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Wer steht für
deutsch-russische Freundschaft: Von Wolfgang Strauss Daß ein Bundeskanzler den 60. Jahrestag der deutschen Kriegsniederlage in Moskau feiert, verwundert auch russische Patrioten. Sie selber haben zum 8. Mai 1945 ein zwiespältiges Verhältnis. Keineswegs alle Russen waren über Stalins Sieg erfreut. Millionen standen in Gegnerschaft zum Bolschewismus; Millionen hatten sich von den deutschen Truppen nationale Befreiung erhofft. Wer dies verschweigt, macht sich der Geschichtsfälschung schuldig. Dänische Historiker schrieben
das Drehbuch für den Film "Die Höchststrafe"; er
lief bei Phoenix am 20. Juni 2004. Lange, Brot und Salz Den Völkern des GULag-Imperiums bot der 22. Juni 1941 eine Befreiungshoffnung. Eine Schicksalsstunde der europäischen Geschichte. Deutsche Soldaten wurden in den Dörfern des Ostens mit Brot und Salz empfangen, den traditionellen Begrüßungsgeschenken. Eine einzigartige Chance der Zusammenarbeit tat sich auf - und wurde vertan. Vertan auf deutscher Seite. Man glaubte, allein siegen zu können, ließ Hochmut und Ignoranz walten. Erst am 25. Mai 1943 sprach Generalquartiermeister Eduard Wagner im ostpreußischen Mauerwald, im Hauptquartier des Oberkommandos des Heeres, das Schlüsselwort aus: Wlassow! Dieser russische General, Andrej Andrejewitsch Wlassow, biete die vielleicht letzte Chance, Stalin doch noch niederzuringen. Ein Geschenk des Himmels. Es nicht anzunehmen, wäre "ein Verbrechen gegen Deutschland". Ein Jahr zuvor, kurz nach der Moskauer Winterschlacht, hatte bereits ein anderer deutscher Offizier (und Freund Wagners) ähnliche Gedanken in einer Besprechung der Organisationsabteilung des Heeres-Generalstabs vorgetragen. Wenn das Reich eine Katastrophe verhindern wolle, sagte Claus Graf Schenk von Stauffenberg, dann müsse man eine antikommunistische Massenerhebung der Russen mit ehrlicher deutscher Hilfe und mit dem Ziel eines neuen deutsch-russischen Verhältnisses anstreben, ohne Kolonialherrschaftsanspruch. Wer noch daran glaube, in Osteuropa militärisch siegen zu können, ohne einen Kurs wirklicher Befreiung einzuschlagen, sei ein kompletter Narr, beschwor Stauffenberg die Runde. Er sprach von "Befreiungskrieg" und "Befreiungsarmee". Schon im Mai 1942 hatte er als Gruppenleiter in der Organisationsabteilung des Generalstabs diese Begriffe gebraucht. Erste Ansätze, eine Befreiungsarmee aus russischen Freiwilligen aufzustellen, waren vom Stauffenberg-Freund Henning von Tresckow nach der Kiewer Kesselschlacht im Oktober 1941 geschaffen worden, mit Billigung von Generalfeldmarschall Fedor von Bock, damals Befehlshaber der Heeresgruppe Mitte. Zu dieser Zeit umfaßte das Heer der Überläufer und russischen Gefangenen, die sich freiwillig ergeben hatten, bereits drei Millionen Männer. Hinter dem Projekt "Befreiungsarmee"
stand die Idee, daß Stalin nur dann zu schlagen sei,
wenn sich Deutschland mit dem russischen Volk verbünde,
eine russische Gegenregierung bilden lasse und dem
bolschewistischen System den Krieg erkläre. Oberst von
Tresckow, 1a des Generalfeldmarschalls von Kluge, war ein
wegweisender Vorgang bekannt geworden: Die russischen
Stadtväter von Smolensk hatten von Bock eine
napoleonische Kanone geschenkt, verbunden mit einem Brief an
Hitler. Darin wurde der Vorschlag unterbreitet, in Smolensk
eine antibolschewistische Regierung auszurufen. Diese sollte
all jene Russen mobilisieren, die bereit waren, mit der
Wehrmacht gegen die kommunistische Regierung in Moskau
zu In kurzer Zeit war die Konzeption einer 200 000-Mann-Armee ausgearbeitet. Tresckow leitete den Plan unverzüglich an Generalfeldmarschall von Bock weiter. Auch Generalfeldmarschall Walther von Brauchitsch, Oberbefehlshaber des Heeres, erhielt ein Exemplar. An den Rand des Schriftstückes schrieb Brauchitsch: "Halte ich für kriegsentscheidend." Indes, der Brief des Stadtrates von Smolensk blieb trotz mehrmaliger Nachfrage ohne Antwort. Dafür erhielt Mitte November 1941 der Stab der Heeresgruppe Mitte von Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel - er war Chef des Oberkommandos der Wehrmacht - den Bescheid: "Politische Dinge gehen die Heeresgruppe grundsätzlich nichts an. Außerdem sind solche