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Die Wiederkehr der
Geschichte Von Herbert Fritz Erst nach dreitägiger Schlacht kapituliert die "Festung Königsberg." In Königsberg und im übrigen Teil des nördlichen Ostpreußens endete der Zweite Weltkrieg mit dem Beginn einer Tragödie der Zivilisten. "Frau komm!" und "Uri, Uri"-Rufe gellten durch die Straßen. Vergewaltigungen, Hunger und Demütigungen waren das tägliche Los der bedrängten Menschen. Die in Gefangenschaft geratenen Soldaten mußten das bittere Los aller gefangenen Ostfrontkämpfer teilen. Im Gegensatz zu allen anderen Gebieten östlich von Oder und Neiße, aus welchen die deutsche Bevölkerung, sofern ihr nicht vorher die Flucht gelungen war, brutal vertrieben wurde, hielten die Sowjets die deutschen Zivilisten, ca. 110.000 an der Zahl, im Königsberger Gebiet zunächst fest. Seit Mitte 1946 versuchte die sowjetische Militärverwaltung sogar, die Deutschen in das sowjetische Gesellschaftssystem einzugliedern. Erst am 11. Oktober 1947 beschloß die sowjetische Regierung die Aussiedlung aller Deutschen. Als der Befehl dazu erging, war die sowjetische Verwaltung gerade im Begriff, Schulen für die deutschen Kinder einzurichten. In drei Schüben wurden die Deutschen in die damalige sowjetische Besatzungszone abgeschoben. Am 18. November 1948 erstattete Generalmajor Djomin, der Leiter der Verwaltung des sowjetischen Innenministeriums für das Gebiet Kaliningrad, die Vollzugsmeldung nach Moskau. Damit hatte die deutsche Geschichte des nördlichen Ostpreußen ihr - vorläufiges? - Ende gefunden. Jahrzehnte völliger Abgeschlossenheit folgten. "Kaliningradskaja Oblast", wie die Sowjets dieses Gebiet fortan nannten, wurde militärisches Sperrgebiet, und Menschen aus der gesamten Sowjetunion wurden angesiedelt. Seit dem Zusammenbruch des
Kommunismus und dem Ende der Sowjetunion hat sich viel
geändert. Das Königsberger Gebiet wurde für
in- und ausländische Touristen geöffnet, und viele
Rußlanddeutsche, von Stalin aus ihren Siedlungen
verschleppt und in den Weiten seines riesigen Staates
angesiedelt, zog es nach Westen. Der erste "Wir müssen zur Kenntnis nehmen, daß wir in diesem Land nur Gäste sind. Es gibt hier keine russische Vergangenheit, nur eine deutsche." Der junge, arbeitslose russische Ingenieur, der sich und seine Familie mühsam mit Gelegenheitsarbeiten auf dem Markt in Gumbinnen über Wasser hält, hätte auch gegen eine Rückgliederung des "Königsberger Gebietes" an Deutschland nichts einzuwenden. Der künstlerisch begabte Mann schreibt nicht nur Gedichte, sondern zeichnet und malt auch sehr gekonnt. Und zwar ausschließlich ostpreußische Motive. Ein Einzelfall? Keineswegs. So stellen sich immer mehr im nördlichen Ostpreußen lebende Russen der deutschen Vergangenheit, suchen die deutschen Wurzeln des Landes. Der ehemalige Leiter der Schule und des Pferdemuseums in Trakehnen, Herr Makeev, ein alter Kommunist wie mir von russischen Dorfbewohnern versichert wurde, sollte, so der Auftrag der Schulverwaltung, anläßlich der Feiern zum Jahrestag des Sieges über "Hitlerdeutschland" alle Hinweise auf die deutsche Vergangenheit des berühmten Gestüts beseitigen. Er weigerte sich mit dem Argument, daß er dann das Museum schließen müßte, da ja alles deutsch gewesen sei. Heute gibt es in dem berühmten Ort zwei Museen: ein offizielles, das im Gebäude der russischen Schule, dem ehemaligen Landstallmeisterhaus untergebracht ist, und ein privates, das Herr Makeev aufgebaut hat und sich in seiner Wohnung befindet. Er hat sich zu einem Deutschenfreund entwickelt. In der deutschen Schule in Trakehnen, die vom "Schulverein zur Förderung der Rußlanddeutschen in Ostpreußen e.V." unterhalten wird, werden zwar in erster Linie Rußlanddeutsche unterrichtet, sie steht aber auch Russen zur Verfügung und dient somit neben dem eigentlichen Zweck, der Sprachvermittlung, auch der Verständigung zwischen Russen und Deutschen. In der russischen Schule wird nur eine einzige Fremdsprache unterrichtet: Deutsch. Bei Schulfeiern treten die Schüler häufig in ostpreußischen Trachten auf. Lehrerinnen der russischen Schule besuchen immer wieder Sprachkurse an der deutschen Schule. Während meines Aufenthaltes als ehrenamtlicher Deutschlehrer in Trakehnen lernte ich einen netten Kollegen kennen, einen pensionierten Schulrat, der während des Krieges als Oberleutnant in sowjetische Gefangenschaft geraten war und auf einem dieser berüchtigten Sühnemärschen barfuß durch Minsk getrieben wurde. Bei seiner Abschiedsfeier ersuchten ihn seine Schüler, unter ihnen zwei Lehrerinnen der russischen Schule, aus seinem Leben zu erzählen. Als er von Minsk berichtete, hatten die russischen Damen Tränen in den Augen Am 21. August 2002 trafen ehemalige Angehörige des Fallschirmpanzerkorps zum zweiten Mal mit russischen Kriegsteilnehmern aus dem Kreis Ebenrode/Nesterow auf dem blutgetränkten Boden Ostpreußens zusammen. Anlaß war die feierliche Enthüllung einer Gedenktafel für die bei den schweren Kämpfen 1944/45 gefallenen deutschen Soldaten. Eine russische Militärkapelle sorgte für den musikalischen Rahmen. Nach der Kranzniederlegung am russischen Ehrenmal in Trakehnen begann, in Anwesenheit des Chefs der Rayonsverwaltung Nesterow, Landrat Akinin, die Feier am deutschen Gedenkstein mit "Ich bete an die Macht der Liebe" und einer Rede eines Popen der russisch-orthodoxen Kirche. Es folgte eine Art Predigt des deutschen Pfarrers der Salzburger Kirchengemeinde Gumbinnen. Professor Dr. Bliss, Präsident des Bundes deutscher Fallschirmjäger, hielt seinen Vortrag in russischer Sprache. Sehr sauber und anständig die kurzen, aber prägnanten Reden des Obmannes des Kameradschaftsbundes Fallschirmpanzerkorps, Wilfried Seide und seines russischen Gegenübers, Herrn Lossalow, Vertreter der russischen Veteranen. Die Feier strebte mit der Einweihung des Gedenksteines und der Enthüllung der Tafel ihrem Höhepunkt zu. Vom Dach des Café Elch flatterte eine schwarz-rot-goldene Fahne. Unter den Klängen "Ich hatt' einen Kameraden" erfolgte die Kranzniederlegung. Danach spielte die russische Militärkapelle die russische Nationalhymne und zum Abschluß des offiziellen Teiles dieser beeindruckenden Feier erklang das Deutschlandlied. Deutlicher hätte die geänderte Einstellung der beiden größten Völker Europas zueinander kaum zum Ausdruck gebracht werden können, war doch gerade Ostpreußen Schauplatz blutiger Kämpfe und unvorstellbarer Greueltaten der Roten Armee.
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