicht. Dann schiebt der Professor noch die rhetorische Frage nach: "Würde Hohmann die Protestanten oder die Katholiken ein ,Volk' nennen?" Gefragt werden müßte freilich etwas ganz anderes: Wer schützt die Juden gegen solche Interpreten? Würde man Kister und Wolf beipflichten, müßte man auch Paul Spiegel des Antisemitismus zeihen. Denn der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland schrieb am 30. Oktober 2003 in einem Gastbeitrag für die BILD-Zeitung: "Wir Juden sind keine Rasse, sondern ein Volk." Diese Aussage deckt sich mit dem, was in nahezu jedem Lexikon nachzulesen ist - hier wiederum der Brockhaus: "Trotz aller Wechselfälle der Geschichte und der Zerstörung ihrer staatlichen Existenz haben die Juden ihre Identität als Volk bewahrt. Die zahlreichen Konversionen (Übertritte) zum Judentum ließen sie aber - anthropologisch gesehen - zu einem Rassengemisch werden. Die Juden sind keine biologische, sondern eine durch Geschichte und gemeinsames Schicksal, Religion und Volkszugehörigkeit geformte Einheit." Nach rabbinischem Gesetz ist Jude, wer von einer jüdischen Mutter geboren oder nach festen Regeln zum Judentum übergetreten ist. Aus der biologischen Ableitung von der Mutter hat sich über die Jahrtausende eine starke ethnische Prägung ergeben. Die Übertritte von Nichtjuden zum Judentum waren zwar zahlreich, wie der Brockhaus schreibt, aber insgesamt nicht wesensverändernd. Es ist gewiß keine antisemitische Despektierlichkeit, eher ein Ausdruck der Bewunderung, dem Judentum eine erstaunliche Kontinuität zu bescheinigen. Nur wenigen Völkern ist die Bewahrung ihrer Identität so bruchlos und umfassend gelungen. Weder Entstaatlichung noch Zerstreuung über die Welt brachte die Juden zur Selbstaufgabe. Sie blieben sich treu, assimilierten sich kaum und regenerierten sich auch nach heftiger Verfolgung meist schnell. Auserwähltes Volk Eine der Stärken jüdischen Selbstbewußtseins ist der Glaube, ein "auserwähltes Volk" zu sein - ein Volk, nicht nur eine Glaubensgemeinschaft. Gott habe "die Menschheit in Israel und die anderen Völker geteilt", schreibt der Jerusalemer Rabbiner Eliahu Avichail in seinem Standardwerk über die Grundlagen des Judentums. Sollte das ein "rassistisches Stereotyp" (Kister) sein, dann wäre es nicht dem Antisemitismus anzukreiden, sondern dem jüdischen Selbstverständnis. So schreibt der amerikanisch-israelische Geschichtsprofessor Bryan Mark Rigg in seinem Buch über "Hitlers jüdische Soldaten" (Schöningh-Verlag, Paderborn 2003): "Für viele Juden spielt die Religion bei der Definition ihres Judentums eine geringe oder überhaupt keine Rolle. Für sie bedeutet das Judentum zuerst und vor allem eine ethnische Bindung (d.h. die Zugehörigkeit zum jüdischen Volk)." Auch die Vizepräsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch, beharrte jetzt in einem Interview der Zeitschrift "Das Parlament" (Nr. 47-48/03) auf der Exklusivität des Judentums und erteilte Liberalisierungsforderungen eine Absage: "Wir sind an bestimmte Regeln gebunden. Dies sind die Regeln der Halacha, des jüdischen Religionsgesetzes. Wir sind kein Verein, der nach Belieben Mitgliedschaften erteilen kann." Dahinter steckt die Furcht, daß die sprunghaft wachsenden jüdischen Gemeinden in Deutschland durch russische Einwanderer überfremdet werden könnten, Einwanderer, die sich aus Gründen sozialer Vorteilssuche als Juden ausgeben, aber nicht dem Schoß einer jüdischen Mutter entstammen. Wäre das Judentum ähnlich konstruiert wie die christlichen Kirchen, müßte sich Frau Knobloch vor neuen Mitgliedern nicht ängstigen. Doch ein Volk ist etwas anderes als eine überstaatliche Religionsgemeinschaft. Wer dies ignoriert, kann dem Judentum nicht gerecht werden, auch nicht bei besten philosemitischen Vorsätzen. Angriff auf völkische Identität Wie absurd es ist, im Judentum lediglich die Religion zu sehen, zeigt sich auch in der Existenz der sogenannten "Judenchristen", also jener Juden, die sich zum Christentum bekennen. Sie empfinden es als Angriff auf ihre völkische Identität, wenn man jüdisches Leben auf das mosaische Bekenntnis reduziert. Zudem gibt es eine Vielzahl glaubensloser, atheistischer und dennoch bewußter Juden. Das müßten eigentlich auch Leute wie Kister und Wolf wissen. Wenn sie schon das Judentum in oberflächlicher Manier mit der katholischen oder der