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16. Oktober
2009
60 Jahre Deutsche
Presse-Agentur:
Im Geiste Fritz
Sängers
Von Klaus Hansen
An Groteskem mangelt es in
Deutschland nicht. Auch "Geistesschaffende", die viel von
sich halten, verirren sich zuweilen in unfreiwilliger Komik.
Als unlängst die Deutsche Presse-Agentur (dpa) ihren
60. Geburtstag feierte, erinnerte deren langjähriger
Chefredakteur Hans Benirschke in einem bundesweit
veröffentlichten Jubelartikel an die
dpa-Gründungszeit: Angeblich sei damals, nach dem
verlorengegangenen Krieg, die publizistische Freiheit
ausgebrochen - und zwar durch
Verbot der vorherigen Presse und durch Einführung
alliierter Lizenzblätter.
Benirschke wörtlich: "Die dpa
profitierte dann auch von den Bemühungen alliierter
Presseoffiziere um 'sprachliche Hygiene' und 'Säuberung
der deutschen Sprache' von Wörtern, die von der
NS-Diktatur mißbraucht worden waren. Das Wort
'Führer' sollte nicht mehr vorkommen, aber vor dem Wort
'Lokomotivführer' kapitulierten amerikanische
Lehrmeister dann doch." Immerhin habe man, so Benirschke
weiter, von jenen Siegeroffizieren "die strikte Trennung von
Nachricht und Meinung" sowie "klare Sprache und saubere
Begriffe" gelernt.
Journalisten als
Kammerjäger
Wohlgemerkt: Es handelt sich nicht
um Satire. Der dpa-Laudator will seinen Lesern ernsthaft
weismachen, daß Zeitungsverbote, Lizenzzwang,
Siegerdekrete und Sprach-"Säuberung" Schlüssel
für eine freiheitlich-demokratische Informationspolitik
darstellen. Sogar von "sprachlicher Hygiene" ist die Rede,
so als seien abweichende Meinungen Dreck, den man
schnellstmöglich und radikal beseitigen muß.
Dabei stört es plötzlich auch nicht mehr,
daß gerade der Begriff "Hygiene" im Dritten Reich
bevorzugt eingesetzt wurde, um Unerwünschtes
auszugrenzen - so etwa in der Wortverbindung
"Rassenhygiene".
Zu den besonders häufig
strapazierten Legenden zählt die Trennung von Nachricht
und Meinung, die seit 1945 hierzulande angeblich die
Pressearbeit prägt. In Wirklichkeit schlägt die
Meinung des Journalisten schon bei der Nachrichtenauswahl
durch: Worüber wird berichtet, worüber nicht? Wer
wird zitiert, wer nicht? Mißliebige Politiker und
Parteien kommen meist nicht selber zu Wort. Unverblümt
heißt es, man dürfe ihnen kein Forum bieten. Und
wenn man sie ausnahmsweise nicht ganz ignorieren kann, klebt
man ihnen diskriminierende Etiketten an: "dümmlich",
"umstritten", "radikal", "extrem" - nicht nur im Kommentar,
auch im Text von Meldungen und Reportagen.
Zudem versteigen sich
TV-Nachrichtensprecher mehr und mehr dazu, das von ihnen
Verlesene durch Sprachfärbung und Gesichtsausdruck zu
kommentieren (die ZDF-Moderatorin Petra Gerster geht dabei
grimassierend voran). Objektiv-sachliche Distanz findet man
nur noch selten. Es wird manipuliert, persönlich
gewertet, Stimmung gemacht. Kein Wunder - rund 80 Prozent
der Journalisten verorten sich in Umfragen politisch
"links". Sie wollen missionieren, nicht informieren. Ihr
liebstes Werkzeug: der erhobene Zeigefinger.
Dpa-Schreiberlinge haben eine
besondere Reichweite. Die von ihnen fabrizierten Texte
erscheinen in Hunderten von Blättern und Sendungen des
In- und Auslands. Die Schätzungen der Zahl, wie viele
Menschen die Deutsche Presse-Agentur weltweit täglich
erreicht, schwanken zwischen 430 Millionen und einer
Milliarde. Entsprechend hoch ist auch der Schaden, der durch
tendenziöse und nicht selten fehlerhafte
"Berichterstattung" angerichtet wird.
