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17. Januar
2005
Türken für
Auschwitz verantwortlich?
Nationalscham
als Leitkultur
Von Hilmar
Gerber
In der jüngsten
Bundestagsdebatte zur Einwanderung erläuterte der
CDU-Abgeordnete Eckart von Klaeden den Begriff der deutschen
"Leitkultur." Wörtlich: "Für uns gehören zur
freiheitlich-demokratischen Leitkultur in Deutschland auch
das geschichtliche Erbe und die Verantwortung aus der
Geschichte, zum Beispiel die besondere Verantwortung unseres
Landes gegenüber Israel, obwohl davon kein Wort im
Grundgesetz steht... Ich finde, daß jeder, der nach
Deutschland kommt und die deutsche Staatsbürgerschaft
erwerben will, diese besondere Verantwortung akzeptieren
muß. Wer das nicht will, der, finde ich, gehört
auch nicht in dieses Land."
Der in Niedersachsen beheimatete
Klaeden ist kein Hinterbänkler, der hin und wieder mit
Unfug auf sich aufmerksam machen muß, sondern
Parlamentarischer Geschäftsführer der
CDU/CSU-Fraktion - und daneben Mitglied der
Deutsch-Israelischen Gesellschaft. Leider ging er bei seiner
Wortmeldung im Parlament nicht auf die Frage ein, was mit
(Volkstums-) Deutschen geschehen soll, die gegenüber
Israel ebenfalls keine besondere Verantwortung empfinden.
Ausbürgern? Als "Unbelehrbare" an Israel
überstellen?
"Patriot" ist, wer sich
schuldig fühlt
Nach Klaeden trat sein bayerischer
Kollege Norbert Geis an das Rednerpult. Die
Ausführungen des CSU-Mannes, der dem
"rechtskonservativen" Unionsflügel zugerechnet wird,
verdienen ebenfalls, im Wortlaut zitiert zu werden:
"Hier ist vom Eid auf die Verfassung
und von Verfassungspatriotismus gesprochen worden. Ich will
nicht sagen, daß das verkehrt ist. Aber es reicht
nicht. Zur Annahme der Verfassung gehört auch, die
Geschichte zu akzeptieren. Herr von Klaeden hat dies vorhin
in einem sehr guten Wortbeitrag gesagt. Wenn wir es mit der
Integration ernst meinen, dann müssen wir von den bei
uns lebenden Muslimen verlangen, daß sie die
Verantwortung für unsere Geschichte mittragen. Es kann
nicht sein, daß in einem Volk eine Gruppe
Verantwortung trägt und die andere Gruppe nicht. Auch
die Zugewanderten müssen die Verantwortung für
unsere Geschichte, sowohl für den guten als auch
für den schrecklichen Teil, mittragen. Das ist mehr als
der Eid auf die Verfassung und mehr als
Verfassungspatriotismus. Das ist echter
Patriotismus."
Das Bundestagsprotokoll verzeichnet
an dieser Stelle: "Beifall bei der CDU/CSU sowie bei
Abgeordneten der FDP." Man darf also davon ausgehen,
daß Geis nicht nur für sich selber gesprochen
hat.
Deutsche in Spanien: Für
Cortez und Pizarro büßen?
Halten wir fest: Nicht die
Ausbreitung des Islams in Deutschland stört die sich
christlich nennende Union. Sie fürchtet vielmehr
Abschwächungen der deutschen Selbstanklage, weil sich
einwandernde Ausländer nicht ohne weiteres mit
Auschwitz identifizieren. Warum auch sollten sie? Eine
Leitkultur des Schämens, von Geis "Patriotismus"
genannt, bedarf völkisch-nationaler Kontinuität,
einer Ableitung vom Tun oder Lassen der Väter und
Großväter.
Zuwanderer haben ihr eigenes
Identitätspäckchen zu tragen, Türken
beispielsweise die Tatsache, daß in ihrem Land die
Armenier ausgerottet wurden. Kein Deutscher - auch keiner,
der nach Antalya oder Bodrum umzieht - wird jene historische
Last mit den Türken teilen wollen oder sich gar in der
Tradition Osmans wähnen. Auch hat noch kein Deutscher,
der seinen Wohnsitz nach Mallorca oder Teneriffa verlegt,
die Verpflichtung empfunden, für die Verbrechen
spanischer Konquistadoren zu sühnen (bei der
Judenverfolgung könnten sich Deutsche und Spanier schon
eher die historische Hand reichen).