evangelischen Kirche vergleichen, dann sei ihnen gesagt: Kein Deutscher wird durch Kirchenaustritt zum Nichtdeutschen. Und kein Jude durch Atheismus zum Nichtjuden. "Ich bin im Jahr 1911 aus dem Judentum ausgetreten", schrieb Kurt Tucholsky 1935 im schwedischen Exil, um sogleich hinzuzufügen: "Ich weiß, daß man das gar nicht kann." Dazu gibt es in den USA neuerdings auch genetische Forschungsprojekte, in denen jüdische Wissenschaftler nachweisen, wie sich Erbanlagen des Stammes Juda über Tausende von Jahren erhalten und fortgeschrieben haben. Man ist stolz auf diese Kontinuität. Da wirkt es eigentlich nur noch komisch, wenn deutsche Meinungsmacher den Juden gegen deren Willen den Volkscharakter abzusprechen versuchen. Ausgerechnet Professor Wolfgang Benz, Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung in Berlin und Beiratssprecher des Holocaust-Denkmals, bestreitet den jüdischen Anteil an der bolschewistischen Revolution in Rußland: "Es stimmt ja alles nicht, was Hohmann sagt. Hier werden Leute wie Trotzki oder Sinowjew zu Juden bestimmt, die sich selber überhaupt nicht so fühlten. Trotzki hat die Weltrevolution nicht als Jude ausgerufen, sondern als russischer Revolutionär. Daß er aus der jüdischen Tradition kam, spielt da keine Rolle. Leute wie Goebbels oder jetzt Hohmann treiben diese Leute in ein Judentum zurück, das die längst verlassen hatten. Es ist nationalsozialistische Methode, zu sagen: Wer Jude ist, bestimmen wir" (Interview des "Hamburger Abendblattes", 12.11.03). Freilich übt sich auch Benz in jener Disziplin. Woher will er wissen, wie sich Trotzki, der eigentlich Bronstein hieß, und Sinowjew (richtig: Apfelbaum) 1917 fühlten? Überhaupt geht es nicht um Gefühle, sondern um Fakten. Lenins Rat der Volkskommissare umfaßte 22 Mitglieder: 17 Juden, drei Russen und je einen Georgier und Armenier. In der jüdischen Literatur der damaligen Jahre schwingt ausgesprochene Freude über den hohen eigenen Revolutionsanteil mit. Man sah darin einen emanzipatorischen Durchbruch. Erst sehr viel später, als die Verbrechen des Bolschewismus nicht mehr zu leugnen waren, verflog dieser Stolz. Bei der Bewertung von NS-Verbrechen kamen Benz und Kollegen noch nicht auf die Idee, daß beispielsweise Himmler und Heydrich nicht als Deutsche, sondern allein als Nationalsozialisten gehandelt hätten. Volkszugehörigkeit und NS-Ideologie verschwimmen in der deutschen Vergangenheitsbewältigung fast völlig. Die Deutschen als vermeintliches "Tätervolk" sehen sich einer Kollektivhaftung ausgesetzt, während niemand - auch Hohmann nicht - von jüdischen Tätern irgendwelche Ableitungen auf das jüdische Volk vornimmt. Auch Russen, Georgier und Armenier fühlen sich für "ihre" Sowjetkommissare nicht verantwortlich. Dagegen hielt man es in Deutschland nach 1945 für selbstverständlich, die Steuergelder aller Deutschen für Wiedergutmachungszahlungen herzunehmen, sogar die Steuergelder von NS-Opfern und ehemaligen Widerstandskämpfern. Alle hafteten kollektiv für die Taten einiger. Und es gab keinen Moral-Philosophen à la Benz, der den Tätern bescheinigt hätte, sie seien bloß als Nationalsozialisten, nicht als Deutsche anzusprechen. Niemand will dieses Haftungsmodell auf die Juden übertragen. Nicht einmal die aktuellen israelischen Staatsverbrechen (bis hin zur öffentlich zelebrierten Ermordung palästinensischer Politiker) haben irgend jemanden veranlaßt, eine jüdische oder auch nur israelische Kollektivverantwortung zu konstruieren. Die Schuld bleibt bei den jeweiligen Tätern. Nirgendwo sonst. Auch insofern ist es eine überflüssige philosemitische Fürsorglichkeit, den Juden die von ihnen selbst beanspruchte Volkseigenschaft abzusprechen, nur um sie nicht einmal theoretisch in die Nähe des "Tätervolk"-Verdikts kommen zu lassen. Israel versteht sich übrigens, wie jeder weiß, als "Heimstatt des jüdischen Volkes" - nicht als Versammlungsort einer Religionsgemeinschaft. Und Charlotte Knobloch bezeichnet Israel in dem schon zitierten Interview als "geistige Heimat der Juden" - auch derjenigen, die in Deutschland leben. Die jeweilige Staatsbürgerschaft ist demnach kein Hinderungsgrund. Bevor man sich also zum Verteidiger und Freund des Judentums aufschwingt, sollte man dessen Selbstverständnis wenigstens in groben Umrissen kennen. Guter Wille reicht für ein glaubwürdiges Mandat nicht aus.
|