Der Fall Sänger
Oder auch der Nutzen in eigener
Sache. Da schreibt Benirschke in seinem
dpa-Geburtstagsartikel über den Zusammenbruch 1945: "In
dieser Situation nahmen zunächst Presseoffiziere der
Alliierten das Heft in die Hand. Aber sehr bald fand man
'unbelastete' deutsche Verleger und - meist blutjunge -
Journalisten, mit denen man die Verantwortung teilte." Das
ist allenfalls die halbe Wahrheit. Denn den Siegern fehlte
eine ausreichende Zahl von Schreibberuflern
"antifaschistischer" Herkunft. Deshalb griffen sie auf
kollaborationsbereite NS-Journalisten zurück. Diese
revanchierten sich in bewährter Renegaten-Manier, indem
sie durch Anprangerung ehemaliger Kollegen von sich
ablenkten. Wieder einmal bewahrheitete sich: Die
schärfsten Kritiker der Elche waren früher selber
welche.
Erster dpa-Chefredakteur wurde Fritz
Sänger (1901-1984). Er hatte sich für
NS-Blätter als Schriftleiter und Korrespondent die
Finger wundgeschrieben, war sogar als handverlesener
Dauerteilnehmer der Reichspressekonferenz im
Berliner
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Ein Anruf für
Herbert Wehner
Von der Dummheit und Unbildung deutscher
Fernsehjournalisten kann man sich alltäglich
selber überzeugen. Aber es ist offenbar noch
schlimmer, als auf der Mattscheibe ersichtlich. Die
Politikwissenschaftlerin und Publizistin Evelyn
Roll, für ihre journalistische Arbeit mit dem
Theodor-Wolff-Preis ausgezeichnet, ist eine intime
Kennerin des Medienbetriebs. In einem Beitrag
für die "Süddeutsche Zeitung" (204/09)
schreibt sie unter Berufung auf den früheren
Regierungssprecher Klaus Bölling (SPD):
"Wie ist es möglich, daß eine Reporterin
eines großen Privatsenders bei der SPD anruft
und Herbert Wehner sprechen will? Der Soziologe und
Historiker Reinhard Müller hatte da gerade
seine große biographische Abrechnung mit
Herbert Wehner auf den Markt gebracht. Also war
Wehner ein paar Tage heftig im Gespräch. Und
diese Reporterin ruft nun im Willy-Brandt-Haus an
und fragt: 'Können Sie mich bitte mit Herbert
Wehner verbinden? Ich möchte ein Interview mit
ihm machen.' Der Referent konnte vor lachen kaum
sprechen und sagte: 'Ach, tut mir sehr leid, Herr
Wehner ist gerade in einem wichtigen Gespräch
mit Franz Josef Strauß, da kann ich jetzt
nicht stören.' Daraufhin fragt sie: 'Okay,
dann darf ich also später noch einmal
anrufen?'"
Zur
Erinnerung: Herbert Wehner ist seit 1990 tot, Franz
Josef Strauß seit 1988.
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Propagandaministerium ein- und ausgegangen. Im Krieg
sang Sänger eine Durchhalte-Arie nach der anderen.
Tenor: "Das deutsche Volk hat auf alle Feindversprechungen
nur eine einzige, dafür aber um so kräftigere
Antwort bereit, den kompromißlosen Kampf bis zum
letzten."
Vor 1945 waren die Alliierten
für Sänger alles andere als Befreier: "Sie haben
durch die Zerstörung der deutschen Städte und
Dörfer die Brutalität ihrer Gesinnung gezeigt",
schrieb der spätere dpa-Chefredakteur in der NS-Presse
und versprach seinen Lesern zugleich, "daß eine
Wendung des Kriegsglückes bei zähem Aushalten
sicher ist". Vor allem der Volkssturm hatte es Sänger
angetan: "Deutschland ruft", lautet die Überschrift
eines Sänger-Leitartikels vom 19. Oktober 1944 im
"Neuen Wiener Tageblatt". Eine Kostprobe daraus:
"Unter der Führung der
Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei formiert
sich das deutsche Volk zu den Einheiten des Volkssturms.
(...) Diese neue Front, die die Heimat zu ihrem Schutz
aufbaut, verteidigt das Höchste, was wir besitzen, die
Familie und die Heimstätte. Sie verteidigt damit
Deutschland, und sie bildet, indem sie zu diesem Kampf
antritt, das sichtbare Zeichen des mutigen, ewigen,
entschlossenen deutschen Volkes."
Täter machen sich zu
Opfern
Pünktlich zum Kriegsende legte
Sänger ein neues Notenblatt auf, besang fortan statt
des nationalen den internationalen Sozialismus. Eine den
Alliierten imponierende Anpassungsfähigkeit.