Nicht nur Türken, auch Juden
aus der ehemaligen Sowjetunion drängt es mit Macht nach
Deutschland. Um hier Verantwortung für Auschwitz zu
übernehmen? Könnte es sein, daß die Union
mit ihren geschichtlichen Haftungsansprüchen die
Einwanderer etwas überfordert?
Meinungsfreiheit - kein
Grundrecht?
Dazu gleich noch eine weitere Frage:
Der von CDU/CSU angeregte Zuwanderer-Eid auf die Verfassung
- wo soll er abgelegt werden? Folgt man den
Ausführungen von Geis und Klaeden, könnte man sich
eine Zeremonie auf dem Appellplatz von Dachau oder
Buchenwald vorstellen. Leidkultur statt Leitkultur. Das Lied
der Moorsoldaten als Einwanderungshymne.
In gleiche Kerbe schlug auch die
hessische CDU-Abgeordnete Kristina Köhler. Die
26jährige Diplom-Soziologin stört an den
Zuwanderung vor allem, daß auch Menschen kommen, die
an der Richtigkeit deutscher Selbstbezichtigungen zweifeln
und sich dabei auf das Grundrecht der Meinungsfreiheit
berufen. Im Bundestag klagte Köhler
wörtlich:
"Ich habe gestern am Bahnhof Zoo die
türkischsprachige Zeitung 'Vakit' gekauft. Hier habe
ich sie liegen. Nach Angaben ihres Verlages in
Mörfelden-Walldorf im Kreis Groß-Gerau erscheint
diese Zeitung in einer Auflage von 10 000 Exemplaren. Allein
in der gestrigen Ausgabe finden sich einige
verabscheuungswürdige Aussagen. Ich zitiere nur drei
Sätze aus einer beglaubigten Übersetzung dieser
Ausgabe: 'Die Wahrheit ist: Es gab keinen Holocaust. Auch
die sogenannten Gaskammern sind eine Lüge. Das ist
alles nichts anderes als zionistische Musik.' Ich habe lange
überlegt, ob ich diese Aussagen hier wörtlich
vortragen soll, aber ich tue es, weil ich will, daß
wir aufwachen."
Köhler ("Deutschland,
erwache!") fordert ein Verbot der Zeitung - was nach
deutschem Recht schwerlich möglich ist -, und die
Staatsanwaltschaft leitete flugs ein Ermittlungsverfahren
ein. Bislang hatten deutsche Politiker umgekehrt darauf
gepocht, daß in der Türkei endlich die
Meinungsfreiheit durchgesetzt werden müsse. Dort steht
die Geschichtsschreibung nämlich ebenfalls unter
Strafrechtsdiktat - allerdings in anderer Richtung:
Türken, die ihr eigenes Volk des Genozids an den
Armeniern bezichtigen, kommen vor Gericht.
Schuldgastarbeiter herzlich
willkommen
Beide Modelle, das türkische
wie das deutsche, sind nicht unähnlich: Sie halten es
dort wie hier für "volksverhetzend", wenn zur
Geschichte eine Meinung geäußert wird, die nicht
der offiziell verordneten entspricht. Dabei kommt es auf
wahr oder unwahr nicht an. Denn es gibt keine
geschichtlichen Vorgänge, die von jedermann und
überall auf der Welt gleich beurteilt werden. Was die
einen für unbestreitbar halten, erscheint den anderen
als fragwürdig oder sogar als nachweisliches Trugbild.
Von diesen Differenzen lebt die geschichtswissenschaftliche
Diskussion. Dabei ist von allen Seiten Toleranz gefordert -
was übrigens auch die CDU-Abgeordnete Köhler in
ihrer Rede mit dem Ruf erhärtete: "Keine Toleranz der
Intoleranz!"
Sie hat es allerdings nicht so
gemeint. Wer intolerant darauf beharrt, daß die
Deutschen eine "besondere Verantwortung für Israel"
haben und daß jede davon abweichende Meinung verboten
werden muß, der soll hierzulande herzlich willkommen
sein - als eine Art Schuldgastarbeiter mit
Einbürgerungsanspruch. Wer dagegen die Deutschen (mit
falschen oder richtigen Argumenten) zu entlasten versucht,
soll bleiben, wo der Pfeffer wächst. Die deutsche
Schuldgemeinschaft legt Wert auf ihre "singuläre"
Spitzenreiterschaft im Völkermorden und will sich nicht
überfremden lassen - von Israel-Kritikern und
ausländischen Revisionisten. Wenigstens so viel
Abwehrkraft ist erlaubt.
Quelle: Nation &
Europa
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