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17. Oktober 2004

Zum 60. Jahrestag nach Moskau:
Schröder will Sowjetsieg feiern

Von Peter Bochinski

Im nächsten Jahr steht den Deutschen ein neues "Befreiungs"-Festival ins Haus. War schon der 50. Jahrestag des Kriegsendes so begangen worden, als hätten die Besiegten für Bombenterror und Vertreibung, Massenmord und Landraub dankbar zu sein, soll dem 60. Kapitulationsjubiläum eine besondere Messe gelesen werden:

Bundeskanzler Gerhard Schröder wird am 9. Mai 2005 nach Moskau fahren, um dort den Sieg des Jossif Wissarionowitsch Stalin zu feiern. Ob dabei wiederum die eroberten Fahnen und Feldzeichen deutscher Wehrmachtsverbände demonstrativ in den Dreck geworfen werden, wie bei der sowjetischen Siegesparade 1945, steht noch nicht fest. Etwas anderes aber ist seit langem unstrittig: Stalin war der größte Völkermörder aller Zeiten. Die Millionenzahl seiner Todesopfer ist zweistellig.

Stalin = Rußland?

Regierungssprecher Bela Anda sagte: "Die Teilnahme des Bundeskanzlers an den Feierlichkeiten in Moskau ist ein Zeichen der Aussöhnung mit Rußland." Ohne argumentativen Schnörkel wird Stalin mit Rußland gleichgesetzt - eine Interpretation, die auch vielen russischen Opfern wie eine Ohrfeige vorkommen muß. In den ersten Nachkriegsjahrzehnten hat man auf deutscher Seite noch zwischen "demokratischen" und "totalitären" Feindmächten unterschieden. Heute verbeugt man sich ehrfürchtig vor jedem Vergewaltiger und Massenmörder, sofern er nur die "richtige" Feldpostnummer aufzuweisen hat.

Dabei kommt es mitunter zu abstrusen Widersprüchen. Erst kürzlich weilte der Kanzler in Polen, um des 60. Jahrestages des Warschauer Aufstandes zu gedenken. Dabei beklagte er zur Freude seiner Gastgeber die polnische Opferrolle im Zweiten Weltkrieg. Geschichtliche Wahrheit allerdings ist es, daß sich Hitler und Stalin gemeinsam über Polen hermachten und das Land 1939 unter sich aufteilten. Während sich aber die deutsche Wehrmacht 1944/45 zurückziehen mußte, blieb Polen fast ein halbes Jahrhundert unter sowjetischer Herrschaft. In Katyn erledigte Stalin die polnische Elite per Genickschuß.

Wie bringt man es fertig, heute Krokodilstränen über das Schicksal des polnischen Volkes zu vergießen und morgen nach Moskau zu fahren, um den Mördern von Katyn für ihren "Sieg" zu danken? Für die Leiden des eigenen Volkes sind deutsche Politiker seit langem nicht mehr empfänglich. Das weiß man. Aber jetzt stellt sich heraus, daß der moralische Kompaß auch gegenüber anderen Völkern nicht mehr funktioniert.

Sowjets als Befreier?

Wie verquer man mittlerweile in Berlin denkt, zeigen die Einwände gegen Schröders Reisepläne. Der FDP-Vorsitzende Guido Westerwelle, dessen Vorgänger Erich Mende noch stolz das Ritterkreuz trug, das er sich im Kampf gegen die Rote Armee erworben hatte, warnte nun vor "historischer Einseitigkeit". Damit meinte er allerdings nicht die Aufwertung Stalins, sondern das deutsch-amerikanische Verhältnis der Gegenwart.

Westerwelle: "Die einseitige Achsenbildung der deutschen Außenpolitik schadet der europäischen Integration und liegt deshalb nicht im deutschen Interesse... Das deutsch-russische Verhältnis ist ein kostbares Gut. Doch die Befreiung Deutschlands haben wir nicht nur Rußland, sondern allen Alliierten zu verdanken."

Das ist starker Tobak. Jahrzehntelang war es demokratischer Konsens, daß die Errichtung einer kommunistischen Diktatur in Deutschland nicht als Akt der "Befreiung", sondern als Völkerrechtsbruch und Menschenschinderei zu werten ist. Kein westdeutscher Regierungschef, kein westdeutscher Parteiführer (mit Ausnahme des kommunistischen) wäre vor 1990 auf

"Faulheit und Feigheit sind die Ursachen, warum so ein großer Teil der Menschen, nachdem sie die Natur längst von fremder Leitung freigesprochen, dennoch gern zeitlebens unmündig bleiben und warum es anderen so leicht wird, sich zu deren Vormündern aufzuwerfen. Es ist so bequem, unmündig zu sein."

Immanuel Kant (1724-1804), deutscher Philosoph

die Idee verfallen, das SED-Regime mit dem Begriff "Freiheit" auch nur entfernt zu verbinden. Nicht einmal die Erfinder katzbuckelnder Anerkennungspolitik wollten Erich Honecker und seine Mauermörder zu einer Befreiungsbewegung hochstilisieren. Noch bei den Vereinigungsverhandlungen drängte die westliche Seite auf einen Abzug der russischen Truppen aus Mitteldeutschland. Warum, wenn es sich um "Befreier" handelte?

Auch CDU-Chefin Angela Merkel findet die beabsichtigte Ehrung Stalins keineswegs abwegig. Ihr Einwand lautet: "Ich gehe davon aus, daß der Bundeskanzler zu diesem Anlaß nicht nur in Rußland sein wird." Hauptsache, Schröder verbeugt sich auch in Washington, dann ist aus Merkels Sicht die Sache wieder im Lot.

Von den Russen lernen

Mit spitzfindiger Rabulistik könnte man einwenden, daß der Kanzler in Moskau nicht das damalige sowjetische Regime ehren, sondern allein den Sieg über Hitler feiern will. Aber kann man beides überhaupt trennen? Wenn ja, dann müßte es eigentlich auch möglich sein, beispielsweise den Einmarsch deutscher Truppen 1941 in das Baltikum als Befreiung der Esten, Letten und Litauer zu feiern, zumal sich diese nicht wehrten, sondern heilfroh über den Abzug der Sowjets waren. Doch beim Blick auf die Deutschen ist man nicht bereit, zwischen Armee und politischer Führung zu unterscheiden. Jeder Wehrmachtssoldat steht irgendwie für Hitler, so daß hierzulande mittlerweile nur noch Widerständler und Deserteure geehrt werden.

Das ist in Rußland anders. Putin will zwar nicht mit Stalin gleichgesetzt werden, bekennt sich gleichwohl zu allen Teilen der Nationalgeschichte. Im heutigen Moskau sind Veteranen der Roten Armee trotz des kommunistischen Zusammenbruchs weiterhin hoch angesehen - unabhängig davon, wie viele Menschen Stalin deportieren und ermorden ließ. Zugleich sind aber auch die Stimmen derer zu vernehmen, die sich als russische Patrioten mit dem Sowjetregime nie zu identifizieren vermochten. Aus diesem Nebeneinander unterschiedlicher Standpunkte können Versöhnung und eine differenzierte Geschichtsschreibung erwachsen.

Rußland hat das Regime gewechselt, nicht aber seine nationale Identität. Davon könnten Schröder, Merkel und Westerwelle eine Menge lernen. Doch das Sprichwort, wonach reisen bildet, scheint für deutsche Politiker nicht zu gelten.


Quelle: Nation & Europa

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