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8. Mai 2005

Zum 60. Jahrestag der deutschen Kapitulation:
Welche Lehren?

Von Bernd Seifert

Die politische Klasse der Bundesrepublik Deutschland diskutiert nicht gern über die Wirklichkeit des Jahres 2005. Die Gründe dafür liegen auf der Hand. Fünf Millionen Arbeitslose markieren den Schluß in Sachen lustig. Der Staat ist praktisch bankrott, seine Lenker ziehen sich immer mehr von der Regelung öffentlicher Angelegenheiten zurück und privatisieren, was das Zeug hält. "Nach uns die Sintflut", lautet die Devise.

Um einen Neuanfang zu erschweren, hinterlassen die Regierenden in moralischer Hinsicht verbrannte Erde. Wenn schon sie selbst keine Zukunft haben, dann sollen auch ihre Kritiker in den Abgrund des Amoralischen hinabgezogen werden. Der Mißbrauch und die Verzerrung der Geschichte des 20. Jahrhunderts ist ein probates Mittel, um die letzten Säulen des deutschen und des europäischen Selbstbewußtseins einzureißen. Wer kein (positives) Geschichtsbewußtsein hat, kann auch keine Vergleiche anstellen, jedenfalls keine sinnvollen, und wird sich bis zuletzt in das scheinbar Unvermeidliche fügen.

Hitler auf allen Kanälen

Zum 60. Jahrestag des Kriegsendes in Europa geht nun auf die Medienkonsumenten ein Trommelfeuer hernieder, wie es militärisch zuletzt die Stalinorgeln der Roten Armee vor dem Sturm auf die Seelower Höhen 1945 vermochten. Das Fernsehprogramm müßte in Teilen schmerzensgeldpflichtig sein. Wer geglaubt hat, die Rede des damaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker am 8. Mai 1985, in der er die Vertreibung der Ostdeutschen zur "erzwungenen Wanderschaft" verklärte, wäre der Höhepunkt bundesrepublikanischer Würdelosigkeit gewesen, wird eines Besseren belehrt. Das Dritte Reich ist medial allgegenwärtig. Ganz Deutschland spielt Krieg, und die NS-Zeit wird zum Dreh- und Angelpunkt des historischen Selbstbildes.

Ganz Deutschland? Oder nur die politische Klasse und ihre Medienmacher? Und: Mit welchem Recht schlagen sich diese Leute ins Lager der Sieger von 1945? Wohl mit dem Recht derer, denen die von Helmut Kohl entdeckte "Gnade der späten Geburt" zuteil wurde. Kann man sich Gerhard Schröder, Angela Merkel, Guido Westerwelle oder Joschka Fischer als "Widerstandskämpfer" vorstellen? Welche Charaktere sind es, die heute in den Parteiapparaten an ihrer Karriere basteln? Wirklich ganz andere als jene, die vor 1945 sehr genau wußten, was sie ihrem eigenen Aufstieg schuldig sind?

Schauen wir genauer hin: Die politische Klasse bewältigt nicht unser aller Vergangenheit, sondern ihre eigene. Das galt schon 1985 im besonderen für Richard von Weizsäcker, dessen Vater eine bedeutende Größe in Hitlers Machtapparat war. Seinerzeit behauptete das Staatsoberhaupt der Westdeutschen, jedermann hätte vor 1945 die Deportationszüge sehen können, wenn er gewollt hätte. Dies mag für Weizsäcker senior, der sozusagen an der Quelle saß, zutreffend gewesen sein. Aber es trifft nicht die damalige Lebenswirklichkeit der Frauen, Kinder und alten Männer, die vor den Bombenangriffen der Alliierten in die Keller ihrer Häuser flüchteten. Es galt auch nicht für die Frontsoldaten, die sowjetische Panzer und amerikanische Jagdbomber zu sehen, zu hören und oft auch zu spüren bekamen - aber eben keinen Einblick in die Konzentrationslager hatten.

Die "kleinen Leute" waren weder am Schmieden von Kriegsplänen noch in ihrer übergroßen Mehrheit an Verbrechen beteiligt. Sie waren Opfer des Krieges - in Berlin genauso wie in Moskau, in Dresden genauso wie in London, in Köln genauso wie in Paris, Rom, Tokio, Hiroshima oder Nagasaki. Verantwortlich waren und sind stets Politiker. Sie hatten schon in der Weimarer Republik versagt und die erste deutsche Demokratie ruiniert. Ohne ihr katastrophales Scheitern wäre Hitler 1933 nicht zur Macht gelangt. Die Verzweiflungsalternative zwischen Rot und Braun, Kommunisten und Nationalsozialisten hätte sich den Wählern nicht gestellt, wenn die anderen Parteien ihrer nationalen Pflicht nachgekommen wären.

