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Politischer
Rinderwahnsinn: Von Günther Krause Was täten "unsere" Medien nur, wenn es Hitler nicht gegeben hätte? Viele schöne Schlagzeilen müßten ausfallen. Unlängst berichteten britische Boulevardblätter in schreiender Aufmachung über eine "Nazi-Kuh". Der Farmer David Gow aus dem Dorf Broadwoodwidger im Südwesten Englands zeigte sich panisch: "Dieses verrückte Vieh ist ziemlich gefährlich und hat mich ein paarmal angegriffen." Deutsche Blätter, von "Bild" bis zur "Süddeutschen Zeitung", übernahmen die Sensationsstory dankbar - weil Nazis diesseits und jenseits des Kanals mehr denn je ein absoluter Publikumsrenner sind, erst recht, wenn sie in braunem Fell umhertoben und gewaltige Hörner aufweisen. Die sogenannte Nazi-Kuh gehört zu einer Herde von 13 Heck-Rindern. Der Farmer hat sie kürzlich in Belgien gekauft. Dabei handelt es sich um Nachfahren einer Züchtung, die in den 1930er Jahren von dem deutschen Zoologen-Brüderpaar Lutz und Heinz Heck durchgeführt wurde. Damals war man bemüht, ein Rind zu züchten, das dem im 17. Jahrhundert ausgestorbenen Auerochsen ähnelt. Die Gebrüder Heck, Zoodirektoren in Berlin und München, verwandten dazu Rinder aus dem schottischen Hochland, aus Spanien und der französischen Camargue. Eine echte "Rückzüchtung" konnte wegen des fehlenden Genmaterials nicht zustande kommen, aber die Heck-Rinder gleichen dem historischen Auerochsen in Größe und Form. Mystik oder Vernunft? Über die Motive schreibt "Bild": "Damals wollte Hitler das mystische Tier wiederaufleben lassen - den mächtigen Urvater aller europäischen Rinder: über drei Meter lang, fast eine Tonne schwer - und mit imposanten Hörnern am Schädel. Für die Nazis waren Auerochsen Symbole für Kraft und Überlegenheit." Das klingt wieder einmal nach
rassistischem Größenwahn und erfüllt somit
das NS-Klischee. In Wirklichkeit ging es seinerzeit
pionierhaft um etwas, das auch heute ein ernsthaftes und gut
begründetes Anliegen von Naturwissenschaftlern,
Tierschützern und Agrarpolitikern ist. Stichwort:
Artensterben. Die Ernährungs- und
Landwirtschaftsorganisation der Daraus entstehen gravierende Nachteile: Die genetische Vielfalt nimmt ab, die Tiere verlieren an Widerstandskraft und Anpassungsfähigkeit. Deshalb versuchen Züchter, ausgestorbene oder nur noch in Restexemplaren vorhandene Tierarten wiederzubeleben: neben den Auerochsen etwa das Quagga, eine Unterart des Steppenzebras, oder den Tarpan, eine Wildpferdrasse, die in den Steppen Südosteuropas lebte. Wenigstens die Annäherung an frühere Arten kann gelingen und bringt handfeste Vorteile - wie bei den robusten, kälteunempfindlichen Heck-Rindern, deren Fleisch vorzüglich schmeckt. Zeitungsberichte über NS-Zoologen, die bei Tier- und Artenschutz Vorbildliches geleistet haben, wären heutzutage aber politisch unkorrekt. Also werden die "Nazi-Kühe" nicht als Qualitäts-Nutzvieh gerühmt, sondern als wild, gefährlich und angriffslustig vorgeführt - mit der unterschwelligen Botschaft, sie am besten wieder auszurotten. Letzteres hat man nach Kriegsende 1945 im Rahmen der "Entnazifizierung" tatsächlich versucht; doch einige Exemplare blieben glücklicherweise zur Bildung neuer Herden erhalten. Nicht nur Farmer im witterungsgeprüften England profitieren davon. Göring und der Naturschutz Besondere Meriten hat sich in diesem Zusammenhang der preußische Ministerpräsident Hermann Göring (1893-1945) erworben. Er amtierte zugleich als Reichsforst- und -jägermeister. Seine Kompetenzen nutzte er für die Einführung fortschrittlicher Gesetze in Tierschutz und Jagdwesen, Gesetze, die auch von strikten NS-Gegnern noch heute gelobt werden. Göring unterstützte die Zuchtbemühungen der Heck-Brüder nachdrücklich und sorgte mit einer Geländeschenkung des preußischen Staates außerdem dafür, daß sich der Berliner Zoo nach Norden erweitern konnte. Zugleich wurden mehrere Natur- und Wildschutzreservate eingerichtet, unter anderem in der Schorfheide und auf der Halbinsel Darß. Der "Natur- und Urwildpark Schorfheide" nördlich von Berlin fand Görings besondere Aufmerksamkeit. Denn dort, zwischen dem Großen Döllnsee und dem Wuckersee, befand sich sein (1945 gesprengter) Landsitz Karinhall. Zunächst nur Blockhütte, entwickelte sich nach und nach ein repräsentatives Anwesen für Staatsempfange. Göring zeigte den in- und ausländischen Gästen stolz, wie unter seinen Fittichen bedrohte Tierarten gehegt und gepflegt wurden. Am benachbarten Werbellinsee installierte man die "Forschungsstätte deutsches Wild", ein 25 Hektar großes Freigehege, in dem Jäger, Zoologen und andere Wissenschaftler an der Züchtung und Wiedereinbürgerung von Elch, Wisent, Wildpferd, Biber und Fischotter arbeiteten. Vor genau 75 Jahren, am 10. Juni 1934, wurde das Schaugehege in Anwesenheit von Diplomaten aus aller Welt eröffnet. Schon zwei Jahre später zählte man jährlich etwa 140 000 Besucher. In einem Zeitungsartikel feierte Professor Dr. Lutz Heck (1892-1983) Göring als "Schützer des deutschen Urwildes": "Mit seiner einzigartigen Macht setzte sich der Reichsmarschall warmherzig für deutschen Wald und deutsches Wild ein, und es ist gewiß nicht übertrieben, zu behaupten, daß noch eine spätere Zeit dies voller Dankbarkeit spüren wird... Im letzten Augenblick wurde eine scheinbar unabwendbare Verödung unserer Heimat verhindert, und dadurch hat der Reichsmarschall dem deutschen Volke zur Stärkung des Heimatgefühls unschätzbare Werte erhalten." 1943 arbeitete Lutz Heck als Leiter der Obersten Naturschutzbehörde einen Plan zur Schaffung deutscher Nationalparks für die Nachkriegszeit aus. Weil sein Schöpfer aber NSDAP- und förderndes SS-Mitglied war, mochte man später darüber nicht mehr reden. Andere griffen die Idee dann ohne Urheberangabe auf. Immerhin wurde 1984 im Berliner Zoo eine Heck-Büste enthüllt - zu Ehren eines "erfahrenen Tiergärtners" und "aufrichtigen Freundes", wie es in der Hauszeitschrift des Zoos vorsichtig untertreibend hieß. Daß die Heck-Rinder 75 Jahre nach ihrer Züchtung nun zu gefährlichen "Nazi-Kühen" mutieren, bringt Kenner der Materie zum Schmunzeln. Wenigstens eines beweist sich damit einmal mehr: Mag der Auerochse in seiner Ursprungsform auch unwiederbringlich verloren sein, seine politischen und journalistischen Artgenossen sind unsterblich.
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