Sänger durfte Redakteur bleiben und machte zudem
politische Karriere: Er rückte für die SPD in den
niedersächsischen Landtag ein, dann in den Bundestag.
Vor allem das Pressewesen lag ihm am Herzen,
federführend sorgte er dafür, daß sich die
Weichenstellungen der Sieger rechtlich und machtpolitisch
verfestigten. Immerhin bis 1959 stand Sänger an der
dpa-Spitze - als eingeschriebener SPD-Genosse. Wie sich ein
Parteibuch mit journalistischer Objektivität und
Unabhängigkeit verträgt, blieb ebenso unerforscht
wie Sängers Vorleben als NS-Propagandist. Der Mann
wurde sogar, kein Witz, Kuratoriumsvorsitzender der
"Stiftung 20. Juli 1944".
Allerdings hatte sich Sänger
auch einen nicht ungeschickten Dreh einfallen lassen: In
mehreren Büchern vermarktete er sich als verkappter
Widerständler, der braune Tinte bloß deshalb
benutzt habe, weil keine rote zur Verfügung stand.
Außerdem habe er sich im Dritten Reich nur als
Journalist verdungen, um später Zeugnis ablegen zu
können. Eines der Sänger-Bücher trägt
denn auch den Titel: "Politik der
Täuschungen/Mißbrauch der Presse im Dritten
Reich". Soll heißen: Nicht die Presse hat (als
Täterin) Mißbrauch betrieben, sondern sie wurde
mißbraucht (ist also Opfer gewesen!). Damit waren
Sänger und seinesgleichen aus dem Schneider. Jeder
ihrer Artikel aus der NS-Zeit bestätigt nur, wie
übel den Autoren mitgespielt wurde. Eigenverantwortung?
Keine.
Gesäuberte Biographie
In den offiziösen
Sänger-Biographien fehlen Zitate aus der braunen
Schaffensperiode. Statt dessen ist, ganz allgemein, die Rede
von Widerstandskontakten und allerlei Fürsorglichkeiten
zugunsten verfolgter Juden. Nähere und
überprüfbare
Angaben sucht man vergebens. In den einschlägigen
Büchern über den 20. Juli 1944 kommt der Name
Sänger ebenfalls nicht vor. Wie man sich aber
bemüht, den Lebenslauf des späteren dpa-Chefs zu
säubern, macht das Internet-Lexikon "Wikipedia"
deutlich. Dort wird Sängers nur beiläufig
angesprochene Tätigkeit in der NS-Presse mit vorheriger
Mittellosigkeit begründet.
Als Stenograph habe der Ärmste
zwischen 1933 und 1935 einfach zu wenig verdient. Um im
Dritten Reich journalistisch arbeiten zu können,
mußte man der Reichspressekammer angehören. Diese
verlangte von ihren Mitgliedern "politische
Zuverlässigkeit". Gegen Sänger gab es keine
Bedenken. Möglicherweise sah man in ihm den
willfährigen Mitläufer, als der er nach 1945 auch
den Alliierten erschien.
Es ist schon ein tolles Stück
linker Geschichtsmanipulation, wenn die Deutsche
Presse-Agentur 60. Geburtstag feiert, ohne auf Fritz
Sänger einzugehen. Und sich statt dessen "unbelasteter"
Gründungsväter rühmt. Nur einmal, 1989, fiel
ein kurzer kritischer Blick auf Sängers Vorleben. Da
weigerten sich nämlich die beiden Journalisten
Hans-Joachim Lang und Wolfgang Moser, den von der SPD
gestifteten "Fritz-Sänger-Preis für mutigen
Journalismus" anzunehmen. Dessen Namensgeber, so die Absage,
habe dem NS-System "bis zuletzt journalistisch geholfen".
Man kann es freilich auch anders
sehen, etwas ironischer: Sängers Hoffnungen auf den
Volkssturm und seine Erwartung des deutschen Endsiegs
zeugten Ende 1944 durchaus für mutigen Journalismus.
Andere waren zu jenem Zeitpunkt schon sehr viel
pessimistischer. Auch daß der Fritz-Sänger-Preis
zuletzt an den "Tagesspiegel"-Journalisten Frank Jansen
ging, für dessen "couragierte Berichterstattung
über Rechtsextremismus", ist nicht ganz unlogisch. Noch
näher als der Namensgeber des Preises kommt man wohl
kaum an jenes Studienobjekt heran.
Quelle: Nation &
Europa
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