Sie kamen als Sieger - und nahmen sich alles

Die Menschen wollten Arbeit und soziale Sicherheit. Wie heute auch. Sie wollten keinen Krieg und keine Minderheitenverfolgung. Wie heute auch. Daß es schließlich anders kam, begründet keinen Kollektivschuldvorwurf gegen das deutsche Volk. Auch nicht gegen andere Völker. Hüben wie drüben haben Politiker die Weichen Richtung Abgrund gestellt. Soldaten und Zivilisten mußten es ausbaden.

Was empfanden die Deutschen am 8. Mai 1945? Befreiung vom NS-Regime? Unter anderem auch dies. Wohl eher aber Befreiung vom Bombenterror, der ihnen jeden Tag das Leben kosten konnte. Befreites Aufatmen, wenn man überlebt hatte. Endlich schwiegen die Waffen. Aber andere Arten der "Befreiung" setzten sich fort: Befreiung von der Heimat, von öffentlichem und privatem Besitz, vor allem im Osten Befreiung der Frauen und Mädchen von der sexuellen Selbstbestimmung.

Nicht nur für Millionen Soldaten, sondern auch für viele Zivilisten begann - oft jahrelange - Gefangenschaft mit Zwangsarbeit und Folter. Aus Kriegsgefangenen wurden "entwaffnete Feindkräfte", um sie der Genfer Konvention und damit der Betreuung durch das Rote Kreuz zu entziehen. Auf den Rheinwiesen, in französischen Lagern und in den Weiten Sibiriens starben nach der "Befreiung" unzählige Deutsche an Willkür, Hunger und Seuchen.

Deutschland wurde 1945 von den Gold- und Devisenbeständen seiner Reichsbank befreit. Heutiger Wert: rund 2,2 Milliarden Euro (so die offizielle Auskunft des Thüringer Staatsarchivs, in dessen Zuständigkeitsbereich damals die Gold-, Silber- und Platinbarren lagerten). Deutschland wurde zudem von unzähligen Kunstschätzen befreit, von Maschinen und ganzen Fabriken, von Eisenbahnanlagen und Zigtausenden von Patenten, von seinem Auslandsvermögen. Und - nicht zuletzt - von einem Drittel seines Territoriums.

Die Freiheit bewahren

Nein, auch heute werden die meisten derjenigen, die aufatmend das Kriegsende erlebten, angesichts dessen, was folgte, das Wort "Befreiung" nur als Hohn empfinden. Allerdings: Je weiter das Kriegsende zurückliegt, desto weniger Zeitzeugen leben noch. Daraus folgte in den letzten beiden Jahrzehnten, daß die deutsche Geschichte von Nachgeborenen mehr und mehr auf die braunen 12 Jahre verkürzt wurde und unterdessen einem "Verbrecheralbum" (Helmut Schmidt) gleicht. Schon vor knapp zehn Jahren konstatierte eine Soziologin, in Deutschland laute "jedes zweite Wort" Auschwitz. Und heute?

Die einzig richtige Konsequenz aus Krieg, Drittem Reich und SED-Diktatur kann nur das demokratische Engagement sein, nicht die nationalmasochistische Selbstkasteiung. Es gilt, die im Grundgesetz postulierten Freiheitsrechte zu schützen und dort wiederherzustellen, wo in den letzten Jahren repressiver Rückschritt zu verzeichnen war.

Die Gestapo zählte 1937 einschließlich der Sekretärinnen und Verwaltungskräfte knapp 7000 Mitarbeiter. In der wesentlich kleineren DDR waren 190 000 hauptamtliche und ebenso viele nebenberufliche Stasi-Spitzel zur Kontrolle von 17 Millionen Mitteldeutschen eingesetzt. Auch wenn man die unterschiedlichen Systeme nur bedingt vergleichen kann, wird eines Tages die Frage zu beantworten sein, wie viele Geheimdienstler die Herrschenden zur Überwachung der Bundesbürger angeheuert haben. Sonntagsreden zum "Befreiungs"-Jubiläum sind das eine; praktische Gegenwartspolitik ist das andere. Längst haben deutsche Soldaten ihren grundgesetzlichen Auftrag zur Landesverteidigung weit hinter sich lassen müssen, stehen heute auf Befehl Berliner Politiker wieder auf dem Balkan, in Asien und Afrika. Der Hindukusch wurde zum deutschen Interessensgebiet erklärt. Von den pazifistischen Schwüren der Nachkriegszeit ist so gut wie nichts übriggeblieben. Nicht mehr die "Linke", sondern die "Rechte" vertritt eine Politik nationaler Selbstbeschränkung. Deshalb brauchen deutsche Patrioten in diesen Tagen des ausufernden und betäubenden Gedenkens ihren Kopf auch nicht einzuziehen. Sie haben aus der Geschichte die richtige Lehre gezogen.


Quelle: Nation & Europa

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