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12. Januar 2005

Das Schindler-Bild bekommt Risse:
Judenretter oder NS-Agent?

Der sudetendeutsche Unternehmer Oskar Schindler wurde 1993 durch Steven Spielbergs Kinofilm "Schindlers Liste" zum weltberühmten Geschichtshelden. Für den amerikanisch-jüdischen Regisseur gab es in Hollywood einen Oscar, und wohl sämtliche Medien des Erdkreises rühmten Schindler als moralische Lichtgestalt. Dem nationalsozialistischen Geschäftsmann - er war Mitglied der NSDAP - wurde die Rettung von über 1000 Juden zugute gehalten. Dafür hatte Schindler schon 1967 in London den Friedenspreis der Internationalen Martin-Buber-Gesellschaft erhalten. Auch in Israel hält man sein Andenken hoch.

Nahezu alles Schwindel, sagt nun der amerikanische Historiker David M. Crowe. Er hat für eine 766seitige Schindler-Biographie sämtliches Material gesichtet, darunter auch bislang unbekannte Dokumente. Für Crowe steht fest, daß der Kino-Held mit der ihm zugeschriebenen Liste von jüdischen Arbeitern, die vor der Deportation nach Auschwitz bewahrt worden seien, "fast nichts zu tun hatte". Mehr noch: Der 1974 verstorbene Schindler sei im Zweiten Weltkrieg "ein Agent für die deutsche Spionageabwehr" gewesen.

Gegenüber der "New York Times" bezeichnete Crowe den vermeintlichen Judenretter jetzt als "gefährlichen Spion großen Kalibers". Schindler sei unter anderem Befehlshaber einer deutschen Geheimdiensteinheit gewesen, "die den Überfall auf Polen vorbereitete". Zu dem Zeitpunkt, als er seine jüdischen Arbeiter vor der Deportation bewahrt haben soll, saß Fabrikverwalter Schindler wegen Bestechungsvorwürfen im Gefängnis, hat der amerikanische Historiker herausgefunden. Die ominösen Namenslisten seien von anderen aufgestellt worden. Crowe nennt in diesem Zusammenhang einen jüdischen Hilfspolizisten namens Marcel Goldberg, der korrupt gewesen sei und zahlungsbereite Arbeiter unabkömmlich gestellt habe. Schindler seien die meisten Betroffenen überhaupt nicht bekannt gewesen.

Über Spielbergs Kino-Phantasien äußert sich Crowe sowohl mit Anerkennung als auch mit Skepsis. "Steve ist ein wunderbarer, empfindsamer Mensch", so der Geschichtswissenschaftler über den Regisseur. Aber "Schindlers Liste" sei "Theater" und dies nicht in "historisch akkurater Weise". Der Film gehe bis an die "Grenze zur Lächerlichkeit".

Spielberg selber äußerte sich dazu nicht. Sein Sprecher Martin Levy sagte jedoch, die neuen Erkenntnisse seien "nicht wirklich überraschend". Man habe Schindler immer für eine "rätselhafte Figur" gehalten. Auch der Schriftsteller und Holocaust-Philosoph Elie Wiesel sieht keine ernsthaften Probleme und hält "ein Nebeneinander von Fakten und Fiktionen" für statthaft.

Das überrascht Beobachter um so mehr, als Spielberg vor einigen Jahren die "Shoa Visual History Foundation" ins Leben gerufen hat. Sie hält die Aussagen jüdischer Zeitzeugen mit Kamera und Mikrophon fest und stellt sie Medien und Bildungseinrichtungen weltweit zur Verfügung. Ob es dabei seriös und glaubwürdig zugeht, hängt nicht zuletzt vom Regisseur ab. Seine Schindler-Darstellung löst, wenn man Crowe folgt, eher kritische Vorbehalte aus.


Quelle: Nation & Europa

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