Gedanken für den Führer undiskutabel." Ob der Tresckow-Plan Hitler überhaupt vorgelegt wurde, ist nicht geklärt. Aber im Dezember 1941 stürzten die beiden Befürworter jenes Plans: Bock und Brauchitsch. Für Stalin nur Kanonenfutter Nobelpreisträger Alexander Solschenizyn schätzt, daß die Chancen eines antibolschewistischen Volksaufstandes im Sommer 1941 sehr hoch waren. Der deutsch-sowjetische Krieg habe den Ostvölkern damals wieder Hoffnung gegeben. In den ersten Monaten des Krieges, so schrieb Solschenizyn 1994, hätte die Sowjetmacht leicht zusammenbrechen können. Elf Jahre später hat sich an dieser Analyse nichts geändert, höchstens der Ton der Anklage. So schreibt in der "Literaturnaja Gaseta" der Historiker Alexej Warlamow: "Wofür, für welches Ideal, für welche Erde starben unsere Landsleute?... Die Revolution, der Rote Terror, GULag, die Bauernabschlachtung - all dies mußte das russische Volk im 20. Jahrhundert erdulden... Für Stalin waren das Volk und seine Soldaten nur Kanonenfutter (puschetnaja mjasa)." General Wlassow, Ende Dezember 1942
an die Spitze des "Smolensker Komitees" getreten, bot sich
der deutschen Führung beharrlich an, die nach Freiheit
dürstenden Russen gegen Stalin militärisch zu
organisieren. Wertvolle Zeit verstrich, in
Gerhard Schröder ins
Stammbuch "In diesem Mai wird die Welt den 60.
Jahrestag der Beendigung des Zweiten Weltkriegs in
Europa begehen. Anstatt sich jedoch voll Freude auf
diesen Anlaß vorzubereiten, sind die
baltischen Länder Estland, Lettland und
Litauen von einem Gefühl des Unbehagens
erfüllt. Die Staatsoberhäupter aller drei
Länder sind eingeladen, an den in Moskau
abzuhaltenden Paraden zur Feier des Sieges der
Roten Armee teilzunehmen. Der Gastgeber dieser
Feier - Rußland, in Gestalt der Sowjetunion -
war selbst Verursacher dieses Krieges... Die
Todesurteile und Folterungen, die
anschließend nahezu ganzen Nationen und
Millionen von Menschen auferlegt wurden, sollen
nun, so scheint es, in aller Stille akzeptiert und
am 9. Mai lauthals in Moskau gefeiert werden... Das
Blut der Opfer des Zweiten Weltkriegs ruft nach
Gerechtigkeit und Anstand, vor allem aber verlangt
es Ehrlichkeit darüber, wer und was ihr
tragisches Schicksal verursachte. Falls diejenigen,
die sich am 9. Mai in Moskau versammeln, irgend
etwas tun, um die sowjetischen Kriegsverbrechen zu
legitimieren, so erweisen sie sich damit als
unempfänglich für die lautlosen Schreie
der vielen Millionen unschuldigen Opfer des Zweiten
Weltkriegs. Der einzige echte Gewinner wäre
dann der Geist dieser Übeltaten." Später Sieg eines Gehenkten Am 14. November 1944 hatte Wlassow bei einer Festveranstaltung auf dem Prager Hradschin das "Prager Manifest" verkündet. Es nannte drei Hauptziele: 1. "Sturz der Tyrannei Stalins", 2. "Beendigung des Krieges und Abschluß eines ehrenvollen Friedens", 3. "Errichtung einer neuen, freien, nationalen Staatlichkeit ohne Bolschewismus und Ausbeuter". Zwangsarbeit und Kolchosen sollten abgeschafft, das Privateigentum wiederhergestellt werden. Das von Wlassow geleitete "Komitee zur Befreiung der Völker Rußlands" (KONR), eine Art antikommunistische Exilregierung, versprach die Freilassung aller politischen Häftlinge sowie die Rückgängigmachung der Zwangsumsiedlungen und Massendeportationen. Kein Wunder, daß Stalin nach der deutschen Kapitulation die Amerikaner drängte, ihm seinen russischen Gegenspieler auszuliefern. Zusammen mit neun ROA-Generälen wurde Wlassow 1946 in Moskau gehenkt. Vielen seiner Soldaten erging es ähnlich. Für die Hinterbliebenen und Sympathisanten der russischen Befreiungsbewegung ist es besonders schmerzlich, den deutschen Kanzler 60 Jahre nach Kriegsende den Sieg Stalins feiern zu sehen. Historisch haben Wlassow und seine Freunde aber letztlich doch gewonnen. Das Sowjetregime existiert nicht mehr. Die unterjochten Völker haben ihre nationale Freiheit wiedergewonnen. Es spricht nichts dagegen, daß der deutsche Regierungschef aller Gefallenen gedenkt, auch jener der Stalin-Truppen. Es wäre aber eine Ehrenpflicht, die Männer der Russischen Befreiungsarmee nicht zu vergessen. Wer Stauffenberg und Tresckow zu Vorbildern ausruft, darf Wlassow nicht vergessen.
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